
MALERLEBEN. Vincent van Gogh und die Folgen
Oder: Eine Reise um die Welt in schönen Bildern – Ein Essay von Friedemann Hahn
IN DEN BILDERN (2). WENN MAN IN WIRKLICHKEIT EINER INSEL SICH NÄHERT, ERGREIFT EINEN TROTZ DES ENTZÜCKENS AN IHRER ERSCHEINUNG, AN DER VON DEM FREMDEN UND ZAUBERISCHEN ELEMENT DES WASSERS GESCHÜTZTEN LAGE UND IHREM SO DEUTLICH BEGRENZTEN VORHANDENSEIN INMITTEN EINES UNÜBERSEHBAREN RAUMES, BEI DEM GEDANKEN, MAN SOLLE SEIN LEBEN HIER ZUBRINGEN, JETZT UND FÜR ALLE ZEIT, EIN ZWEIFELVOLLES UND QUÄLENDES GEFÜHL.
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Siehe auch: Friedemann Hahn: Kleines Requiem für Alain Delon, CulturMag, September 2024 – Alles hängt mit allem zusammen. Oder: Alain Delon stirbt am 18. August 2024.
Sowie: Kleines Requiem für Alain Delon (2), CulturMag, September 2025 – Nachdenken über Delons Schatten. Die Fortsetzung.
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In der Mitte des 17. Jahrhunderts lebte in einer Stadt York ein junger Mann mit Namen Robinson Crusoe. Da er „nichts anderes im Kopf hatte, als zur See zu fahren“, trieb es ihn gegen den Willen der Eltern aufs Meer. Am 1. September 1651 begibt er sich an Bord „eines nach London bestimmten Schiffes. Niemals haben wohl die Missgeschicke eines jungen Abenteuers früher angefangen oder länger gedauert als die meinen“, schreibt er. „Das Schiff hatte kaum den Fluss Humber verlassen, da begann auch schon der Wind heftig zu stürmen, und die Wellen erhoben sich furchterregend.“
Gnadenlos, unerbittlich schlägt die See zu. Riesige Wellen peitschen das Boot. Bald ist es leckgeschlagen, und die Angst besiegt selbst die Tapfersten. Der Verlust des Bootes und des Lebens vor Augen, blicken Steuermann und Mannschaft verzweifelt dem schier unausweichlichen Tod ins Antlitz, sehen sie sich in den tiefsten Tiefen des Meeres versinken, am erbarmungslosen Riff sehen sie Holz und Knochen zerschellen.
Einer nur überlebt: außer Robinson „war keine lebende Seele gerettet; denn was meine Kameraden anbelangt, so sah ich auch später keine Spur mehr von ihnen, ausgenommen drei Hüte, eine Mütze und zwei ungleiche Schuhe“. Das Eiland, auf das es ihn verschlagen hatte, erscheint ihm „noch fürchterlicher als das Meer“. Doch nach dem ersten Schrecken und angstvollen Erkundungen seiner neuen Umgebung beginnt er sie nach seiner Vorstellung zu ordnen, erkennt er die Möglichkeit eines Neuanfangs; – und, gezeichnet von Erfolgen und Niederschlägen, beginnt er sich als Schöpfer zu verstehen. Von jetzt an rennt er der Vergeblichkeit nach, sucht er die Brücke zu schlagen zwischen Vollkommenheit und Nützlichkeit. Wie vor einer weißen Leinwand stehend erschafft er sich seine Welt neu. MALE MALER. TRAU DICH!
Die Bilder lösen sich vom Horizont. Die Insel entgleitet meinem Blick und erscheint wie in ein überirdisches Licht getaucht. Vom Tag zerstört träume ich den großen Flug in den Wahnsinn der Nacht. Ich löse mich auf in der Unendlichkeit des Alls. Weit unten verschmilzt die Erde zu einer gewölbten unscharfen ins Blau getönten Landkarte, um die das Raumschiff kreist. Unbekannte Flugkörper schießen an mir vorüber, rasen durch mich hindurch. Es gibt mich nicht mehr. Unter dem unergründlichen Schwarz bestimmen leuchtende Meere und Flüsse das Bild. Lichtspiralen und Leuchtkugeln schweben durch die Weite des Raums. Die Meere wechseln in tiefdunkles Ultramarin, um dann wieder aufzustrahlen in Türkis, und jetzt: Schwarz – bis zur Unerträglichkeit Schwarz. SIE HATTEN IHN IN EINE MEHRFACH ABGESCHIRMTE SICHERHEITSZELLE GESTECKT UND GLAUBTEN, IHM DAMIT GUTES ZU TUN. ER