Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (28) – Arme, Moment, Bleistift

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Arme

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo



            Er stellte die beiden Bücherkisten, welche auf Rollen liegen, draußen auf; dann blieb er mitten im Laden stehen und wußte nicht, wohin mit seinen Armen.
– Georges Simenon: Der kleine Mann von Archangelsk

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            Seine Arme, die in der Müdigkeit allmählich ruckhaft an den Lehnen des Stuhles hinabsinken, mit den Geräuschen eines gleichmäßig tropfenden Wasserhahns.
– Peter Handke: Die Zeit und die Räume

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            Ich wollte ihn an mich drücken, ihn auf meinen Rücken nehmen und mir seine Arme über die Schultern legen wie die Gurte eines Rucksacks.
– Lara Williams: Die Odysee

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            Meine Mutter hatte mir mein ganzes Leben lang Dinge immer nur durch die Tür gereicht, nur ihr Arm hatte mir ein Handtuch oder die Seife, oder was ich eben brauchte, entgegengestreckt.
– Lily King: In der Dordogne

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            Großvater dachte, daß diese Frau mit ihren Armen sein Leben zusammenhalten könnte.
– Anita Harag: Vierzig von vierzig

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            Gleich nähme er sie in die Arme und zerstörte sie.
– Marguerite Youcenar: Der erste Abend

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            „O Isabel“, stöhnte Moira, „diese wundervolle Stelle, wo er schreibt, wie er dich in seinen Armen hält!“
– Katherine Mansfield: Ehe, ganz modern

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            Die Arme nahm er nur herunter, um die Durchblutung wieder in Gang zu bringen.
– Don DeLillo: Spieler

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            Alle Arme drehen sich wie Kompaßnadeln zu ihm, die Sekretärin rammt mit ihrem Arm, der ausschlägt wie eine Wünschelrute, sogar den Wasserspender, der natürlich umkippt und alles überflutet.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen

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            Wer hat sein Einverständnis gegeben, daß die Menschen aufgeregt die Arme schwenken?
– Ryszard Kapuscinski: Über die iranische Revolution und die Demokratisierung eines Vielvölkerstaats

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            Solange man nicht gezeigt hat, daß man Arme hat, kann niemand wirklich sicher sein, daß man welche hat, und das ist das beste Mittel, Distanz zu wahren.
– Fred Vargas: Im Schatten des Palazzo Farnese

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Spielwort: Moment

Elf Zitate zusamengelesen von Ingrid Mylo

            In jedem Moment kann jemand ins Bild treten, es ist niemals klar, wer.
– Thomas Stangl: Kein Bruder

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            Aber ich eile in die Zukunft voraus und muß zu jenem Moment am Morgen zurückkehren, da der Herrscher auf den Stufen des Palastes erscheint und zum Morgenspaziergang aufbricht.
– Ryszard Kapuscinsky: König der Könige

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            Ich hette noch genau den Moment vor Augen, als er mir das Parfum hinter dem Ohr auftrug.
– Yoko Ogawa: Der Duft von Eis

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            Ich wünschte mir mehr solcher Momente, in denen ich es in mir fließen spürte, in denen ich jemanden kennenlernte und ihm die Möglichkeit bot, auch mich kennenzulernen.
– Jessica Au: Kalt genug für Schnee

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            Aber ich hätte niemals den Mund aufmachen sollen, denn wie immer war ab diesem Moment alles verdorben und überhaupt nicht mehr so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
– Claire-Louise Bennett: Teich

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            Manche Momente in meinem Leben scheinen gar nichts mit mir zu tun zu haben, wie Postkarten flattern sie einfach herein.
– Samantha Harvey: Das Jahr ohne Schlaf

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            In solchen Momenten ist es besser, wenn einen keiner sieht.
– Georges Simenon: Maigret und Pjetr der Lette

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            Da erinnerte er sich, wie er Zeuge jenes winzigen Moments, in dem sie – ein Moment mit allen Qualitäten eines Theaterauftritts – in die Bahn gestiegen war, ein Theatereffekt, der sich eher zufällig ergeben hatte und den man ihr nicht gutschreiben konnte.
– Eileen Chang: Straßensperre

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            In solchen Momenten bemerkte ich schon damals das trügerische Flimmern der Sommerheiterkeit.
– Marica Bodrozic: Mein weisser Frieden

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            Vielleicht haben alle Lebewesen einen hell leuchtenden Moment, zumindest einmal im Leben, gerade weil sie alle zerfallen wie unreifes Obst, verschwinden wie Feuerwerk am Nachthimmel.
– Gu Byeong-Mo: Frau mit Messer

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            Es gibt so Momente, wo alle nicken.
– Fred Vargas: Es geht noch ein Zug von der gare du Nord

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Spielwort: Bleistift

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            Er nahm einen Bleistift zur Hand und fing an aufzuschreiben, was er von dem Gespräch noch in Erinnerung hatte.
– Chris Power: Ein einsamer Mann

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            Wenn ich diese Zeilen wiederholt anblicke, um zu sehen, wo ich hernach den Bleistift ansetzen soll, dann beschwören sie mir eindeutig die Ufer eines Flusses.
– Henri Michaux: Turbulenz im Unendlichen

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            Ich war hier schon, bevor ich mit Bleistift // meinen Namen schreiben durfte, // in einer Schrift, die mich nicht mehr erkennt.
– Michael Krüger: Literarisches Colloqium

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            An dieser Stelle, mein Freund, bin ich mit dem Bleistift in der Hand eingeschlafen.
– Marina Zwetajewa: Ich sehe alles auf meine Art

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            Als er mit seinen Überlegungen fertig war, warf er plötzlich den Bleistift von sich und wandte sich zu ihr.
– Tove Ditlevsen: Das eigensinnige Leben

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            Sie hat sich einen gelben Faber-Castell-Bleistift in den Haarknoten gesteckt, und ich will, daß sie ihn rauszieht.
– Jürgn  Hosemann: Papierkorb

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            Nur Mr. Farebrother schlug die Augen nieder, während er mit peinlicher Genauigkeit seinen Bleistift spitzte.
– Vita Sackville-West: Der Erbe

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            Er hat einen Meditationsguru engagiert, der ihn dazu ermutigt, sich als großen Bleistift zu sehen, aber er kommt nur bis zum Radiergummi.
– Margaret Atwood: König Baumstamm im Exil

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            Sieben Bleistifte der Stärke zwei zu verbrauchen, stellt einen guten Arbeitstag dar.
– Ernest Hemingway in einem Interview mit der Paris Review

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            Je kleiner die Bleistifte werden, umso leichter verstecken sie sich.
– Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen

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            Der angewitterte Bleistift auf dem verwitterten Gartentisch: was will ich mehr?
– Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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