Der Ball ist rund…oder?
Beobachtungen und Einwürfe von der Seitenlinie der WM – und zu Beginn ein Nachtrag nach Ende der Spiele – Von Wolfgang J. Ruf

Nachtrag oder Nach dem Spiel…
Die letzten Flanken sind geschlagen, die letzten Fouls abgepfiffen, das letzte Tor ist gefallen, und die Mannschaft der Sieger hat ihren Triumph mit einer Parade in Madrid gefeiert. Zeit vielleicht für ein paar letzte Worte zur Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, in Mexiko und Kanada. Mit 48 Mannschaften und 104 Spielen über eine Dauer von fast sechs Wochen und einem weltweiten Publikum, das in die Milliarden geht, war sie zweifellos das größte Fußballereignis aller Zeiten. Sollte die Finalrunde um den wohl prestigeträchtigsten Pokal der Fußball-Welt demnächst, wie der FIFA-Präsident Gianni Infantino es wünscht, mit noch mehr Mannschaften in noch mehr Spielen stattfinden, wird sie zwar noch länger dauern. Aber am Ende werden doch wieder das Dutzend Mannschaften aus den Ländern mit den stärksten Ligen und den höchstbezahlten Fußballern den Weg ins Finale unter sich ausmachen – wobei auch Favoriten gelegentlich ‘mal früher straucheln, schließlich aber doch Spiel für Spiel zwangsläufig eine Mannschaft ausscheidet. Einen sportlichen Gewinn – was immer das auch sein mag! – vermag ich im Aufblähen dieses Turniers nicht zu erkennen, auch keine Steigerung seines Entertainment-Werts. Lediglich die Einnahmen aus TV-Übertragungsrechten dürften steigen. Allerdings soll es vorkommen, dass eine solche Blase auch platzt.
Ausscheiden bedeutet immer eine schmerzliche Enttäuschung, zumal für Mannschaften mit höher gesteckten Zielen: ob schon in der Qualifikation wie Italien, ob in der Vorrunde wie Uruguay und die Türkei, ob in den K. o.-Spielen wie Deutschland, die Niederlande und so manche heimlichen Favoriten mehr – oder erst im Halbfinale wie England und Frankreich. Klar, diese beiden Mannschaften hätte man gern im Finale gesehen. Doch nun spielten sie um den dritten Platz, und das interessierte nicht mehr sonderlich. Noch nicht mal im Free TV hierzulande war diese Begegnung zweier Teams, von denen man gestern noch als Topfavoriten sprach, zu erleben. Die Spieler um die Stars Kylian Mbappé und Harry Kane schienen aber auch nicht mehr viel Lust zu haben – oder war nur der Erfolgsdruck weg, der zuvor auf ihnen lastete? Jedenfalls wurde mehr kombiniert als verteidigt. Die Tore fielen nach schönen Spielzügen wie reife Früchte fast schon im Minutentakt, und das Ergebnis von 6:4 erinnerte an ein Tennisturnier. So attraktiv das auch ‘mal sein mochte, die Zukunft des Fußballs sah man hier nicht. Die schlichten Gemüter, für die das wichtigste beim Fußball vor allem solche und noch torreichere Begegnungen sind, wären bei Handball- oder Basketball-Spielen besser aufgehoben.
In seiner Endrunde, spätestens ab dem Viertelfinale, glich dieses Turnier den vorangegangenen – was keineswegs negativ verstanden werden sollte. Die Mannschaften, die sich schon länger etabliert haben, fanden sich mit mehr oder weniger vertrauten Gegnern im entscheidenden Wettbewerb. Politisches Störfeuer, wie bei der dreisten Intervention des US-Präsidenten gegen die regelgerechte Sperre eines US-Spielers, gab es nicht mehr. Auch Argentiniens Präsident Javier Milei tauchte nicht mit seiner Kettensäge beim Finale auf. Er war ganz abergläubisch zu Hause geblieben, weil die Argentinier stets gewannen, wenn er ihnen am Fernseher in seiner Residenz in Buenos Aires zuschaute – so ist es mit dem Aberglauben. Donald Trump und sein Anhang verfolgten das Endspiel – das erste Match überhaupt, das er besuchte – hinter einer wohl schusssicheren Glasscheibe. Bei der Verleihung der Medaillen tätschelte er anerkennend die spanischen Spieler und schließlich drängte er sich ins Foto der Siegermannschaft. Verwunderlich fand ich das schon, nachdem er noch kürzlich beim NATO-Gipfel in Ankara die Spanier „very bad people“ nannte und erklärte: „Ich möchte gar nichts mehr mit Spanien zu tun haben.“
Aufschlussreich war das Finale zwischen Spanien und Argentinien durchaus – auch wenn’s zeitweise etwas zähflüssig lief und nur ein Tor fiel. Spaniens Mannschaft, wegen ihrer kämpferischen Fähigkeiten auch La furia roja genannt, war hoch überlegen, doch Argentiniens Rabauken verteidigten mit allen Mitteln, erlaubten und unerlaubten, als seien sie von Anfang nur darauf aus, ins Elfmeterschiessen zu kommen. Ihr Star Lionel Messi stand, besser: spazierte da auf verlorenem Posten im Spiel herum, zumal die Spanier in einer frappierenden Mischung aus Mann- und Raumdeckung ihn nie zur gefährlichen Entfaltung kommen ließen. Messi war im Finale der letzte der großen Stars dieser WM, von denen so viel die Rede war. Die anderen von Ronaldo bis Kane, von Dembele bis Haaland, von Bellingham bis Olise waren zuvor schon ausgeschieden.
