Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Ameisen, Brillen, Zukunft – Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (26)

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Ameisen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


                  Eine Ameise kroch über seine Brille. Na, daß sie das wagte.
– Judith Kuckart: Der Bibliothekar

**


                  Am Rand des Weges liegt ein toter Dachs, // der treibt die Ameisen zur Schwärmerei.
– Michael Krüger: In der Uckermark

**


                  Und auch da habe ich mich wie eine Ameise benommen, die, wenn ihr Bau zerstört wird, ihre Eier nicht im Stich läßt und sie mit sich fortträgt.
– Henri Michaux: Turbulenz im Unendlichen

**


                  Ich habe diesen Fleck liebgewonnen, beinahe so sehr wie die Ameisen, die von Zeit zu Zeit in Reih und Glied antreten, um dieses zufällig entstandene Gestirn heimzusuchen.
– Michele Serra: Die Liegenden

**


                  Verschlüge es mich dorthin, würde ich, in Ermangelung menschlicher Missetaten, vermutlich über kurz oder lang das Unrecht bebrüten, das unter den Ameisen herrscht.
– Wolfgang Pohrt, Brief an Norbert Hofmann, 11. Oktober 1998

**


                  Wie leicht unsere Gedanken sich auf einen neuen Gegenstand stürzen, ihn eine Weile mitnehmen, wie Ameisen einen Strohhalm davontragen, und ihn dann fallenlassen…
– Virginia Woolf: Der Fleck an der Wand

**


                  So ein Junge wie du, Gerald, der mit Ästen auf andere Menschen schießt und sich die Finger so nah an das Auge hält, bis die ganze Welt zu einer Ameise wird, die man zerquetschen kann.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen

**


                  „Das beste Gift gegen Ameisen“, sagte ein Mann, der am Nebentisch saß, „ist das hier.“ Er hob sein Glas und leerte es in einem Zuge.
– Italo Calvino: Argentinische Ameisen

**


                  Geht’s den Ameisen gut um vier Uhr am Morgen – // sie seien beglückwünscht.
– Wyslawa Szymborska: Vier Uhr am Morgen

**


                  Und nach Hunger und Durst, nach all den tagen der Einsamkeit, siehst du eine Ameise vorbeihuschen, du betrachtest sie, als hättest du noch nie eine Ameise gesehen, und begreifst, daß sie nicht leidet.
– Fernanda Trías: Rosa Schleim

**


                  Vergleiche für nichts Vergleichbares: „ortsfest und unverrückbar wie eine Ameise im Sturm“
– Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern

** **

Spielwort: Brillen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

                  Wenn man zu den Leuten gehört, die schon immer eine Brille tragen, mag man seine Brille, so wie man seine Nase und seine Zähne und seine Ohren mag.

– Chuck Klosterman: Nachteulen

**

                  Daß ich jetzt zwei Brillen trage, eine für die Nähe, eine für die Ferne, funktioniert oft nicht, z.B. im Buchladen – oder im Café, wo ich sowohl lesen als auch Leute angucken will.

– Susan Sontag: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

**

                  Er nahm auch tatsächlich seine Brille ab und reichte sie einem Kameraden, aber alle konnten sehen, daß er nicht besonders tollkühn wirkte.

– Håkan Nesser: Himmel über London

**

                  Pete sagte, daß er die Brille haben wolle, diese goldgeränderte, damit die Menschen die Liebe in ihm sehen konnten.

– Carles D’Ambrosio: Drummond & Sohn

**

                  Das Hübsche daran, die Brille im Dunkeln aufzusetzen, ist, daß man weiß, man könnte besser sehen, wenn es hell wäre, aber da es dunkel ist, ändert die Brille überhaupt nichts.

– Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer

**

                  Tatsächlich hatte er aus lauter Müdigkeit die Brille auf dem Nachttisch liegen lassen, und irrte deshalb wie ein Blinder mit ausgestreckten Armen durch die Küche, von einer Ecke in die andere.

– Joel Haahtela: Der Schmetterlingssammler

**

                  Der Doktor rückte seine Brille zurecht und blickte, geblendet von der grellen Sonne, lange in die Tiefe des Waggons.

– Iwan Bunin: Der fröhliche Hof

**

                  Die Brille hatte sie in einem merkwürdigen Winkel auf, so als sähe sie verstohlen sich selbst an.

– Scott Bradfield: Die Leute, die sie vorübergehen sahen

**

                  Der Freund selbst ist ein verschwommener Fleck, weil ich meine Brille abgenommen habe, wie ich es immer tat, wenn ich ausging.

– Margaret Atwood: Schulfreunde

**

                  Ich weiß nicht, Menschen mit Brille verwirren mich.

– Georgi Gospodinov: Physik der Schwermut

**

                  Wallander dachte, daß nichts ihn so deprimieren konnte wie der Anblick alter Brillen, nach denen niemand mehr fragte.

Henning Mankell: Mord im Herbst

** **

Spielwort: Zukunft

Elf Zitate zusamengelesen von Ingrid Mylo

                  Und während sie dort saß und auf den Mann wartete, in den sie möglicherweise verliebt war, spürte sie die Verheißung einer noch nicht entfalteten Zukunft in sich.

– Anna Hope: Der weiße Fels

**

                  Der Beamte flüsterte Na klar gibt es 13 kahle Schicksale aber auch 17 Zukünfte meine Frau schwört am schärfsten war BISHER DIE fünfte

– Herta Müller: Der Beamte sagte

**

                  Der Ingenieur, war in der Bildbeschreibung zu lesen, betrachte die Zukunft vom Standpunkt des Futur II aus. Der Satz klang beeindruckend, und obwohl ich ihn nicht ganz verstand, glaubte ich an ihn.

– Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag

**

                  Alex sah Kummer in der Zukunft der Tochter voraus, aber das war wahrscheinlich nur eine Projektion.

– Emma Cline: Die Einladung

**

                  Irgendwann in der Zukunft würde sie davon erzählen, wie sie mit einem Schwarzen namens George Washington am Pool gesessen hatte, während ihr Mann herausfinden wollte, was da draußen in der Welt schiefgelaufen war.

– Rumaan Alam: Inmitten der Nacht

**

                  Sie erinnerte sich, daß sie dachte, daß Männer ohne Schildpattbrillen ihr in Zukunft fade vorkommen würden.

– Undine Gruenter: Sand in den Augen

**

                  Tagelang schmollte ich in unserem Haus, einem kleeblattgrünen Bungalow in Back Bay, beschämt und ohne Zukunft.

– Richard Ford: Valentinstag

**

                  Entschuldigend zuckte er die Schultern. Er konnte schließlich auch nicht ändern, daß die Zukunft eine Tatsache war.

– Jaap Robben: Kontur eines Lebens

**

                  Aber mittlerweile gibt es viel mehr Vergangenheit als Zukunft. Was soll ich ständig nach vorne schauen, wo da nichts mehr ist?

– Robert Seethaler: Das Café ohne Namen

**

                  Ihre Zukunft war vorgezeichnet und paßte auf einen winzigen Zettel.

– Claire-Louise Bennett: Kasse 19

**

                  Da die Zukunft, geben wir es in unserem Alter doch ruhig zu, Liebste, ebenfalls eine Zumutung darstellt, was bleibt?

– Wolf Wondratschek: Auf dem Graben

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

Tags : , , ,