Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Knöpfe, Leben, Glas: Ingrid Mylos 3 x 11 Spielworte (15)

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie ‚Spielwort‘ ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Knöpfe

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Sie hatte einen Knopf geöffnet, so daß man den Puls unter ihrem Schlüsselbein pochen sehen konnte.
– Tove Ditlevsen: Gesichter

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            An den Knöpfen sieht man auf Anhieb, was ein Kleidungsstück wert ist.
– J. L. Carr: Ein Tag im Sommer

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            wenn früher ein Knopf fehlte, bewegten sich die Füße plötzlich langsam
            – Paß auf daß du nicht darauftrittst
– António Lobo Antunes: Ich gehe wie ein Haus in Flammen

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            (…), eben da war er bereits beim Hinausgehen aus dem Konzerthaus, und vollauf damit beschäftigt, sich, geduckt gegen den Wind, auf die Knöpfe seines Mantels und, das vor allem, die richtige Reihenfolge, sie zuzuknöpfen, zu konzentrieren.
– Wolf Wondratschek: Der Virtuose, Der Arzt, die Poesie

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            Ich knöpfte einen Knopf zu, der andere sprang auf.
– Ariana Harwicz: Stirb doch, Liebling

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            Je runder der Glatzkopf, desto entsetzter blickte Mike. Zeitgleich entwickelte er eine Angst vor Knöpfen.
– Clemens J. Setz: Geteiltes Leid

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            An ihrem ockergelben Torso baumelten schlaffe Gliedmaßen herab, die Knöpfe, die als Augen dienten, hatten sich gelöst.
– Yoko Ogawa: Augenblicke in Bernstein

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            Jedenfalls stellt sie keine Fragen mehr und geht auf die Knie, um die verstreuten Knöpfe einzusammeln.
– Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

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            Er konnte sich selbst ein Brot schmieren, und er konnte wieder Hemden tragen, weil es ihm wieder gelang, die Knöpfe durch die Löcher zu stecken.
– Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

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            Er stand in der Küche und drückte die Brust heraus, und die Knöpfe seiner blauen Uniform glänzten mit einer Begeisterung, mit der wohl nur amtliche Knöpfe glänzen konnten.
– Katherine Mansfield: Frau Brechenmacher geht auf eine Hochzeit

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            „Mal so aufs Geratewohl gefragt, der Knopf an Ihrer Jacke, haben Sie eine Ahnung von seinem Kreisumfang?“
– Fred Vargas: Fünf Francs das Stück

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Spielwort: Leben

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            Das Leben ist so oder so beschissen, dachte er. Als ich klein war, hab ich das nur noch nicht gewußt.

– Haruki Murakami: Kafka am Strand

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            Mein Gott, wie kompliziert das Leben war, wenn man erst mal anfing, darüber nachzudenken.

– Edward St Aubyn: Am Abgrund

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Das Leben ist ein verrückter, verdrehter Ort, an dem Salz sich mit Zucker vermischt und Ertrunkene auf dem Trockenen gehen, sagte er.

– Jennifer Clement: Gebete für die Vermißten

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            Das Leben, denkt er, hat doch immer die besten Witze auf Lager.

– Colum McCann: Transatlantik

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            Im Leben kriegt man immer was ab, wenn nicht das eine, dann das andere.

– Esa Sariola: Vier Skizzen

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            Es war, als bedeutete, daß sie nicht mehr am Leben war, nicht zwangsläufig, daß sie tot war – so als gäbe es irgendeine dritte Möglichkeit.

– Lydia Davis: Die Seehunde

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            „Das Leben ist weder symmetrisch noch harmonisch, es ist brutal!“ sagte jemand.

– Rajia Siekkinen: Der Baumkauf

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            Ein Leben konnte sich auf ein Leben reimen – drängelknapp daneben, aber man hielt es doch für das Echte.

– Lorrie Moore: Flügel

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            Das Leben vor meiner Geburt war eine schöne Zeit, sagt Samuel.

– Kjersti A. Skomsvold: 33

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            Leben wird gelebt. Nicht nötig, daran teilzuhaben, solange man weiß, daß es fließt.

– Rachel Kushner: Flammenwerfer

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            Das Leben wird überschätzt, sagte sie.

– Eberhard Rathgeb: Das Paradiesghetto

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Spielwort: Glas

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            Er legte einen Finger auf die Fensterscheibe, glücklich, daß sie zumindest das hatten: Glas, das Licht herein ließ.

– Alexi Zentner: Das Flüstern des Schnees

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            Sein Gesicht spiegelte sich im Glas, teilte sich, als stünden uns allen zwei Leben offen.

– Joel Haahtela: Der Schmetterlingssammler

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            So viel Glas muß doch die alten Leute aufheitern, oder sogar manche Leute, die nicht so alt, aber neben der Kappe sind.

– Alice Munro: Mit Seeblick

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            Ich habe noch nie gesehen, wie sich zwei Brausetabletten in einem Glas auflösen, und starre in das Glas.

– Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

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            Er hob das Glas, aber es war leer, ihm fiel ein, daß es vor einer Weile nicht leer gewesen war.

– Åke Edwardson: Das dunkle Haus

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            Das kühle Glas hatte beinahe einen Geschmack, aber dann doch nicht; vielleicht war es der Geschmack, nachmittags an einem Lunchtresen zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen.

– Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer

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            Irina starrte auf die drei Gläser vor sich auf dem Tisch. Hier sitze ich und starre auf drei Gläser, dachte sie.

– Håkan Nesser: Himmel über London

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            „Cheers“, tschilpte sie, hob ihr Glas und fing plötzlich an zu weinen.

– Steve Tesich: Abspann

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            Beim Schreiben kann man wenigstens nachsehen, was man vorher gesagt hat; aber das verrät auch nicht immer, was man hat sagen wollen. Wie wenn man mit Kreide auf ein nasses Glas schreibt.

– Max Frisch: Aus dem Berliner Journal

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            In ihrer Hand fühlte sich das Glas an wie die Antwort auf all ihre Probleme. Es wog mehr als sämtliche Wörter.

– Chuck Klosterman: Nachteulen

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            Manchmal stoße ich ein Glas vom Tisch und stelle mit Vergnügen fest, daß es fällt und zerspringt.

– Georgi Gospodinov: Physik der Schwermut

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren

Vier Blicke auf Ingrid Mylos neuesten Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Gerade von ihr erschienen: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

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