Spaniens Mannschaft hat keinen solchen Star, der die alleinige Führung beansprucht, sondern ein offensichtlich echtes Team, eine geschlossene Mannschaft, in der jeder für jeden spielt, läuft und kämpft – vielleicht tummeln sich unter ihnen die ganz großen Stars von morgen. Beim jungen Lamine Yamal, auch beim Siegtorschützen Ferran Torres und so manch anderen blitzt solche Größe schon auf, aber zu Ungunsten der Mannschaft geht das nicht. Nebenbei: Warum der DFB schon 2022 beschlossen hat, den nach dem WM-Triumph von 2014 kreierten Begriff Die Mannschaft einzumotten, verstehe ich nicht so recht. Oft wird er auf den damaligen englischen Mannschaftskapitän Steven Gerrard zurückgeführt, der angeblich nach dem 7:1 der deutschen Mannschaft gegen Brasilien getwittert haben soll: „Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!“ Doch höchstwahrscheinlich stammt der Satz nicht von ihm, sondern von einem unbekannten Fan.
Dass am Ende Spaniens Mannschaft mit ihrer technischen und athletischen Stärke verdient (und wie im Fußball immer: auch glücklich) die Oberhand behielt, verweist auf mehrere Aspekte. Spaniens Trainer Luis de la Fuente, der viele Spieler schon in den nationalen Jugendmannschaften, erfolgreich anleitete, stellte eine seit der gewonnenen Europameisterschaft vor zwei Jahren weiter gereifte Mannschaft vor. Seine Spieler, von denen viele aus dem Team des FC Barcelona oder gar auch aus dessen berühmter Nachwuchsakademie La Masia kommen, sind seit Jahren aufeinander eingespielt und beherrschen die sogenannten drei Ps des modernen Fußballs, die schon der Trainer Pep Guardiola betonte, perfekt: Posicion, Posecion und Pressing – also: das überlegte Positionsspiel im Raum, die Bedeutung des Ballbesitzes für den eigenen Spielrhythmus und das entschiedene, körperbetonte Attackieren des Gegners, sobald dieser im Ballbesitz ist. Spanien wurde vor allem Weltmeister, weil seine Mannschaft diese besonderen Fertigkeiten, die der Fußball als Mannschaft- und als Kampfsport erfordert, überzeugend umzusetzen verstand. Dazu mit der nötigen mentalen Stärke, die sich in einem erfolgreichen Turnier oft noch steigert, und dem Glück, das sich nicht selten dann wie von selbst einfindet.
Für diejenigen, die immer noch dem Scheitern der deutschen Mannschaft hinterher trauern, zitiere ich hier aus dem Spiegel den Leserbrief von Erich Janoschek aus Kaiserslautern; er schrieb: „Was soll das Jammern und Klagen? Wer glaubt, wie die Deutschen, ein Monopol auf eine Weltmeisterschaft zu haben, sollte einfach akzeptieren, dass Sport grausam sein kann – und dass es ganz normal ist, manchmal zu gewinnen und manchmal zu verlieren. So ist das Leben.“ Der Provinzverein der Roten Teufel aus der Pfalz war über die Jahre immer mal wieder auch ganz oben – aber meist nicht sehr lange. Doch 1954, als die (west)deutsche Nationalmannschaft erstmals Weltmeister wurde, kamen immerhin fünf Spieler aus Kaiserslautern – angefangen vom Kapitän und Spielmacher Fritz Walter bis hin zum Abwehrchef Werner Liebrich. Man sprach von der Lauterer Achse in der Nationalmannschaft so wie von der Bayern-Achse in späteren deutschen Erfolgsteams. Der aktuelle Weltmeister spielt eben mit der Barcelona-Achse. Diesen Vergleich etwas weiter zu vertiefen, könnte hilfreich sein für die Zukunft der deutschen Mannschaft.
Der jetzt gescheiterten deutschen Mannschaft, die sich neu finden oder gefunden werden muss, kann man nur mit dem am längsten amtierenden deutschen Trainer Sepp Herberger, der auch die Sieger von 1954 coachte, zurufen: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“
geschrieben am 21./22. Juli 2026 – und hier nun zum Haupttext:
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Der Ball ist rund…oder?

Die schon seit 1946 erscheinende und wohl seriöseste Programmzeitschrift hierzulande zeigte durchaus Mut. Sie kündigte das erste Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft am 9. Juli in Boston mit Bildern des deutschen Stürmers Florian Wirtz und der Oranjes an. So haben der frühe Redaktionsschluss und das verbreitete Wunschdenken zu dieser nun höhnischen Karikatur der Wirklichkeit geführt. „Wenn der oft zitierte Fußballgott es will, kommt es zu einem echten Klassiker: Das deutsche Team könnte auf die Nationalmannschaft der Niederlande treffen,“ war in Hörzu zu lesen.. Doch beide Teams sind schon im neu eingeführten Sechzehntel-Finale, also in ihren ersten K.o.-Spielen gegen vermeintlich schwächere Gegner, gegen Paraguay und Marokko, im Elfmeter-Schießen ausgeschieden.
