Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

3 x 11 Spielworte (5), von Ingrid Mylo: Handtaschen, Kaffee, Stille

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie ‚Spielwort‘ ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Handtaschen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Wenn Sylvia ihre Handtasche öffnete, wußte man nie, was herauskam: es mochte etwas Geschriebenes sein, vielleicht auch ein Revolver.
– Hilary Mantel: Im Vollbesitz des eigenen Wahns

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            Noch in der Tür streifte sie ihre Handtasche ab, in der, halb sichtbar, ein dicker amerikanischer Thriller steckte, der ihr offenbar helfen sollte, die Nacht zu überstehen.
– John von Düffel: Die Trauerrednerin

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            Sie schüttelte den Kopf, was vermuten ließ, daß ihre Handtasche nicht zum ersten Mal ein wichtiges Dokument verschluckt hatte. 
– Jojo Moyes: Eine Handvoll Worte

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            Meine Mutter kam nie ohne eine Rolle Klopapier in der Handtasche von der Toilette.
– Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

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            Wahrscheinlich würde es ihrem Chef nicht gefallen, mit einer Handtasche verglichen zu werden, noch nicht mal mit einer französischen.
– Katherine Heiny: Dunkle Materie

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            Er hat es verstanden, zwei kluge Frauen davon zu überzeugen, daß Handtaschen peinlich sind – etwas zu tragen, was die Engländer mit Forellen füllen, aber nicht.
– Ann Beattie: Damals in New York

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            Falls die Leute über mich tuscheln oder sich totlachen wollen, nur weil ich mit einer Handasche herumlaufe, bin ich bereit, ihren Spott zu ertragen.
– Michael Chabon: Mann sein für Anfänger

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            Sie war eine große Frau mit einer großen Handtasche, in der bis auf einen Hammer und Nägel alles enthalten war.
– Langston Hughes: Vielen Dank, M’am

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            Sie brüllte mich immer auf Jiddisch an, und wenn ich sie nicht verstand, schlug sie mich mit ihrer Handtasche.
– Siri Hustvedt: Was ich liebte

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            Sie hob ihre Handtasche hoch, öffnete sie und suchte nach Taschentüchern, aber sie hatte keine dabei, deshalb ließ sie die Tasche wieder auf den Boden fallen.
– Karin Fossum: Höllenrose

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            Wenn ihre Handtaschen nicht längst gestohlen sind, dann scheinen alte Frauen nichts weiter darin zu haben als Unterkiefergebisse, den Fahrplan des 51er-Busses und ein Adressbuch, in dem keine Nachnamen stehen.
– Lucia Berlin: Notaufnahme – Notizbuch, 1977

Spielwort: Kaffee

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

                  Es hätte ein ganz normaler Tag sein können, es duftete sogar nach Kaffee, der Duft schwebte durch die offene Tür.
– Roy Jacobsen: Schweigen am See

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               Ich habe zuviel Kaffee getrunken, weil ich jedes Mal das Bedürfnis hatte, ja nicht nein zu sagen, wenn mir jemand Kaffee anbot.
– Satu Taskinen: Die Kathedrale

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                  „Möchten Sie Kaffee?“ fragte die Heimleiterin, ohne Nina anzusehen, eine Frage, die vermutlich kulturell und traditionell so tief verwurzelt war, daß nicht einmal eine unwillkommene Polizistin aus Stockholm davon ausgenommen wurde.
– Liza Marklund: Verletzlich

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                  „Wie schmeckt Kaffee eigentlich?“ fragte Knut mit vollem Mund.  – „Beim ersten Mal schrecklich“, sagte ich und probierte einen Schluck.
– Jo Nesbø: Blood on Snow – Das Versteck

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                  Ich stellte mir Golde vor, vor ein paar Wochen, wie er an einer Kaffeetasse nippt, der Kaffee schmeckt schlecht und er sagt: Guter Kaffee.
– Heinz Helle: Eigentlich müßten wir tanzen

