
ArtistVita (4).
MALERLEBEN. Vincent van Gogh und die Folgen. Eines Tages wird alles anders sein – wenn ich mein Meisterwerk male. UND: Das Loch im Kopf. Oder verbunden bis in alle Endlichkeit.
Auszug aus: Mama lächelt. Oder: Schiffe sterben in Algier
Ich stehe am Fenster und schaue auf die Alemannenstraße
und warte, bis meine Manouches vorbeiziehen. Meine Karawane.
Meine Sinti Brüder und Schwestern.
Meine Brüder und Schwestern sagen, wir kommen vom Fluss Sindhu.
Aber das stimmt nicht. Wir kommen von überall her. Wir sind seit jeher.
Wir sind die Menschheit.

Meinem Vater haben sie durch den Kopf geschossen.
Das war im Unternehmen Barbarossa.
Mit der Weisung Nr. 21 fuhr er im Zug nach Osten.
Sie wollten uns alle vernichten. Ein braver Scharfschütze aus der Unendlich-
keit der Steppe musste ihm durch den Kopf schießen. Der war ein guter Soldat.
Doctor Frankenstein hat sich Köpfe aus Auschwitz schicken lassen
und in der Universität der Stadt Heidelberg daran geübt.
Er hat meinem Vater sehr geholfen. Das war am Bodensee.
Mein Vater ist nicht mehr der Wilde Hans. Jetzt ist er der Johannes.
Und der Johannes ist im Schwarzwald.
Meine Mutter ist auch im Schwarzwald. Sie ist die Schwarze Sarah.

Maler mit Hund
Nie habe ich sie gesehen, bin ihnen nie begegnet, in ihr Werk habe ich mich nur nachlässig vertieft. Und doch fühle ich mich ihnen so nah, als wären wir die endlosen Pfede der Abenteuer und Entdeckungen gemeinsam entlang gestürmt, als hätten wir diese Bewährungen des Lebens und der Träume vereint bestritten, diese labyrinthischen Gefahren des rastlosen Geistes, tags und in der Nacht.
Ach, wären wir uns über den Weg gelaufen!, hätten wir uns erkannt? Helden sind einsam und erkennen nur die treuen Seelen.
Also, Lord Jim, Franklin, Hemingway, Salvatore, Pasolini, Brinkmann, Rimbaud, Mitchum, Udet, unbekannter U-Boot-Kommandant, Byron, Conrad, Glauser, Frankenstein, Hughes, Bogey Alter Junge, O´Hara, Ventura, Melville und Melville, Scott, unbekannter Maler, Shakleton und David Thoreau – und ihr alle, ihr Ewigen – auf einem hohen Felsen stehe ich und schreie eure Namen in den Wind. Ich habe euch ein Nest in meiner Seele gebaut, eine Höhle im Stein, ein Iglu im Eis. Und wir treiben dahin, gemeinsam, Brüder!, bis die Nacht aufbricht, ins offene Meer, weithin hinaus, durchbrechen die Traumspiegel am Horizont.
RÜCKBLENDE. Im Februar 1979 steht ein junger deutscher Maler in einem geräumigen Studio der Villa Romana über dem spätwinterlichen Florenz. Zum ersten Mal in seinem Leben in Italien, das über Jahrhunderten Goten und Vandalen, Dürer und Goethe, Künstler und Geistesgrößen wie magisch anzog, das den jungen Maler aus dem fernen Schwarzwald (Foresta Nera) als Arbeits- und Lebensort, wenn auch nur auf Zeit, nie in den Sinn gekommen wäre, hätte er nicht den Villa-Romana-Preis, diesen seit Beginn des Jahrhunderts bedeutendsten deutschen Kunstpreis gewonnen.
Hier über den Dächern von Florenz, auf dem Weg nach Certosa mit seinen atemberaubenden Fresken des Jacopo da Pontormo, auf dem Weg in die Hügel der Toskana, mit den weit verstreut liegenden Wallfahrtsorten der Piero della Francesca-Jünger, wird er mit seiner Frau Doris und ihrem Hund Anna für ein Jahr leben und arbeiten. Er steht in seinem Studio, an das Fenster gelehnt, vor dem sich Max Beckmann 1907 in seinem berühmten „Selbstbildnis Florenz“ malte.
Der junge Beckmann, vierundzwanzigjährig, ausgestattet mit schwarzem Anzug, Vatermörder und Krawatte, die Zigarette in der lässig abgedrehten Hand, hinter sich das sonnige Florenz, das für die Deutschen so unvergleichlich faszinierende Licht Italiens.

