3 x 11 Spielworte (51) – Tisch, Schicksal, Früchte
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum einfünfzigsten Mal.
Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.
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Spielwort: Tisch
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
„Wirklich? Du willst es auf dem Tisch tun?“ fragte Bleu. – „Ja. Das ist ein stabiler Tisch. Wieso nicht?“
– Christopher Moore: Sacre Bleu
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Wenn wir unter dem Tisch vertraulich zusammenstießen, konnten wir uns gar nicht schnell genug beim anderen entschuldigen.
– Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht
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Ich weiß nicht, wie nahe ich ihr kommen darf, noch ist der Tisch zwischen uns.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Weiß ich, wann es Liebe ist
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Er ließ sich einen Tisch zimmern, gut acht Meter lang, an dem empfing er seine Gäste, immer nur einen, er auf der einen Seite des Tisches, der Gast auf der anderen.
– Michael Köhlmeier: das Philosophenschiff
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Ich sehe nur dieses tonlose Sprechen, die einander zugeneigten Figuren in einem innigen Dialog, als säßen sie einzig an diesem Tisch, um zu sprechen und gleichzeitig nicht zu sprechen.
– Undine Gruenter: Flucht in die Wälder
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Das Kind setzte sich auf den Tisch, weil es Bauchschmerzen davon bekam, über der Kante zu hängen.
– Tove Ditlevsen: Königin der Nacht
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Um gänzlich ungestört zu sein, kroch sie unter den Tisch.
– Heike Kühn: Schlangentöchter
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Nur mein Vater wirkte unbeeindruckt, wie immer frei davon, sich für die Stimmung am Tisch verantwortlich zu fühlen, an dem auch er zufällig saß.
– Caroline Albertine Minor: Flügel des Lebens
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Auf dem Tisch gratis Kolonialwaren und unter dem Tisch angeeignete Perserteppiche: das ist das Tatsächliche der Geschichte.
– Gottfried Benn: Weinhaus Wolf
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Jeden Tag saß ich an dem großen weißen Tisch in der Küche und wünschte, die Zeit würde schneller vergehen, damit ich endlich erwachsen war und meine eigenen Entscheidungen treffen konnte.
– Karolina Ramqvist: Brot und Milch
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Für Normalsterbliche diente der Tisch einzig dazu, sich das Schienbein zu stoßen.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen
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Spielwort: Schicksal
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
„Den Weg des Schicksals kann man nicht ändern, aber man kann sich entscheiden, auf welcher Straßenseite man geht“, sagt Svale.
– Karin Smirnoff: Verderben
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Gedankenlos und unschuldig saß sie an unserem Tisch und wartete auf das Schicksal.
– Marlen Haushofer: Wir töten Stella
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[…] und ich dachte SCHICKSAL, und ich dachte NEIN, alle schreiben Gedichte über den Tod, wenn sie jung sind […].
– Naja Maria Aidt: Carls Buch
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Die ganze Nacht stieg und fiel ich wie im Wasser //und kämpfte mit einem leuchtenden Schicksal.
– Mary Oliver: Im Wald schlafen
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Der böse Hund gehörte einer hageren Person, und sie rief ihn: „Schicksal!“
– Paula Ludwig: Hunde
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Fein vertrat plötzlich die Ansicht, der Mensch könne, wenn sein Schicksal von vornherein beschlossen sei, tun, was ihm beliebe: denn wie wären dann „Fehler“ möglich?
– Joyce Carol Oates: Marya
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Besser man kümmerte sich um sein eigenes Schicksal, so reich an Rätseln, so schwer bepackt mit Geheimnissen, daß es mehr als genug war für eine beklemmende Unruhe.
– Julien Green: Treibgut
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Daß es einen Plan geben sollte, widersprach Richards Überzeugung, wonach die Menschen ihr Schicksal selbst in der Hand hielten.