Ich erinnere mich durchaus an das Endspiel der WM 1974 in München, als die BRD mit Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Paul Breitner und Gerd Müller gegen die Niederlande mit Johan Cruyff 2:1 gewann und ihren zweiten Titel holte. Ich war sogar im Stadion, da ich damals einige Zeit für die Süddeutsche Zeitung auch über Fußball berichtete. Ich denke, schon einigermaßen zu wissen, von was ich hier schreibe. Andernfalls würde ich’s bleiben lassen. Das auch den Vielen zu empfehlen, die sich unentwegt und dabei unbedarft zu diesem Thema äußern, dürfte im Land der selbst ernannten Fußballtrainer allerdings sinnlos sein.
Ich erinnere mich auch noch an das Endspiel der WM 1954 in Bern, den 3:2-Sieg gegen Ungarn. Das war die erste WM, die im Fernsehen übertragen wurde. Aber damals hatten wir und niemand, den wir kannten, ein Fernsehgerät. Man verfolgte das im Radio. Ich weiß noch, dass mein Vater mich während des Spiels losschickte, um im Wirtshaus Zum ewigen Licht, das es in München am Steubenplatz heute noch gibt, einen Krug Bier zu holen – wie das so üblich war. Ich lief die Wohnblocks an der Washington-Straße entlang, darauf bedacht, nichts zu verschütten. Und aus allen Fenstern tönte die sich überschlagende Stimme des legendären Reporters Herbert Zimmermann. Man hört sich das heute an und kann sich kaum noch vorstellen, was dieser Sieg wenige Jahre nach dem Kriegsende und angesichts der internationalen Ächtung, die durchaus verständlich war, für das erwachende Selbstbewusstsein der jungen, demokratischen Republik bedeutete. Der folgende Link führt zur entscheidenden Szene:
Trainer jener ersten deutschen Mannschaft, die Weltmeister wurde, war Sepp Herberger (1897–1977). Von ihm sind eine Reihe von Fußball-Weisheiten überliefert. Von einem „Fußballgott“ hat er allerdings nie gesprochen. Seine berühmteste lautet: „Der Ball ist rund!“ Das heißt doch wohl, dass dieses Spiel und letztlich der Umgang mit dem Spielgerät, dem Ball, nicht bis zum letzten Erfolg, also zum regelgerechten Torschuss durchgeplant werden kann. So wichtig athletische und technische Fähigkeiten der einzelnen Spieler und das taktische Verhalten der Mannschaft sind, am Ende entscheidet doch der Zufall, ob der Ball ein paar Zentimeter zu weit rechts oder links am Torpfosten vorbeifliegt, ob zuvor ein Bein des Stürmers ein paar Zentimeter zu weit nach vorn ragte, ob der Ball überhaupt im Tor war oder nicht – man denke an das berühmte Wembley-Tor von 1966. Gut, letzteres und so manch anderes kann heute mit technischen Mitteln überprüft werden. Aber am Ende vieler Video-Checks entscheidet meist doch wieder der Faktor Mensch. Dass Glück und Zufall beim Erfolg im Fußball stets eine wichtige Rolle spielen, sollte doch klar sein.
Nicht zu vergessen sei die Rolle, die Verletzungen spielen – und auch die Angst vor Verletzungen. Wäre die deutsche Mannschaft mit dem jungen Stürmer Lennart Karl, der seit einiger Zeit bei Bayern München Furore macht, erfolgreicher gewesen? Aber er verletzte sich im Vorbereitungstraining und konnte nicht dabei sein. Hätte Belgien sich gegen Frankreich vielleicht doch noch durchgesetzt, wenn der erfahrene Torwart Courteois nicht verletzt ausgeschieden wäre? Und wenn der deutsche Torhüter Marc-André Terstegen nicht verletzt ausgefallen wäre, hätte Trainer Nagelsmann dann den erfahrenen und ‚mal patzenden Manuel Neuer überhaupt zurückgeholt? Solche Fragen und Spekulationen ranken sich um alle Spiele, nicht nur bei großen Turnieren, sondern auch im Fußball-Alltag, auf jeder Liga-Ebene. Es ist schon zu verstehen, dass manche Spieler zwar technisch sehr gut sind, aber doch zurückzucken, wenn ein athletisch überlegener Gegner sie aggressiv anläuft – zumal, wenn sie länger währende Verletzungen hinter sich haben – wie etwa der junge Jamal Musiala, ebenfalls von Bayern München, der erst kurz vor der WM wieder einigermaßen fit wurde.
Bei dieser noch nicht mal kompletten Tour d’Horizon zu den einflussreichen Elementen und Rahmenbedingungen von Fußballspielen scheint mir aber auch der Hinweis wichtig, dass die deutsche Nationalmannschaft wie so manch anderes etabliertes Team in einem sogenannten K.o.-Spiel ausschied. Da herrschen die gleichen Regeln wie etwa im deutschen Pokal; es gibt kein Hin- und Rückspiel, kein Unentschieden, es muss ein Sieger her – gegebenenfalls in der Verlängerung, notfalls im Elfmeter-Schießen. Hinzu kommt oft die psychologische Spannung, dass David gegen Goliath antritt, dass es für die vermeintlich oder tatsächlich Schwächeren um das Spiel ihres Lebens geht und für die Etablierten um einen Sieg, der schon vorab einkalkuliert ist.
