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Am 19. Februar 2026 wird Ross Thomas 100 Jahre alt. Das feiern wir.
Siehe auch in dieser Ausgabe: Sonja Hartl: Ross Thomas lesen (Zwischenfazit)
Salut Nr. 3: Alf Mayer: Lokalrunde mit Ross Thomas
Zweimal Podcast: William Marshall und Ross Thomas
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»Die im Dunkeln« – getrost auch eine heutige Lektüre
Ross Thomas im Klassiker-Check von Thomas Wörtche
Neulich habe ich Hitchcocks „Psycho“ wieder gesehen. Das erste Mal seit ca. 30 Jahren. Und vollständig, als ganzen Film und nicht als Exerzitium für Einzelbildanalysen oder durch die Augen von François Truffaut. Ich fand das Schwarz/Weiß-Teil nett und hauptsächlich unfreiwillig komisch. Heute, nicht vor 30 Jahren.
Natürlich ist sein filmhistorischer Stellenwert immens, ein paar Bilder schlicht großartig, Anthony Perkins gigantisch. Aber der Horror, die Schocks, die ganze durchsichtige Story – das alles ist rasend gealtert, dadurch charmant geworden, liebenswert und bieder. Dazu kommt, dass „Psycho“ für Hitchcocks Verhältnisse bemerkenswert unkomisch ist. Was zu der Frage führt, ob Komik nicht auch ein konservierendes Prinzip ist … und überhaupt …
Ja, überhaupt: Wie steht es mit der Haltbarkeit von „Klassikern“?
Vor allem von solchen, die gerne immer wieder ins Feld geführt werden, wenn es darum geht, eher aktuellere Produkte mit dem allfälligen Verweis auf die Qualität der Altvorderen niederzumachen , sozusagen die olle Querelle des Anciens et des Modernes in der popular culture noch mal zu schlagen.
Ein idealer Kandidat für diese Art von Klassiker-Check ist Ross Thomas. Klar, man ist sich einig, dass er einer der ganz Großen war. Einer der ganz Großen des … ja, des was? Des Polit-Thrillers? Des Spionage-Romans? Des politischen Romans? Und wenn ja, warum? Stimmt das alles so noch? Welche Maßstäbe hat er gesetzt? Verklärt man ihn?

Deswegen:
Ross Thomas (1926-1995) hat fünfundzwanzig Romane geschrieben – zwanzig unter eigenem Namen, fünf unter dem Pseudonym Oliver Bleek. Ein paar wenige Kurzgeschichten, außerdem Arbeiten für Film und Fernsehen, darunter die berühmte Reparaturarbeit an Wim Wenders „Hammett“. Der Alexander Verlag hat alle seine Romane neu aufgelegt und – wo nötig – neu überarbeitet. Jetzt ist dieses verlegerische Großwerk vollendet.
Ross Thomas war der Romancier des humanen Pragmatismus oder des pragmatischen Humanismus, wie rum man es immer sehen mag. Diese Haltung war zu „seiner Zeit“ aktuell. Heute – 100 Jahre nach seinem Geburtstag – erst recht.
Zum Beispiel in seinem letzten Roman, „Die im Dunkeln“ (Ah, Treachery!), dessen Ausgangszenario sich gespenstisch pervertiert gerade eben wiederholt. Damals, 1993, ging es darum, dass die neue Clinton-Administration einen Aufbruch versprochen hatte, eine „andere“ Politik, „saubere Verhältnisse“ nach den Jahren von Reagan und Bush I.
„Sauberkeit“ in diesem Zusammenhang ist natürlich vorrangig kein substantielles, sondern ein Darstellungsproblem. Also muss saubergemacht werden – von beiden Seiten. Die einen, wir erinnern uns, von Iran-Gate bis Mittelamerika, im blutigen Sumpf, wollten aufräumen und ihren Dreck am besten final entsorgen – die anderen, deren Dreck („Whitewater“) noch nicht ganz riechbar war, würden natürlich gern auf den Alt-Dreck zeigen. Das ist sozusagen das Ockham`sche Rasiermesser (reduziere ein Problem auf seine Essenz) in narrativer Prosa, was Ross Thomas da vorführt.
Und eben ein Konflikt, der sich gerade wiederholt, mit anderen Vorzeichen. Donald Trump gibt den großen Erneuerer, den Disruptor – und wer dachte, dass an Dreck Bush II vermutlich nicht zu übertreffen war, hat sich arg geirrt. Was hätte Ross Thomas vermutlich für eine Freude daran. Weil das aber nun nicht mehr geht, können wir getrost „Die im Dunkeln“ analog lesen, es wird funktionieren. Das zeichnet einen Klassiker aus.

