All posts by Ingrid Mylo

Ingrid Mylo über Bücher von Leonard Cohen, Peter Stamm und Jonas Eika             Ein Schrei aus dem All, an den sich pelzige Tiere schmiegen. Ein Sommertag als Rechenaufgabe. Ineinandergeschobene Flugreisen, Menschen mit nur einem Gesicht, die Zukunft verschachert, die Hoffnung eine subtile Form von Folter. Erschöpfungszustände, aus denen man in leergefegten Räume erwacht. Wer sieht uns beim Schlafen zu?             Löcher, in die Bankgebäude stürzen: und unter den Trümmern finden die Angestellten ein neues Zuhause. Löcher zur Gewinnung von Metallen. Löcher, durch die Füße gestreckt werden. Löcher im Kopf, aus denen dasRead More

Posted On Oktober 1, 2020By Ingrid MyloIn Crimemag, CrimeMag Oktober 2020

wildnis, herzbewegt

Ingrid Mylo zu „Cloris“ von Rye Curtis             Als Cloris vom Himmel fiel, am 31. August 1986, war sie 72 Jahre alt und mit ihrem Mann unterwegs zu einer Ferienhütte in den Bitterroot Mountains. Jetzt ist sie 92, lebt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen und erinnert sich, wie das war: damals, als das kleine Propellerflugzeug in die abgelegenen Wälder der Bergregion von Montana stürzte. Als ihr Mann tot in einer Fichte hing und der Pilot mit zerbrochenem Schädel stundenlang schreiend und phantasierend vor sich hinstarb: bis ihm ein Schwall FliegenRead More
Die „Beskiden-Chroniken“ von Andrzej Stasiuk             Er liebt sein Land, er liebt die Vergangenheit, und er liebt es, unterwegs zu sein: daraus macht der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk keinen Hehl, daraus macht er, im Gegenteil, eine Menge Worte. Aus dem, was er nicht mag, auch. Wahrhaftigkeit ist ihm wichtig, seine Leser sollen wissen, woran sie mit ihm sind. Mit billigem Ramsch von chinesischen Märkten, beispielsweise, muß man ihm nicht kommen, auch nicht mit den „grinsenden Mumien“ auf den Wahlplakaten, und Leute, die zu wissen glauben, was gut für Polen ist, kann erRead More
Wildere Arten, der Welt zu begegnen             Auf Miriam Cahns Gemälde ‚Blau‘ fallen, vielleicht auch sinken, lichtblaue Körper deutlich durch tieferes Blau, vielleicht dem Tod entgegen. Die kleine blaue Gestalt, die auf dem Cover von Hosemanns Büchlein unter den dunkelblauen Wellenstrichen treibt, ist dagegen leicht zu übersehen: möglicherweise weil man das möchte: sie mutet, dazu mit dem helleren Dreieck einer angedeuteten Badehose, ein wenig lächerlich an. Und hat so gar nichts mit dem zu tun, wovon auf den Seiten die Rede ist.             Schöne Idee: ans Meer gehen und schauen, einen Tag langRead More
Schon wieder das Blau Drei Lesehinweise von Ingrid Mylo             Ob man den Inhalt erzählt oder nicht: was passiert ist weniger wichtig als die Art, in der das Passierte abgeliefert wird. Satz unter Satz, manchmal nur Worte, kein Punkt, kein Komma, Sterne manchmal und gelegentlich ein Fragezeichen. In der formalen Verkleidung eines Gedichts rollt der Text über die vielen Seiten des Buches, Sätze zwischen August und Ende Dezember: Gesteinsproben subjektiver Realität, Gedankenmuster, Gefühlspartikel, Gewaltphantasien. Das Ich einer jungen Lehrerin: sie tritt eine neue Stelle an, sie schürft sich an einer neuen LiebeRead More
Dieses Gedicht  Abends, wenn die Zeilen
leer im offenen Fenster klappern und Lücken im Gefühl auftauchen, wie Gespenster grinsen: wen glaubst du zu erkennen zwischen den unvollständigen
Sammlungen von Absichten
und Insektenflügeln, wohin
sind Bemühung und Schrift.  Feg alles vom Tisch: die Blätterhaufen, unter denen die Worte verrotten. Die zurechtgelegten Würfel. Die Schuldbekenntnisse. Die Girlanden.  Schritte hallen heran, warte, solange du willst: sie werden dein Gedächtnis nicht erreichen.  London vorbei, die Welt:eine Schublade voller Kopien, und du weißt: kein Satz überlebt den Januar.Du weißt: auch dieses Gedicht bleibt ungeschrieben.  © ingrid mylo  Die sonnige Fratze des Wasserspeiers  Messerwurf. Münze.
Die sonnige Fratze des Wasserspeiers
auf dem Weg zumRead More

Posted On Dezember 16, 2018By Ingrid MyloIn Crimemag, CrimeMag Dezember 2018

Zwei Gedichte von Ingrid Mylo

La Véronique Hier sind die Schmetterlinge groß, und die Zikaden ziehen die stehengebliebene Zeit auf, ununterbrochen: vergeblich. Und der Wind: aus den Steineichen streicht er die unzutreffenden Bilder, hier, wo die Städte nichts gelten. Stühle schon eher: im Schatten. Oliven, die tausendmal in den Zweigen einen Punkt setzen hinter jedem Versuch, die Lesart zu ändern. Ja, hier, wo die Toten ihr Herz darbieten im aufgeplatzten Grün einer Mandel. Prosperos Buch Die Chinesen, heißt es, lesen die Zeit in den Augen der Katze. Wer hätte je versucht, in der Stille desRead More
Elf Dörfer entfernt Leg die weißen Gladiolen nieder in jener Mulde der Zeit, in der sich im kühlen Zimmer die Nachbarn drängten wie dunkle Boote am Abend des Sturms. Sein Körper lag noch im Bett: doch er war schon seit Stunden nicht mehr der Mann, der Bretter zu Fässern bog, der seinen Sohn verlor im Krieg und seine Tochter an einen Heimatlosen. Nicht mehr der Mann, zu dem die Katze zurückfand, die er ausgesetzt hatte, elf Dörfer entfernt. Einst hielt er dich auf dem Arm: dachtest du. Aber er stand,Read More