Man denke nur, um das prominenteste Beispiel zu nennen, an die Niederlagen des Spitzenklubs Bayern München in frühen Pokal-Runden: gegen den damals drittklassigen VfL Bochum (1968), gegen den FV Weinheim (1990), gegen den TSV Vestenbergsgreuth (1994), gegen den seinerzeit viertklassigen FC Magdeburg (2000), gegen den Zweitligisten Holstein Kiel (2021) sowie die Pleite gegen den Drittligisten 1. FC Saarbrücken (2023). Überraschungen dieser Art gibt es in jeder Saison – sie sind sind sozusagen die besondere Würze im Fußball-Alltag. Bei einem großen internationalen Turnier ist es nicht anders – das deutsche Ausscheiden ist kein Einzelfall. Die Niederlande folgten wenige Stunden später; auch Mexiko, Portugal, Belgien, sogar Brasilien, den häufigsten Weltmeister, traf dieses bittere Los. Italien, das man auch noch zu den großen Mannschaften zählt, war schon in der Qualifikationsrunde gegen Bosnien-Herzegovina gescheitert, im Elfmeter-Schießen, sic!
Die überschäumenden Negativ-Reaktionen auf das Ausscheiden der deutschen Mannschaft überraschten mich schon, weil sie meiner hier skizzierten Vorstellung vom Verständnis dieser Sportart völlig widersprachen. Enttäuschung, ja das verstehe ich, das empfand ich auch. Aber wie sich die Enttäuschung zur Wut in Fußball-Deutschland auftürmte – und wie sie zudem auch mit populistischen Mitteln noch weiter aufgeputscht wurde, beunruhigte. Auch dass kaum vom Versagen dieses oder jenes Spielers die Rede war, auch nicht von Schwächen der Mannschaft, sondern der noch junge Trainer Julian Nagelsmann als Hauptschuldiger ausgemacht wurde, erschien mir schnell verdächtig. Der populäre Sender RTL startete eine Umfrage, ob der Trainer entlassen werden sollte und meldete schon nach einer halben Stunde, dass 81 % der Anrufer dafür seien. Die BILD-Zeitung skandalisierte, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann mit seiner Ehefrau Lena zum Trainingsplatz geradelt sei und sie ihn sogar auf das Trainingsgelände begleitet habe. Das soll die Mannschaft verunsichert haben.
Der Deutsche Fußballbund mit dem Präsidenten Bernd Neuendorf, einem ehemaligen SPD-Funktionär und Ministerialbeamten, machte mit in dieser recht schäbigen Kampagne und ließ Noch-Trainer Nagelsmann nach dem Ausscheiden nicht mal mehr die vorgesehene Pressekonferenz halten. Rudi Völler, Ex- Nationalspieler, auch Ex-Bundestrainer und seit 2023 Sportdirektor der Nationalmannschaft, der zuvor Nagelsmann stets gepriesen hatte, verfiel nun auch auf den Stuss der BILD-Zeitung. „Fotos haben einfach eine Wucht. Das ominöse Foto mit Lena auf dem Fahrrad hat der Sache sicherlich nicht gutgetan“, unkte nun auch er (Die Welt, 7.7.2026). Alles ging mit dem Rausschmiss des Bundestrainers so schnell, als stünde das nächste Turnier für die Nationalmannschaft schon in Kürze an. Nagelsmann wurde offensichtlich zum Rücktritt genötigt. Der Nachfolger stand mit Jürgen Klopp, der als Trainer in Mainz, Dortmund und vor allem in Liverpool erfolgreich war, schon bereit. Und Hans-Joachim Watzke, Präsident von Borussia Dortmund, auf Bundes- wie auf Europa-Ebene als Sportfunktionär unterwegs und bekennender Freund von Klopp, hat dabei wohl nicht nur eine Nebenrolle gespielt.
Pikanterweise hat sich der zur Zeit als Berater von Red Bull, dem Salzburger Limonadenfabrikanten und Sportsponsor, tätige und in zahlreichen Werbespots auftretende Klopp, schon vor dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft verplappert. Vor dem WM-Auftaktspiel sagte er als Moderator im magenta-Fernsehen: „Und zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf… noch… noch…“. Ko-Moderator Thomas Müller, der einstige Bayern-Star, reagierte schlagfertig mit der Vermutung, Klopp sei gedanklich wohl schon „im September.“ So manches weist darauf hin, dass die Entlassung des Bundestrainers nicht spontan erfolgte, sondern eine schon länger geplante Personalrochade ist, für die nun der passende Zeitpunkt genutzt wurde.
Man schaue und höre sich nur genau die Szene an, wie sich Klopp ein paar Tage später bei Nagelsmann für dieses Wörtchen „noch“ entschuldigt (Link hier).
Ich kann Nagelsmanns sichtlich skeptische Haltung in dieser öffentlichen Situation sehr gut nachvollziehen, aus eigener Erfahrung: Trotz vieler Worte und nettem Lächeln erkennt man die Intrige – und kann doch nichts gegen sie tun.
