Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Fingernägel, Bienen, Dinge – Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (25)

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie ‚Spielwort‘ ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Bienen

Elf Zitate zusamengelesen von Ingrid Mylo


            Ich hatte seit jeher Begegnungen mit Bienen und habe mich oft gefragt, weshalb die Protagonisten der Märchen, wenn sie durch Wald und Flur streifen, so gut wie nie von Insekten gestochen oder gebissen werden.
– Deborah Levy: Was das Leben kostet

**


            Ich mußte lächeln, weil ich Bienen um mich herum summen hörte.
– Angelika Klüssendorf: Alle leben so

**


            Manchmal verlor er sich in Gedanken und vergaß die wütende Biene, die ihn verfolgte.
– Jeffrey Eugenides: Alte Musik

**


            Die Kerle hatten keinen Respekt vor Muskeln, weil sie die auch hatten, aber wehe, eine Biene ging zum Angriff über.
– Wolf Wondratschek: Der mit den Fäusten tanzte

**


            Berger schauderte und mußte an Bienen denken, an Bienen, die einen menschlichen Körper komplett bedeckten.
– Arne Dahl: Null gleich Eins

**


            Der Legende nach hatten Bienen sie bei ihrem Tod mit einem weißen Laken bedeckt. So hatte ihr Leben 1447 mit Bienen ein Ende gefunden, wie es auch mit Bienen angefangen hatte – in ihrer Wiege waren sie in ihren Mund hinein- und wieder herausgekrabbelt, um sie mit Honig zu füttern.
– Tommy Wieringa: Santa Zita

**


            Daß jetzt eine Biene in den Blütenkelch krabbelt, ist vielleicht die gute Nachricht, auf die Petrow gewartet hat.
– Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

**


            Hier konnte er mit seinen Bienen sitzen und warten, bis sie seine Seele ergriffen und damit davonflogen.
– Arne Dahl: Fünf plus Drei

**


            Vielleicht wollte sie aber auch Bienen haben, weil Bienen ihr einen Weg zurückbahnten zu ihrem Vater.
– Christina Hasselholdt: Gefährten

**


            Warum erinnere ich mich an das Summen der Bienen im Garten, als ich zum Strand hinunterging, und vergesse vollkommen, daß ich von Vater nackt ins Meer geworfen wurde?
– Virginia Woolf: Eine Skizze der Vergangenheit

**


Die hinter der Fensterscheibe gefangene Biene ist eingeschlafen und träumt von feuchten, goldenen Sechsecken.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen

** ** **

Spielwort: Dinge

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

                  Ich bin ziemlich oft furchtbar enttäuscht davon, wie die Dinge sich entwickeln, aber das ist normalerweise meine Schuld, aus dem einfachen Grund, daß ich immer zu früh annehme, die Dinge hätten sich bereits entwickelt, wohingegen alles noch im Fluß ist.

– Claire-Louise Bennett: Teich

**

                  Ich rede zu mir in etwas verrückten, lächerlichen Worten, die nicht unbedingt schlechter als die verrückten, lächerlichen Dinge sind, die mir im Bett durch den Kopf gehen.

– Ding Ling: Tagebuch einer Selbstmörderin

**

                  Mit weit aufgerissenen Augen staunt die Wissenschaft über die unfaßbaren Dinge, die sie entdeckt hat, und doch hat sie, wie schon erwähnt, mehr Gründe, sie zu glauben, als an ihnen zu zweifeln.

– Samantha Harvey: Das Jahr ohne Schlaf

**

                  Aber jetzt wandern ihre Augen zu zweckfreien Dingen, Sachen, die es einfach nur gibt, weil sie hübsch sind.

– Gu Byeong-Mo: Frau mit Messer

**

                  „Wenn die Dinge nur sein können, was sie sind, wieso ist dann aus der St-Nikolaus-Kirche in Baryn eine Schwimmhalle geworden?“

– Rose Tremain: Der weite Weg nach Hause

**

                  Es war anders als alles, was ich kannte, aber wenn man ein Kind ist, begegnen einem jeden Tag ein Haufen Dinge, die man nicht kennt.

– Michael Köhlmeier: Frankie

**

                  Man treffe eine Entscheidung, und was man von den verlorenen Dingen haben will, präsentiert sich von selbst.

– Elizabeth Hardwick: Schlaflose Nächte

**

                  Was die Herkunft der Dinge anging, war meine Mutter sehr eigen, sie mochte es nicht besonders, wenn etwas quasi aus dem Nichts auftauchte.

– Claire-Louise Bennett: Kasse 19

**

                  Denn eine Kassette rückwärts zu hören, war noch eins dieser Dinge, die die Erwachsenen uns ohne jegliche Erklärung verboten.

– Fernanda Trías: Rosa Schleim

**

                  Wenn ich versuche, die Dinge für mich zu behaten, gelingt mir das zwar ziemlich lange, aber am Ende kommt es doch aus mir heraus.

– Riku Onda: Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen

**

                  Alle Dinge sah er an diesem Tag wie in Abfallkörben liegend

– Peter Handke: Die Zeit und die Räume

** ** **

Spielwort: Fingernägel

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

                  Gil betrachtete seine Fingernägel. Das machte er immer, wenn er heftig über etwas nachdachte.

– Karin Schneuwly: Olivenkerne

**

                  Seine einzige Beschäftigung bestand darin, ab und zu mit den Zähnen an einem Fingernagel herumzukauen.

– Fred Vargas: Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

**

                  Wenn man hingegen eine Handvoll Mandelhobel einfach wahllos verstreut, erinnern sie an Fingernägel, die sich gerade aus der Erde bohren.

– Claire-Louise Bennett: Teich

**

                  Sie hatte Moritz die roten Fingernägel gezeigt und gesagt, das könne auch Blut sein, nicht wahr?

– Sybil Schreiber: Die Kerze, die kannst du wie sonst keine

**

                  Jenes Lächeln war das von Cláudia, als sie die Fingernägel in den Hals ihrer Schwester grub, sie unter dem Druck ihrer Hände sterben sah.

– Florbela Espanca: Das Sonett

**

                  Der Mann am Tisch hatte dann seine Zigarette in den Aschenbecher gelegt, um mit den Fingernägeln seiner rechten Hand die seiner linken zu bearbeiten.

– A. F. Th. van der Heijden: Fallende Eltern

**

                  Trotzdem kommt, wenn man ein Buch von Karina Sainz Borgo liest, eine Frage auf: Wie sehen wohl ihre Fingernägel aus?

– Susanne Romanowski: Fluchtpunkt Friedhof (FAS 26. Februar 2023)

**

                  Die Heilige Martha lackiert sich ihre Fingernägel in der Farbe portugiesischer Orangen, um der Pappkartonblässe des Fleischbandlebens zu trotzen.

– Deborah Levy: Schöne Mutanten

**

                  Sie hatte jetzt, fiel ihr auf, weißen Kalkstaub unter den Fingernägeln.

– Danielle McLaughlin: Die Kunst des Fallens

**

                  „Du wirst das sicher nicht verstehen, aber mit einer Frau, die nicht einmal saubere Fingernägel hat, kann man keine Diplomatenkarriere machen.“

– Tove Ditlevsen: Gesichter

**

                   Sein so gewissenhafter Kollege Paul würde sich alle Fingernägel abbeißen, wenn er erführe, daß er die Wahrheit in alle Winde gestreut hatte. Nicht schade um die Fingernägel.

– Fred Vargas: Im Schatten des Palazzo Farnese

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Anfang des Jahres von ihr erschienen: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

Tags : , , ,