Geschrieben am 1. März 2023 von für Crimemag, CrimeMag März 2023

Finger, Wasser, Fernsehen: Ingrid Mylos 3 x 11 Spielworte (17)

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie ‚Spielwort‘ ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Finger

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Matthew fing an, mit den Fingern zu knacken, und aus irgendeinem Grund beruhigte mich das.
– Jesse Eisenberg: Fuddruckers und ein unzuverlässiger neuer Freund

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            Seine ausgestreckten Finger glitten ins Sonnenfeld auf dem Parkett, er folgte der Maserung des Holzes, nahmen Unebenheiten, kleine Dellen wahr; Staubflusen blieben an seinen Fingerkuppen haften.
– Urs Faes: Halt auf Verlangen

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            In der dunklen Wohnung ließ sich das unmöglich erkennen, aber hier sieht man deutlich, daß für einen Finger ein anderer Nagellack benutzt wurde.
– Daniel Cole: Ragdoll

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            Sie hatte diese Eigenheit, ihren kleinen Finger an ihrem Ringfinger zu reiben – ein sicheres Anzeichen dafür, daß sie gleich explodieren würde.
– Cory Taylor: Sterben. Eine Erfahrung

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            Seine Hände wurden von den Handgelenken gerissen, seine Finger flatterten kurz, zeichneten wunderschöne blutige Arabesken, dann stürzten sie brutal ab, wie geschossene Vögel, und prallten mit einem dumpfen Geräusch auf den Sand.
– Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers

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            Eine Stimme schrie: „Such schnell deine zehn Finger, ich glaube, da fehlen drei“, Schritte entfernten sich.
– Luc Bondy: Am Fenster

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            Erst als sie zählte und merkte, daß es zu viele Finger waren, als daß sie alle ihr gehören könnten, stellte sie fest, daß sie lebend begraben worden war.
– Varujan Vosganian: Ein Bund Liebstöckel

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            Chirurgen und Pianisten leben von ihren Fingern, sagt Pantelimon, die Finger müssen herumtollen wie wilde Pferde.
– Varujan Vosganian: Jacob, Sohn des Zevedei

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            Aber natürlich ist es nicht Dummheit, die dazu führt, daß Menschen ein Kondom über die Finger streifen.
– Henning Mankell: Die Mangopflanze

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            Wohin waren die Finger verschwunden, fragten mein Bruder und ich uns noch weit bis ins Teenageralter.
– Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

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            Damals dachte er, er habe sich selbst losgemacht, aber jetzt gestand er sich ein, daß seine Mutter ihn, Finger für Finger, hatte gehen lassen, bis er frei war.
– Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Spielwort: Wasser

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            Manchmal fiel es schwer, nicht zu glauben, wir selbst wären nur Spiegelungen und das wahre Leben fände dort unten im Wasser statt.

– Kevin Barry: Nachtfähre nach Tanger

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            Wenn das Wasser aber gut lief, sprühten an jeder Biegung der Leitung dünne Fontänen hervor, die den Schein der untergehenden Sonne bunt färbten wie Libellenflügel.

– Oleg Postnow: Angst

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            Er schritt zum anderen Ende der Veranda, hob die drei toten Vögel auf, ging zum Tonkrug und tauchte eins zwei drei die Vögel ins schlummernde Wasser, ohne genau die Absicht seiner Tat zu kennen.

– Gabriel García Márquez: Ein Tag nach dem Samstag

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            Sie wartete, bis Abdellah im Haus verschwunden war, bevor sie alles auf den Boden spuckte; man trank es besser nicht in echt, dieses eklige Wasser.

– Abigail Assor: So reich wie der König

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            Er nahm mich mit zu sich nach Hause, gab mir ein Wurstsandwich, schlief mit mir und warf mich zurück ins Wasser.

– James Sallis: Sarah Jane

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            Man sagt mir, daß ich nicht versuchen dürfe, sie zu retten, das würde nur dazu führen, daß ihre Gliedmaßen verstört im Wasser zucken, als hätte man ihr Elektroschocks versetzt.

– Christina Hesselholdt: Gefährten

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            Nessa sah auf den See hinaus, wo das Wasser sich kräuselte, als hätte jemand einen losen Faden in einem Stück Seide entdeckt und daran gezogen.

– Danielle McLaughlin: Die Kunst des Fallens

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            Und seine Mutter nahm eine Schüssel mit Wasser und schüttete sie auf die Treppenstufen aus, um ihm Glück zu wünschen, das hatte sie nie zuvor getan.

– Georgie Gospodinov: Zeitzuflucht

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            Als er etwas näher herangekommen war, plätscherte das Wasser zwischen seinen Beinen.

– Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette

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            Ich lag eine Ewigkeit wach, es war, als würde das Wasser, das in gesunden Landschaften schäumt und rauscht, in mir vollkommen stillstehen.

– Emeli Bergman: Die andere Seite des Tages

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            Wo Wasser ist, kann es keine Autobahnen geben, keine LKWs, Flugzeuge, Geschäfte, Wolkenkratzer, Krankenhäuser, Irrenanstalten. Wo Wasser ist, kann es keine Lüge geben.

– Manuel Vilas: Was bleibt, ist die Freude

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Spielwort: Fernseher

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            Meine Mutter saß vor dem Fernseher, weil es die einzige Möglichkeit war, hier rauszukommen.

– Jennifer Clement: Gebete für dieVermißten

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            Im selben Moment, wo ich hereinkam, machte sie den Fernseher an.

– Grace Paley: Zuhören

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            Früher war sie fröhlich und neugierig, und jetzt sitzt sie vor dem Fernseher und interessiert sich für nichts mehr.

– Katherina Poladjan: Vielleicht Marseille

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            Unvermittelt kam mir folgender Satz von einem Notizzettel meines Vaters in den Sinn: der Fernseher sei „eine Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile“.

– Andreas von Flotow: Tage zwischen Gestern und Heute

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            „Ich wünschte, es gäbe hier einen Fernseher. Das ist das Problem mit Europa, nicht genug Fernsehgeräte.“

– Lynn Schwartz: Für immer ist ganz schön lang

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            Sie schliefen miteinander, während der Fernseher blief.

– Mirko Bonné: Eine Welle

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            Er weinte lautlos, mit dem Gesicht zur Wand, während sie schluchzend vor dem Fernseher saß.

– Karin Fossum: Eine undankbare Frau

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            „Und schalte doch den Fernseher ein, wenn du gehst, dann habe ich nicht das Gefühl, allein im Raum zu sein.“

– Jan Seghers: Die Sterntaler-Verschwörung

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            Ich stellte den Fernseher ab, nicht um besser denken zu können, sondern um gar nicht mehr zu denken.

– Jonathan Lee: Wer ist Mr Satoshi?

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            Das Sofa wirkt riesengroß, so leer, und der Fernseher ist ein großes schwarzes Loch mitten in ihrem Wohnzimmer.

– Brooke Davis: Noch so eine Tatsache über die Welt

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            Der Fernseher war schwarz, obwohl ich mich nicht erinnern konnte, ihn ausgestellt zu haben.

– Ann Beattie: Damals in New York

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod

Vier Blicke auf Ingrid Mylos neuesten Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Gerade von ihr erschienen: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

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