Es gab zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft auch von Fachleuten erstaunlich inkompetente Kommentare, die lediglich gängige Ressentiments abspulten und zur unsachlichen Stimmungsmache beitrugen. Etwa der Hinweis des Ex-Nationalstürmers und Ex-Bundestrainers Jürgen Klinsmann, dass es „niederschmetternd, eine Blamage und eine Peinlichkeit“ sei, gegen eine Mannschaft wie Paraguay nicht zu gewinnen. Stand er nicht selbst auf dem Platz, als die deutsche Mannschaft im Viertelfinale von 1994 gegen Bulgarien, auch damals keine Spitzenmannschaft, unerwartet ausschied? Hat er nicht gesehen, wie schwer sich Titelfavorit Frankreich tat, als es gegen diese körperlich intensiven, um jeden Ball und Meter kämpfenden, auch keinem Foul aus dem Weg gehenden Berserker aus Paraguay ging? Auch den Trainer für verschossene Elfmeter verantwortlich zu machen, ist doch grotesk. In der Oper wird der Generalmusikdirektor auch nicht entlassen, wenn der Tenor das hohe C nicht trifft.
Eine interessante, schon eher auf die Kernprobleme verweisende Meinung äußerte im Fachmagazin kicker der Ex-Nationalspieler Fredi Bobic: „Eine riesige Enttäuschung gegen ein leidenschaftlich kämpfendes Paraguay, das keinen Ball, keinen Zweikampf verloren gegeben hat. Das aberkannte 2:1 oder das Elfmeterschießen – das spielt alles keine Rolle. Wir haben es nicht geschafft, diesen Riegel des Gegners zu knacken. Wir verfügen über viele starke Individualisten, aber uns fehlt es im Ganzen an der nötigen Widerstandsfähigkeit. Ich vermisse die letzte Gier. Schon länger. Auch schon bei der EURO vor zwei Jahren. Es muss jetzt eine große Aufarbeitung folgen mit offenem Ende in allen Bereichen.“
Auch Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn sieht im Trainer Nagelsmann, der in seiner Amtszeit von 37 Spielen immerhin 23 gewann und nur sieben verlor, nicht den Hauptschuldigen. „Die Debatte über den nächsten Bundestrainer führt am Kern vorbei“, sagt er. Mit seiner Einschätzung, so denke ich, trifft er einen ganz wichtigen Aspekt, wenn er sagt: „Der entscheidende Moment beginnt nicht im Nationaltrikot. Er beginnt viele Jahre früher, in dem Augenblick, in dem ein junger Spieler lernt, dass Verantwortung nichts ist, was man weitergibt, sondern etwas, das man übernimmt. Talent bringt dich zur Weltmeisterschaft. Verantwortung entscheidet, wie lange du dort bleibst.“ Sein Gespräch im Kicker vom 1. 7. 2026 weist über die rein sportlichen Probleme hinaus. Oliver Kahn macht deutlich, dass auch der Fußball, nicht nur auf dem Platz, sondern auch drumherum und dahinter ein Ergebnis einer gesellschaftlichen Verfassung ist – und diese zugleich in aller Schärfe spiegelt.

Eigentlich wollte ich diesen Text zur Fußball-WM schreiben, um nicht schon wieder über Donald Trump zu schreiben, der fast täglich irgendwo mit einer schrillen Meldung auftaucht. Doch das ist nun selbst bei diesem Thema nicht mehr möglich, nachdem er wohl glaubte, er könnte auch als Fußballgott auftreten. Der Vorgang ist ebenso trivial wie unglaublich. Als der Spieler Folarin Balogun im Spiel des US-Teams gegen Bosnien-Herzegowina wegen Foulspiels die Rote Karte erhielt und vom Platz musste, bedeutete das regelgemäß seine Sperre fürs nächste Spiel Doch der Präsident der USA griff zum Telefon und forderte den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino, mit dem er bei jeder Gelegenheit herumturtelt, zur Überprüfung der Entscheidung des Schiedsrichters auf. Und dieser, der eigens für Trump schon einen Friedenspreis der FIFA kreiert hatte und – wie gerade bekannt wurde – den Trumps so nebenbei WM-Tickets im Wert von 15.000 US-$ geschenkt hat, veranlasste willfährig die Aussetzung der Sperre auf Bewährung – eine bei Sportrechtlern sehr umstrittene Maßnahme, die als Präzedenzfall das Regelgebäude des Fußballs ins Wanken bringen könnte.
Bislang haben Regierungschefs des Gastgeberlandes einer Fußball-Weltmeisterschaft zwei Mal so unmittelbar in das sportliche Geschehen eingegriffen. 1934 hat Mussolini selbst die Schiedsrichter, die Spiele der italienischen Mannschaft leiten sollten, ausgewählt und eingestellt; am Ende wurde Italien Weltmeister.
1978 besuchte General Videla, Chef der argentinischen Militärjunta, die Mannschaft von Peru, gegen die Argentinien einen hohen Sieg benötigte, in der Spielerkabine und übte wirtschaftlichen Druck aus; Argentinien siegte 6:0 und wurde am Ende Weltmeister. In dieser unrühmlichen Tradition steht Trump jetzt, aber bei ihm lief es, wie zu erwarten, anders. Das US-Team lieferte gegen Belgien ein zerfahrenes Spiel, der durch die öffentliche Debatte wohl doch verunsicherte Stürmer Balogun schoss nur einmal aufs Tor.
