Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

3 x 11 Spielworte – von Ingrid Mylo

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum
Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie ‚Spielwort‘ ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo.

Spielwort: Bahnhöfe

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

In der Nähe des Bahnhofs kam mir plötzlich eine Idee: ich würde einen Zug nehmen.
– Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

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Er stand am Bahnhof wie vom Himmel gefallen, und Anna dachte, er habe nicht die geringste Ahnung, wo er gelandet war.
– Joel Haahtela: Der Schmetterlingssammler

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Italienische Bahnhöfe empfand ich schon als Kind als Orte der Vorfreude, ohne zu wissen, woher diese Erwartungen rührten, die mit dem Anblick der hellen Steinbänke und der Trinkwasserbrunnen verknüpft waren.
– Sabine Gruber: Stillbach oder Die Sehnsucht

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Und der merkwürdige Bahnhof, der gerade repariert wurde und über den ihr französischer Freund gesagt hatte: es könnte eine Irrenanstalt sein, es könnte eine Kirche sein, aber ein Bahnhof…
– Malcolm Lowry: Hotelzimmer in Chartres

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Und du sagst, die anständigen Leute hätten euch am Bahnhof erwartet?
– Varujan Vosganian: Ein Bund Liebstöckel

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Wenn ich mir eine Belohnung verdient hatte und mir etwas wünschen durfte, war es das, zum Bahnhof gehen zu dürfen, die Menschen sehen, ihnen zuschauen, wie sie auf Züge warteten, auf eine lange große Reise.
– Wolf Wondratschek: Selbstbild mit russischem Klavier

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Der Zug hält an mehreren Bahnhöfen, die alle gleich leer sind, aber das bringt mich nicht auf die Idee, daß ich hier, genau hier, einfach aussteigen könnte!
– Kjersti A. Skomsvold: 33

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immer sind es die veregneten Bahnhöfe, wo man aussteigt.
– Hans Magnus Enzensberger am 21. Oktober 1958 an Ingeborg Bachmann!

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Geschichten von Typen, die reich genug waren, um sich am Ende ihres Gartens einen Bahnhof hinstellen zu lassen, gibt es genug.
– Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

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Ich begnügte mich damit, meine Neugier auf diesen Ort mit einem Blick auf den Bahnhof zu befriedigen (wenn ein Wissenschaftler ein prähistorisches Tieraus dessen Schenkelknochen rekonstruieren kann, warum sollte ein Schriftsteller dann nicht so viele Emotionen, wie er will, aus dem Anblick eines Bahnhofs ziehen können?).
– Somerset Maugham: The Gentleman in the Parlor

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„Ich kann nicht erklären, warum es ausgerechnet Bahnhöfe sein müssen.“
– Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Spielwort: Fliegen

Elf Zitate zusammengelsen von Ingrid Mylo

Mit den Fliegen kam dann alles ins Lot.
– Fredrik Sjöberg: Die Fliegenfalle

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Ich erinnere mich an eine tote Kuh in einem Moor, und wie die Fliegen in dem ungeheuer angeschwollenen Körper einen Laut hervorbrachten, den ich seitdem immer mit Bachs Solosuiten für Cello verbunden habe.
– Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme

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Ich kenne das Lied der Fliegen auswendig.
– Kim Thúy: Der Klang der Fremde

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Dann brachte mich irgendetwas dazu, mich umzuwenden, und in meinem Erstaunen mußte ich aussprechen, was es war, eine Fliege, die an mir vorbeisummte. Ich mußte mir das Wort vorsagen, Fliege.
– Don DeLillo: Der Omega-Punkt

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Oder ich fürchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrösten die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wärme erholten.
– Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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Ich erinnere mich, daß ich dachte, man müsse ja nur eine tote Fliege in eine Cola tun, um kostenlos zu einem Kasten Coca Cola zu kommen, und ich erinnere mich, daß ich mich wunderte, warum nicht mehr Leute auf die Idee kamen.
– Joe Brainard: Ich erinnere mich