Der junge Maler 1979, neunundzwanzigjährig, versehen mit ersten Lorbeeren, hat sich nicht vorgenommen, Italien und seine Kunst verstehen zu lernen; er will ein Jahr tapfer malen und mit diesem Fundus in Deutschland seinen Weg machen. Was er in Florenz in der Villa Romana malen will, stand für ihn schon in Deutschland fest, seine Film-Motive, Szenen aus Filmen Hollywoods der 20er- bis 40er-Jahre seines Jahrhunderts, Motive seiner Welt, der Welt des Films und des Kinos; von Italien will er sich nicht beeinflussen lassen. In Deutschland hatte er einige Werke geschaffen, die national Anerkennung gefunden, ja große Aufmerksamkeit erregt hatten, auf seinem, einmal eingeschlagenen Weg, will er fortschreiten. Dem Licht der Toskana aber, den unzähligen Grüns in ihren Hügeln außerhalb der Stadt Florenz, in der eher weiche Gelb- und Terrakotta-Töne vorherrschen, kann sich der Schwarzwälder, der es – bei aller groben Eleganz seiner Bilder – kalt und rau und schroff liebt, nicht entziehen.
Nach und nach gesellen sich zu den in Deutschland geplanten Bildern Bilder mit italienischen Motiven, so die dreiteilige Arbeit „Die Leiche des Briganten Domenico Tiburzi, Cabalbio am 24. Oktober 1896“. In Deutschland geplante Bilder ändern in Florenz unter dem Himmel Italiens. Die ersten Triptychen entstehen und vierteilige Bilder, der junge Maler überzieht seine Werke mit Farbregen, die Farben bewegen sich auf neue Horizonte hin. Und so gilt Italien, das Jahr 1979 in Florenz, für den jungen Maler als das Jahr, in dem sich seine Malerei klärt – nicht lange nach seinem Studium in Freiburg im Breisgau der Außenstelle der Karlsruher Kunstakademie und an der Düsseldorfer Kunstakademie – und festigt und ihre einzigartige Erscheinung annimmt.
Seine Frau fotografiert den jungen Maler einige Male in seinem Studio, den Hund Anna auf dem Arm, stolz vor seinem Triptychon „Lana Turner und Clark Gable in Somewhere I´ll find you, 1942“, auf dem er den gleichen Anzug zu tragen scheint wie Clark Gable, was eher ein Zufall ist, dass er aber voll Stolz vor seinem Werk sich aufbaut, ist bewusst in die Tradition der großen Erneuerer der europäischen Malerei gestellt, die er später in ebensolchen Posen in seinen Bildern einfangen wird.
Hier in Florenz wird dem jungen Maler bewusst, dass seine Kunst Bild gewordene Totenverehrung ist und sein wird. Ein unerschöpfliches Reservoir für ein langes Malerleben tut sich auf. Das Reich der Tradition als Basis für den Weg ins Unbekannte, in das große Abenteuer der Malerei. Einmal reift in ihm die Idee, vom Schwarzwald aus, begleitet nur von seinem Hund, über die Alpenpässe nach Italien zu ziehen, wie weiland Eichendorfs Taugenichts, um in Florenz, der Heimat der großartigen Cimabue-Kreuzigung, in den Maßen der Isenheimer Kreuzigung eine Kreuzigung der Kälte zu malen: schroff, unelegant, eine Kreuzigung aus dem Norden; – aber es kommt anders.
Mit Grünewald wird der junge Maler sich erst Jahre später auseinandersetzen, und das im Schwarzwald, nicht im atemberaubenden Florenz, nein, im geheimnisumwitterten Schwarzwald.
31. März 2004. In New York ist es windig, rau, regnerisch und kalt. Erschöpft steht der Maler im Süden Manhattans unter der Brooklyn Bridge und blickt in die Wasser des East River. South East Street Pear: hinter einer Biegung des Flusses ahnt er Ellis Island und die Freiheitsstatue. Den ganzen Tag war er durch die Straßen gelaufen. Hatte fotografiert und alles, was ihm in den Blick kam, ins Hirn gebrannt. Eine Stadt muss erlaufen werden. Atemlos und schweißnass trotzt er der Kälte, lenkt er seinen Blick über die graue Insel, schweift ab und fliegt dahin — far away, far away — er sieht Byron in leuchtender Marineuniform, aufrecht, stolz, die Nase im Wind, an felsig bergigem Ufer stehen, gerade einem kleinen Segelboot entstiegen, das sein Gefährte mit Hilfe eines Taus an Land zieht. Der Maler malt sich einen Hund an seine Seite, er malt sich seinen Traum, er malt sich sein Leben.