Die Belgier waren empört, zumal der FIFA-Präsident ihren Einspruch mit juristischen Spitzfindigkeiten zurückgewiesen hatte, und besonders motiviert. Mit 4 :1 fegten sie das US-Team vom Rasen. Dessen eigener Präsident hatte den elanvollen Aufbruch in dieses Turnier mit seinem peinlichen Auftritt ausgebremst. Einem belgischen Freund, der als Filmkritiker einst regelmässig bei den Oberhausener Kurzfilmtagen war, schickte ich diesen Videoclip mit den Worten „Ein dickes Bravo für De Rode Duivels! Hier ein echter Kurzfilm – ich widme ihn Trump und Infantino!“:
Diesem Kommentar aus dem Wall Street Journal, New York, vom 7. Juli 2026 ist nicht all zu viel hinzuzufügen: „Es gibt keine Kontroverse, in die sich dieser Präsident nicht einmischen würde – ob zum Guten oder zum Schlechten. (…) Aber die Einmischung Trumps wird nun das sein, woran sich die meisten Menschen erinnern werden (…). Schade ist, dass dies mit Abstand die beste US-amerikanische Herren-Nationalmannschaft in der WM-Geschichte ist. (…) Außerdem hat diese WM den angereisten Fußballfans aus aller Welt die freundliche, bodenständige Seite der Amerikaner gezeigt, von der sie in der internationalen Presse nichts erfahren. Das war eine ermutigende Demonstration amerikanischer Soft Power. Leider hat Trumps Einmischung dafür gesorgt, dass sich die ganze Geschichte nur noch um ihn dreht.“
Neu ist also nicht, wie Trump nun auch im Fußball scheiterte. Es geht doch alles, was er anfasst, letzten Endes kaputt, großes wie kleines, vom Frieden in Gaza bis zum spiegelnden Wasserbecken in Washington D.C. Aber dass er nun selbst davon schwadronierte wie er den FIFA-Präsidenten mehrfach kontaktierte und mit ihm eine eindeutige Manipulation anzettelte, beschädigte nicht nur die aufstrebende Nationalmannschaft der USA nachhaltig und legte einen Schatten des Misstrauens und der finstersten Vermutungen über das ganze Turnier, der nicht mehr so schnell loszuwerden ist. Jetzt fragen sich die Franzosen, warum trotz ihrer rüden Fouls keiner der Spieler aus Paraguay verwarnt worden ist. Sollte diese Mannschaft, die in ihrem ersten Spiel den USA unterlag, im Hinblick auf eine Wiederbegegnung im Turnier gehalten werden? Und die Ägypter, die gegen Argentinien, trotz eines aberkannten Tores, noch in der 79. Minute mit 2:0 führten, argwöhnen nun, ein Opfer der Manipulation geworden zu sein, weil man den populären Stürmerstar Lionel Messi, den Weltmeister von 2022 in Katar, im Spiel halten wollte. Dabei hätte er schon in einem Gruppenspiel die Rote Karte sehen müssen.
„Die WM ist manipuliert«, sagte Ägyptens Stürmer-Star Mostafa Ziko nach dem Spiel: „Glückwunsch an Argentinien zum vorzeitigen Gewinn der Weltmeisterschaft, das ist alles geplant.“ Aus deutscher Sicht hinterfragt man nun auch wieder, warum das mögliche Siegtor von Jonathan Tah gegen Paraguay aberkannt wurde – der Schiedsrichter hatte es gegeben, eine Videobeobachterin aus Nicaragua rief ihn zurück. Das mag nun alles sehr übertrieben sein. Umstrittene Entscheidungen gibt es immer in diesem Spiel. Aber wenn ein solcher Vorgang offenkundig wird, nehmen die Verdächtigungen kein Ende. Schon immer haben Fußballfans, die mit einer Schiedsrichterentscheidung nicht zufrieden waren, schnell „Schieber“ gerufen – vom Dorfverein bis zum Spitzenklub.
Kritisch sehe ich bei diesem Turnier, das inzwischen wieder in seriöseren Bahnen abzulaufen scheint, die zunehmende Gefährdung seiner Grundlagen, die von der Neigung des FIFA-Präsidenten, die Fußball-WM immer mehr aufzublähen, ausgeht. Er prahlt damit, die Einnahmen auf 11 Milliarden US-$ gesteigert zu haben, doppelt soviel wie vor vier Jahren. Das geschieht ganz einfach durch die Erhöhung der an der Endrunde teilnehmenden Nationalmannschaften. Für das aktuelle Turnier hat die FIFA die Teilnehmerzahl von zuletzt 32 auf 48 Mannschaften erhöht, was dieses Mal zu 104 Spielen geführt hat. Bei der WM 1974 in Deutschland waren es insgesamt noch 16 Nationalmannschaften. Inzwischen hat Infantino vorgeschlagen, die Zahl der Endrundenteilnehmer auf 64 zu erhöhen. Das Geschäftsmodell dahinter scheint erkennbar. Mit den Einnahmen, zuvorderst aus TV-Übertragungsrechten, ist die FIFA in der Lage, junge und neue Verbände entsprechend zu fördern. Dass die FIFA zuletzt etwa 22 karibische Mitgliedsverbände finanziell und organisatorisch unterstützte, ist sicher verdienstvoll. Klar ist aber auch, wem derart gepäppelte Verbände bei der nächsten Wahl der FIFA-Spitze ihre Stimme geben werden. Aber es ist auch abzusehen, dass eine immer größere WM – wie bei allem künstlich gesteigertem Wachstum – zur Blase wird, die dann platzt. Die größere Zahl von Spielen zeigt schon erste Folgen. Dass dieses Mal 44 Spiele, darunter auch eine Reihe von K.o.-Spielen, nicht im Free TV hierzulande zu sehen waren, ist nicht allein den teilweise späten Anstoßzeiten geschuldet. Bei früheren Turnieren in Ländern mit großem Zeitunterschied war das noch anders.
