Geschrieben am 1. September 2025 von für Crimemag, CrimeMag September 2025

Friedemann Hahn: Kleines Requiem für Alain Delon (2)

Nachdenken über Delons Schatten. Die Fortsetzung.

Alles hängt mit allem zusammen. Oder: Alain Delon stirbt am 18. August 2024.

Delons Schatten und seine Folgen – mit Auszügen aus dem Gedichtband Hey Käpt´n und dem Manuskript zu Sang et Merde. – Von Friedemann Hahn. Siehe auch Teil 1, September 2024.

„Eigentlich kennt das wohl jeder: dreaming along — Was geht im Traum schon zu Ende? Es kann doch immer weitergehen, da du die Zeit doch auf deiner Seite hast, Konzentration und Ruhe — `Fortsetzung folgt´ nicht unbedingt in der nächsten Nacht.“ (Martin Langbein)                                                                                                                        

„Alle Menschen träumen, aber nicht auf dieselbe Art. Die, die nachts träumen, in den staubigen Nischen ihres Geistes, wachen am Tag und stellen fest, dass ihre Träume eitel waren; aber die, die am Tage träumen, sind gefährlich, da sie ihren Traum mit offenen Augen leben, um ihn zu verwirklichen. Dies tat ich.“ (T. E. Lawrence)

Andreas Baader (6. Mai 1943 – 18. Oktober 1977), der wie viele männliche Träumer in den späten 1970er Jahren mit romantischer Attitüde sich gerne wie Jeff Costello trug (Antje Krüger, ein späteres Mitglied der Kommune I: „Oft ist er gepudert, trägt Hut und Trenchcoat wie Alain Delon in `Der eiskalte Engel´“, gemeinsam sitzt man oft im Kino. Einer seiner Lieblingsfilme ist der Italo-Western `Il Silencio´/`Leichen pflastern seinen Weg´ 1968 mit Jean Louis Trintignant u. Klaus Kinski. – Klaus Stern u. Jörg Herrmann, Andreas Baader); man träumte in den Tag hinein und lungerte unter Alain Delons Schatten (einer Leinwandgröße, einem Filmstar, einer überdimensionalen Erscheinung) durchs junge Leben. Rainer Werner Fassbinder, er und Baader sollen sich öfters begegnet sein, bemerkte später zu seinem Film `Die dritte Generation´: „Ich schmeiße keine Bomben. Ich mache Filme.“ Die Schlacht um Algier. 1966 gewann `La Battaglia di Algeri´ in Venedig den Goldenen Löwen, kurz danach wurde der Film von Gillo Pontecorvo für drei Oscars nominiert. Ein Kultfilm in den 1968er Jahren, „der Lieblingsfilm von Andreas Bader“ (Stern/Herrmann, A. B.); in dieser Zeit schrieb er an einem Drehbuch für Peter Fleischmann – er identifizierte sich wohl auch mit dem regionalen Anführer der FLN und ehemaligen Boxer, Straßendieb und Hütchenspieler Ali LaPointe/Brahim Hadjadj (nachzulesen in: Andreas Bader von Klaus Stern u. Jörg Herrmann, München 2007) – orientiert und eng angelehnt an dem Film von Pontecorvo, so der Mitbrandstifter Thorwald Proll: „Er hatte grandiose Vorstellungen.“ Nur ist Deutschland nicht Algerien. Die Hölle von Algier (L´Insoumis). Ich hatte ein paar Wochen, als ich die Baader Biographie las, geglaubt, Andreas Baader habe sich in den Algier-Film mit Alain Delon verguckt, einen Film, den ich vor Jahren einmal im TV gesehen hatte. Delon hat hier die Chance sich zu läutern. Er schätz solche Rollen; ich erinnere an die Schlusssequenz aus `Lost Command´/`Sie fürchten weder Tod noch Teufel´ von Mark Robson (sozusagen die „Hollywood-Version“ von `La Battaglia di Algeri´; Raspeguy/Anthony Quinn/Jaques Massu rechtfertig seine hinterhältige Tat mit dem militärischen Erfolg, worauf Esclavier/Alain Delon/Regimentsschreiber den Dienst quittiert. Seinen Offizierskameraden und dem Rest der Einheit werden Orden verliehen, während Esclavier allein und in Zivil den Ort verlässt. Er sieht wie ein algerischer Junge die Aufschrift „Indépendance“, die von einer Wand mühsam abgewischt wird, um die Ecke an einer anderen Wand wieder aufmalt. Delon lacht, und er freut sich auf die Zukunft (im Film hatte er ja schon Gelegenheit mit einem algerischen Mädchen, der in Tunesien geborenen Claudia Cardinale/Aisha, zu fraternisieren), es wird weitergehen, aber auf der anderen Seite des Ufers. Da ist sie, die zyklische Persönlichkeit, mit der Delon in dem Interview-Versuch (sh. u.) den Georg Stefan Troller abwatscht. Über General Massu muss ich noch schreiben und nachdenken, sh. der Manuskriptauszug „Sang et Merde“.

   Noch einmal einen Gedanken an Andreas Baader verschwenden: Vielleicht hätte er sich „L´Insoumis“, 1964 von Alain Cavalier anschauen sollen, nicht abends oder nachts, nicht im aufgewühlten Heer der Moviegoer, allein in der ersten Vorstellung am frühen Nachmittag. Der aufrührerische deutsche Titel klingt ja verlockend. Und wenn er diesen nachdenklichen Film bis zum Schluss ausgehalten hätte …? Ja, so sagt man, ein Filmerlebnis kann Weichen für´s Leben stellen.

Es gibt keinen Zufall. Auch im Leben nicht.                                                 

Wir schreiben das Drehbuch, suchen die Schauspieler zusammen und wollen auch noch Regie führen. Selbstverständlich gehört uns die Hauptrolle. Doch da gibt es dann Schwierigkeiten mit der anderen Wirklichkeit … mit dem anderen Film. Aber der Traum wird´s schon richten. Es ist die reine Fiktion, was da mit uns passiert. Und alles stimmt. Es fügt sich zusammen … passt … es ist die Wahrheit — muss es sein. Der perfekte Traum. „Eigentlich kennt es wohl jeder: dreaming along …“

Sind wir wirklich das, was andere in uns sehen?Schönheit und Kälte. Geheimnis und Entschlossenheit.Sind wir nicht vor allem das, was wir sein wollen.Denn dafür leben wir doch, und dieses Streben ist die Freiheit kein Objekt zu sein. Und der geheimnisvolle Glanz? Du musst wissen, auf welcher Seite des Traums du stehst.

Im Zeichen des Orion. Oder: Out of Space.

  1

Im Morgengrauen des 12. Dezembers fand man am Strand                              
von Algier ein sonderbares Wesen – wie von einem fernen Stern                        
herabgestürzt, halb Mensch, halb Maschine.                                                                           
Das erste, das auffiel, waren die schweren skistiefelähnlichen Füße aus Blei.  
Der Kopf abgedreht und in den Sand gewühlt.                                                    
Schläuche verbanden ihn mit einem unförmigen Sack auf der Brust und Kabel
führten zu einer Stahltonne auf dem Rücken.                                                          
Das körperartige Ding steckte in einem Overall aus Gummi.                             
Die Hände waren grobe Greifwerkzeuge aus Metall.                                             
Beim Umdrehen bemerkten die Strandwächter, dass das Ding beweglich war
wie eine Puppe. Vom Sand befreit, leuchtete die Gesichtsmaske wie ein Spiegel
aus schwarzem Marmor, in den der Blick in eine unergründliche Tiefe fiel.                                  
In der Nacht vor diesem Morgen begann das Schiffesterben in Algier. Ich weiß
es. Ich habe es gesehen.

  2                                                                                                                        

Ich stehe am Fenster. Es ist dunkel geworden. Drinnen wie draußen. Das heftige
Schneetreiben verhindert einen klaren Blick auf die Landschaft. Der alte
Nussbaum ist kahl und Schnee liegt auf den Ästen. Verlassen steht er hinter
einem Schleier tanzender Schneeflocken. Allmählich verdichtet sich der Nebel.
Die Nacht beginnt. Das Käuzchen wird bis zum Morgengrauen rufen.
Ich sehe die weißen Hunde in den Ästen.                                                                       
Innen auf der Fensterscheibe blühen Eisblumen.                                               
Das Fenster geht auf und ich schaue hinaus in das Schwarz der Nacht.
Und ich stehe vor dem schwarzen Nichts.
Das Nichts ist mir nicht fremd.                                                                            
Hinter dem Nichts sehe ich das geheimnisvolle Buch.                                         
Und ich weiß: Es wird eine lange Reise werden.                                                 
Ich werde das geheimnisvolle Buch finden.                                                        
Ich bin allein. Die Frau ist in der Stadt. Der Hund ist tot.                                                                                             
Ich sehe ihn. Und ich weiß es.                                                                              
Und die Gefahr wird mich finden.