– Remco Campert: Eine Liebe in Paris
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Ich atmete die eisige Luft ein und vergrub die Hände tief in meinen Jeanstaschen, die ganze Zeit mit dem stärker werdenden Gefühl, daß ich auf ein Schicksal zulief, das mir immer bestimmt gewesen war.
– Gwendoline Riley: Cold Water
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Es gibt keine dümmere Frage als die, womit wir ein derartiges Schicksal verdient haben – auch wenn wir nicht begreifen, womit wir es verdient haben.
– Imre Kertész: Tagebuch 5. November 2001
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Schicksal? Ach nein.
An Schicksal zu glauben war nur als junges Mädchen aufregend.
– Wolf Wondratschek: Auf dem Graben
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Spielwort: Früchte
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Um sie zu ermutigen, ihn zu küssen, hatte mein Vater sie zu Hause besucht und ihr im Schatten der Maulbeerbäume im Garten Früchte in den Mund geschoben.
– Delia Falconer: Die Liebe zu den Wolken
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Unter einem Birnbaum macht das liebende Paar sich über die verbotenen Früchte her, angespornt von einem Teufel, der halb Schlange ist, halb Kind.
– Olivia Laing: Der Garten und die Zeit
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Trotzdem lud er keine zwei Wochen nach dem positiven Test heimlich eine App auf sein handy, die anzeigte, wie groß der Embryo war, als Vergleich dienten Früchte – Blaubeere, Kumquat oder gar Ananas, obgleich das Ananasformat nie erreicht wurde, nicht einmal das Zitronenformat, die ganze Sache endete als Feige.
– Katie Kitamura: Die Probe
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Der Teller, auf dem er die Frucht entkernte, gehörte nicht zu seinem Geschirr.
– Vizconte de Lascano Tegni: Von der Anmut im Schlafe
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Das ist nichts Neues, das ist ein Musterbeispiel für jemanden, der skrupellos alle Früchte ißt, die andere eingesetzt haben, und der sich überfrißt, Gott sei Dank. Dadurch wird ihm schlecht und er platzt.
– Thomas Bernhard: Ich beschimpfe überhaupt niemanden
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(…) wir verstecken uns im Obstgarten, aber ich vertraue dem Apfelbaum nicht, der mit klingelnden Früchten auf uns weist
– António Lobo Antunes: Wörterbuch der Sprache der Pflanzen
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Das Phantom fiel um, der Träumende stemmte den Stein in die Höhe und ließ ihn auf den Kopf fallen, der wie eine faule Frucht aufplatzte.
– Peter Carey: Die geheimen Machenschaften des Jack Maggs
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Wenn nun die Leute die Früchte kaufen wollten, hoben die Verkäufern ihre Deckel von den Körben und zeigten Menschenköpfe, die soeben. vom Körber abgetrennt worden waren.
Ignazio Silone: Die Kunst der Diktatur
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Denn selbst wenn ich hier zusammenbräche und aufhörte zu atmen, würden weiterhin die Früchte auf die Erde plumpsen.
– Natsu Miyashita: Der Klang der Wälder
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Es wäre klüger von mir gewesen, zu gehen und diese Früchte zu pflücken, wird manch einer denken, und nicht soviel Umstände zu machen.
– Philippe Jaccottet: Der Kirschbaum
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Wir pflücken allzu unreife Früchte und hemmen mit unserer Ungeduld die Entwicklung der Dinge.
– Gottfried Benn: zum Thema Geschichte
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Hinweis: Noch erhältlich sind einige Exemplare von Micromegas 2, ein experimentelles Werkstatt-Projekt von Felix Hofmann und Ingrid Mylo, nicht im Buchhandel erhältlich. Essays, Erzählungen, Gedichte. Kartoniert mit Schutzumschlag / Feines Papier / Handgebunden / 64 Seiten. Limitierte Auflage. Preis: 17 Euro (inkl. Porto). Mail an: hofmann(at)micromegas.de

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch
3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