WUSSTE, WAS ZU TUN WAR, ABER SIE SPRACHEN IHM JEDWEDES BEURTEILUNGSVERMÖGEN AB. ER WAR EIN ZERRISSENER. PSYCHISCH GESEHEN, – ABER DAS IM SINNE DES WORTES. MANCHMAL HATTE ER DAS GEFÜHL, DASS SEIN GEHIRN EXPLODIERT SEI UND DIE EINZELNEN TEILE WIE INSELN IN SEINEM KOPF TRIEBEN. UND JEDE DIESER INSELN TRUG GROSSE TEILE SEINES WISSENS UND SEINER BEIDEN PERSÖNLICHKEITE. DORT TRIEB EIN FRAGMENT, DAS SICH ALS IGSORIAN VON VEYLT VERSTAND. ABER ES TRUG NICHT DAS GESAMTE RITTERWISSEN; DIESES WAR NOCHMALS UNTERTEILT UND GESPALTEN UND AUF VIELE INSELN VERTEILT. MANCHMAL FANDEN DIE VERSCHIEDENEN TEILE ZUSAMMEN. DANN ERKANNTE ER ALLES MESSERSCHARF, UND ER SAH DIE LÖSUNG KLAR VOR SICH:/ — Genf, 22. August 1817: Rodenbach war in diesem Augenblick schon an einem ganz anderen Ort. Spätestens seit dem Fall Sewastopols hatte dies zum Grundprinzip seines Daseins gemacht: Ich bin hier! „Mich gibt´s gar nicht“, war sein prickelnder Scherzspruch, den er in Erweiterung der Relativitätstheorie entwickelt hatte und bei jeder unpassenden Gelegenheit zum Besten geben musste … malheureusement! Die Welt hielt sich nicht an diese neue Vorgabe seiner Existenz. Als Wissenschaftler sah er sich einer neuen Generation verpflichtet, anders als der Rest der Welt zu sein. Im Glauben an diese Bestimmung hatte er seine Theorie einer Zeit/Ort-Relativität entwickelt. DU MUßT IN DIE PROVCON-FAUST, NACH ARLA MANDRA, DEM REICH DER ZWEIUNDZWANZIG SONNEN – DEM ZWEITEN WALL ARMADANS VON HARPOON. UND ER WUSSTE, DASS NUR DORT DIE ENTSCHEIDUNG ZWISCHEN IHM UND AMTRANIK FALLEN KONNTE. IN SOLCHEN LICHTEN MOMENTEN ERKANNTE ER AUCH GANZ DEUTLICH, WARUM ES GERADE DIE PROVCON-FAUST SEIN MUSSTE. ABER DANN ENTFERNTEN SICH DIE GEISTESINSELN WIEDER VON EINANDER, UND ER SAß AUF EINER SALIK-SCHOLLE UND STAND SEINEM INNEREN CHAOS RATLOS GEGENÜBER. ER KONNTE SICH NICHT ORIENTIEREN, WAR NICHT IN DER LAGE, DAS ENTSCHWINDENDE RITTERWISSEN ZU ERFASSEN. WAS EBEN NOCH SO KLAR UND EINFACH GEWESEN WAR, WURDE VERSCHWOMMEN UND UNVERSTÄNDLICH. NUR EINES BLIEB IN SEINEM BEWUSSTSEIN TROTZ ALLER WIRRNISSE HAFTEN: „ICH MUSS IN DIE PROVCON-FAUST!“/ — Genf 5. September 1817: Sein Film begann in der Zukunft, endete in der Vergangenheit. So blieb Rodenbach unerkannt. Niemand sah ihn, während er an allen Orten gleichzeitig seiner geheimen Tätigkeit nachging. V3 war in der Entwicklung. Die Schwierigkeiten mit der neuen Antriebsmaschine standen kurz vor einer Lösung. Vergeltung oder Victory war hier die Frage. Als Jugendlicher hatte er in Limburg eine Taube beobachtet, die zu nahe an die Fassade des altehrwürdigen Christendoms geraten war. Sie kam ins Trudeln, stürzte ab und lag dann noch eine Weile zuckend bis zu ihrem Tode vor dem Portal. Das Geheimnis musste sich erklären. Er stand vor dem siebten Tor, den letzten Schlüssel zum Greifen nah. Seine geheime Existenz würde zur Normalität werden. Alphaville öffnete kampflos die Tore. Er war nahezu am Ziel seiner Berechnungen. Rodenbach stimmte das ‚Tarnkappen-Lied‚ an:
„Über die Berge / Über die Höh´n / Niemals wirst / Du mich wieder- / Seh´n“.

Es gibt in Goyas Werk eine ständige Unterströmung, in der sich Sexualität und Gewalt verbinden. Daher stammen die Hexen und – zu einem Teil – auch sein Protest gegen die Schrecken des Krieges. Man nimmt allgemein an, dass er protestierte, weil er Zeuge dieser Hölle im spanischen Unabhängigkeitskrieg war. Das trifft zu. Mit vollem Bewusstsein identifizierte er sich mit den Opfern. Aber voller Verzweiflung und Grauen erkannte er auch sein mögliches `Alter Ego´ unter den Folterern. John Berger: Goya. Die bekleidete und die nackte Maja.