  3                                                                                                                          

7. August 05.09 Uhr. Orion im Zeichen der Jäger, des Einhorns im                               
Rosettennebel der Milchstraße.                                                                               
Wir sind auf Tauchfahrt. Kurs Algier. 234 ist ein tapferer Soldat.  
Mein Vater war auch ein tapferer Soldat. Jetzt ist er nicht mehr der Wilde Hans.
Jetzt ist er der Johannes. Und der Johannes ist im Schwarzwald.
Mama ist auch im Schwarzwald.
Mama lächelt.                                                                     
Mama war eine Krankenschwester in Prag. Abends ging Mama                                    
mit den jungen Offizieren aus. Die waren von der Polizei und hatten zwei
silbrige Blitze auf der Brust. Und die Uniformen waren grau und grün.    
Deshalb hat Mama Angst, als der Michael in das Krankenhaus kommt.
Meine Mutter ist die Schwarze Sarah.                                                                           
Die Schwarze Sarah lächelt nicht.

  4                                                                                                                                                                                                                                  Ich entschließe mich, auf eine Weltreise zu gehen.                                                 
Lord Byron ist mit an Bord. Zuerst laufen wir Port Arthur an.  
Wir wollen der russischen Flotte zu Hilfe kommen.                                       
Nach einem kurzen Aufenthalt in Tanger, entschließe ich mich                                 
durch den Suezkanal nach Asien zu segeln.                     
Die „Orion“ ist ein exzellenter Segler, ein Dreimastsegler 
amerikanischer Version, mit dem jede Gefahr zu bestehen ist.                                                                    
Einmal versuchen wir uns im indonesischen Meer als Piraten.                                        
Wir kreuzen den Weg der „Mongolia“. Einmal treiben wir in einer ewigen
Flaute durch eine wahre Wüstenei des Schreckens und Verderbens.                               
Einmal zertrümmert vor Cornwall eine Fallböe den Großmast.                                        
Am 27. Dezember ankern wir vor New York.                                            
Verschmutzte Schneereste und Eisbruch liegen an den Rändern der Straßen.
Schneekristalle legen sich um das Gras in den Parks. Max Beckmann
bricht zusammen. Passanten umstehen den elegant gekleideten schweren Körper. Ich
lege ihn in den Schatten eines Kirschbaumes.                                                            
Ein toter Spaziergänger im Central Park.                                                                               
Der Pekinese an der Leine versteht die Welt nicht mehr.                                                      
Ich spreche zu mir: Ich wusste ich würde dich finden — Ich wusste du würdest
kommen — Es tut mir leid mein Freund — Vielleicht ist Sterben                     
wie Abreisen — In eine entfernte Welt — Ja vielleicht zu den Meereswellen      
— Nach Asahi — Gute Reise also.                                                                      
 In der Nacht vom 8. Auf den 9. Februar werden wir an Land gespült. Ich stehe
allein am Strand einer unbekannten Insel.                                                           
 Meine Gefährten sind auf See geblieben. Erst Tage und Nächte später tauchen
ihre Reste verstreut am Strand auf.      
Die See gibt unförmig aufgedunsene und angefressene Kadaver frei.              
„Ein alter Fetzen behält seine Form länger als ein toter Körper.                       
Was für ein widerwärtiger, erniedrigender Anblick!“                                                    
 Meinen treuen Starbuck kann ich an den Resten seiner Nankingjacke
identifizieren; mein Bootsjunge trägt ein aufgeweichtes Exemplar von
Lawrence´ Seven Pillars of Wisdom bei sich. Einzig dieses Buch ist mir
vertraut an dieser schrecklichen Menschenqualle. Den Leichnam meines treuen Hundes
„Boatswain“ kann ich nicht finden.                                                                    
Soweit ich den Strand auch absuche. Ich stürze mich in die Wellen, die meine
Gefährten so grausam erstickten. Ich finde ihn nicht.                                                                                                   
Ich sage: Wenn ich ihn nicht finden kann, kann er nicht tot sein.   
Ich werde an anderen Orten nach ihm suchen.

  5                                                                                                                               

1979 sind wir in Florenz. Doris, Annali und ich.                                              
Villa Roman, Via Senese, 68. Doris ist in der Stadt.                                            
Es ist ein heißer Sommernachmittag. Angiolino Giuseppe Pasquale Ventura
steigt Doris hinterher. Ich laufe Doris 1975 über den Weg. Das ist in Freiburg.
Wir laufen eine lange Nacht um das Münster und küssen uns. Dann kritzle ich
ihre Telefonnummer auf die Rückseite meines Rote-Kreuz Ausweis´.                                                                                                                                              
Die Tinte hat bis heute gehalten.

  6                                                                                                                          

Es ist jetzt kurz nach 16.00 Uhr. Wir haben Freitag den 5. Februar 2024.                                                               
Vor meinem Fenster galoppieren zwölf Pferde                                                          
und Ponys über die Koppel. Ich sitze am Fenster im alten Pferdestall und
schreibe ein Gedicht. Fünf Schafe aus Afrika stehen weiter hinten beim
ausrangierten Bauwagen. Über den Teichen steigt der Abendnebel auf.                                                             
Ich rufe den Schwänen und Kranichen zu. Aber sie hören mich nicht. Ein
Seeadler stürzt sich auf eine Wildente. Und die anderen fliegen davon.                                                                                             
Plötzlich ist da mein schwarzer Hund Käpt´n und kommt zu mir gerannt. Die
Schwarze Sarah winkt zu uns herüber. Aber wir sehen sie nicht.

  8                                                                                                                                              

Wir tanzen im Café de l´Alcasar hier regiert die reine Sünde                                  
abgrundtief verdorben hier ist der Ort wo man sich ruinieren kann hier wird man
verrückt hier begeht man Verbrechen Udet vögelt mit der Riefenstahl dass die
Ritterkreuze und der Pour le Mérite klappern. Corto Maltese ballert mit zwei
vergoldeten Colts gegen die Decke Kristall regnet auf uns herab der Maler mit
dem roten Bart und dem halben Ohr versenkt am grünen Tuch die Kugeln
draußen weht der furchterregende Mistral fegt alles und jeden hinaus aufs offene
Meer. Doris rennt mit der Handkamera umher und nimmt alles auf.                                                
Ich sitze auf einem wichtigen Stuhl: DIRECTOR. Und versuche die gesamte
Mannschaft zu dirigieren. Doch das Chaos ist jetzt nicht mehr beherrschbar.                                                                   
Und ich sehe, wie meine Mama im Schwarzwald nicht mehr lächelt. Auch der
Wilde Hans lächelt nicht mehr. Den Erzengel Michael kann ich nicht sehen. Die
Engel sind alle gefallen, sagen sie. Sie heulen jetzt mit den Wölfen.                                                                     
Auf einmal ist da Alain Delon. Und alle sind ruhig. Mucksmäuschen still. Was
eben noch abzustürzen drohte, findet seine Ordnung. Alain steht nur da und lässt
seine Augen spielen. Er ist die Achse, um die sich das Karussell dreht.                                                                   
Er kann es mit den Engeln. Er kann es mit dem Teufel.                                                              
So sieht es im Moment aus.                                                                                         
Mehr dazu ein andermal.                                                                              
„Vielleicht morgen wieder?“

8. November 1935, 5 Uhr 25. Alain Delon kommt in Sceaux (Vorort von Paris) zur Welt. Sternzeichen Skorpion. 1957 eine erste Rolle in Quand la Femme s´en méle; 2019 der letzte Auftritt vor der Kamera; 1973 die Hauptrolle in einem Film mit dem bezeichnenden Titel Scorpiound viele andere mehr.Man muss nicht alle Filme gesehen haben, in denen er mitspielt – bald schon die Hauptrollen –, um bei einem Blick in den Spiegel seines Lebens (das, was über ihn bekannt ist, was vermutet wird, was ihm nachgesagt wird, was er spielt, vorgibt, was er ist …) zu erkennen, dass seine Rollen Fragmente seines Lebens darstellen. Ist das nicht bei anderen Schauspielern, Filmstars, ebenso …? Nein, nicht in diesem Maße. Das liegt nicht nur daran, dass viele der wichtigen „Delon-Filme“, ihm auf den Leib geschneidert erscheinen (Le Samourai um nur ein Beispiel zu nennen); Delon scheint selbst nicht mehr zu unterscheiden, wann ist er er selbst, wann ist er seine Figur. Und will er es überhaupt, sich entscheiden? Was er ist, was er sein will, da gibt es keine Grenzen, er macht sich die Rolle untertan. Er nimmt sich das Recht, im Leben die Rolle zu spielen, die er sich ins Lebensbuch geschrieben hat; und er schreibt und spielt die Rollen, die er sich für seine Produktionen kreiert. Er ist da einzigartig. Das ist pure Authentizität. Er ist sich seiner Rolle bewusst, lebt sie und fordert diese Authentizität auch ein von seinen Mitspielern. Man funktioniert als Bande. Man hält sich an die Gesetze, die Moral der Bande. Meine Ehre heißt Treue. Bis in den Tod. Das gilt für Mensch und Hund.

   Er ist der letzte Star, den ich kenne. Für Frankreich versteht sich das von selbst, aber ich beziehe mich auf die ganze Welt. Er ist ein Hollywoodstar der dreißiger Jahre. Er hat sich sogar einer Verpflichtung unterworfen, die zu den Stars der dreißiger Jahre gehörte, nämlich jener, einen Skandal auszuhalten: „Hollywood Babylon!“ (Jean-Pierre Meville).

Auszug aus dem Manuskript zu SANG et MERDE:

17

„Wäre ich in Metz geblieben, müsste ich jetzt nicht den hohen Besuch bemuttern.“

   Was mache ich nur mit ihm?

