Geschrieben am 1. November 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag November 2026

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (56) – Glück, Zettel, Ende

3 x 11 Spielworte (56) – Glück, Zettel, Ende

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum sechsundfünfzigsten Mal.

Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.

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Spielwort: Glück

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

 „Jedem Menschen steht Glück zu“, sagte sie viel später einmal zu mir, da roch sie schon nach dem Tod, „dem einen auf diesem Gebiet, dem anderen auf einem anderen.“

– Michael Köhlmeier: Mein privates Glück

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 (…) und wir sprachen vom Glück und hatten keine Ahnung von Glück tägliches Glück mehrmals am Tag Glück stündliches oder Bruchstücke von Glück, wie Siegfried Höllrigl schrieb, bin so unfaszbar.

– Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling

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 Den meisten möchte man, wenn sie das Wort Glück benutzen, eine Ohrfeige geben.

– Katharina Hacker: Eine Art Liebe

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 Aristoteles hat einmal gemeint, Glück sei, wenn den Nebenmann der Pfeil trifft.

– Ernest Becker: Dynamik des Todes

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 Ihre Schwägerin, Sarah Stein, hatte Gertrude, als sie noch Studentin war, einen Brief geschrieben, in dem sie insistierte, daß der Weg zum Glück über die Ehe und Kinder führe.

– Deborah Levy: Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein

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 Wenn das Glück in den Freuden des Leibes bestünde, so könnte man ja auch Ochsen glücklich nennen, wenn sie Erbsen zu fressen finden.

– Heraklit: Alles fließt. Fragmente

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 Seine Beharrlichkeit machte ihn älter, als er war, und sein ganzes Glück hing jetzt von dem ab, was sie sagte.

– Antje Rávic Strubel: Offene Blende

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 Wenn du an Stecknadeln glaubst, schenke ich sie dir, und wahrscheinlich wird sie dir Glück bringen. Mir kann sie kein Glück bringen, weil ich nicht daran glaube.

– Joy Williams: In der Gnade

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 Aber wenn du eine gesunde Armut und Einfachheit pflegst, sodaß ein gefundener Penny dir ein echtes Glück beschert, dann hast du dir, da die Welt tatsächlich mit Pennys gepflastert ist, mit deiner Armut ein Leben voll glücklicher Tage erkauft.

– Annie Dillard: Pilger am Tinker Creek

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 Manchmal überleben auch einfach die, die am meisten Glück haben und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind.

– Telmo Pievani: Unvollkommen. Eine andere Geschichte der Evolution

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 „Ich glaube nicht, daß ich heute mein Glück versuche“, sagte Liberty und hoffte, sie habe mit diesen Worten die Zukunft offengehalten.

– Joy Williams: Lebensdiebe

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Spielwort: Zettel

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo



 „Ich suche nach einem Zettel, den ich verloren habe.“ – „Hier hast du einen Zettel.“ – „Danke, aber ich fürchte, der ist nicht der richtige.“
– Penelope Lively: London im Kopf

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 Doch als er in seiner Jackentasche nach den Streichhölzern kramt, fällt der Zettel heraus und segelt unbemerkt davon.
– Ilma Rakusa: Wo bleibt das Licht

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 (…) und dann hatte ich immer Angst wenn der Sommerwind heftig war dasz er alle Zettel mit den allerwichtigsten Aufzeichnungen davonblasen und ich sie nie wiederfinden würde in meiner Wohnung, (…)
– Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling

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 Die Zettel waren gelb gewesen, mit einem winzigen roten Affen darauf, und nachdem ich vier oder fünf davon geschluckt, verbrannt, vergraben und aus der Nase, dem Ohr oder der Socke wieder hervorgezaubert hatte, kriegte sie den Mund nicht mehr zu, und wir heirateten.
– Ralf Rothmann: Milch und Kohle

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 Dan beugt sich stirnrunzelnd über den Zettel und versucht sich zu erinnern, wie ein besorgter Vater jetzt reagieren würde.
– Michael Cunningham: Ein Tag im April

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 Als er am Ende des Zettels die vorgedruckten Worte „Mit freundlichen Grüßen“ sah, fühlte er sich plötzlich davon persönlich gemeint und aufgemuntert.
– Peter Handke: Die Stunde der wahren Empfindung

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 Maura nickte, atmete entspannt aus und fing an. „Als ich ihn kennenlernte, hat er mir immer Zettel geschrieben.“
– A. L. Kennendy: Alles, was du brauchst

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 Es war das erste Mal, das Mattie ihm schrieb, und der Besitz des Zettels gab ihm das eigenartige neue Gefühl, daß sie in der Nähe war.
– Edith Wharton: Ethan Frome