Nun verwirrt sich die Erinnerung, und mit dem Rauch seiner Zigarre steigen die Bilder empor aus dem Nebel der Zeit. Und er sieht sie alle deutlich, er beginnt sich in seinen Bildern zu bewegen, er ist mitten in ihnen, er ist das Bild.
Es wird sofort klar, die ersten Bilder tragen das Ende der Geschichte in sich. Der Anfang ist ebenso das Ende. Es regnet. Durch die beiden Fenster dringt Licht ins Zimmer und fällt als Schattenbild auf den Boden, streift ein Bett, einen Spiegel, eine Tür und einen Vogelkäfig. Allmählich beginnt das Licht das Zimmer immer deutlicher zu zeichnen.
Sonnabend, 4. April, 6 Uhr abends. Außer dem Rauch einer Zigarette, der über dem Kopfende des Betts aufsteigt, ist das Piepsen des Vogels die einzige Bewegung im Raum. Eine Eiseskälte schwebt im Raum, in dem die Dinge sich immer mehr dem Tod nähern. Die Geschichte ist das Requiem der letzten Dinge. Wir betrachten eine in schweres, grünliches Grau getauchte Szene, in der sich alles dem Tod weiht. Die Dinge im Raum beginnen ihren Lauf. Wenn die Lampe ihr Licht entzündet haben wird, wird es kein Zurück mehr geben. Zögernd setzt eine Musik ein, die das Ende besiegelt. Die Ereignisse vollenden die ersten Bilder. Der Mann ist der Blick. Es ist der Blick, mit dem er sterben wird. Demütig und ohne Aufbegehren, ernst, gefasst und in vollem Wissen. Der Mann ist die Bewegung, mit der er seinen Hut zurechtrückt. Wie er in den Spiegel sieht. Der Blick ist der Mann. Der Mann ist ein Killer. Aus diesen Augen (Sizilien, Marseille, Oran, Friedrich II, Nordafrika, Indochina, New York) blickt der Tod in den Spiegel. Seine Pistole ist auch sein Tod. Und er kreuzt sie mit seinen Armen über seinem Herzen; – im letzten Augenblick seines Lebens.
Die Einsamkeit des Vogels im Käfig ist die Einsamkeit des Tigers im Dschungel, ist der Tod des Killers, ist die Vollendung der Ge-schichte. Ein Tier hat keine Wahl.
In ein paar Tagen wird der Maler wieder im Schwarzwald sein. Und er wird sich seine Bilder träumen. Er wird sich sein Leben malen.
FORESTA NERA. Schwarze U-Boote vor N.Y., die Lichter der Traumstadt strahlen verheißungsvoll vor dem Auge des Periskops, seinem Blick entgeht nichts, Schwarz, der Kommandant, hat den ledernen Schild seiner speckigen, ehemals weißen Kommandantenmütze in den Nacken geschoben, um besser sehen zu können, einen „Blick New York nehmen“, wie er so gerne sagte, New York erwacht, der Dampf der Dampfboote auf dem Hudson durchschneidet geradlinig die vollkommene Zeichnung der Skyline, nach vorn aus dem Bild fließt das silbrig graue Wasser des Flusses und über dem Horizont Türme und Wolkenkratzer, dunkel, schwer und schwarz wie Triest, St. Petersburg, wie Brügge bei Nacht, wie der Schwarzwald, wie schwarze Hunde, wie die endlose Nacht, davor, danach: schwarze Nacht – große schwarze Schwarzwaldnacht.
Es war im Jahr 1979, dass ich das erste Mal nach Italien kam; Doris war schon einige Male in Italien gewesen – aber jetzt, wir beide und das erste Mal in Florenz. Auf die Frage woher wir kämen, Schwarzwald, Foresta Nera, einer erklärte uns, dass es da noch Wölfe gäbe, wie in den Abruzzen, Wölfe und Adler und Wilddiebe, Bären und Räuber. Uns war diese Ehre recht, und ich malte Franc M. Canton im Winter von Wyoming und Domenico Tiburzi, den Briganten.