Zur Orientierung, muss man auch wissen, dass die FIFA heute 211 nationale Fußballverbände als Mitglieder hat. 1980 waren es noch 103 Mitglieder. Der Zuwachs an Mitgliedern entstand durch den Zerfall von Staatsgebilden wie der UdSSR und Jugoslawiens, aber mehr noch durch die gestiegene Bedeutung dieses Sports in den Ländern, die man heute als Globalen Süden bezeichnet. So begrüßenswert diese Entwicklung scheint, so stößt man beim genaueren Hinschauen doch auf manche Fragwürdigkeit. Wie sieht zum Beispiel die Nationalmannschaft des Neulings Curaçao, gegen den die deutsche Mannschaft im ersten Spiel gewann, tatsächlich aus? Von den 30 Spielern des Kaders wurden nur zwei auf Curaçao geboren, die anderen in den Niederlanden, wo auch viele in Vereinen spielen (klar, dass der Nationaltrainer von Curaçao mit Nicolaas „Dick“ Advocaat ein früherer Nationaltrainer der Niederlande ist) – die anderen spielen in den USA, der Türkei, der Schweiz, Saudi-Arabien, Griechenland, England, Belgien, Indonesien – auf der heimatlichen Insel Curaçao spielt, wenn ich richtig recherchiert habe, keiner dieser Nationalmannschaft. Mit der Nationalmannschaft der Demokratischen Republik Kongo ist es genauso; ihre Spieler sind auf der ganzen Welt aktiv, von LeHavre bis Jerewan, von Lüttich bis Łódź, von Sunderland bis Abu Dhabi – nur in ihrer Heimat spielt keiner mehr.
Aber das ist kein Phänomen, das man nur bei neu in den Blick gekommenen Mannschaften beobachtet. Von der Schweizer Nationalmannschaft, die so weit kam wie seit 1954 nicht mehr, kommen gerade mal zwei Ersatzspieler aus der heimischen Liga – der Nationaltorwart steht sonst bei Dortmund im Tor, Mannschaftskapitän Granit Xhaka wechselte unlängst von Bayer Leverkusen zum FC Sunderland. Bei vielen Teams, von Norwegen bis Kroatien, von Belgien bis Japan lassen sich die Spieler aus der einheimischen Liga an den Fingern einer Hand abzählen.
Und an der Spitze? Als die englische Mannschaft gegen das Team der DR Kongo in eine ähnliche Verlegenheit kam wie Deutschland gegen Paraguay, als man nach mehr als einer Stunde noch immer mit 0:1 zurück lag, explodierte ein Spieler geradezu und drehte mit voller Wucht und zwei Toren das Spiel: ein Anführer, wie der zitierte Oliver Kahn ihn sich wünscht – der englische Manschaftskapitän und Stürmer Harry Kane. Im deutschen Team gibt es keinen wie Harry Kane, aber der Wahl-Münchner aus England ist der Torjäger Nr. 1 in unserer deutschen Bundesliga, schon seit drei Jahren… Wir haben in der Nationalmannschaft auch keinen Michael Olise (Bayern München), keinen Luis Diaz (München), keinen Serhou Guirassy (Dortmund), keinen Patrik Schick (Leverkusen), keinen Christian Baumgartner (Leipzig), die alle an der Spitze der aktuellen Torjägerliste der deutschen Bundesliga stehen. Sie spielen Woche für Woche für deutsche Vereine, auch in internationalen Wettbewerben, aber wenn’s um die Nationalmannschaft geht, sind sie wichtigste Spieler in England, Frankreich, Kolumbien, Tschechien und Österreich. Das ist nicht nur bei uns so. Kylian Mbappé, der Stürmerstar der französischen Mannschaft, spielt ansonsten bei Real Madrid. Man könnte diese Sachlage noch lange erkunden und dabei aufschlussreiche Einblicke gewinnen – hier aber genug!
Ein Wettbewerb von Nationalmannschaften hatte seinen besonderen Reiz stets auch darin, dass man Spieler erlebte, die man nicht kannte, und dass sich unterschiedliche Spielstile begegneten. Unter einer Nationalmannschaft versteh‘ ich nicht nur Spieler, die den Ausweis desselben Landes haben und vielleicht auch noch die jeweilige Nationalhymne mitsingen können, worauf so manch kritische Beobachter merkwürdigerweise besonders achten. Eine Nationalmannschaft sollte sich doch nicht nur als Vereinigung der besten Spieler aus einem Land verstehen, sondern auch eine Vorstellung von der Spielkultur in einem Land geben. Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen! Ich hänge nicht einem Nationalismus von gestern und vorgestern an, sondern frage lediglich, ob diese Art von Nationalmannschaften noch Sinn macht oder obsolet ist. Mir ist klar, dass die Veränderung der Rahmenbedingungen eine heutige Situation geschaffen haben, arbeitsrechtlich und nach den Wettbewerbsregeln des Fußballsports, die völlig anders ist als früher.