Genauso wie die Tatsache, dass in seinem ersten Buch in nuce alles enthalten ist, was wirklich wichtig für das Gesamtwerk werden wird. „Kälter als der Kalte Krieg“ aus dem Jahre 1966 findet auf dem Spielplatz der beiden Supermächte USA und UdSSR statt, u.a. in Deutschland – aber o Wunder, das Spiel der Geheimdienste ist gar nicht Thema das Romans, sondern nur selbstverständliche Voraussetzung, nicht weiter zu erläuternde Realpolitik. Beide Seiten, Kommunismus und Kapitalismus, stehen weniger für Ideale und Ideologien. Sie sind in erster Linie Organisationen, Staaten, grosse Systeme. Und die kennen weniger Moral denn Zweckrationalität. Diese Tatsache – realpolitisch klar wie Salzsäure – bildet die Grundlage von Ross Thomas´ politischem Denken. Und seiner Ästhetik der Beschreibung.
Wie Individuen in solchen Situationen überleben und auch noch mit mehr als heiler Haut davonkommen und noch dazu einen sehr kasuistisches moral-analoges Surplus nebst ein wenig Profit erzielen – davon handeln alle Ross Thomas Bücher und so auch dieser erste Roman. Und es ist Aufgabe eines Klassikers, Mythen zu stiften: Der Mythos dieses Romans heisst „Mac’s Place“ – die ideale Bar – im praktischen und transzendenten Sinn. Die beiden Helden, Mac Corkle und Padillo, werden vier Auftritte im Werk von Ross Thomas haben, bis in Mac’s Place 1994 („Letzte Runde in Mac`s Place“) die Lichter ausgehen. Alleine für Mac’s Place ist der Klassiker-Status für alle Ewigkeit gesichert, decent food & decent drinks sind von keiner Titty Twister Bar zu toppen. (Siehe hier nebenan in dieser Ausgabe auch Alf Mayer mit „Lokalrunde mit & für Ross Thomas“.)
Auf diesen Klassiker setzte Ross Thomas noch eins drauf: Nämlich das gigantische Duo Artie Wu (Prätendent auf das Erbe des chinesischen Kaiserthrons, sagt er) und Quincy Durant, das Waisenkind mit komplizierter Biographie. Der Beruf der beiden Herren: Geldbeschaffung. Die Mittel: Intelligenz und Witz. Die Gegner: Die ganze Welt, Geheimdienste, la mafia, local cops, ganze Staaten.

„Umweg zur Hölle“, ihr erstes Abenteuer von dreien, beginnt mit dem berühmtesten Pelikan der Literaturgeschichte. Der ist tot und liegt so am Strand von Malibu, dass man leicht zufällig darüber stolpert. Natürlich ist dieser Zufall keiner, so wie es kaum Zufälle in der Welt von Ross Thomas gibt. Zumindest keine, die zufällig wirken. Zufälle sind meistens arrangiert – wenn auch oft aus zufälligen Gründen. Dieses Spiel mit einem der Kernthemen der Moderne und Postmoderne, nämlich die Kontingenz, spielt Ross Thomas virtuos vertrackt und mit bösartiger Komik. Seine Skepsis der ganzen Welt gegenüber gipfelt in der Skepsis selbst dieser Skepsis gegenüber. „Umweg zu Hölle“ ist ein grosser Roman des 20. Jahrhunderts.
Klassisch auch das Ross-Thomas-Modell, wie man eine ganze Stadt hopsnimmt und, weil man eben das ertragreiche Überleben zur Existenzgrundlage gemacht hat, diese ganze Stadt in einen glänzend funktionierenden Schutzraum für zahlungskräftige Flüchtlinge aller Art ausbaut. Für alle die, die verschwinden müssen. Also praktisch für die, denen der nichtverfilmte zweite Teil von Jim Thompsons „The Getaway“ zu düster war. Dort wurden die Flüchtlinge roh und final ausgeplündert, Ross Thomas kontert mit Dienstleistung, dem bedeutend moderneren und profitableren Prinzip der sanften Ausplünderung. „Gottes verlassene Stadt“, das Hohe Lied sinnvoller Korruption, gehört zu den Büchern, die man eigentlich gelesen haben muss, um an dem Wahnsinn unserer Zeit wenigstens ein lakonisch-witziges Vergnügen zu finden.

Dito „Missionary Stew“, dessen neuer deutscher Titel „Teufels Küche“ heisst. Ein Roman, der davon ausgeht, dass man durchaus kannibalistische Zeiten überleben kann, um dann ein fähiger Wahlkampfmanipulator zu werden. Kannibalismus, wörtlich genommen, findet da statt, wo man ihn erwartet und wo er tatsächlich stattgefunden hat: In Afrika, im Gefängnis eines der netten Diktatoren von westlichen Gnaden – bei Bokassa oder Idi Amin … und wenn einem heute Mugabe einfällt, dann liegt das sicherlich nicht an einem Naivling wie Henning Mankell, der besser Ross Thomas gelesen hätte.
Der Wahlkampf, um den es geht, findet aber in den USA statt und seine Tentakel erstrecken sich bis zu einem scheußlichen Regime in Lateinamerika – pan-amerikanischer Kannibalismus, diesmal eher metaphorisch. Und die Ross Thomas´schen Figuren mit ihren schrägen Namen wie Morgan Citron oder Draper Haere mitten drin, um am Ende ihren Schnitt zu machen und dennoch in den Spiegel schauen zu können. So wie im allerersten Roman.
Also – Klassiker-Status galore für Ross Thomas! Sollte Schullektüre sein, weil uns „Klassiker“ im besten Sinn etwas über uns erzählen. Ross Thomas ist aktueller denn je.
Thomas Wörtche – Dieser Text ist eine leicht aktualisierte Fassung eines „Klassiker-Checks“ von 2008.
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Eine übersichtliche und vor allem Bibliographie von Ross Thomas gibt es bei Kaliber38de
Hier geht es zur Neuausgabe von Ross Thomas im Alexander Verlag, die Titel im Einzelnen hier.




































