Schwarze Wälder, zerklüftete Felsen, Höhlen, entwurzelte Baumriesen, dunkle Tannen, Waldgrotten, steile, tosende Wasserfälle, klarste Bäche, abstürzende Felshalden, hoch aufragende Granitwände, Abgründe, Schluchten, schwarze Hunde („Schwarz“ nannte einmal einer unseren Hund „Sailor“), schwarze Hundewälder; Foresta Nera klang amerikanisch in meinen Ohren, wie Wyoming und Rocky Mountains, die Blauen Berge, mächtig, wirklich groß, schwer und gefährlich!, endlose Winter, Schnee, Eis und Entbehrung.
Bob Ross malt den Indian Summer, die Zeit bevor uns der Winter begräbt: Vor ein hell durchleuchtetes Grüngelb sind Bäume und Sträucher sanft gelegt, dunkel gestrichen, hell gestupft, ebenso die Büschel, die Gräser, Stängel, Blätter, ihr Widerschein im Wasser, zauberisch und unwirklich mutet die Stimmung an, jung noch, eben dem Quell entsprungen der Bach, zu den Seiten hin verdunkelt sich das Bild, doch wird es nie schwarz, die dunkelste Farbe ist ein Van Dyke Brown, und alles erscheint wie in indisches Gelb getaucht, und du traust deinen Augen nicht, es ist als träte Altdorfer hinter einem knorrigen Baum hervor und winkte zu dir herüber, „hallo Altdorfer!“, mit solch einem Namen kann man nur so malen, oder muss man da Kiefer heißen?, doch bleiben wir im Wald, unter dem grandiosen Wasserfall, schwer stürzt er sich hinab und leicht springen die Wasser wieder auf, empor und licht und zart wie Türkis und Eisblau, manchmal streichst du auch das Wasser streng von oben nach unten, ganz gegen die Natur, gewagt fast, aber doch eingebettet in eine, in deine merkwürdige Harmonie, weit hinten im Zentrum über dem Horizont leuchtet ein helles Rosa hinter dem grünlichen Blauhimmel, und vorn die abgestorbenen Baumreste wie Galgen, und immer wieder diese Hütten, merkwürdige Bretterverschläge, als hättest du deinen Thoreau nicht recht gelesen, ich habe mir die Bilder immer wieder angesehen, wieder und wieder, und ich bin mir sicher: Ull Hohn malt die besseren Bob Ross´, – oder hast du je einen Nachen gemalt?, einen Kahn mit einem Ruderer, der von rechts nach links unten aus dem Bild hinausrudert?, und das 1993, zwei Jahre vor seinem Tod und vor deinem Tod, und tot ist tot, und das ohne ein Boot gemalt zu haben.
Die Winter hier im Wasserloch, wo wir seit über zwanzig Jahren leben, sind japanisch zu nennen, vollkommen japanisch, was immer das heißen mag für einen, der nicht weiß, was ich unter japanisch verstehe; – aber was heißt das schon?
Malen im Schwarzwald.
Mein Vater – der Maler Hans Hahn – wurde am 21. Dezember 1916 in Singen am Hohentwiel geboren; er starb am 19. Juni 1989 in Freiburg im Breisgau. Das Leben, das waren für ihn vor allem die Umstände des Krieges, hatten ihn weit herumkommen lassen; er war in Österreich gewesen, in der Tschechoslowakei, in Polen, in Frankreich, in Jugoslawien, in Rumänien, in Norwegen, in Griechenland, auf Kreta, in der Ukraine, der Sowjetunion, den Baltischen Staaten; – und nach dem Krieg, hat ihn die Reiselust seiner Frau Ellen, aber auch seine Exkursionen, seine Malreisen, die er Studienreisen nannte, in den Rest Europas und bis nach Nordafrika geführt, und überall hat er gemalt und gezeichnet mit Pastell auf einen Block im Format 40 x 58 cm oder 42 x 59,3 cm.
Vom Bodensee über den Schwarzwald nach Griechenland und wieder zurück: – zurück in den Schwarzwald, in den er gekommen war, weil er schwer kriegsversehrt (wie das damals hieß: „100 prozentig“) – mit einem Kopfdurchschuss – das Bodensee-Hegau-Klima mit den langen Nebelperioden nicht gut vertrug. Die Eltern verschlug es nach Hinterzarten – Poppo dolce –, wie es ein Freund nannte, der den Ort vom Skifahren her kannte. Dort bauten sie ein Haus, die beiden Söhne zogen nach, und der Maler Hans Hahn, der es gewohnt war, die leichten Bodensee- und Hegaulandschaften mit seinem Block und den Pastellstiften zu durchstreifen, sah sich auf einmal umgeben von dunklen und schweren Tannen und Fichten und Kiefern. Und alles war fremd und ungewohnt für ihn. Und mit vierzig Jahren musste er feststellen, dass ein Maler nicht alles um sich herum malen konnte, dass es Vorlieben und Neigungen gab – und Abneigungen.
