Geschrieben am 1. März 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2026, News

Alf Mayer über das Buch »James Joyce und die Farben des ‹Ulysses›«

Ein Buch aus einer anderen Dimension

Alf Mayer versenkt sich in ein Buch beispielloser Hingabe, die Farben-Expedition von Werner Schmidt

Werner Schmidt: James Joyce und die Farben des Ulysses. Kommentiert von Dirk Teubner, mit 21 Autoren aus Philosophie, Literatur- und Kunstwissenschaft und Anglistik. Text Deutsch, teilweise Englisch. Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft DCV, Berlin 2025. Hardcover mit Prägung, Lesebändchen und Poster, Format 20 x 27 cm. 328 Seiten, Hardcover, über 240 Abbildungen, 59 Euro. – Verlagsinformationen hier. – Internetseite von Werner Schmidt hier: www.wernerschmidt-artist.de – Eine Ausstellung zum Buch gibt es hier: Galerie Wohlhüter, 22. Februar – 22. März 2026, 88637 Leibertingen.

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Welch eine Hingabe. Sieben Jahre lang, so lange wie James Joyce für die Niederschrift seines »Ulysses« gebraucht hat, ganze sieben Jahre lang hat der Maler Werner Schmidt minutiös erst all die Farben der 1015 Seiten der Wollschläger-Übersetzung dokumentiert, die in diesem Jahrhundertroman vorkommen – und dann mit ihnen gearbeitet. Hat versucht, den von James Joyce in überreicher Fülle benannten Farben so nahe wie nur irgendmölich zu kommen, ihre Tonalität und Eigenart zu erfassen und auszudrücken. Werner Schmidt war der besondere Farbenreichtum dieses Romans irgendwann zum Thema geworden. Er ging ihm nach. Es wurde eine Ermittlung der wirklich besonderen Art und der Höhepunkt seiner rund 40 Jahre langen Beschäftigung mit dem Autor. Es wurde ein Versuch, den gewaltigen, jeden Rahmen sprengenden vielschichtigen und vielstofflichen Roman auf eine andere Weise zu bereisen, zu erfahren und auf neue Weise zu verstehen – und die Wahrnehmungsmöglichkeiten dieses Universums um eine neue, buchstäblich sinn-liche Erfahrungsschicht zu bereichern. Das Ergebnis liegt seit letztem Sommer als Künstlerbuch vor. Es ist ganz und gar einzigartig. Und mit ein Grund dafür, dass der Verlag DCV (kurz für Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft) 2025 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde.

Der Band ist so ungeheuerlich und reich wie der Roman.
Längst nicht mit einer einzigen Durchquerung zu erfassen.
Oder in einer kleinen Besprechung zu würdigen.
Dafür ist dies alles viel zu groß.
Einfach gewaltig.
Wie ein Fund wie aus einer anderen Welt. Nein, einer anderen Dimension.

»Werner Schmidt – leben mit James Joyce« überschreibt der Kunsthistoriker Dirk Teuber seine Annäherung an den Maler. Der liest, auch während er Inhaber einer Werbeagentur ist, Anfang der Achtziger Jahre den »Ulysses« langsam über Jahre (»sieben, sagt die Legende«), mit Sorgfalt, »Seite um Seite, ohne Frage, ob dies sinnvoll ist oder zu etwas führt, sondern um des Lesens willen, unverdrossen und mit wachsender Leidenschaft«.

Die Lektüre wird zu einer Sinnfrage, wird zum Sinn. Sie fordert Schmidt auch darin, was er für ein Maler ist. Wie er malt. Was er malt. Wozu? Warum? Wohin? Malen wird zur existentiellen Geste, obwohl doch nur bloßes Pigment, eigentlich alltäglich banal. Aber doch so viel mehr. »Malerei ist Grenze und doch nicht fassliche Weite«, schreibt Teuber; sein Text ist einer der Höhepunkte im Buch. Werner Schmidt nennt das Entstehen eines Bildes einmal »ein Stück Unendlichkeit mit Datum«.

Ja, wir sind im Metaphysischen. Dort, wo die Kunst ihr Echo hat.

Malen, wenn man sich wirklich radikal hinein versenkt in den Akt – in die Farbe –, kann zum Akt der Wahrheit werden, zum transzendentalen Moment, im Licht gebannt und im Schatten. Eine unmittelbare Erfahrung, tiefgründig, wahr und echt. Eine geistige Manifestation jenseits des Verbalen und jenseits der Begriffe. Die Kirchenväter kennen dafür den Moment der Epiphanie – der Erscheinung. Eine Klarheit, ein Leuchten, eine elementare Erfahrung: »Gute Bilder kann man nicht planen. Man muss bereit sein, wenn sie kommen«, weiß Werner Schmidt.