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 „Gib mir Zettel, Jungchen“, krächzte Marie, aus dem Leiterwagen gehoben, „ich bin Mademoiselle Biheron, neunundneunzig Jahre alt, dem Himmel sei Dank, ich zog einst Kerzen fürs Trianon, lauter kleine Kadaver, und nun brauche ich Zettel, mein Sohn, und einen Steuerbescheid, und ich danke ergebenst, die Republik ist sehr gut zu mir.“
– Christine Wunnicke: Wachs

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 Wenn man die Augen schließt, sieht man den Zettel am Baum, und noch im Schlaf versucht man, sich ihm zu nähern, um endlich zu lesen, was darauf geschrieben steht.
– Katharina Hacker: Eine Art Liebe

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 Dan putzte sich die Nase, drückte die Spülung und sagte: „Was stand auf dem Zettel?“
„Weiß ich nicht“, erwiderte Jane. „Daddy hat ihn aufgegessen.“
–  Joy Williams: Im Zug

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Spielwort: Ende

Elf Zitate zusamengelesen von Ingrid Mylo


 Ihre Studenten interessierten sich vor allem für das Ende von Dingen, vor allem jener, die es gar nicht erst hätte geben sollen.
– Michael Cunningham: Ein Tag im April

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 Wieder auf festem Boden, erzählte Philippe einem Journalisten, was er gedacht und empfunden hatte, als er das Seil betrat: daß dies vielleicht das Ende seines Lebens war und daß er diesem Gefühl nicht widerstehen konnte.
– Jente Posthuma: Woran ich lieber nicht denke

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 Die Vorstellung – die bloße Vorstellung –, du schaffst das beinahe Undenkbare und „wirst Schriftsteller“, vielleicht sogar ein erfolgreicher, und was steht dir am Ende deines Lebens womöglich trotz allem bevor?
– Julian Barnes: Abschied(e)

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 Man will immer und ärgert sich immer über alles, und das Ende kann nur ein totales Versagen sein.
– Thomas Bernhard: Der Magus des Nordens und der Idiot des Südens

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 Und obwohl wir am Ende dem Ziel meiner Träume nahekamen, hatte ich keine Ahnung, welchen Preis wir dafür zahlen würden.
– Julian Barnes: Die einzige Geschichte

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 „Ich hab ihnen erzählt, was passierte, als Gott zum ersten Mal ein Ei sieben Tage lang mit sich rumtrug – daß er’s am Ende fallenl ieß.“
– Joy Williams: Lebensdiebe

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 Das Ende kündigte sich als etwas Ungreifbares, etwas Atmosphärisches an, es blieb uns nichts übrig, als tatenlos zu erwarten, was schon vor uns lag und bald in Erscheinung treten würde.
– Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst

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 Ich dachte, das wäre wohl das Ende, aber da machte er den Mund wieder auf, und ich begriff nicht, was er wollte, und so leckte er am Ende an seinen Lippen.
– Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe

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 (…) und was das Ende meines entstehenden Buches angeht, sage ich zu EJ, hatte ich immer schon Schwierigkeiten, das Ende meiner Bücher zu markieren, nicht wahr, aber wie und wann gestaltet sich nun das Ende eines Buches, frage ich mich, sage ich zu EJ, ich glaube es war immer so, dasz das Ende eines Buches dann kam wenn meine Kräfte erschöpft waren, (…)
– Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling

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 Die Tatsache, daß alles zu Ende geht, ist vielleicht das Interessanteste an allem, aber wenn das Ende dich selbst betrifft, sieht das anders aus.
– Richard Ford: Valentinstag

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 Nichts endet in dieser Stadt, du denkst, es ist Schluß, man ist hier am Ende des Kontinents, aber du steigst aus dem Zug, und sofort ist das Meer da, und es geht weiter.
– Maylis de Kerangal: Brandung

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Hinweis: Noch erhältlich sind einige Exemplare von Micromegas 2, ein experimentelles Werkstatt-Projekt von Felix Hofmann und Ingrid Mylo, nicht im Buchhandel zu bekommen. Essays, Erzählungen, Gedichte. Kartoniert mit Schutzumschlag / Feines Papier / Handgebunden / 64 Seiten. Limitierte Auflage. Preis: 17 Euro (inkl. Porto). Mail an: hofmann(at)micromegas.de

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch
3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II
3 x 11 Spielworte (51) – Tisch, Schicksal, Früchte
3 x 11 Spielworte (52) – Brot, Zeichen, Gesicht
3 x 11 Spielworte (53) – Platz, Wetter, Augen II
3 x 11 Spielworte (55) – Telefon II, Geruch, Kondom
3 x 11 Spielworte (56) – Bäume, Namen, Bleistift II

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

Und siehe aus 2025 von ihr bei uns:
Morgen für Morgen. Wie weiterleben, wenn der Allernächste gestorben ist?
Siri Hustvedt, Tove Ditlevsen und das Leben nach dem Wir

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