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Am 23. Oktober 1888 kommt Paul Gauguin nach Arles. Vincent van Gogh hat ihm im gelben Haus ein Zimmer eingerichtet. Feste, derbe Stühle mit Korbgeflecht, ein Bett aus Nussbaumholz, eine Strohmatratze und etwas Bettwäsche. Er hat Bilder mit Sonnenblumen für den Freund gemalt und in das Zimmer gehängt. Im übrigen Haus hängen nur Landschaften. Van Goghs Zimmer ist noch karger eingerichtet als Gauguins, die Möbel noch derber, noch bäuerlicher. Er denkt an eine Mönchsklause. Durch die Fenster hat man den Blick auf die Sternennacht, auf das Grün und Rot und Gelb der Gärten, auf die Sonne, auf den Abend, auf die Nacht. Ein Spiegel hängt in Vincents Zimmer, zum Portraitieren des Malers. Das einzige Fenster zum Wahnsinn. Rot, Violett und Grün, ein Kerzenleuchter auf einem Stuhl, ein Buch auf dem Sessel, und das Drama ist offenbar. Der Mörder hat die Flucht ergriffen. Vincent freut sich auf den Freund. Als der Freitag kommt, kehrt Ruhe und Ordnung ein im gelben Haus. Der Freund ist ein Seemann: „Ich wusste wohl, dass Gauguin Seereisen gemacht hatte, aber dass er wirklich Seemann war, habe ich nicht gewusst; er hat alle schwierigen Lagen durchgemacht, er ist ein richtiger Marsgast im Mastkorb gewesen und ein richtiger Matrose. Das flößt mir schreckliche Hochachtung für ihn ein und ein noch bedingungsloseres Vertrauen in seine Persönlichkeit. Er hat, wenn man ihn vergleichen will, Ähnlichkeit mit den Islandfischern Lotis.“
Der Maler: „In meinen Bildern vom Nachtcafé habe ich auszudrücken versucht, dass das Café ein Ort ist, wo man sich ruinieren, wo man verrückt werden und Verbrechen begehen kann. Durch die Gegensätze von zartem Rosa und Blutrot und Dunkelrot, von mildem Louis-XV- und Veroneser Grün gegen die gelbgrünen und harten blaugrünen Töne – das alles in einer Atmosphäre von höllischer Backofenglut und blassem Schwefelgelb – habe ich die finstere Macht einer Kneipe ausdrücken wollen.“
Der Polizist: „An dem betreffenden Tag hatte ich Dienst im Dirnenviertel. Als ich am Bordell Nr.1 vorbeikam, damals in der Rue du Bout d´Arles, das von einer gewissen Virginie geführt wurde – der Name der Prostituierten war Gaby –, hat diese letztere mir in Gegenwart der Chefin eine Zeitung übergeben, in die das Ohr eingeschlagen war, dazu sagte sie: Das hat uns der Maler geschenkt!, ich verhörte die beiden ein wenig, ich vergewisserte mich, was in dem Paket ist…“ „Am vorigen Sonntag, abends um 11 Uhr 30 erschien ein gewisser V. Vg., Maler, aus Holland gebürtig, im Freudenhaus Nr.1, verlangte eine gewisse Rachel zu sprechen und übergab ihr sein Ohr mit den Worten Heben Sie diesen Gegenstand sorgfältig auf. Dann verschwand er…“

Eine Reise um die Welt in schönen Bildern.
Mit der Vorstellung von Mord verbindet sich oft der Gedanke an Meer und Matrosen. Meer und Matrosen erscheinen dann nicht mit der Schärfe eines Abbildes. Mord lässt vielmehr unsere Erregung in Wogen verebben. Jean Genet: Querelle.
1
Lana Turner ist tot!
Als die Japaner 1854 die erste amerikanischen Langnasen
sahen, wie sie unter Commodore Perry in der Bucht von Edo
an Land gingen, waren sie zu Tode erschrocken.
1906 ist Paul Cézanne zusammengebrochen. Damals habe ich
Noch nicht gelebt, und doch berührt mich sein Tod nachhaltiger als
der Tod einer Göttin.
2
Es gibt keine größere Einsamkeit als die des Malers
vor der Leinwand, es sei denn die des Entdeckers
in der Weite des Eismeeres. Die Einsamkeit ist so grenzenlos
wie die Stille der Finsternis über den Schiffen.
Ist es der Reiz, alle Furcht vor Gefahr und Tod zu besiegen?
Oder erfüllt der Anblick einer Welt, die kein Sterblicher je gesehen,
die Entdeckung eines Landes,
auf das kein Mensch je einen Fuß gesetzt,
unser glühendes Verlangen mit erschöpfender Genugtuung?
Wenn die Nacht hereinbricht,
legt sich der Schatten der Vollendung wie tiefe, schwere
Trauer auf die Gräber der gescheiterten Sieger.
Als Franklin, mein Ahne, die ersten zögerlichen Schritte
– auf den Planken der Erebus – in das schier undurchdringliche
Labyrinth des Polarmeeres
und endlich in den Lancaster Sound wagt,
erfüllt sich der Traum.
3
Betrachte ich in Wirklichkeit den Lauf der Bilder,
zeigt sich ein Mosaik, exakt gefügt und bei aller Anarchie
speziell geordnet, erkenne ich eine Sammlung einzelner Steinchen,
die wie die diversen Stationen einer Reise am Ende erst sich
erschließen als der notwendige Verlauf des einzig nur möglichen
Weges.