   Der französische General ist so unentschlossen, so wankelmütig … il ne reste plus rien … Wo ist der mutige Held von einst …? Keine zehn Jahre sind vergangen.

   Seit Algier.

   „Moins de dix ans se sont écoulés depuis.“

   Er weiß nicht, was er will. Weiß nicht, was er kann. Wenn der hohe Besuch will, dass ich die Jugend Frankreichs zusammenkartätsche … Er muss an den 17. Oktober, an die Algerier auf den Straßen von Paris denken … Nein, das kann er nicht verlangen.

   Er lehnt an der tiefen Fensterbank seines Arbeitszimmers.

   „Un crime d´État …“

   Er blickt auf das Ende der Hubertusstraße.

   „Tout est lié à tout le reste … hätte in Algier reinen Tisch machen sollen … tabula rasa … Oder doch nicht? Warum bin ich so unentschlossen, so zaghaft? Ich war unentschlossen … auch damals. Aber ich habe gehandelt.“

   Manchmal ist es besser, es kommt wie es kommt.

   Die Gedanken schweifen ab …

… wie aus heiterem Himmel hatte er diesen Wüstenflieger … wie hieß er noch einmal … ja … Marseille … merkwürdig … Marseille … in diesem Namen ruht ein ganzes Leben … gefragt, ja gefragt wie aus heiterem Himmel: „Kamerad, sag mir den Unterschied zwischen einem Piloten hoch über den Wolken, der einen Behälter mit Napalm über einer Bauernsiedlung in der Kabylei abwirft, und einem Terroristen, der seine Bombe in einem Café in der Kasbah ablegt …“ War das überhaupt eine Frage? Hatte er auf eine Antwort gehofft? Nein, nein, natürlich nicht. Der Wüstenflieger war baff erstaunt, stand da mit offenem Mund … Und ich, der General: „… der Terrorist braucht nur unendlich mehr Mut.“ Und nach einer langen Pause wie aus der Hüfte geschossen: „Ist es so?“ Natürlich ist es so. Und der Wüstenflieger stand stumm … stumm und baff. Und ich, der General: „Und wer hat mehr Mut, das Opfer oder sein Mörder?“ Nein … nein, diese Frage hatte er damals nicht gestellt … und Marseille …? Nein, man soll nicht fragen … man soll es nicht tun …

   … nein, auf diese Frage will der General der Paras keine Antwort hören.

   „Es gibt Fragen die machen mir Angst. Es gibt Antworten, die fürchte ich. Tout est lié à tout le reste.“

   „Alles hängt mit allem zusammen. Selbst, wenn alles dagegenspricht. Ob es nun passt … oder nicht …“

   Der französische General spielt mit dem Gedanken, seinen Adjutanten um eine Zigarette zu bitten.

   Er öffnet das Fenster und lässt den Blick schweifen. Etwa zwanzig Meter Luftlinie liegen zwischen ihm und der Stelle, wo vor knapp zwei Stunden die Alouette II landete. Es kam wie es kommen musste.

   Um 14.45 Uhr erfuhr er, dass der Staatspräsident sich angesagt hatte. In fünf Minuten wollte er den Rhein überflogen haben. Der General hat es kommen sehen. Auch deshalb konnte ihn diese Nachricht nur kurzzeitig aus der Ruhe bringen. Und jetzt, genau 16.52 Uhr am 29. Mai, ist alles schon wieder vorbei. Genauer, es ist nichts. War nichts. Hat es nie gegeben. Doch etwas ist passiert. Nichts Dramatisches. Eher beiläufig hat es sich eingeschlichen. In einer Zeitspanne von kurz vor 3.00 Uhr nachmittags bis circa 8, 10 Minuten ungefähr, auf 17.00 Uhr, hat ihn der hohe Besuch nachhaltig verunsichert.

   „Nous sommes arrivés jusqu´ici, et pourtant …“ Ich will nicht daran denken, was alles sein könnte … Wenn wir nur mehr Zeit hätten. Es fehlt nicht an gutem Willen. Nicht an Entschlossenheit.

   Das ist es nicht … „Ce qui manque c´est le temps.“

   Der General ist nicht enttäuscht. Er weiß, wie schwer es ist, die richtige Entscheidung zu treffen … „Il faut aussi avoir de la chance.“ Aber man muss dem Glück auch eine Chance geben. Fortlaufen ist der falsche Weg.

   „Bon sang!“ Jetzt fängt alles erst richtig an. Und es wird heiß werden. Heißer als in der tiefsten Hölle.

   Wenn ich damals hart geblieben wäre … Ich hätte uns Vieles ersparen können. Und nicht nur uns. Ich habe es bereut. Doch was hätte ich tun sollen, damals? Ein Held in der Schlacht ist nicht zwangsläufig ein Held der Politik.

   „Das Wasser stand uns bis zu Hals …“

   Er lacht in kurzen Stößen, „der Generator auch … ha, aber eher bis in den Schritt.“

   Wir mussten das alles tun, was wir getan haben. Hätten wir weiter gemacht … hätten wir durchgehalten … Ich bin mir sicher … aber vielleicht … wer weiß schon, wie die Zeitläufe sich entwickeln.

   Der General fühlt sich nicht wohl in dem sogenannten Jagdhaus. Auch wenn es seiner Frau gefällt. Viel lieber wäre er in der Residenz auf Gut Mariahalden untergekommen. Wozu hatten sie les boches in die Kniee gezwungen, wenn er jetzt in einem Jagdhaus in diesem Kaff an der Oos sitzt? Immerhin führt er den stolzen Titel Commandant en Chef, CCFFA, und der Staatspräsident hat ihn einen „wackeren Soldaten und steten Waffenbruder“ genannt. Das zählt für ihn so viel wie das „le brave des braves“, mit dem Napoleon einen seiner Vorfahren ausgezeichnet hatte.

   Sie hätten ihn in den Schwarzwald hochjagen sollen. Alles hätte nach Selbstmord ausgesehen. Der hohe Besuch war in einem desolaten Zustand. Dem Tode näher als dem Leben. Ein Selbstmord so glaubhaft wie alles andere auf der Welt. Ein Mann, der das Ende seiner Zeit verstanden hatte.

   Vielleicht doch eine Zigarette? Vielleicht nicht? Der Adjutant könnte es missverstehen. Ein General ist stets entschlossen, auch

in den kleinsten Dingen.

   Dass der Staatspräsident das Familiensilber nach Baden-Baden mitgenommen hat und die Familie noch dazu, verstört den CCFFA so tief, dass er fast wieder zum Raucher geworden wäre. Ein Staatspräsident, dazu noch Brigadier und so groß, wie er nun einmal ist, sollte sich besser in der Hand haben. Wenn man, ohne mit der Wimper zu zucken, andere in den Tod schickt, sollte man dem Tod in die Augen blicken können. Ohne zu wackeln und ohne zu jammern. Es ist so entwürdigend, diesen so groß gewachsenen Mann, der einmal, ja fast ganz alleine, das Bollwerk und die Speerspitze gegen die Nazis gewesen war, zusammengesunken vor sich sitzen zu sehen. Dieses Gestammel. „Alles ist aus … Ich habe nichts mehr in der Gewalt …“ Nur weil ein paar ungeduldige Jugendliche Revolution spielen wollten.

   „Das sollte ein General nicht dürfen.“ Der CCFFA will das nicht verstehen. Das mit dem Familienschmuck ist unmöglich.

   „Dégueulasse!“

   Aber der Staatspräsident hat ja auch nur zwei Obristensterne an der Mütze.

   „Er war nicht mehr er selbst. Vor mir saß ein angeschlagener, müder Mann, schwankend in seinen Einsichten. Wankend ließ er die Standhaftigkeit vermissen, die ihn einst auszeichnete. Ein toter Baum. Ich hätte ihn in den Schwarzwald hinaufjagen sollen. Den Rest hätte der Adjutant erledigt. Aus und vorbei. Niemand hätte an einem Selbstmord gezweifelt. Und jetzt sitze ich hier und habe die ganze Scheiße auf dem Teppich. Die Deutschen wissen nicht, was sie dürfen … Wir wissen nicht, was wir sollen. Für einen Staatsstreich ist es zu spät. Das haben wir endgültig vermasselt.“

   Der CCFFA, der einmal nicht zu Unrecht „Schlächter von Algier“ genannt wurde, weiß, dass nicht nur der Staatspräsident verloren hat.

   „Wir haben alle verloren …“, murrt er, „… alle! Es ist nicht mehr unsere Zeit.“

   Er schließt das Fenster und wendet sich ab. Schon wieder befällt ihn dieses unbändige Verlangen nach einer orientalischen Zigarette … man kann es nicht beschreiben, diese Süße, diese verbotene Süße … die nackte Heiligkeit des Weihrauchs … irgendwie so etwas. „Putain, je ne suis pas un poète …!“ Er könnte sie kalt rauchen, daran schnuppern wie ein Hund, die Augen schließen und an heroische Zeiten denken. An vergangene Taten.