Irgendwann bin ich dann auch Maler geworden; mein Vater war aber nie mein Lehrer oder mein Vorbild – ganz im Gegenteil. Ich wollte nichts so machen wie er, und doch hat er mich geprägt: dort zu suchen und zu forschen, wo man noch unwissend ist; das zu wagen, was man noch nicht erfahren hat.

Im Winter 1963 malte er einen Schwarzwaldbach, den Löffelbach im Höllental
– ein richtungsweisendes Bild für seine Arbeit. Er war ungefähr zwanzig Minuten von unserem Haus weg früh morgens ins Tal gestiegen, hatte seine Malsachen auf einem Findling ausgebreitet und den Löffelbach von unten nach oben gegen das Licht gemalt. Der Bach gräbt sich schwer und dunkel durch die schneebedeckte Talsenke, links und rechts steigen die Hänge auf, einmal zur Bahnlinie nach Freiburg und einmal hoch nach Alpersbach, was man im Bild natürlich nicht sehen kann. Von der Bildmitte aus, etwas nach links versetzt, ragen kräftige, braune und graphitfarbene Tannenstämme auf hinter dem Bachlauf, – nach rechts hin lösen sie sich auf ins Licht. Die Formen der schneeschweren Tannenäste sind mit hellem Blau und warmen Grau formelhaft gesetzt, auch sie lösen sich auf im gelblich weißen Licht.
Der „Wintermorgen im Löffeltal“ (1963, Pastellfarbe auf Papier, 40 x 58 cm) läutet für den Maler Hans Hahn – so sehe ich dies, deshalb hatte ich mir dieses Bild auch ausgesucht, als der Vater sich einmal großzügig zeigte fürs Passepartoutschneiden – eine neue Ära ein: Ab jetzt hat er´s drauf und kommt mit dem Schwarzwald zurecht. Was ihm zuvor im Süden, in der Toskana und am Mittelmeer gelang, breitet der Künstler von nun an auf seinen Papierbögen mit den Pastellfarben aus: vogelleichte, duftige, souverän hingeworfene Farbgedichte.
In den 1980er Jahren setzt er diese hohe Kunst dann in Ölgemälden fort, wieder am Löffelbach zwischen Hinterzarten und Höllsteig und, nachdem ich mich mit meiner Frau Doris Waldmann an Johann Peter Hebels Wiese im oberen Großen Wiesental angesiedelt hatte, im Wasserloch in Brandenberg vor Todtnau. Hier habe ich dann 2006 – immerhin fast zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters – die ersten Schwarzwald-Bäche gemalt; – nicht wie der Vater, der stets im Freien malte; selbst seine großen Formate – dreiteilige Bach-Gemälde – schuf er mitten im Motiv stehend, auch im Winter, dann kam er zwischendurch vor Kälte zitternd und klappernd ins Haus und verlangte ein Gläschen Kirschwasser oder auch zwei; – nicht wie der Vater unter freiem Himmel, sondern im Atelier, in der geschützten Atmosphäre des Arbeitsraums mit Blick nach draußen. Vielleicht werde ich´s später einmal machen wie mein Vater: unter freiem Himmel, vor der Natur und mitten im Motiv stehend: das Alterswerk – vielleicht. Vielleich im Schwarzwald.
Die Insel. (Von Eugen Gottlob Winkler/Auszug.) Der Anblick einer Blume forderte einen unwillkürlich zur Namengebung auf. Angestrengt durchstöberte ich mein Gedächtnis, und wenn sich der Name trotz aller Bemühung nicht auffinden ließ, so hieß die Blume ganz einfach die „dunkeviolette Trichterförmige, die sich damals bei einer Kindervisite um das Gartentor rankte“, oder der „einst zum Leichenbegräbnis eines kleinen Mädchens in der Hand gehaltene Strauß aus kleinen, lilafarbenen Blüten mit gelbem Staubfädenkorb in der Mitte“. Auf irgendeine Art musste die Erscheinung der Blumen umschrieben werden.