4
Silberweiß
Brillantgelb
Neapelgelb
Chromgelb
Gelber Ocker
Gebrannte Terra di Siena
Krapplack
Feiner Karminlack
Gebrannter Lack
Veronesegrün
Smaragdgrün
Grüne Erde
Kobaltblau
Ultramarinblau
Preußischblau
Kernschwarz
5
Der Traum des Menschen ist immer auch geboren aus der Sehnsucht,
die schrecklichsten menschlichen Eigenschaften, die Strahlenkreise
der Leidenschaft, zu einer Melancholie der Vollendung zu führen,
die Orte, „wo man sich ruinieren, wo man verrückt werden und
Verbrechen begehen kann“, im heiteren Licht der Farben, wie in
Einem südlichen Meer zu ertränken.
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MONOPOL. Zeitschrift für Kunst und Kultur. Berlin. 22. August 2025:
Friedemann Hahn in Heppenheim
Der Kunstverein Heppenheim liegt wunderschön in der Fachwerk- und Weingegend an der Bergstraße. Das Programm des Ausstellungsraums ist aber überhaupt nicht traditionell. Hier stellte schon Conny Maier aus, bevor sie richtig erfolgreich und berühmt wurde, Tamina Amadyar oder Isa Melsheimer waren hier zu Gast.
Am Freitagabend eröffnet – unterstützt von Grzegorszki Productions, dem Studio des Berliner Künstlers Gregor Hildebrandt – die Ausstellung von Friedemann Hahn, dem Professor, bei dem Hildebrandt selbst einst an der Kunsthochschule Mainz studierte.
Hahn, der sowohl Schriftsteller als auch für seine abstrakte Malerei bekannt ist, wird als „Beobachter zweiter Ordnung“ (Niklas Luhmann) bezeichnet – er beobachtet die Bilder von der Realität. So auch in seinen zahllosen Polaroids, die er vom Fernsehbildschirm abfotografierte. Garantiert ist am Freitagabend eine illustre Fangemeinde vor dem Kunstverein, und vermutlich guter Wein.
Friedemann Hahn „Work in Progress. Oder Luna, der Mond über Sehringen. Und Arbeiten aus der Vorhölle.“, Kunstverein Heppenheim, bis 21. September, Eröffnung: Freitag, 22. August, ab 19 Uhr. Verlängert bis Ende Oktober. Einlass nach Voranmeldung.
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DER MALER BESCHREIBT DIE BILDER.
Luna, der Mond über Sehringen (2003). Painting & Guns (2015). Das Eismeer oder die gescheiterte Hoffnung (2019). Der Tod des Malers (2015). MATADERO (2023). The Black Dahlia (2010). Metal Gear Solid 4. Monument for Snake (2025). Luna, der Mond über Sehringen (2003). Matadero. Edo (2025). Hundemeute mit Poet (2025).
Der Maler schließt die Augen. Blinden Auges wird der schwarze Würfel zum Quadrat. Der Maler setzt das Zeichen des Auges mit wenigen Strichen in grüner Farbe auf den schillernden Lack. Mit einem Nagel ritzt er das Auge in das tiefe Schwarz. Der überraschte Maler hat den toten Hasen vergessen. Wem soll er nun die Bilder erklären? Und erklären? Nein, das tut er nicht. Er wird die Bilder beschreiben. … Und dem Gebilde gibt er den Namen Metal Gear Solid 4. Monument for Snake (2025).


Luna, der Mond über Sehringen (2003). Painting & Guns (2015). Das Eismeer oder die gescheiterte Hoffnung (2019). Der Tod des Malers (2015). MATADERO (2023). The Black Dahlia (2010). Metal Gear Solid 4. Monument for Snake (2025). Luna, der Mond über Sehringen (2003). Matadero. Edo (2025). Hundemeute mit Poet (2025).

Friedemann Hahn im Atelier © Doris Waldmann 
In Heppenheim – Foto © Gregor Hildebrandt
Friedemann Hahn. Den Bildschirm leer laufen lassen.
Marilyn. Die Faszination für ein Gesicht. Eine mediale Oberfläche, hinter die man nicht weiter gelangen kann. Das wussten schon Andy Warhol und Philippe Parreno. Friedemann Hahn ist von Anfang an hingerissen von diesen medialen Oberflächen. Fasziniert von der Fiktion: Was wäre, wenn Lana Turner und Humphrey Bogart sie selbst wären und nicht ihre Rollen. Wären sie dann real? Oder ist das Reale nur eine besonders raffinierte Fiktion? Hahn ist einer der am meisten falsch verstandenen Künstler. Er ist ein Post-Strukturalist, der weiß, dass es keine Welt außerhalb der Zeichen und keine Bezugnahme auf eine Wirklichkeit außerhalb der Bilder gibt. Es gibt kein Entrinnen aus diesem Kreislauf der Referenzen. Sie sind zirkulär und verweisen immer aufeinander. Er versucht, die glatt gebügelten medialen Fassaden ein wenig aufzurauen und ihnen eine expressiv anmutende Authentizität anzufügen. Ein bisschen Würde, ein bisschen Frieden. Man ist geneigt, ihm den van Gogh abzunehmen. Genau hier beginnt aber das Missverständnis seiner Kunst. Er ist nämlich kein Expressionist und er ist auch kein Alter Wilder. Das scheint nur so auf den ersten Blick zu sein. Vielmehr arbeitet er sich konzeptionell an den massenmedialen Oberflächen ab. Hahn ist ein Beobachter zweiter Ordnung, wie Luhmann sagen würde. Er beobachtet nicht die Realität, sondern die Bilder, die von zahllosen Fotografen, Kameramännern oder Regisseurinnen bereits vorformatiert oder errichtet – „instauriert“ – wurden, wie Souriau und Latour sagen würden. Er be-obachtet ihre medialen Narrative.