   „Ich habe einen Bürgerkrieg verhindert. Nun gut. Wer wird es mir danken? Ich hätte losschlagen können. Die Waffenbrüder haben zu mir aufgeschaut. Sie haben mich geliebt. Ein Wort nur von mir … Sie wären mir gefolgt. Alle … durch die Bank weg … alle! Aber egal … egal was wird. Der hohe Besuch ist ein toter Mann. So oder so.“

   Und der CCFFA greift automatisch nach einer Zigarette. Aber wo ist sie zu greifen? Nicht einmal eine einzige. Gottverloren ist diese Zeit. Dabei wurde er getauft „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

   „Mein Gott, merde! Dann eben nicht! Amen!“

   Und den Adjutanten will er nicht bemühen. Ein Adjutant hat anderes zu tun, als seinem General die Zigaretten zu holen. Ein Lächeln geht über das fuchsartige Gesicht. Die Augen stehen eng. Die Nase krumm und schief. Selbst das schmale Oberlippenbärtchen wirkt nicht elegant. Die Gestalt drahtig, energiegeladen. Verschlagen. Auf der Hut. Ein Greifvogel mit gestutzten Flügeln.

   Der CCFFA hängt seinen Gedanken nach. Ja, er hat abstehende Ohren, es lässt sich nun mal nicht ändern. Sein Vater schon, ebenfalls ein wackerer Soldat, pflegte zu sagen: „Mit deinen Windmühlenohren hörst du nicht nur die Flöhe husten, du wirst die Germanen flüstern hören, ehe sie den Rhein überquert haben.“ Und jetzt haben diese Ohren das Gejammer des Staatspräsidenten vernehmen müssen. Besser: ertragen müssen … ertragen! Da hatte ihm der kurze Besuch bei den Filmleuten doch besser gefallen. Das hatte Stil und wenn … ja wenn wir im Schatten dieser Filmaufnahmen den Umsturz durchziehen könnten, ein kleiner Staat im Südwesten, das Neue Burgund sozusagen, ja und wenn … wenn es nicht so läuft wie geplant, sind es eben Filmaufnahmen gewesen, und wenn einer schlecht denkt, dann waren es die Deutschen gewesen.

   „Eigentlich ein kluger Gedanke.“

   Die Gedanken schweifen ab … das Filmteam … die Aufnahmen im Alten Schloss … hoch droben im Schwarzwald

   … ein langer, dunkler Korridor mit hohen Wänden zieht sich links und rechts entlang. An seinem Ende ist die Kamera aufgebaut. Marseille und sein Stab haben Stellung bezogen. Dem französischen General hat man einen Regiestuhl bereitgestellt, von dem aus er die Szene lebensnah auf sich wirken lassen kann.

   „Dass Sie mir dies ermöglicht haben … mein Lieber, so etwas konnte ich noch nie miterleben … ich meine, von dieser Position aus, als sei ich das Kameraauge.“

   „Genau, mein General. Ich denke immer wieder an unsere Zeit in Algier und an all das, was Sie mich lehrten. Ich hätte mir damals nie vorstellen können, dass ich einmal als Regisseur unseren Kampf fortsetzen würde.“

   „Ja, alles zu seiner Zeit“, hatte er bemerkt, „und dazu noch in meiner Nachbarschaft. Ich hoffe Madame einmal mitnehmen zu dürfen, das wäre für sie eine große Freude, sie liebt nämlich alles, was mit Film und Kino zu tun hat. Wir müssen Sie einmal mit Ihrer Crew einladen, mein lieber Marseille … die Soireen von Madame sind legendär. Hätten Sie damals gedacht, dass wir hier und … aber lassen wir das, alles zu seiner Zeit …“

   „Action … action …! Und Licht an!“, ruft Marseille. Er tippt dem General vertrauensvoll an die Schulter. „Tschuldigung, Mon général … das war jetzt der Augenblick, ich musste Sie leider unterbrechen.“

   Als die Scheinwerfer mit dumpfem Knall anspringen und die Weite des Korridors in gleißendes Licht tauchen, rennt dieser Rod LaBeouf los. Er fuchtelt mit einem unförmigen Schnellfeuergewehr herum, stößt jede Türe auf, links, rechts, verschwindet kurz und taucht wieder auf.

   „Brüll was, du bist erregt … gib Laut!“, schreit Marseille und zu dem General gewandt, mit gedämpfter Stimme, so dass von seinem Stab niemand etwas mitbekommt, „er macht es gut, ist aber so gehemmt, das passt in dieser Szene zwar, aber etwas mehr Erregung – besser noch: Erektion – könnte nicht schaden. Gib Laut mein kleiner Hund, du …“

   LaBeouf rennt links an der Kamera vorbei. Endlich tauchen drei Statisten in Uniform auf, die nach hinten sichern.

   „Schießt mal in die Luft“, ruft Marseille, „ihr seid zwar Amateusen, sollte aber doch etwas echter wirken. Mein Gott, dieses Kindertheater.“ Er beugt sich zu dem General, der ganz gebannt den Ablauf verfolgt, legt ihm die Hand auf die Schulter und meint jovial. „Das kommt zwar so schwul rüber, aber wenn das mal geschnitten ist, da bauen wir noch ein paar Großaufnahmen rein, so richtig bis in die Poren und die Schweißperlen, dann wirkt das … da bin ich überzeugt.“

   Ich, ich der General, hatte genickt.

   „LaBeouf“, schreit Marseille, „das war fantastisch. Du bist so gut, da hängen wir doch gleich die Harakiri-Szene dran … hast du gehört?“

   „Marseille, das ist echt … wie im richtigen Leben. Mir kommt da eine Idee …“ Ja, das waren meine Worte.

   „Ich bin ganz Ohr, Mon général … ich höre.“

   Erregt sprang ich auf. „Nicht hier, keine Einzelheiten … ich dachte nur eben … eine Eingebung … eine geniale Idee … das ist die Blaupause, Marseille.“

   „Ich verstehe nicht, Herr General.“

   „So verstehen Sie doch, Marseille. Wir täuschen Filmaufnahmen vor … und dann schlagen wir zu. Marseille … das ist wie Walküre … Operation Walküre … Sie verstehen …?“ Ja genau, das waren meine Worte … exakt … so war es.

   „Natürlich, Mon général, ich verstehe. Genau wie diese Boches.“

   Ich nickte und sagte: „Wir sehn uns, mein Lieber. Das muss alles gut geplant werden … bei uns muss es klappen.“

   „… und professionell ausgeführt werden. Versteht sich.“ Marseille wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. „Die Scheinwerfer … jetzt kommt die Harakiri-Nummer …“

   Ich nickte. Es war nicht versonnen wie zuvor. Nein, bestimmend. Ich ließ keinen Zweifel an meiner Entschlossenheit. „Und bringen Sie ihren Hauptdarsteller mit … wenn wir uns treffen. Er soll einen wichtigen Part übernehmen.“

Der General blickt durch das geschlossene Fenster in die Landschaft. Weit hinter der Hubertusstraße, einer Lichtspiegelung gleich, eine satte, üppige Landschaft. Er hat sie erobert. Er und seine Kolonialsoldaten. Und er hat sie zurückgegeben. Vielleicht war das ein Fehler.

   „Ein so schönes Land …“

   Wenn wir les boches weggepustet hätten, hätten wir das schöne Land für uns. Und ich müsste nicht den hohen Besuch bemuttern.

   Schwamm drüber! Du kannst die Vergangenheit nicht abschütteln wie eine vollgesogene Zecke. Weil du sie nicht hast. Sie hat dich. Madame immerhin, hat zwei Waisenkinder adoptiert. Araberkinder. Mit meiner ausdrücklichen Billigung. Das muss gesagt sein. Es hat uns keine Überwindung gekostet. Wir wollen ja nicht die Kinder unseres früheren Gegners umerziehen. Nein, es geht hier um die Menschlichkeit. Und wir meinen es ehrlich. Sie wachsen in anständigen Verhältnissen auf. Und wir lieben die Kinder. Das ist Wiedergutmachung. Wir haben gewütet. Ich will nichts beschönigen. Die Zeit war hart. Wir haben uns nichts geschenkt. Aber bei Waisenkindern? Da muss man doch frei sein. Offen. Oder …? Wer ihre Väter waren … ihre Mütter …? Schwamm drüber! Niemand wird sie danach fragen. Sie werden auf die besten Schulen gehen. In ein paar Jahren werden sie es nicht mehr wissen wollen. Wer und woher? Die Kämpfer der FLN sind Franzosen wie wir. Auch wenn sie jetzt einen eigenen Staat haben. Sie sind Franzosen wie Madame und ich. Oder nicht? Aber, aber … aber, aber, aber: Sie sind Terroristen. Was Madame und ich nicht sind. Nie waren. Nie sein werden.

   „Einmal Terrorist … immer Terrorist“, flüstert der General. Er hustet in kurzen Stößen und flüstert nicht, was er denkt. Er wagt es nicht, einmal Schlächter …

   „Donc … oder etwa nicht?“

   Auf jeden Fall haben wir überlebt und die Boches auch. Er denkt über die Wahrheit nach, und ob es sie in unterschiedlichen Formen gibt. Oder geben könnte …

   „… Marseille, wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein. Die Demokratien haben es niemals vermocht, ihre Feinde in die Schranken zu weisen.“ Er nahm den Wüstenflieger beiseite. „Du wirst es erleben, wir werden uns wiedersehen, und wir kämpfen dann auf der anderen Seite. Vielleicht sogar in Deutschland.“ Der freche Wüstenflieger behielt das letzte Wort. „Oder nirgendwo. Oder gegen jeden. Gegen alle vielleicht.“ Es klang, als hätte er eine Fata Morgana an die Wand gemalt …

   „So weit sind wir jetzt gekommen. Alles fängt wieder von vorne an.“

   Der CCFFA wirft noch einen Blick durch die Glasscheibe, dann dreht er sich um. Vor ihm der Jagdsaal … ja diese Deutschen Kleinfürsten, sie wussten zu leben.