Der Maler indessen bemerkte nichts von solchem Zusammenhang. Er saß – als alter Besucher der Fraueninsel seit langem schon selbst zu einem Naturgegenstand geworden – im Freien auf einem Feldstühlchen vor seiner Staffelei und versuchte, auf seiner Leinwand ein Motiv zu reproduzieren. Die Landschaft war deutlich erkennbar: links der Weg, mit an seiner tief in den Raum hineinführenden Perspektive Gartenmauer, Kirchturm und Weiden säuberlich aufgereiht. Rechts, zum Trocknen an Pfähle gehängt, waren silbrige Netze, zwischen denen ein Fischer, wie in eine schimmernde Wolke gehüllt, seine letzten Handgriffe vollführte. Aber das Dargestellte gab von der Wirklichkeit nur den Schein. Ohne sich auffällig anzustrengen, mit der Überlegenheit, die einem ein tausendmal vollzogener Handgriff verleiht, übertrug der Maler die Farben von seiner Palette, wo sie hintereinander von hell nach dunkel gestuft in kleinen Häufchen angerührt waren, in eine den sichtbaren Dingen nahekommende Ordnung auf das Bild. Dementsprechend wurde die Turmhaube braun. Aber ach, es war nicht die unvergleichliche Farbe, die Sonne und Wind im Lauf der Jahrhunderte hervorgebracht hatten. Ein trüber und ungefährer Farbton äffte sie nach, und über der Eile des Streichens war die Prallheit der Zwiebelform verlorengegangen. Blau in hellen Schattierungen: dies war der See, ein schummriges Weiß die Netze. Das Schmerzlichste aber rührte aus einer fatalen Ähnlichkeit, die den Erscheinungen nahetrat, ohne ihre Besonderheit zu empfingen. Auch was das Machwerk eines Dilettanten noch retten kann, die eingestandene Vergeblichkeit der Bemühung, die den Gegenstand mit einem Gewand von Liebe bedeckt, durch das er dem Betrachter bei aller Unvollkommenheit immer noch rührend erscheinen kann, sie fehlte hier ganz. Die Vergeblichkeit war mit Blindheit geschlagen und saß auf dem Thron der Eitelkeit.

Eugen Gottlob Winkler. 1. Mai 1912 in Zürich. 26. Oktober 1936 Suizid in München.
Das Ergreifende des Motivs war verdorben. Der Maler bemerkte nichts von dem wie durch Leiden ausgeklügelten Widerspiel zwischen Linie und Farbe, nichts von der Art, wie es dem Weg entlang in den Raum hineinging, starr und beängstigend weit, aufenthaltlos an den Dingen vorüber, während rechts die Gestalt des Fischers von den Schleiern der Netze gefesselt war. Nur solch Einmaliges greift uns ans Herz, das einzelne in seiner möglichen Ewigkeit und seiner Verlierbarkeit für die Zeit. Demzufolge kann unsere Liebe auch nicht der Menschheit gelten, sondern immer nur einer genau bestimmten Erscheinung, der Geliebten oder dem Freund.
WENN MAN IN WIRKLICHKEIT EINER INSEL SICH NÄHERT, ERGREIFT EINEN TROTZ DES ENTZÜCKENS AN IHRER ERSCHEINUNG, AN DER VON DEM FREMDEN UND ZAUBERISCHEN ELEMENT DES WASSERS GESCHÜTZTEN LAGE UND IHREM SO DEUTLICH BEGRENZTEN VORHANDENSEIN INMITTEN EINES UNÜBERSEHBAREN RAUMES, BEI DEM GEDANKEN, MAN SOLLE SEIN LEBEN HIER ZUBRINGEN, JETZT UND FÜR ALLE ZEIT, EIN ZWEIFELVOLLES UND QUÄLENDES GEFÜHL. DIE INSTINKTIVE SICHERHEIT DER ENTSCHEIDUNG, DURCH DIE DIE KINDHEIT SICH AUSGEZEICHNET HATTE, WAR MIT DEN JAHREN VERLORENGEGANGEN. NOCH ZU SAGEN, HIER SEI DER PLATZ, DER EINZIGE AUF DEM ES ZU LEBEN GELTE, FÄLLT DEM UMGETRIEBENEN SCHWER, MIßTRAUISCH, WIE ER GEWORDEN IST ANGESICHTS DER UNVERLÄßLICHKEIT ALLER ENTSCHEIDUNGEN.