Einem alten Freund, der nach dem deutschen Ausscheiden, sagte, man sollte eben in der Bundesliga wieder, so wie einst, nur zwei oder drei ausländische Spieler in einer Mannschaft zulassen. „Mein Freund, die Zeit lässt sich nun wirklich nicht zurückdrehen“, antworte ich ihm. Die Globalisierung, die ich eher positiv sehe, hat eben auch den Fußball erreicht. Ich verstehe den Trainer des Zweitligisten in Karlsruhe, dass er zugriff, als er einen Japaner, immerhin schon im Team von Mönchengladbach, entdeckte, der in seine Mannschaft passen könnte. Und warum sollte ein norwegischer Junge nicht davon träumen, eines Tages bei Manchester City zu spielen – wie sein Idol Erling Braut Haaland? Also, im Profifußball, denke ich, gleichen Nationalmannschaften mehr und mehr einem nostalgisch aufgeputzten Fake. Da könnte der Wettbewerb der Klubs inzwischen mehr Sinn machen, zumal das Mannschaften sind, die sich ständig im Miteinander zu bewähren haben und damit authentisch ‘rüberkommen. Ich weiß, das ist für viele noch ein heikles Thema, aber jedenfalls sollte man mal laut darüber nachdenken. Auch wenn’s die Großmannssucht des obersten FIFA-Funktonärs, der merkwürdigerweise aus dem selben engen Tal im Wallis kommt wie schon sein Vorgänger, stören dürfte.
„Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten,“ lautet die komplette Fußball-Weisheit des legendären Trainers Sepp Herberger. „Die Wahrheit ist auf dem Platz,“ ist eine andere Fußball-Weisheit, die auf den Spieler und Trainer Otto Rehhagel oder sogar auf den einstigen Revier-Star Adi Preissler (1921 –2003) zurückgeht. Dem langjährigenKapitän von Borussia Dortmund und späteren Trainer in Oberhausen, Hamm, Wuppertal, Pirmasens, Neunkirchen und wieder Oberhausen wird dieser Satz zugeschrieben: „Grau is’ im Leben alle Theorie, aber entscheidend is’ auf’m Platz.“
Die belgischen Kicker haben dem US-Präsidenten deutlich vorgeführt, was das bedeutet. Ob Trump diese schlichte, aber treffliche Weisheit von der Ruhr verstanden hat, bezweifle ich. Nach dem Ausscheiden des US-Teams hatte er mit diesem Fußball-Turnier wohl ohnehin nichts mehr im Sinn. Stattdessen tauchte er in Ankara auf, wo er nun die NATO-Partner wieder einmal auf die ihm eigene dumm-dreiste Art aufmischte. Die meisten von ihnen machten gute Miene zu seinem bösen Spiel und versuchen ihn so zu besänftigen. Immerhin hat ihm der deutsche Bundeskanzler nicht schon wieder ein symbolträchtiges Trikot oder dergleichen überreicht wie unlängst beim G7-Gipfel, sondern es bei beschönigenden Worten belassen. Es gab aber auch ein paar schärfere Reaktionen, etwa seitens der dänischen Regierung, als Trump wieder seine Anspruch auf Grönland äußerte, und auch aus Spanien, zu dem er abrupt die Handelsbeziehungen abzubrechen drohte, offensichtlich ohne Kenntnis der vertraglichen EU-Einbindung des Landes.
Mit beruhigenden Worten und einem Lächeln nahm Spaniens Staatschef Pedro Sánchez die Pöbeleien des US-Präsidenten hin. Der spitzzüngige Politikanalyst Pedro Vallin verwies im spanischen Fernsehen darauf, dass Trumps infantile Wutrede für Sánchez durchaus ein großes Geschenk sei: „Es ist, als würde dich Adolf Hitler im Jahr 1939 beleidigen.“ Vielleicht etwas zugespitzt, möchte man meinen. Nein, eher doch falsch. Denn Trump ist noch unberechenbarer als schon erwartet. Zum Abschluss der NATO-Konferenz lobte der US-Präsident alle Beteiligten über den grünen Klee, auch die von ihm zuvor so grob Beschimpften. In seinem Schlussstatement zum Ende der Beratungen soll er hinter verschlossenen Türen, wie der deutsche Bundeskanzler mit Erstaunen berichtete, sogar gerufen haben: „There is a feeling of love in the air !“
Gastgeber Recep Tayyip Erdoğan, der türkische Präsident, bedankte sich indes auf eine besondere Art bei den Staats- und Regierungschefs, die nach Ankara gekommen waren. Jeder von ihnen bekam einen Revolver samt namentlicher Gravur, mehrere Schuss Munition und eine Ausfuhrgenehmigung von Erdoğan persönlich. Fürwahr eine beunruhigend vieldeutige Geste. Gleichzeitig ging der Krieg der USA gegen den Iran weiter. Wer wird im Chaos, das Trump weltweit anrichtet, enden? Nur er und sein Gefolge? Oder wird es Europa, das seinen großen Nachbarn im Osten und auch im Fernen Osten durch seine freiheitlich-demokratischen Gesellschaften ein Dorn im Auge ist, auch treffen?
© Wolfgang J. Ruf – 14. Juli 2026