   Nun, der Tag ist angebrochen.
Er überlegt.

   Was mache ich mit dem Rest … was übrig bleibt vom Tag.

   Vielleicht etwas frische Luft schnappen.

   Wenn Madame einen Hund hätte.

   Die Beine vertreten.

   Die Lampen im Hirn ausknipsen. An nichts denken. 

   „Vielleicht könnte ich ja mit Madame in den Schwarzwald hochfahren?“

   Pilze suchen?

   „Nein, so zynisch darf ich nicht sein.“

** **

Georg Stefan Troller und Alain Delon.

Der eine ist 103 Jahre und fast zwei Monate alt, der andere ist tot. Troller ist bekannt für seine einfühlsamen, mit leichter Ironie gewürzten Interviews – auch wenn sein Lebensmittelpunkt seit langem Frankreich ist, ist er doch ein echter Wiener Jung geblieben –; man sagt ihm subjektive Befragungsweise nach, ich würde sagen, er ist ein ehrlicher Schelm, der etwas wissen will, und er wünscht sich eine ehrliche Antwort, und die will er haben, und da hakt er nach mit Charme und Beharrlichkeit, aber er tritt nicht nach, wird nie gemein, auch wenn er sich weit überlegen fühlt …, es sei denn er hat Alain Delon vor der Flinte. Delon hat etwas, das Troller reizt, das ihn in die Ecke stellt. Man kennt das, man will punkten, muss aber erkennen, der andere ist souveräner, selbst wenn´s gespielt ist … der Star ist der andere. Wir sind im Filmstudio Boulogne, wo er den jüngsten seiner – jetzt immer monotoner werdenden – Krimis schneidet. Er salopp in Jeans und Lederjacke, jedoch im Gesicht konzentrierteste Anspannung, Wachsamkeit, wie um sich keine Schwäche durchgehen zu lassen. Und insbesondere, denke ich (!!!), nur ja nichts von dem Weiblichen, das im Fond seiner Natur liegen muss. Anerzogenes Chauvigehabe, das sich gern in einem stahlblauen „Kobrablick“ zusammenfasst.

   Hier einige Auszüge aus dem mit zahlreichen Spitzen gespickten Interview („Alain Delon und Romy Schneider“, in: G.F. Troller, Lebensgeschichten, „Die Stars“, Artemis und Winkler, Düsseldorf 20007):

„Alain, meine erste Frage …“ – „Monsieur Delon, wenn ich bitten darf.“ – „Pardon?“ – „Ich weiß nicht, wer Sie sind. Ich kenne Ihren Vornamen nicht. Warum glauben Sie, dass Sie mich bei meinem anreden können?“ – „Gut, also Monsieur Delon: Ihrer Herkunft nach sind Sie ja ein Mann ohne Bildung, ohne Kultur. Hat Sie das je belastet?“ – „Es belastet mich immer, bis heute. Aber dank solcher Menschen wie Visconti, wie Losey, wie Melville, konnte ich mich doch geistig weiterentwickeln, wenn auch auf meine Art.“

Man keilt sich, Troller provoziert (ich glaube nicht nur, um aus Delon etwas herauszufischen, was dieser in einem seichten Geplänkel nicht preisgegeben hätte), er fühlt sich Delon unterlegen. Delon will dem Intellektuellen den Kotau aufzwingen, er ist kein Strizzi aus Wien, mit dem man so herabwürdigend umspringen kann, auch wenn das Gerücht geht, für eine Rolle habe er ihnen, den Agenten u. ä. Personal einen geblasen und sie in den Arsch gefickt; immerhin wird Alain gefickt haben, er lässt sich nicht ficken.

„Sie gelten als Spezialist des `Film Noir´, des pessimistischen Krimis mit einem tragischen Helden darin. Aber ist das eigentlich noch gefragt?“ – Er (mit Kobrablick): „Mir egal, wie Sie´s auffassen. Aber jetzt werde ich Ihnen mal etwas sagen: Die meisten Menschen gehen genau als die nämlichen schlafen, als die sie aufgestanden sind. Aber ich, ich möchte, dass dazwischen ein großes Abenteuer liegt, jeden einzelnen Tag.“ – „Spüren Sie nie die Angst, dass mit fortschreitendem Alter das Reservoir leerlaufen könnte. Dass keine neuen Passionen mehr kommen.“ – „Warum? Das ist, als ob Sie mich fragen: Geht Ihnen das nicht ab, dass Sie Ihre erste Frau nicht mehr lieben? Ich habe sie geliebt, jetzt liebe ich eine andere, warum soll mir da was abgehen?“ – „Wird nicht der Aschehaufen immer höher, aus dem man die Flammen hervorblasen muss?“ – „Natürlich. Das ist das Leben, das ist eigentlich Sinn des Lebens. Das Gestern kommt nicht wieder, damit muss man sich abfinden. Aber das heißt doch nicht, dass man wegen dem Gestern auf das Heute verzichten soll. Man lässt die gestrigen Flammen ausgehen, man zündet neue an.“

Da schenkt keiner dem anderen etwas. Da gibt es keinen Gewinner, keinen Verlierer. Und so, wie sie aneinander vorbeireden, geben sie eine ganze Menge preis. Jeder der beiden hat eine ganze Menge hinter sich, Gewaltiges, das schwächere Figuren aus der Bahn geworfen hätte. Man muss das ganze Interview lesen (was hier aber zu weit gehen würde, würde ich damit fortfahren). Delon lässt sich nicht ficken. Und Troller hat das Recht auf eine maue Schlussbemerkung, die Delon nicht mehr hören muss, deshalb sei sie hier auch nicht wiedergegeben. Den letzten Schlagabtausch will ich aber nicht vorenthalten.

„Ich habe aber nicht die geringste Lust, diese … diese Art von Zuspitzung noch weiter zu bestreiten. Verstehen Sie? Sie kommen mir daher wie … wie das Haar in der Suppe. Das kann nur schlecht enden.“ – „Das ist das Spiel des Interviews, nicht wahr.“ – „Aber ich spiele nicht, Monsieur Troller. Ich spiele nie! Bei mir tritt keiner ein, ohne dass ich ihm die Tür aufmache! Was Sie da tun, das ist ja … das ist ja Vergewaltigung! Und lassen Sie dieses Tongerät auch noch weiterlaufen, und das wird erscheinen weiß Gott wo! Nicht mit mir! Und jetzt machen wir Schluss. Ich rede nichts mehr. Nicht von Frauen, nicht von Romy Schneider. Ich gebe mich nicht preis. Ich habe ohnehin schon zu viel gesagt … Verstehen Sie jetzt, was das ist, eine zyklische Persönlichkeit?“

** **

Eine Straße in Paris

Il y a une rue à Paris

Hatte von ihr gehört in einem Lied von Boris Vian
Hatte von ihr gelesen in einem Roman von Leo Malet
Habe Fotografien gesehen
Von der Bahnunterführung
Ein unheimlich gefährlich anmutender Ort
Schmutzig feucht
Der Höllenlärm donnernder Züge
Das kranke Licht staksiger Kugellaternen
Die eisernen Säulen filigran wie Mikadostäbchen
Fiebrig glänzenden wie aus Blei gegossenen der Asphalt
Wie ein Lichtschein das Ende der Passage.

Eine Straße die ich auf dem Stadtplan abschreite
Im Film durchlebe … Le Samourai … Alain Delon
Dem sie die entscheidende Szene schenkt
„Verdammt! Grumbach, verdammt! Auch nachts
Die Sonnenbrille, der Stetson, der Ford Galaxy,
Das schwere Schiff.“

In Wirklichkeit konnte ich sie nie finden
Die geheimnisvolle Straße
Mit Grüßen an Isabelle Corey.
„Steh auf!“ sagt Costello, „nun
Wirst du antworten auf die Fragen, die ich stelle.
Wer hat dich zu mir geschickt?“
„Das kann ich nicht sagen“,
Antwortet der Cherub,
„Dazu bin ich nicht berechtigt.“
„Du bist zu allem berechtigt,
Sogar mich auf dem Bahnübergang zu töten.
Sieh mich an!
Ich frage dich zum zweiten Mal.
Ein drittes Mal wird es nicht geben.
Wer hat dich zu mir geschickt?“

Am Ende
Sagt er zu ihr: „Keine Angst!
Es geschieht Ihnen nichts.“
„Warum das alles?“ fragt Valérie.
„Ich werde dafür bezahlt“
Sagt Jeff.