Es gibt Hunderte von unscharfen Polaroids, die Friedemann ganz nah vor der Glotze aufgenommen hat. Das blaue Glimmen der Kathodenstrahlen mischt sich mit der Unschärfe einer Beobachtung, als ob er mit feuchten Augen vor dem Fernseher gesessen und sich bewusst gewesen wäre, dass man die Wirklichkeit sowieso nicht einfangen kann, auch wenn man sie noch so scharf stellen könnte. Die Unschärfe ist konstitutiv für die ästhetische Erfahrung. Auch in den Pola-roids geht es niemals um das Abgebildete, sondern immer um den medialen und performativen Prozess der Abbildung und der Instauration des Bildes. Die Hahnsche Unschärfe entspringt wie die Heisenbergsche dem Dilemma, dass der Vorgang der Beobachtung das Resultat verändert (Heisenberg). Bei ihm ist es je- doch umgekehrt. Das Resultat, das Bild, erzeugt den Vorgang der Beobachtung.
Ähnliches kann man auch von seinen Romanen behaupten. Es sind Texte zweiter Ordnung. Sie beziehen sich ebenfalls auf andere mediale Oberflächen. Es sind Meta-Krimis, die aber so tun, als wären sie voller first hand experiences. Sind sie aber nicht. Sie suggerieren Authentizität und Existenzialität. Sie referieren auf andere Texte, Bilder, Filme oder sogar auf Computerspiele, die in Sprache transformiert wurden. Als Künstler schwebt Hahn zwischen der Generation, der er entstammt, und einer jüngeren Generation, die ihn als Idol, Vorbild oder Kult-Figur rezipiert. Hahn ist ein Meta-Künstler. Ein Maler zweiter Ordnung, der Kunst für die Kunst oder Kunst über Kunst produziert. Er befragt die Bedingung der Möglichkeit, heute noch malen zu können. Was heißt es nach dem Ende der Avantgarden, in dem gefühlt alles gemalt, gezeichnet, geschrieben und fotografiert wurde, was man malen, zeichnen, schreiben und fotografieren kann, immer noch zu malen, zu zeichnen, zu schreiben und zu fotografieren? Welche überzeugende Künstler-rolle kann man heute noch auf authentische Weise einnehmen? Gibt es überhaupt noch eine solche Möglichkeit oder ist alles nur noch eine Form von poststruktureller Selbstinszenierung?
Sie müssen, von den medialen Oberflächen her gesehen, auf sein Werk schauen. Die Dispositive der Massenmedien Film, Fern-sehen, Star-Kult oder das roman-tische Künstlerbild werden von Friedemann in seinen Appropriationen authentifiziert. Sie werden eingerichtet und hergerichtet als das Falsche im Richtigen. Das Fiktive bricht nachts in das Reality-Studio ein und schnipselt am Director’s Cut herum (Burroughs). Pygmalion, der Träumer der medialen Oberflächen, verschmilzt mit seinen eigenen Produkten. Er lebt in ihnen und sie leben in uns. Seine Bilder sind wie Parasiten. Wir sind ihr Host.
Hey Lowdy Mama – Beginnings of A Masterpiece.
Die Straßen von Rom sind voller Müll. Überall Fußspuren. Wenn ich zurück in mein Hotelzimmer kehre, wo Botticellis Nichte auf mich wartet, würde ich am liebsten in einer dreckigen Gondel durch die Welt segeln. Eines Tages wird alles anders sein.
Wie fängt man am besten an? Wie setzt man den ersten Strich oder legt die erste Farbe auf? Der erste Strich, die erste Farbe, der erste Satz. Sie legen alles weitere, was folgt fest. Oft ist es dann im weiteren Verlauf, wenn man falsch angefangen hat, sehr mühsam, noch irgendetwas zu korrigieren.
Man setzt sich ein Ziel. Man hat eine bestimmte Absicht. Es kommt anders. Der Prozess auf dem Papier oder auf der Lein-wand entwickelt sich in eine ganz andere Richtung als ursprünglich geplant. Was ist hier los? Der Widerstand der Farbe, die Autonomie des Pinsels, die agency der Dinge. Der Bleistift ist ein aktives handelndes Objekt. Er ist ein Quasi-Objekt, welches uns zu Quasi-Subjekten macht. (Michel Serres) Wo der Maler letzten Endes herauskommt, ist etwas, was sich nicht planen lässt. Es ist etwas Unbekanntes. Es ist etwas Neues. Genau so entsteht das Neue. Der Maler ist überrascht vom Ergebnis wie der Pinsel, das Papier oder die Farbe.
Eines Tages wird alles anders sein – wenn ich mein Meisterwerk male.
Hans Dieter Huber
Mark Knopfler – The Dire Straits: Brothers in Arms.