Der selbst gestellten Aufgabe widmet er sich wie ein Mönch. Kompromisslos. Unermüdlich. Kontemplativ. Mit sich ringend. Radikal. Mantra-haft. Man darf auch Zen-buddhistisch sagen. Er selbst nennt das alles ganz anders. Er ist einfach ein Maler, der seinen Farben und besonders seiner jeweiligen, gerade verwendeten Farbe so tief und ehrlich wie nur möglich auf den Grund gehen will. Die kirchlich-theologische Grundierung seiner Haltung ist ihm dabei durchaus bewusst, ein Ausstellungskatalog von 1991 trägt den Titel »Epiphania«.

Epiphanie ist das plötzliche Sichtbarwerden einer Wahrheit. Ist Erscheinung. Ist Verkündigung. Offenbarung.

Werner Schmidt nimmt es ernst mit der Ästhetik des Thomas von Aquin, in der sich aus integritas (Vollständigkeit) und consonantia (Zusammenklang) claritas zu offenbaren vermag, jenes Licht, in dem der Mensch sich selbst in seiner Einzelheit wie die Welt in ihrer Ganzheit erfahren kann. Schönheit als ein Abglanz der Transzendenz. Als innere Notwendigkeit. Als die richtige Farbe am richtigen Platz. Als das richtige und wichtige Farbwort an seiner Stelle im Roman.

So, genau so, muss er sein, dieser Moment, diese eine Farbe, dieses eine Wort. Werner Schmidt denkt den Roman von James Joyce durch seine Augen. Irre, oder. Aber wie großartig.

Wie lange braucht unsereins wohl, den Roman oder Teile des Romans auf ebensolche Art und Tiefe zu sehen? Jetzt wissen Sie, warum ich meine, dass eine einmalige Lektüre dieses Buchs nicht reicht. Es ist weit mehr als eine Hommage. Es ist interdisziplinär und polyphon, oszilliert zwischen Farbtheorie, Literaturstudie, Exegese, bildender Kunst und Reflexion. Welch ein Buch. Wie oft findet man so etwas?

Es ist ein Fest der Farbe und des Sehens. Und der Wahrnehmung mit mehr als nur unseren fünf Sinnen. Wie auf einer intergalaktischen Reise verrücken sich darin oft die Dimensionen. Im Jahre 2004, genau zum 100. »Bloomsday«, durchstreifte Werner Schmidt Dublin und fotografierte. 24 Fotos davon, »Originalschauplätze« aus dem Buch, sind wie ein Fotoessay assoziativen Textstellen zugeordnet. Ein Blick auf Meer oder Strand, ein Barkeeper hinter seinen Zapfhähnen, ein Bett in einem Museum, eine Krawatte im Rinnstein, Grabmäler in Glasnevin, Werbeschilder, Kneipenszenen, Stadtfotos. Dublin ohne touristischen Anschein.

Aus Seite 45, immer noch in der Einführung zum Buch, gibt es als »Nachschlag: Im Rausch der Farben« einen Auszug von insgesamt vier Druckseiten aus dem Circe-Kapitel (Seiten 604 – 755 im »Ulysses«), der all die Farbbenennungen darin aneinander reiht. Zitat:

»Rote und grüne Irrlichter, Regenbogenbunte Lichtfächer, weiße und blaue Gondeln durch die Düsternis, blutleuchtend im Lampenlicht mit schwarzen Stülpmützen, an Rotröcken vorüber, Bloom rot vor Anstrengung, weißbehandschuhte Polizistenhand, unbekannte Visage dunkel quecksilbern unterlaufen, Hausköppchen mit magentaroten Quasten, gelbe Giftstreifen auf dem erschöpften Gesicht, Bloom im blauen Oxford-Anzug mit weißem Westeneinsatz, braunem Tirolerhut, schwersilberne Uhr, hübsches Weib in scharlachroten Hosen, goldgeschlitzter Jacke, gelber Schärpe, weißem Yaschmak, violett in der Nacht und freiem Rabenhaar: Molly!, goldene Armringe, Weißes Wachs, Orangenblüte, Schwarz ist ein Hitze-Refraktor, Othello, schwarzer Unhold …. « Und so geht es noch zehnfach im Umfang weiter.

Schmitz hat das alles erst methodisch erfasst und dokumentiert, ehe er selbst ans Malen ging. Hat die Grundfarben der Kapitel ermittelt. Hat die Farben nach ihrer Häufigkeit sortiert, hat die Färbung der 18 »Ulysses«-Kapitel bestimmt. (Und dabei übrigens die von Joyce selbst benannten Farbdominanten weitgehend korrigiert.) Hat für jedes Kapitel entsprechend der darin vorkommenden Farben einen eigenen Farbstreifen erstellt. Hat all diese Farbstreifen zu einem großen, langen Band zusammengesetzt. Hat die Farben des »Ulysses« in ihrer Gesamtheit als Mäanderband sichtbar gemacht. 2009 wurde dieses komplette Farbband (Mischtechnik auf Gips) in der Mediathek Oberkirch als Installation sichtbar gemacht. Es war raumgreifend lang. (Dieses Farbband ist als Poster dem Buch beigelegt.)