Work in Progress. Life for a Masterpiece – Friedemann Hahn sieht Vincent van Gogh.
Stilleben II
Während der Krankheit
ist er durch die Kindheit gewandert:
vor seinen Augen jeden Weg, jede Pflanze im Garten,
über die Ährenfelder, den Friedhof, die Kirche,
dahinter sieht er den Gemüsegarten,
sogar das Elsternnest auf der hohen Akazie.
Er malt seinen Stuhl hell im Licht. Gebrochenes Gelb
auf rostig roten Kacheln blaugrün überstrahlt.
Der leere Stuhl, Pfeife und Tabak auf dem Geflecht.
Taubenblau die Wand, aufgehellt bis ins Türkis.
Links die Ecke einer Kiste mit herbstlichen Zwiebeln.
„Es gibt Tage wie blühende Mandelzweige im Schnee
die Zweige wie Eisendraht gegen den Himmel!“

Billard im Alcasar
Die Maler den Queue schwingend zur Carambolage
aufgefressen von der Sklaverei ihrer Taten
und dann ist es wieder Nacht im höllischen Backofen
ein Bauch des Verbrechens ein Bett der Leidenschaft
im Licht schwankender Lampen
im bronzenen Ton.
In der Schwüle des Totenschiffs
Legionäre verkrüppelt und wild
tanzend und lachend als Schöne der Nacht
dort tragische Mädchen im Gewandt der Matrosen
sie schleudern das Képi sie schwenken die Mützen
sie küssen den Pompon.
Im Nebenraum die Billardtische
Messinglampen glühend über dem grünen Tuch
und schwankend gefährlich und tanzen
den letzten Macabre – die stillen Bilder rosa
mit tiefstem Ultramarin ein Veroneser Grün
gegen blasses Schwefelgelb.
Und.
Das bodenlose Schwarz.

Angst in Auvers
„Eine glorreiche Hitze ohne Wind.
Eine Sonne, ein Licht, nur gelb, blasses Zitronengold.
Ach, schön ist das Gelb!“
Ins Gesicht dann die Verzweiflung tätowiert
entseelt und aufgefressen hängt er in den Ästen
dieses Ölbaums wie gekreuzigt
sich in einem Baum verlieren und den Revolver befragen.
In den Tod geschossen – das blutende Stück Farbe.
Wie der Regen sein Gitter vor den Blick
des Malers schlägt – Krähenschlag
und Mohnblumen sie tanzen im Sturm
der abgeschlagene Kopf wird durch die Allee geschleift
Pappeln und Zypressen trommeln den Takt – Café de l´Alcasar
hier wartet dein Ohr auf eine kleine Hure.
Das entsetzte Gesicht die Fratze im Spiegelglas blutrot
schrecklich mit Blau und Grün blasses Schwefelgelb
taucht ein in den Wahn über den Feldern von Auvers.
Eile dich, Sämann! Die Blumen welken.
„Uff! Der Schnitter ist fertig.
Es ist ein Abbild des Todes.“


Work in Progress. Life for a Masterpiece – Friedemann Hahn sieht Vincent van Gogh

Ausstellung vom 19.11.2026 bis 21.02.2027 in Mainz
Die Auseinandersetzung mit dem Werk und der Künstlerpersönlichkeit Vincent van Gogh ist eines der zentralen Themenkomplexe von Friedemann Hahn und steht im Zentrum dieser Ausstellung. Durch Hahns Abstraktionsprozess, indem er wie in einem Farbenrausch Van Goghs Motive übermalt und demontiert, setzt er sich zugleich mit der eigenen malerischen Identität und der Tradition auseinander. Seine Gemälde haben viele Bedeutungsebenen, die nicht nur die Kompositionen dieser Ikone der Kunstgeschichte offenlegen, sondern vor allem auch den mit dieser Person überlieferten Künstlermythos überzeichnen. Dieses Image des gescheiterten und von der Gesellschaft verstoßenen Künstlers prägte vor allem die Verfilmung der Romanbiografie „Lust for Life“ (1956) mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Selbst aufgenommene Filmstills aus diesem Klassiker dienten dem kinobegeisterten Hahn oft als Grundlage für seine Arbeiten.
Hahn, der über 20 Jahre als Professor für Malerei an der Kunsthochschule Mainz in der Johannes Gutenberg-Universität tätig war, zitiert ein Klischee, zitiert den Schauspieler der in seiner Paraderolle mit Van Gogh eins wird und zitiert das im kollektiven Gedächtnis präsente Motivrepertoire, das als ein Art Gerüst als Grundlage seiner Werke dient.