Diese nebelverhangenen Berge / Sind jetzt ein Zuhause für mich / Aber meine Heimat ist das Tiefland / Und wird es immer sein / Eines Tages werdet ihr / In eure Täler und zu euren Höfen zurückkehren / Und werdet nicht mehr darauf brennen Waffenbrüder zu sein // Jetzt ist die Sonne zur Hölle gefahren
Und der Mond steht hoch / Lasst mich von dir Abschied nehmen / Jeder Mensch muss sterben / Aber es steht im Sternenlicht geschrieben / Und in jeder Linie deiner Hand / Wir sind Narren Krieg zu führen / Gegen unsere Brüder in Waffen
In Erinnerung: Ankommen. Käpt´n, Doris und Friedemann. Samstag, 30. September 2017.Es war ein großer Sprung. Von den Höhen des Schwarzwalds an die deutsch-dänische Grenze. Allen, die uns geholfen haben, unseren ewigen Traum „Leben & Kunstmachen ohne vor die Hunde zu gehn“, hier oben fortsetzen zu können, sei Dank. These mist-covered mountains / Are a home now for me / But my home is in lowlands / And always will be … Mark Knopflers Nebelsatz lass ich mal einfach ein bisschen rotieren, dann sieht er so aus für mich: Dieses nebelverhangene Tiefland ist jetzt ein Zuhause für mich, aber meine Heimat sind die Berge, und sie werden es immer sein. Für Doris stimmen die Zeilen von Brother In Arms, wie sie Mark Knopfler verfasst hat; für mich stimmen sie auch. So rum oder so rum, es bleibt sich gleich. Es ist eine Frage der Einstellung. Wie man es eben sieht. Wenn man es sieht, wenn man es sehen will … aber lassen wir das … c´est comme ça.
Ankommen und in Verbindung bleiben: Gut Falkenberg hier und die nebelverhangenen Berge im Forêt-Noire, dort unten im Süden, am Feldberg, nicht vergessen, nicht verloren haben. Der Anfang ist das Ziel. Und die Erinnerung ist auf ewig. Nicht vergessen, die unter den Felsen begraben sind. Ihre Seelen sind mein Zuhause. Sie wiegen ihre Arme wie Blutkastanien im Wind. „Das Leben ist kurz wie eine Jahreszeit …“

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Ein Blutbad und Melancholie.

Der Abschied/
ein Film in Paris
XII. Arrondissement
Sonnabend, 4. April
6 Uhr abends
Vergangenheit die
endlose Wüste
der Vergangenheit
Die Einsamkeit und
die Weite der Vergangenheit
Regentropfen schlagen
an das Fensterglas plong…
Sie ist dein wirklicher Feind
die Vergangenheit.
Cimetière de Saint-Vincent
XVIII. Arrondissement
Später am Grab des Lehrers
das letzte Sonnenlicht strahlt
durch Zweige riesiger Espen
Meine Haare sind weiß
wie der Schnee
Die rechte Hand an die Stirn gelegt
salutiere ich ein letztes Mal
Unzählige sternförmige Blüten
bedecken den Boden
weiß wie von feinsten Kristallen
überzogen
Ein ruhiger angeschwollener Strom.
XIII. Arrondissement
Sonntagmorgen, 5. April
Viertel vor Vier
Dieser Augenblick
ist wie geschaffen
für eine Hinrichtung in der Rue Watt
Glänzend schmutziges Wasser
wie es an der Seitenmauer
herunter rinnt im spärlichen Licht
Wie er auftaucht
erkenne ich ihn
zwischen dünnen Eisenträgern
er wird die Schüsse nicht hören
Ein Zug donnert pünktlich
über unsere Köpfe
wie es zittert
und knirscht
das Eisen der Stahl.
XII. Arrondissement
Sonntagnacht
Die Welt hat sich verändert
ich bemerke es sofort
eine düstere Ruhe nach dem Sturm
Ich spüre es
der Blick ist verändert
Auch mein Blick
der Blick
auf das andere.
Montagmorgen, 6. April
7 Uhr morgens
Barrière d´Enfer
die Schrotladung
wird ihn verunstalten
Die Kugel wird ihn töten
in der Hand
des Teufels sein
Ich denke an stille Minuten
an die Andacht am Grab
Meine Augen wandern
wie zwischen Käfiggittern
ein wundes Tier gefangen
Müde und irr in einem traurigen
Hotelzimmer tigergleich.
Der Abschied/
ein Film vor Algier
Sonnabend, 9. Januar
10 Uhr abends
An Bord der Amapala
Verloren die Erinnerung
blauschwarz versunken
der Traum
In einer entfernten Stadt
die Lichter grell
Allein auf dem Bug
das Meer und die Nacht
nichts bleibt
Diebisch trunken
die Einsamkeit
zwischen den Welten
Die Einsamkeit
außerhalb der Zeit.
Sonntagmorgen, 10. Januar
gegen 6 Uhr
Trance
geöffnet die Augen
schlafend
Das Dröhnen
unter mir eisern
Der Rumpf
walgleich und schwer
die Gedanken
Das Gefühl
der Traum.
Sonntagmorgen, 10. Januar
6 Uhr
Damals „… das ist Afrika“
raunte ihre unvergleichliche
Stimme „Afrika … das ist Afrika“
Und der nächste Morgen?