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Im Krug begann eine große, schreckliche Fliege zu summen – eine von denen, die die Totennlieben.
– Iwan Bunin: Der fröhliche Hof

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Ich rühre keinen Finger, ich sitze mehrere Tage lang im Sessel und beachte nicht einmal die beiden Fliegen, die sich auf meinem linken Knie paaren.
– Kjesrti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich

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Einen Moment lang bestand er nur aus Bewegung – er zuckte und tanzte um sie herum wie eine Fliege um eine Glühbirne –, während sie völlig reglos blieb.
– Josh Weil: Das neue Tal

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„Diese Geräusch der Fliegen, ihr Brummen ist genau dasselbe wie in meiner Kindheit“, sagte er. „Seltsam. Als ob es noch immer die Fliegen von damals wären.“
– Georgi Gospodinov im Gespräch mit Tobias Wenzel auf dem Alten Friedhof in General Toschewo

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Der Wagen entfernte sich, und ich war allein mit den Fliegen.
– John Dos Passos: Orient-Express

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(Davon abgesehen ist es, nach Wittgenstein, Ziel der Philosophie, „Der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen“.)

Spielwort: Lippenstift

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Der Lippenstift an ihrer Unterlippe ist leicht verwischt, und ich denke, wenn es mir nachher gelingt, sie unauffällig darauf aufmerksam zu machen, auf diesen verwischten Lippenstift, dann landen wir heute Nacht in demselben Bett.
– Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

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„Von so einem Lippenstift träume ich, aber Mama erlaubt es mir nicht“, murmelte Chloé.
Antoine Laurin: Liebe mit zwei Unbekannten

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„Aber wenn Sie den Lippenstift jetzt nicht nehmen, hab ich vielleicht zum letzten Mal Ihr Haus besucht“, sagte Miss Baby Marie scharf.
– Eudora Welty: Am Landeplatz

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(…), dann trägt sie frischen Lippenstift auf, damit sie gut aussieht, wenn er aufwacht, aber als er aufwacht, nimmt er es nicht einmal wahr, (…)
– Margaret Atwood: Happy-Ends

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Sie wischt sich den Mund ab und verschmiert ihren Lippenstift gerade genug, daß sie aussieht wie frisch geküßt.
– Gregory Sherl: Ab morgen ein Leben lang

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Die Flecken in seinem Gesicht hatte ich für Ausschlag gehalten, aber wie sich herausstellte, war es nur der Lippenstift von Bellas Küssen.
– Lucia Berlin: Tigerbisse

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In der Schule verteilte Direktorin Lin zwei Lippenstifte pro Klasse und erklärte, der Bezirk habe die Order ausgegeben, daß die Mädchen festlich aussehen sollten.
– Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit

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Eine andere Jane hatte früher in London roten Lippenstift getragen und in einem Kellernachtclub getanzt, berauscht vom Wodka und zu allem bereit.
– Louise Welsh: Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar

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Mein Gott, Luna, wer klaut schon einer Knastschwester wie dir den Lippenstift, und dann noch mit deiner ganzen Spucke drauf? fragte ich.
– Jennifer Clement: Gebete für die Vermißten

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Sie hatte so viel Lippenstift aufgetragen, daß es aussah, als wäre ihr der Mund heruntergefallen und ungeschickt wieder befestigt worden.
– Peter Cameron: Schneller Vorauf

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Sie blicke zu ihm auf und sagte (auf Französisch): „Sehen Sie mal, ist mein Lippenstift wirklich so häßlich?“
– Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit

Ingrid Mylo lebt in Kassel. Ihre Texte bei uns hier. Ihre Internetseite und eine vollständige Bibliografie hier.
Gerade von ihr in der edition AZUR erschienen, der Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen. Klappenbroschur, 90 Seiten, 18 Euro. 
ISBN 978-3-942375-46-7 – Bei uns hier besprochen von Gerd Koenen, Georg Seeßlen, Reto Weber und Alf Mayer.