1
Abendrot
Dich alter van Gogh habe
als du jung warst auch
ich geliebt –
schön warst du damals
alter van Gogh strahlenden Auges
und drängend nach Morgen –
gabst du mir Bilder
hässlich und schwer.
2
Sonnenaufgang
Damals sehend alter van Gogh
in London morgengrau
und entrückt der weißen Nacht –
rasten wie Hunde blind alter van Gogh
deine Augen frech
voller Ungeduld doch zart –
Sommerschnee schwarzrot
schon gestern verbrannt.
3
Winterszeit
Dein Gesicht, junger van Gogh
ganz Staunen und vogelleicht
bleibt in der Ferne –
junger van Gogh ein Hauch
nur ein Rühren der Blätter
weiche Blätter im Sand –
eisiges Spiegelglas
erweckt ist die Qual.
4
Dämmerung
Einst war auch ich Vincent van Gogh
Heißsporn schwerelos fliegend
die Augen frei –
ruderlos nun Vincent van Gogh
matt und verwundet
im schweigenden Meer –
treiben im Sog wir
geschlagenes Schiff.
5
Morgenröte
Auf Bruder van Gogh frisch
auch ich in die Sterne gesetzt
die Segel und hinaus –
auf auf! Bruder van Gogh auf!
in die Gischt und den Sturm
und das Holz wie es ruft –
wage den Horizont neuer Tag
wir fangen den Wind.

Es war von jeher schwierig für mich, mich der Kunst, der Malerei, der Arbeit des Vaters zu nähern. Ich sah, wie er sich abmühte, wie er um Anerkennung (auch im engsten Familienkreis) buhlte. Eine namentliche Nennung in der Zeitungsbesprechung einer Gruppenausstellung wurde rot angestrichen und vorgeführt. Ich erinnere mich, dass mein Vater einen solchen Zeitungsausriss voller Stolz (endlich konnte er einmal seinen Namen in einem Zusammenhang mit Dix und Konsorten lesen) seinem Vater auf den Tisch legte — „Ja Hans, da steht ja nur dein Name, sonst nichts …“ Seine Tätigkeit wurde mit dem üblichen Adjektiv „brotlos“ versehen. Als ich mich dann entschied, Kunst zu studieren und mit der Malerei mein Glück zu versuchen, meine Zukunft, mein Leben zu gestalten, wurde die Stellung meines Vaters, auch gerade seiner Frau gegenüber, immer schwieriger. Und ich erlebte, dass Kunst machen, ohne sichtbaren Beweis für Erfolg, ein bitteres Los ist. Auf sichtbare, vorzeigbare Erfolge musste mein Vater sehr lange warten. Und einen ersten Preis für seine Malerei erhielt er genau ein Jahr vor seinem Tod. Und auch erst nach seinem Tod versöhnte sich meine Mutter mit der Kunst ihres Mannes, und sie setzte sich voll Stolz für ihn ein und konnte einige Ausstellungen initiieren, die den Maler Hans Hahn (1916 – 1989) sehr glücklich gestimmt hätten. 1986 gestalteten Doris und ich seinen ersten und einzigen Katalog; Doris hatte es fertiggebracht, dass seine Bilder im Hans-Thoma-Museum in Bernau im Schwarzwald gezeigt wurden. Ich schrieb dem Maler ein kleines Gedicht in das Buch.

Maler im Licht
deine Augen fliegen übers Land,
das Meer, die Sonne, über bizarre
Schatten im nächtlichen Feld.
Deine Farben strahlen
Den Geist der Schöpfung – am eisigen Bach
Im Morgennebel, im weiß gebleichten
Fels steil über der Küste.
Maler im Wind:
Du hast das Wasser geträumt.
Das war im Mai 1986.
rechts: Kopf (Vater, tot). 2013
Ton, Lack, 19,2 x 31,5 x 22,7 cm
MNK, Museum für Neue Kunst, Freiburg im Breisgau
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Siehe auch:
ArtistVita (3)
ArtistVita (2). Stills: Zu den Filmbildern.
ArtistVita MALERLEBEN. Vincent van Gogh und die Folgen Oder: Eine Reise um die Welt in schönen Bildern – Ein Essay
Friedemann Hahns Texte bei uns hier.
Darunter auch: Meine Noir-Malerei

