Träge pulst das Blut
Wie eine Echse nächtlich
unter dem Stein
atme ich über Wellen
Smaragdgrün
„Afrika!“
Das Echo der Schüsse
verlor sich …
„Afrika!“ sie kam näher
Afrika …
dann hatte ich gelacht.
Sonntagmorgen, 10 Januar
kurz nach 6 Uhr
Algier
Schwarzes Blut der Erinnerung
Algier kristallklar
der Himmel reinster Azur
Ich hatte in der Hölle reserviert
Mittwoch, 13. Januar
Am frühen Abend
Der Abend färbt sich in dunkles Blei
der Regen dicht wie schweres Öl
die Luft in der Kabine heiß
und Parfüm geschwängert
draußen quält der üble Hafengeruch
Und ich höre die Stimme
– wieder und wieder
„…ich umarme meine dunkle Seele
Ich sehe
den aufgehenden Mond
und denke an die schweren Zeiten
Oh Staub
du machst meine jungen Jahre alt.“
Donnerstag, 14. Januar
1 Uhr nachts
„Das Leben ist wie ein Windstoß
oh kehrt doch um!
In dieser schlimmen Welt
gibt es nichts für euch
eure Jugend ist kurz wie eine Jahreszeit“
Als ich mir die Mündung
in den Mund stoße
reißt das Visier den Gaumen auf
Ölgeschmack und Blut…
ich habe im Schweiß gebadet
im Schweiß und in der Angst
Ich weine Tag und Nacht
ich bin ein toter Mann
„Allah Kerim!“

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MIT DIESEN WORTEN SPRANG ER AUS DEM KAJÜTENFENSTER AUF DIE EISSCHOLLE HINAB, DIE NOCH DICHT NEBEN DEM SCHIFF TRIEB. BALD HATTEN IHN DIE WELLEN DAVONGETRAGEN, UND ER VERLOR SICH IN DUNKELHEIT UND FERNE. Ein Schiff treibt übers Meer. Still ruht die See. Das Boot macht kaum Fahrt. Die Besatzung findet ihr Grab in den dunklen Wellen des Meeres. Im Schein der sinkenden Sonne nehmen Kapitän und Maat vom letzten Kameraden Abschied. Max Schreck ist an Bord, der Würger Nosferatu schleicht durchs Schiff. Finsternis legt sich über den Segler. Das Todesschiff hatte einen neuen Kapitän. Die Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages züngeln zwischen den Segeln. Da kommt Wind auf.

Ein Schiff strebt nach Norden, Kurs Eismeer. Die gefrorene See droht, es zu zermalmen, Eisberge bedrängen das hölzerne Gefährt, der Untergang naht. Viele sind an Bord des bedrohten Kahns. Walton, der Berichterstatter, zeichnet für seine Schwester und die Nachwelt ungewöhnliche und bedeutungsvolle Szenen auf. Immer noch umgeben Eisberge das Schiff. Mary Shelley und Frankenstein sind an Bord – auch Franklin, der ruhmreiche Scheiterer. Die Mannschaft beginnt zu meutern, den zaghaften Matrosen ist das Leben näher als der Ruhm unsterblichen Heldentums. Frankenstein will die Kleinmütigen von der Bedeutung der Mission überzeugen, erklärt, dass eine ruhmreiche Expedition keine angenehme Reise auf südlichen Meeren sein dürfe, dass Gefahr und Schrecken die Tapferkeit erst herausfordere. Erst Tod und Gefahr böten die Gelegenheit, Mut zu beweisen. Inmitten der Einsamkeit des Eises, im fiebrigen Laudanumwahn, versucht er die wankelmütige Mannschaft zu kühnem Heroismus zu bewegen.
Auch sein Monster ist plötzlich an Bord. Er wird von Walton in Frankensteins Kajüte entdeckt, gerade dabei sein Schicksal zu vollenden. „Aber bald werde ich sterben“, schrie er dann in düsterer, feierlicher Begeisterung. „Ich werde sterben und das nicht länger empfinden müssen, was ich jetzt fühle! Bald wird dies brennende Elend ausgelöscht sein. Triumphierend werde ich meinen Scheiterhaufen besteigen und inmitten der sengenden Flammen frohlocken! Wenn die Feuersbrunst erloschen ist, wird der Wind meine Asche ins Meer wehen. Mein Geist wird in Frieden ruhen; aber sollte er weiterhin denken können, so werden es andere Gedanken sein. Leben sie wohl!“
Wenn der Seemann dem Meer den Rücken kehrt, baut er eine Hütte. Er baut die Hütte ans Ufer eines ruhigen Waldsees. Matrosen sind die besseren Maler.
In den Bildern. Die Kunst besetzt den vielleicht letzten Freiraum, den es in unserer Welt gibt. Und diesen Freiraum wird es, solange menschliches Leben besteht, weiterhin geben. In ihm lebt die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Idee, die Freiheit, schöpferische Idee in kreative Tat umzusetzen. Und dennoch ist diese Freiheit nicht grenzenlos. Idee und Tat selbst kanalisieren ihr Werk, begrenzen die Möglichkeiten, sichten frei gewählte Systeme, fügen diese zu einer Grammatik der Kunst. Streng oder offen, aber doch in sich logisch und verpflichtet, selbst gewählte Regeln und Gesetze zu beachten, diese vielleicht auch zu befolgen oder sie einfach umzustoßen, sie über den Haufen schmeißen, die vorgegebene Bahn verlassen, sich selbst ad absurdum führen, in Chaos und Anarchie zu enden. Die Kunst kann also machen, was sie will.