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                  „Ich habe gemerkt, wenn der Kaffee gut war“, sagte Tracy. „Und ich habe gemerkt, wenn er schlecht war.“
– William Saroyan: Tracys Tiger

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                  Es war der 14. Februar, und ich würde gleich mein Herz an eine perfekte Tasse Kaffee verschenken.
– Patti Smith: M Train

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                  Und als ich gerade meinen Kaffee hinuntergestürzt hatte und die Hand ausstreckte, um den Becher abzustellen, blieb mein Herz stehen.
–Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers

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                  Jetzt kam der Moment, wo wir den Kaffee in den höchsten Tönen loben und etwas Kluges darüber sagen mußten.
– Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

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                  Denn jedes Mal, wenn dein Vater Kaffee trinkt, kann er an nichts anderes denken als an seinen Kaffee, und dann mußt du das Schiff steuern.
– Jón Kalman Stefánsson: Fische haben keine Beine

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                  Proustisch: als dir der Kaffee ausgegangen war, fandest du nicht mehr die innere Ruhe, dir etwas vorzustellen.
– Cesare Pavese: Das Handwerk des Lebens/1. Februar 1940

Spielwort: Stille

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

                  Es gibt so viele Arten von Stille und nur ein Wort dafür. Die Stille im Haus ist von fehlenden Geräuschen zu etwas anderem gereift, einer verdichteten, körnigen Stille, einem Dickicht, durch das man strauchelt.
– Megan Hunter: Vom Ende an

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                  Wenn sie abends in ihrem Wohnzimmer las, ohne das Gelesene aufzunehmen, oder an einem monströsen Ding strickte, das nie ein Pullover werden würde, fing die Stille an, sich bedrohlich zu ballen und sie zu bedrängen.
– Marlen Haushofer: Der Entschluß

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                  Seltsame Stille an diesem Morgen im Tram, als als wollte niemand in diesen Tag eintreten, auch der See nicht, der wie Blei lag, festgefroren, zum Stillstand gekommen.
– Urs Faes: Halt auf Verlangen

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                  Ein Phänomen aus der Zeit, als ich noch malte, vermisse ich schmerzlich, und das ist die Stille, die, wenn ich bei der Arbeit war, um mich herum entstand und in die ich mich zeitweilig gewissermaßen vor mir selbst flüchten konnte.
– John Banville: Die blaue Gitarre

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                  Diese Stille konnte ich mir bestens vorstellen: eine Stille, bei der sogar die Gänse aufhören zu zischen.
– Lize Spit: Und es schmilzt

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                  Als ich die Tür aufschloß und mich auf einmal diese große Stille umfing, da dachte ich, jetzt ist es soweit – jetzt werde ich auch noch verrückt.
– F. Scott Fitzgerald: Böse Frauen

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                  Das einzige Geräusch, das einzige, was diese überwältigende Stille störte, war Menschenwerk, war das Ticken von Urgroßvaters Uhr.
– Graham Swift: Die Uhr

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                  Oben in den Hügeln jagen Männer nach Rotwild, die Gewehrsalven tönen seltsam klar über das Feld durch die Stille, die der Schnee erzeugt hat.
– Edna O’Brien: Wege

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                  War es möglich, daß Klang eine Form von Taubheit war? Wenn ja, was war dann Stille?
– Madeleine Thien: Sag nicht, wir hätten gar nichts

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                  Jokum stand auf und ging näher an den Käfig heran, in dem der Papagei die Stille nachahmte.
– Lars Saabye Christensen: Magnet

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                  (…) aber unsere Angst vor der Stille ist so groß, daß wir, sobald eine Geschichte zu Ende ist, mit einer neuen beginnen und dabei so tun, als wüßten wir nicht, daß auch sie schon längst erzählt wurde.
– David Albahari: Das Tierreich

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten

Vier Blicke auf Ingrid Mylos neuesten Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.

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