Die von Joyce selbst benannten Farbdominanten seiner Kapitel sind in der Literaturwissenschaft als Linati- oder als Gilbert-Gorman-Schema bekannt. 1920 half er damit seinem Freund Carlo Linati, die Struktur des »Ulysses« besser zu verstehen. 1921 erstellte er seinem Freund Stuart Gilbert ein Schema, das die sich in den einzelnen Kapiteln spiegelnden Elemente auflistet. Jedem »Ulysses«-Kapitel hat Joyce bekanntermaßen eine Figur und einen Gesang aus der »Odyssee« zugeordnet, zudem eine Uhrzeit, einen Ort in Dublin, eine Kunstrichtung, eine Farbe, ein Symbol, eine Erzähltechnik. Vom frühen Morgen bis in die Nacht eines einzigen Tages währt der 1000-Seiten-Roman aus dem Leben des Leopold Bloom, Anzeigenaquisiteur bei einer Dubliner Tageszeitung. Es ist der 16. Juni 1904. In vielen Kalendern als »Bloomsday« markiert. Das vollständige Werk erschien erstmals 1922, in deutscher Sprache 1927.

Und dass jemand wie Werner Schmidt sich der Farben im »Ulysses« annimmt, das hat seine eigene, im Kosmos völlig runde Richtigkeit und Bestimmung. Lebenswege sind zwar nie so rund, aber flapsig darf man sagen, dass diese Expedition in die Farbwelt des »Ulysses« eben genau jenem Werner Schmidt bereits in die Wiege gelegt war.

Er kommt tatsächlich aus einer Farbenhersteller-Familie aus dem Schwarzwald und ist – wenn auch nicht mit ihr verwandt – ein Namensvetter der weltberühmten Druckfarbenfabrik Gebr. Schmidt GmbH aus Frankfurt, wie es sich für eine Joyce´sche Koinzidenz gehört.

Werner Schmidt weiß mehr als viele andere Sterbliche, was Farbe ist. Als Maler, aber jetzt auch als Buchautor hat er sich nun in die Ewigkeit geschrieben.

Der Band versammelt 22 Autorinnen und Autoren, allesamt große Joyce-Kenner. Das Buch ist aber auch erhellend in all things Malerei-Prozess. Und es gibt, wir sind schließlich in einem keineswegs humorfreien Bereich der Schrift- und Bildkultur, sogar einen Beitrag: »Ulysses for the colour blind«.

»Die völlige Verdunkelung meiner Sehkraft (…) halte ich mir vom Leib, indem ich mich in den Farben der aufeinanderfolgenden Stadien der Erblindung kleide, wie sie die Deutschen einteilen, nämlich: grüner Starr, das heißt, grüne Blindheit der Glaukom; grauer Starr, das heißt, Katarakt; und schwarzer Starr, das heißt, Ablösung der Netzhaut- Dies ergibt folglich eine nächtliche Trikolore, verbunden durch eine gemeinsame Farbe, Grün, mit Shauns Nationalflagge aus Erbsen, Reis, Eidotter, dem Grau des Abends, das das Gold des Morgens ausgleicht, und dem Schwarz von irgendwas, das das Weiß von irgendwas anderem ausgleicht – vermutlich des Eies. Also ließ ich mir in München ein Jackett aus einem grünen Stoff machen, den ich in Salzburg gekauft hatte, und kaum war ich zurück in Paris, kaufte ich mir ein Paar schwarz-graue Schuhe und ein graues Hemd; und ich hatte schon eine graue Hose, und ich fand eine schwarze Krawatte, und ich schaltete eine Anzeige nach einem Paar grüner Hosenträger, und Lucia schenkte mir ein graues Seidentaschentuch, und das Mädchen fand einen schwarzen Sombrero – womit der Bild vollendet war.«
(James Joyce in einem Brief an Harriet Shaw Weaver vom 20.9.1928,
als Motto dem Buch von Werner Schmidt vorangestellt)

Alf Mayer

PS. Die allesamt überaus originellen Beiträge im Buch stammen von Florian Arnold, Dorothée Bauerle-Willert, Erik Bindervoet, Heinz Brüggemann, Jakob Brüssermann, Michael Deckard, Toni Hildebrandt, Otto Jägersberg, Christa-Maria Lerm Hayes, Jūratė Levina, Susanne Peters, Christoph Poetsch, Saskia C. Quené, Dieter Ronte, Werner Schmidt, Fritz Senn, Dirk Teuber, Vega Tescari, Shane Walshe, Andreas Weigel, Keith Williams, Ursula Zeller.

Werner Tammen und Werner Schmidt. Foto Claudia Fährenkemper – von der Website des Malers

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