KINO DER NACHT. Bis es zu einer Zusammenarbeit zwischen Alain Delon und Melville kommt, gibt es ein Hin und Her von Problemen mit Filmrechten, aber auch ein Geziere des Stars, der eine internationale Karriere anstrebt. So einfach wie mit Melvilles Entdeckung Isabelle Corey ist es nicht (Volker Schlöndorff: „Er lud uns ein, in seinen amerikanischen Wagen zu steigen, einen Ford Galaxy … schnell verließ er das Zentrum Richtung Boulevards Extérieurs, dann vorbei an der Madelaine, nicht ohne einen Blick auf die Nutten zu werfen – wobei er oft erzählte, wie er hier Isabelle Corey für `Bob le Flambeur´ entdeckt, das heißt gesehen, angesprochen und engagiert hatte –, dann über die Buttes Chaumont nach Norden …“ Jean-Pierre Melville: „Eines Tages fuhr ich mit dem Auto im Beisein meiner Sekretärin an der Place de la Madelaine vorbei und sah Isabelle Corey. Wir kamen gerade von einem Vorsprechtermin, wo wir uns zahllose Mädchen für die Rolle angeschaut hatten. Obwohl Isabelle zwanzig Meter von uns entfernt war, auf der anderen Straßenseite, gefiel sie mir sofort …“). Delon lässt sich bitten, bis er dann selbst zum Bittsteller wird.

„I feel much more Japanese than Amerikcan“ (Jean-Pierre Melville).

Jean-Pierre Melville erzählt, dass er 1963 eigens für Delon ein Originaldrehbuch geschrieben hatte. Als er ihm davon erzählte, lud Delon Melville in seine Wohnung ein, er wollte mehr erfahren. Nach einer Zeit regungslosen Zuhörens unterbricht Delon Melvilles Vortrag ungeduldig, siebeneinhalb Minuten Drehbuch ohne die Spur eines Dialogs. Delon: „Das genügt mir. Ich will diesen Film machen. Wie lautet der Titel?“ Melville: Le Samourai.“ Wortlos führt ihn Delon in sein Schlafzimmer. Mevilleberichtet: Es enthielt nichts anderes als ein Lederbett sowie die Lanze, das Schwert und den Dolch eines Samurai!“  

„I´m not interestet in realism. All my films hinge on the fantastic. I´m not a documentarian; a film is first and foremost a dream, and it´s absurd to copy life in an attempt to produce an exact recreation o fit. Transposition is more or less a reflex with me.“ (Jean-Pierre Melville)

Melville preist Delons Sicherheit, seinen angeborenen Instinkt sich situationsgemäß perfekt zu verhalten. „Die Profis der feinsten Sorte haben es nicht nötig, dass man ihnen erklärt, wie man beispielsweise ein Glas hält oder eine Zigarette raucht; sie besitzen die Sicherheit und den nicht wegzudiskutierenden Instinkt fürs gestische Verhalten. Ich liebe die amerikanische Definition von „Star“: ein ganz normaler Mensch mit „something extra“. Dieses „something extra“ ist undefinierbar: Es liegt in der Kraft des direkten Eindrucks, den man aufs Publikum macht. Der Beruf des Schauspielers ist nicht erlernbar, man ist begabt oder man ist es nicht. Lino Ventura zum Beispiel hat nie gelernt, wie man einen Text spricht, aber er spricht ihn besser als jeder andere.“ (Quelle: Rui Nogueira, KINO DER NACHT. Gespräche mit Jean-Pierre Melville; zitiert nach der Ausgabe/Alexander Verlag, Berlin 2002)

Freiburg im Breisgau, Anfang der 1970er Jahre: Ich war ein junger Student der Malerei an der Außenstelle Freiburg der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe (1972 o. 73), als ich – wie auch noch ein paar andere Studierende – gefragt wurde, einen Entwurf für ein Wandgemälde in der damals neu eingerichteten Akademie der Polizei Baden-Württemberg in Freiburg im Breisgau einzureichen. Mein Entwurf stellte eine berühmte Szene aus Melvilles „Le deuxième souffle“ dar: Drei Männer mit Mantel und Hut (u.a. Lino Ventura) stehen in einer südfranzösischen Gebirgslandschaft und blicken gespannt in die Kamera. Die drei dunklen Gestalten waren wie Schemen angelegt, keine Details waren zu erkennen. Vorlage für meine Arbeit war eine kleinformatige Abbildung aus dem Beitrag „Westerner der Nacht – Der französische Unterweltfilm“ von Hans C. Blumenberg (in: „FILM 1969“, Chronik und Bilanz des internationalen Films; in späteren Jahren fanden weitere Abbildungen als Motive ihren Weg in mein malerisches Werk). Ich bekam den Entwurf kommentarlos zurück. Welcher Entwurf, und was darauf dargestellt war, dann zur Ausführung kam, weiß ich nicht, wollte ich auch nicht wissen. Jahre später traf ich einen Herrn des Freiburger Bauamts, der mir erzählte, dass er persönlich meinen Entwurf favorisiert hatte, von Polizeiseite hätte es jedoch massiven Einspruch gegeben, die Szene würde an Deportationen erinnern, und mit so etwas wollte man in den 1970er Jahren nichts mehr zu tun haben. Deportationen … so hatte ich meinen Entwurf für ein Wandbild nicht gesehen, ich sah nur den Zusammenhang von Polizeiakademie und Kriminalgeschichte. Spätestens als ich 1976 Mr. Klein von Joseph Loosey sah, wurde mir dieser dumpfe Zusammenhang bewusst.

Es gibt keinen Zufall. Auch im Leben nicht. 

Merkwürdig denke ich, aber es ist nicht merkwürdig. Es ist die reine Fiktion, und alles stimmt. Es fügt sich zusammen … passt … es stimmt. Ist die erdachte Welt nicht auch die Wirklichkeit? Und ist die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit, nicht auch ausgestaltet, geformt und erdacht? Erträumt …?                                                       „Eigentlich kennt es wohl jeder: dreaming along …“

Ja, nach Joseph Looseys Mr. Klein habe ich mir natürlich L ´Étranger (Lo straniero) mit Alain Delon als Arthur Meursault vorgestellt, natürlich Drehbuch und Regie Jean-Pierre Melville. Es wäre mein Traum gewesen diesen Film zu sehen (einen französischen Film eben, keinen italienischen): „Wir gingen lange den Strand entlang. Die Sonne war jetzt drückend heiß. Sie brach sich auf dem Sand und auf dem Meer. Ich hatte den Eindruck, Raymond wisse genau, wohin er ging, aber das war zweifellos falsch. Am Ende des Strandes erreichten wir schließlich eine kleine Quelle, die hinter einem Felsblock ins Meer floss. — — — Während dieser ganzen Zeit waren nur die Sonne da und dieses Schweigen — — —“

Ja, so ist das. Du musst deine eigenen Filme drehen.

Ich glaube Alain Delon hätte gewusst, wie er diese Geschichte auf seine Weise gestaltet hätte — französisch/japanisch? Irgendwie eben.

Alain Delon est un Collectionneur! Oder: Der Japanische Blick. 2 oder 3 Gedanken zur Malerei, zum Sammeln, zu einem Sich-Umgeben-mit-Kunst: Der Japanische Blick: „Es enthielt nichts anderes als ein Lederbett sowie die Lanze, das Schwert und den Dolch eines Samurai!“ 

Sicher es ist nicht leicht, von einem Schlafzimmer, von einem Lederbett und einer japanischen Lanze auf die Ideen und Vorlieben eines Kunstsammlers zu schließen. Bei Alain Delon standen am Anfang sicher Verweise auf seine Persönlichkeit, auch der Wunsch sich zu erheben über die ihm zugedachte soziale Stellung. So mag es nicht verwundern, dass sein Sammlerblick zuerst auf Aquarelle eines Malers der deutschen Renaissance fällt, mit dem er nicht nur eine Liebe zum romantischen Detail, sondern auch die Anfangsbuchstaben dessen Signatur: A. D. teilt.

CoBrA: Karel Appel. Asger Jorn. Constant. Corneille. (Und, wenn ihn seine Berater darüber informiert hätten, dass es einen deutschen Künstler von Weltgeltung gibt, übrigens der einzige Künstler aus Deutschland in der Gruppe CoBrA, der fantastisch in seine Sammlung passen würde, Alain Delon hätte sich mit den Bildern von K. O. Götz, 1914 – 2017, angefreundet, er hätte sie gesammelt, und ich hätte sie für seine Sammlung ausgesucht.)

Abstraction: Jean-Michel Atlan. Bram van Velde. Pierre Soulages. Gérad Schneider. Hans Hartung (ein ehemaliger Fremdenlegionär). Camille Bryen. Alfred Manessier. Maurice Estève. Jean René Bazaine. Maria Elena Vieira da Silva. Jean Degottex Jean-Paul Riopelle. Nicolas de Staël. Jean Dubuffet. André Lanskoy. Olivier Debré. 

   Es reicht ja nicht aus, sich beraten zu lassen (in Delons Fall sind es die Kunsthändler Franck und Bernard Prazan), der Sammler muss sich mit den Bildern verbinden, muss eins werden, muss mit den Bildern leben; sie müssen Platz nehmen in seinem Schlafzimmer. Sie werden zur Wirklichkeit seines Traums. — — — Es gibt keinen Zufall. Auch im Leben nicht.  Delon: „Ich will diesen Film machen. Wie lautet der Titel?“ Melville: Le Samourai.“ Wortlos führt ihn Delon in sein Schlafzimmer. Mevilleberichtet: Es enthielt nichts anderes als ein Lederbett sowie die Lanze, das Schwert und den Dolch eines Samurai!“ 

© Friedemann Hahn

Delon, der nach Troller, der Herkunft nach, ein Mann ohne Bildung, ohne Kultur sei, war gewiss ein Mensch, der wirklich der Romancier seiner selbst war, ohne dass er jetzt wusste, dass ein gewisser José Ortega y Gasset als Urheber dieser Theorie gilt und, hätte er´s gewusst, er hätte mit einem Schulterzucken … mir egal, wie Sie´s auffassen … gebrummt.Manchmal ist es von Vorteil im Leben, wenn man handelt wie ein Tier, wenn man instinktiv das richtige tut … und wenn´s falsch war (mir egal …), man ist ja sein eigener Romancier, schreibt man den Roman eben um, oder man lässt es laufen, im Leben läuft auch nicht alles glatt. Mit angeborener Chuzpe und dem besagten Kobrablick! übersteht man auch ein hartes Verhör. Man macht das Beste daraus. Schließlich hat man Freunde, Verbindungen, und man kann, wenn nötig, austeilen. Und man ist beides. Oder ist man drei? Und welcher dann? Alle, denke ich!