Denn auch dies ist die Freiheit der Kunst, und hier unterscheidet sie sich ganz vehement von einer anderen Freiraumbesetzerin, der Wissenschaft. Und dieser Unterschied macht dann die besondere Art der Freiheit der Kunst noch einmal ausdrücklich deutlich. Die Kunst kann – nicht aus Laune, aber wohl aus Lust – ihre selbst gewählten Ketten sprengen, sie kann sich selbst widersprechen.
Wenn die Bilder an den Wänden hängen, sind sie allein. Sie sind verlassen von ihrem Maler, verlassen von all ihren Gefährten, die sie sonst um sich haben; was jetzt noch im Raum hängt, ist eher ein Feind, der bedrängt.
Picasso hat einmal bemerkt, dass der einsame Maler niemals allein sei, dass beim Malen alle Maler mit ihm im Atelier seien, oder besser: hinter ihm.
So kann die Kunstgeschichte eine belastende Angelegenheit sein, für ein gutes Bild aber ist sie eine liebevolle Freundin und eine hilfreiche Unterstützung.
Und wie muss ein gutes Bild aussehen? Dies legt der Künstler für sich allein fest, doch muss er überzeugen mit seinem Werk. Er benötigt Zuspruch und Widerspruch, hier helfen die Maler hinter dem Maler, die Bilder hinter den Bildern. Doch ohne Gegenüber kann kein Bild leben, ohne fragende Augen keine Antwort geben. Ein gutes Bild zu sein, ist mehr als eine Behauptung. Der Maler verlangt – wie auch die kritischen Augen vor dem Bild – Originalität, Ursprünglichkeit; – der Maler verlangt, dass das Bild eins werde mit den Jahrtausenden der Malerei, dass es in ihnen verankert sei, dass es aber über sie auch hinausweise auf neue Felder, auf unentdeckte Inseln. Denn ohne diesen Ausblick auf Neues wäre das Bild keine Kunst; es wäre lediglich ein ordentlicher Stuhl, auf den man sich, ohne Angst zusammenzubrechen, setzen könnte – und das wäre ja schon einiges, aber nicht genug.
Aber wenn dieses gute Bild nun doch keiner sieht, keiner sehen will? So muss der Maler es doch malen, allein mit sich und allen anderen Malern hinter sich. Und er ist allein mit sich und der Frage, ob das Eis trägt, auf das er sich begibt, und da helfen ihm nicht alle Maler der Welt hinter ihm, denn die sind auch allein und einsam. Und so hilft der Maler sich selbst, er hilft seinem Bild, und er sieht zu, dass er sich hinter sein Bild stellen kann – und vor sein Bild; schaut zu, dass er eins wird mit seinem Bild, und wenn er davon überzeugt ist, ist er auch nicht mehr allein – für den Augenblick.
Diese Identität zu finden ist auch der Weg zu überzeugen. Doch auch bei aller Identität von Bild und Maler, es braucht das Gegenüber zweier fremder Augen, um bei allem Zuspruch und Widerspruch die Einsamkeit besser ertragen zu können.
Denn die nimmt dem Maler niemand, nicht einmal sein Bild.
In dieser Zeit sehe ich immer wieder diese Bilder. Ein Schiff auf dem Horizont. Ein Schlepper, wie er ein riesiges Dampfboot zieht. Ein Segel verschwindet am Horizont. Ein Seemann steht an der Reling und schaut weit hinaus. Ein Leuchtturm hoch über den Klippen. Menschen auf einem Ausflugdampfer winken zurück, fahren hinaus und entfernen sich. Sich einer Insel nähern, anlanden. Bilder treiben in eine endlose Nebelbank. Bilder lösen sich allmählich aus der Unbestimmtheit des Unsichtbaren. Bilder wie vor oder nach einem Unwetter. Wie aus einer Zeit hinausgehen und in eine andere hinein. Bilder der Sehnsucht und der Erwartung, voll Freude und Hoffnung und Einsamkeit. Und immer schwebt leise ein Windhauch voll Angst darüber hin. Bilder müssen eine Seele haben. Ich will in den Bildern leben.
Eines Tages wird alles anders sein – wenn ich mein Meisterwerk male.


Foto: Doris Waldmann
Eines Tages wird alles anders sein – wenn ich mein Meisterwerk male.

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Dank an: Eugen Gottlob Winkler, Daniel Defoe, Ernst Vlek, Harald Hohenacker, Vincent van Gogh, Herbert A. Werner, Stanley Kubrick, Jens Gerber, Mary V. Shelley, Gregor Hildebrandt, Kaspar David Friedrich, James Whalen, Joseph von Sternberg, Hideo Kojima, Raymond Benson, Uwe Ehmig, Doris Waldmann, Hans Dieter Huber, Julien Duvivier, Masuji Ibuse.

































