3 x 11 Spielworte (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Diese frei schweifende Reihe von Ingrid Mylo hat inzwischen viele Leserinnen und Leser gefunden. Wir präsentieren Ihnen hier Folge 36.

Spielwort: Fotos
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Ein junges Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, machte Fotos der Entenscheiße und kicherte, während sie ihre Kamera näher hielt. Ich mochte sie sofort, ein Mädchen, das ich nie wiedersehen würde.
– Amy Hempel: Wolkenland
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Es gelang mir, sie diskret auf ein Foto zu bekommen, ohne sie oder mich selbst in Verlegenheit zu bringen, und in dieses Foto habe ich mich verliebt.
– David Park: Reise durch ein fremdes Land
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Am Ende stellte er fest, daß das Foto seine Erinnerung nicht auffrischte, sie entsprach einfach dem Foto und dessen Beschränkungen und Details.
– Katherine Dion: Die Angehörigen
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Vor diesem Foto fühlte er sich wie ein Klotz, manövrierunfähig, und schließlich hatte er das Foto zur Wand gekehrt und drehte es auch nur selten wieder um.
– Antje Rávic Strubel: Fremd Gehen
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Das Foto in meinem gestohlenen Ausweis war gar nicht so übel, aber auf dem neuen sehe ich aus wie ein Penis mit aufgemaltem Grinsegesicht.
– David Sedaris: Ein ungeklärter Fall
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Wenn man anhand eines Fotos erkennt, daß die darauf dargestellte Person verzweifelt ist, tritt nach dem ersten Schrecken eine gewisse Ruhe ein.
– Fleur Jaeggy: Der schwarze Spitzenschleier
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Kaas glaubte, nur auf Fotos richtig gesund aussehen zu können.
– Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten
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Als ich ihn fragte, ob er die Fragen der Schüler beantworten könne, war sein einziges Angebot: „Laßt uns Fotos machen!“
– Anthony Vesna So: Generationsunterschiede
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Die Auswahl des heutigen Morgens enthält das Foto von etwas, was der Körper eines Mannes sein könnte, oder einer Frau; er ist so verstümmelt, daß er auch der Körper eines Schweins sein könnte.
– Virginia Woolf: Drei Guineen (zitiert in Ali Smith: Wem erzähle ich das)
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Alles auf dem Foto war wie immer, nur anders, als ob das Bild neuerdings unbestimmt wäre, zwischen Zeitlichkeiten flimmerte.
– Ben Lerner: 22:04
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Dieses Gefühl, daß wir schon alle tot und nur noch Fotos sind.
– Véronique Olmi: Das Glück, wie es hätte sein können
……

Spielwort: Gefühle
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Als Kind hatte ich ab und zu das starke Gefühl, meine Handflächen wären mit Salami und Remoulade beschmiert.
– Caroline Albertine Minor: Segnungen
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Wenn man ein Gefühl hat, oder eine Erfahrung macht, die man nicht erklären kann, weil es dafür kein richtiges Wort gibt, ist es, als würde die Seele stottern.
– Calan Wink: Big Sky Country
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Wäre er aufgefordert worden, seine Gefühle zu benennen, hätte er sich vielleicht eines Wortes aus seiner Sprache bedient, das beschreibt, wie das Meer kurzzeitig einen Felsbrocken verschwinden läßt; wie das Wasser ansteigt und ihn komplett bedeckt, bevor es sich zurückzieht und ihn wieder freigibt.
– Carys Davies: Ein klarer Tag
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Dann, im Taxi, waren ihm all die edlen Gefühle eingefallen, die er sich einst zugetraut hatte.
– Julian Green Treibgut
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Die eigenen Gefühle können so fragil und merkwürdig sein – warum sie da nicht seltsam und schön erhalten, anstatt sie jedem auf die Nase zu binden.
– Gwendoline Riley: Cold Water
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Normalerweise will ich jemanden, dem ich mein Gefühl gezeigt habe, nie mehr wiedersehen.
– Jane Bowles: Im Gartenhaus
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Es war mir so wenig ähnlich, einen Menschen derart unverhohlen anzustarren, daß ich mich einen Moment mir selbst fremd fühlte; ein eigenartiges und durchaus nicht unangenehmes Gefühl.
– Kjell Askildsen: Ein plötzlich befreiender Gedanke
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Ich hatte das Gefühl, als hätte ich vergessen, den Hund reinzulassen, aber wir haben keinen Hund.
– Peter Cameron: Gelegenheitsjobs
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Vor mir standen mein Leben und mein Buch, und mit jedem Tag wuchs das Gefühl, das erste könnte sich in das zweite verwandeln und darin verschwinden.
– Marina Jarre: Weit entfernte Väter
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Es ist zwar nur ein Gefühl, aber sie hat eine tiefe Trauer bei dieser Frau gespürt – die Ziellosigkeit einer Weinrebe, die nichts mehr hat, wo sie sich entlangranken kann.
– Gu Byeong-Mo: Frau mit Messer
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Manche Gefühle sind einjährig wie Blumen: der Herbstwind rottet sie aus.
– Paula Ludwig: Das Wunderbare
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Spielwort: Zahnbürste
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Immer hat er noch etwas vergessen, das ist jetzt die dritte Zahnbürste, die er mitnimmt, er nimmt sogar meine mit, die ich gerade erst ausgepackt und erst einmal benutzt hatte.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November
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Zerstreut ordnete sie die Zahnbürsten auf dem Brett über dem Waschbecken, leckte ihren Daumen an und entfernte zwei weiße Spritzer vom Spiegel.
– Jaap Robben: Kontur eines Lebens
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Sie denkt an die Zahnbürste, die ihre Mutter zu ihrem Besitz zählt, als sie ihre Tochter die Treppe hinunterstößt.
– Marica Bodrozic: Herzflorett
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Sie ließ die Zahnbürste sinken. Die Borsten glänzten rot.
– Terki Kokkonen: Arctic Mirage
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Ich scheue nicht vor fremden Zahnbürsten zurück, benutze sie sogar oft, das ist das Mindeste. Bevor ich sie exakt so zurücktue, wie ich sie vorgefunden habe, lasse ich die Borsten trocknen. (Manchmal benutze ich dazu den Föhn.)
– Alexander MacLeod: Darf ich fragen, was Sie da anstarren
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„Klingt nach Riesenspaß“, murmelte er, die Zahnbürste zwischen den Lippen.
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin
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Klaus Wagenbach übernachtete bei uns, und was mich an seinem Besuch am meisten beeindruckte, war, daß er keinerlei Gepäck bei sich hatte außer seiner Zahnbürste.
– Franz Hohler: Klaus Wagenbach
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Vielleicht ist ihm die Zahnbürste hinter die Badewanne gefallen, und er ist bis heute zu faul, sich nach ihr zu bücken.
Michael Köhlmeier: Frankie
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Da liegt meine elektrische Zahnbürste, putzt die Luft und summt (Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert, summt sie).
– Olga Martynova: Sogar Papageien überleben uns
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Wußten sie beispielsweise, daß Freuds Frau Martha eine zwanghafte Haushälterin und Gatten-Hüterin war, die ihr Genie so bemutterte, daß sie täglich Zahnpasta auf seine Zahnbürste drückte?
– Joyce Carol Oates: Maya
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Es hat mich immer wieder erstaunt, wie lange Männer an ihren Zahnbürsten festhalten.
– Peter Stamm: In einer dunkelblauen Stunde
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