„I feel much more Japanese than American“ (Jean-Pierre Melville).

Auszug aus dem Manuskript zu SANG et Merde:

  51

„Sie bluten innen, wenn sie sich verletzen.“

   Wagner ist aufgesprungen.

   „Verrückt … verrückt …! Ist das nicht ein tolles Bild? Das muss man sich vorstellen … ich meine bildlich … sie bluten innen, wenn sie sich verletzen … das muss man sich vor Augen führen: Was für ein Bild!“

   Hombre, du bist am Arsch, denkt der elegante Colonel Camus, streicht über sein Menjoubärtchen und rückt die randlose Brille zurecht, tu es foutu, hombre … tres foutu. Sagt aber nichts. Lächelt ein asiatisches Lächeln und denkt, wenn du wüsstest, dicker fetter Teutone, Boche, Kraut … hast keine Ahnung, keine Ahnung von nichts … aucune idée de rien …

   „Man erspart sich das Schießen und Stechen. Wir machen es wie die Asiaten. Lautlos und wirkungsvoll. Mit den bloßen Händen. Wir hinterlassen keine Spuren. Ils saignent intérieument lorsqu´ils se blessent. Na, wie habe ich das gesagt? Korrekt? Correctement?“

   Der Colonel der Gendarmerie nationale lächelt vielsagend und genießt den freien Blick rüber nach Straßburg. Ich könnte dem BKA-Direktor in die Suppe spucken, wenn ich nur wollte … würde auch keine Spuren hinterlassen. Nach einer Weile sagt er dann: „Wir müssen enger zusammenarbeiten, wo wir jetzt so nah beieinander residieren. Ich glaube, das ist für beide Seiten von Vorteil, Monsieur Wagner.“

   Wagner nickt zustimmend.

   Camus wird den Verdacht nicht los, dass der Bundesdeutsche Kriminaldirektor die Lage nicht überblickt. Soll er ihn aufklären? Oder nimmt er ihn einfach an die Hand und bereitet ihm eine angemessene Feuertaufe … une leçon vierge.

   „Wie laufen ihre Ermittlungen?“ Camus hätte es beinahe versäumt nachzufragen.

   „Die Mädchen …?“

   „Ja, das auch …“ Camus ist erstaunt, hat der Bundesdeutsche Kriminaldirektor die weitreichende Gefahr der Lage nicht verstanden? Oder …? Aber das will er nicht glauben. Diesen Verdacht zu hegen, kann er sich nicht erlauben.

   Camus wirft einen Rundblick ins Straßburger Hafengelände, soweit das Panoramafenster es erlaubt. Von seinem Büro aus, auf der anderen Rheinseite, bemerkt er, sieht es nicht viel anders aus … grauer Beton, Schornsteine in den Himmel und bis zu sieben Stockwerke hohe graue Klötze. Hier wird noch viel gebaut werden. Effektiv aber nicht eben bewohnbar. Die zukünftigen Slums. Alles grau.

   „Das sind ja schöne Aussichten.“

   „Ich lasse die Jalousien runter“, meint Wagner.

   „Une leçon vierge“, sagt Camus bei sich.

   Als er von der Gendarmerie in den Drogenkrieg geschickt wurde, ließ er sich Locken wachsen und trug spitz zulaufende Stiefel, bunte Hemden aus Seide und auch im heißesten Sommer eine handgestrickte Wollmütze. In Marineblau. Er ließ sich ein Loch ins Ohr stechen und hängte ein goldenes Kruzifix hinein. Er war versucht die Seiten zu wechseln, so echt war er geworden. War umgefärbt bis in die Seele. Er war bewaffnet mit einer Polizeimarke und einer Uzi MP 2A1. Für manche Aufträge schlüpfte er in die Rolle eines Verbrechers, an anderen Tagen war er ein Polizist, der Verdächtige abhörte. Er fuhr Streife, er stürme Häuser. Er besorgte sich einen gepanzerten Wagen und heizte durch die Straßen wie ein junger Hengst. Die Menschen, die er verhörte, weinten. Eigentlich war es einfach, sie umzudrehen.

   Als sein Chef ihn und seinen Partner ins Büro rief und sagte: „Männer, da ist ein Feuer auf der anderen Seite des Flusses. Wir müssen es löschen.“ begann er seine Arbeit zu fürchten und wusste, dass er etwas ändern musste. Ehe es zu spät war.

   „Ich werde Sie besuchen, Colonel“, sagt Wagner im Aufstehen, „ich habe noch einen Termin im Schwarzwald, ganz hoch droben in den Bergen. Jaaa …, wenn Sie Zeit haben und Laune, dann kommen Sie doch einfach mit. Dann sehen Sie, was wir so machen.“

   Camus schüttelt den Kopf, abwägend. Sehr bedächtig. Dann sagt er: „Selbst, wenn ich möchte … aber wir sehen uns ja bald. Jetzt ist mal ein Anfang gemacht.“

   „Die Ermittlungen gestalten sich sehr zäh.“ Wagner ist noch einmal stehen geblieben. „Sehen Sie, Monsieur Camus, manchmal kommt es mir so vor, als schöben wir unsere Probleme über die Grenze hin und her.“

   Camus äußert sich nicht. Nickt aber, so als habe er verstanden.

   „Können Sie Skifahren?“, will Wagner plötzlich wissen.

   „Naturellement“, antwortet Camus.

   Wagner sagt jetzt: „Kommen Sie, ich bringe sie …“

   Camus: „Ist der mit dem Hundenamen noch in ihrer Abteilung?“

   „Sie meinen …?“

   „Ja …“

   „Nein, leider … das war ein Scharfschütze … gestern erst. Unten am Rhein … am Uferstrand … malerische Ecke … weißer Sandstrand. Ein schöner Ort zum Sterben. Wenn es nicht so zynisch wäre …“

   „Das ist das, was ich noch sagen wollte“, sagt Camus, „der Krieg hört niemals auf. Du kannst dich glücklich schätzen, wenn sie dir das Hirn im Schlaf wegpusten.“

   „Wo haben Sie ihren Wagen?“, fragt Wagner.

   Camus: „Ich bin zu Fuß.“

**

Ja, so ist das. Du musst deine eigenen Filme drehen.

Ich glaube Alain Delon hätte gewusst, wie er diese Geschichte auf seine Weise gestaltet hätte — französisch/japanisch? Irgendwie eben.

Oder du musst warten, musst warten, bis einer kommt, der es richtet:

François Ozon zum Beispiel.

Da geriet alles ins Wanken. Vom Meer kam ein starker, glühender Hauch. Mir war, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer regnen zu lassen. Ich war ganz angespannt, und meine Hand umkrallte den Revolver. Albert Camus – L´Étranger

** **

Auszug aus dem Manuskript zu SANG et Merde:

   Colmar blickt nach oben.

   „Wenn jetzt ein Regenbogen über den Bergen drüben in der Schweiz … über der Jungfrau, dem Joch, dem Matterhorn … auftaucht … geschieht ein Wunder.“

   „Ein schöner Morgen. Ja, so soll es sein.“

   Wenn nur diese Träume nicht wären. Diese quälenden Träume.

   „Die Sonne …“, murmelt er schlaftrunken und fasst sich an die schwarze Augenklappe. „Jajaaa …“

… ultramarin das Meer … das verträumte Spiel der Sonnenstrahlen auf den nackten Körpern … der getrocknete Salzstaub auf der gebräunten Haut … wie ein versunkener Morgennebel … es war meine glücklichste Zeit … eine Ewigkeit … zwei oder drei Tage … vielleicht … vielleicht auch weniger … Stunden vielleicht … wir liefen am Strand entlang … wir suchten nach Muscheln … manchmal richteten wir uns auf und standen still … draußen auf dem Meer fuhren Schiffe vorbei … sie machten uns traurig … wir liefen los … zurück zum Wagen … plötzlich schrie Ava auf … sie war eingeknickt und in den Sand gefallen … ich verstand erst nicht … als ich bei ihr war, sagte sie: „Zu spät, du hast mich im Stich gelassen.“ … ich wollte ihr aufhelfen … sie rannte zum Wagen und stieg ein … als ich das Auto erreichte, sagte sie: „Steig ein!“ … sie fuhr an … mir war, als dämmerte der Abend … eine Ewigkeit musste vergangen sein …

   „Die Sonne“, sagt er immer wieder, „… die Sonne … die Sonne …“

   In den Tannenwipfeln kreischen Eichelhäher, sie tun das, was sie immer tun. Sie stören die Ruhe, sie zerstören den Frieden.

   Ich liebe die Elster, denkt Colmar, mal sehen, wann sie auftaucht. Sie ist stumm und geheimnisvoll.

   „Trouver des gestes pour ton corps, c´est vivre … cherche le soleil … le soleil … nein … nein …! Es war zuviel!“

„… der schwarze Hund! Was macht der Hund hier?“ Sie schrie es beinah. Er stand da, ruhig, und sah zu uns herüber, wie wir durch die auslaufenden Wellen uns Ufer drängten. „Er ist das Leben … der schwarze Hund ist die Wahrheit … er ist das Leben … das Leben und der Tod“, sagte ich zu ihr. Meine Worte beruhigten sie nicht. Ich nahm sie in den Arm, zog ihren warmen Körper an mich. „Ich bin der schwarze Hund.“ Sie erstarrte. Ich lachte wild. „Hast du das nicht gewusst? Bemerkst du es nicht?“ „Ich friere“, sagte sie. „Ich habe Angst. Verscheuche das Tier … bitte!“ Ich blickte zum Ufer. „Er ist weg“, sagte ich, lass uns nach Algier fahren. Wenn er überhaupt da war, dachte ich. Wir sehen Dinge, Gestalten … der schwarze Hund … ist es Fantasie …? Diese bösen Träume … diese Angst …

„… die Sonne …“, murmelt er wieder und wieder, „… die Sonne … die Sonne … die Sonne …“

   „Ja …“

   Ihm wird schwindlig. „Alter, mein Lieber … die Sonne …“

   Colmar hält die linke Hand schützend an die Stirn.

   In der Ecke neben dem Herd liegt der Hund, vergraben in der Schottendecke.

   Er schläft.

   Er ist so kalt.

   Er schläft einen großen Schlaf.

   „Wir lieben die Sonne nicht … hatten genug von ihr abgekriegt. Einmal muss Schluss sein.“

   Er schleudert den Spazierstock in die Höhe, macht einen Satz und wälzt sich im Schnee. Der Schnee brennt auf der nackten Haut, kaum gelindert durch die milden Regentropfen.

   „Lass doch einen Regenbogen erscheinen … keinen bleichen, einen in allen Farben … dann wird ein Wunder gescheh´n.“

   Nein, er will es sich nicht einreden.

   Er richtet seinen Blick auf die nahen Berge.

   Es gibt keine Wunder.

   Der reine Morgen wird dem zwielichtigen Abend weichen. Dann tritt die Nacht auf den Plan. Mit allem was dazugehört. Verdammte Welt. Was auch geschieht, wir müssen unsere Bestimmung erfüllen. Das Schicksal ruft uns.

   „Schwarzer, es gibt keine Wunder. Auch morgen nicht.“ 

Alles hängt mit allem zusammen. Oder: Alain Delon stirbt am 18. August 2024. Oder: „I feel much more Japanese than Amerikcan“ (Jean-Pierre Melville).

Pour rappel, voici le synopsis officiel du film :

 « Alger, 1938. Meursault, un jeune homme d’une trentaine d’années, modeste employé, enterre sa mère sans manifester la moindre émotion. Le lendemain, il entame une liaison avec Marie, une collègue de bureau. Puis il reprend sa vie de tous les jours. Mais son voisin, Raymond Sintès vient perturber son quotidien en l’entraînant dans des histoires louches jusqu’à un drame sur une plage, sous un soleil de plomb… »

Autant dire que le film de François Ozon ne devrait pas beaucoup bifurquer du livre d’Albert Camus. Cela dit, il avait expliqué que son film serait une sorte de relecture personnelle toujours chez ScreenDaily :

Den Meursault spielt Benjamin Voisin; auf dem Foto sieht er eher wie ein junger Ives Montand aus, aber, da bin ich sicher, er wird spielen wie ein Delon — — — alles sehr geheimnisvoll, das Geländer, die Hand, der Unterarm mit dem aufgerollten weißen Oberhemd — — — ich sehe den Film schon vor meinen Augen; und alles in hell gleißendem Licht (danke Petra, sie hat mich auf dieses Ereignis aufmerksam gemacht!). Und ich habe endlich ein passendes Finish für diesen Alain Delon-Fortsetzungstext, wo es schon mit Jackson Pollocks Japanischem Blick nicht so recht geklappt hat. Ich habe einfach keine Beweise, keine Hinweise gefunden, auch nicht bei K. O. Götz oder anderen Abstrakten Expressionisten; auch wenn ich immer noch glaube, dass Pollock (und auch Götz und die anderen Großen der non-figurativen Malerei der Nachkriegs-Ära) diesen geheimnisvollen Japanischen Blick so verinnerlicht haben wie Jean-Pierre Melville. Pollock war die vom CIA unterstützte und geförderte Antwort auf den Sozialistischen Realismus, da durfte es nach dem Schwarzen Regen über Hiroshima und Nagasaki keine belegten Hinweise geben. Der Einfluss der Japanischen Kultur und Kunst beschränkte sich im Bewusstsein der USA nach Hiroshima auf eine sonderbare Liebe zu Samurai-Schwertern. Aus Deutschland filterten kunstsinnige GIs einen ungebremsten Hang zum Eisernen Kreuz, bevorzugt in Form des Ritterkreuzes, eines sogenannten Halsordens. Es wäre eine Untersuchung wert, wie sehr, stark und nachhaltig die scharfe Klinge, die Faszination der Blutrinne, der unwiderstehliche Hieb und Schnitt durch die Luft, wie die scharfkantige Form, der klare Glanz des Silberrands gegen das tiefe Schwarz der Kreuzesform des Eisernen Kreuzes (Friedrich Karl Schinkels Meisterleistung) Einfluss auf die Bildende Kunst der Nachkriegszeit genommen haben.

Es weichen die rosigen Wangen des Morgens dem Schädel des Abends. Ein Hauch vom Wind der Veränderung, und die hellen Augen schließen sich. Masuji Ibuse – Schwarzer Regen

Moby Dick. Beim „Weißen Wal“ kommen sie zusammen: Jean-Pierre Grumbach alias Jean-Pierre Melville — Andreas Baader — Gudrun Ensslin — Holger Meins alias Starbuck, die Mitglieder der sogenannte Baader-Meinhof-Gruppe, die RAF der ersten Generation, die Gründer sozusagen und K. O. Götz (der den alten Herman meinte, mit den sonstigen Verrückten nichts am Hut hatte) — und Herman Melville — der Urvater — die Quelle — das Licht — und: die Erhabene Pforte.

Alles hängt mit allem zusammen. Oder: Alain Delon stirbt am 18. August 2024. Oder: „I feel much more Japanese than Amerikcan“ (Jean-Pierre Melville).

Die letzten Jahre ihres Lebens verbringen sie in der Hundemeute. Ob sie nun Alain Delon sind oder Karin Schubert, Brigitte Bardot oder Louis-Ferdinand Céline.

Der leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei. David Van Reybrouk – Kongo

Hundemeute mit Poet © Friedemann Hahn

Hanah Bi Feuerblume

„Es ist schrecklich, so viel Zeit
zu haben“, sagt Horibe,
„um sie totzuschlagen,
male ich ein Bild nach dem anderen.“

Die Welt sieht er in seinen Bildern
Und seine Bilder werden diese Welt,
doch sie erreichen ihn nicht mehr.

Nishi wütet: aus Schusswunden trippelt er
pulsierend spritzendes Blut über weiße Hemden,
über die Landschaft, und alles und jeder
wird umgenietet und stirbt,
während ein kleines Mädchen – unschuldiges
Sisyphos-Kind – versucht einen Drachen steigen zu lassen
am friedlichen Strand.

Der Rächer Nishi, der konkrete Künstler,
malt seinen gelben Wagen weiß.
Horibe (romantischer Ex-Bulle)
pünktelt sich seine Welt aus Farbe: Schnee
wird weiß, das Blut wird rot, Sterne werden gelb.

Keiner entrinnt seinem Schicksal,
es gewährt nur Sekunden des Aufschubs
„… geben Sie mir noch etwas Zeit,
es wird nicht lange dauern“, sagt Horibe
und wirft rote Farbe auf sein Bild
wie in rauschhafter Selbsthinrichtung, dunkler
Nachthimmel mit Sternen
Über einer Berglandschaft im Schnee.

Er hat sich für die Baskenmütze entschieden,
das hilft um nicht gleich
ins Gras zu beißen – aber ein Leben als Krüppel?
Als malender Krüppel?

Und Nishi? … ohnehin tot, das ging nicht anders.
Wird das Schicksal wenigstens
das kleine Mädchen verschonen?

Vorerst … bis es dann irgendwann selbst
an die Reihe kommt … doch vielleicht …?

Wird das kleine Mädchen keine Malerin,
oder es geht nicht zur Polizei, liebt das Meer und die Sterne,
vielleicht liebt sie keine Uniformen.

Die ruhigen Wellen, eine gleichmäßige und
immer wiederkehrende Bewegung
wird zur letzten Einstellung.

FRIEDEMANN HAHN
Work in Progress. ODER Luna, der Mond über Sehringen.
UND Arbeiten aus der Vorhölle.

23. 08. – 21. 09. 2025
Kunstverein Heppenheim, Bahnhofstraße1, 64646 Heppenheim (Bergstraße).

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Hans Dieter Huber: Hey Lawdy Mama – Beginnings of A Masterpiece

Die Straßen von Rom sind voller Müll. Überall Fußspuren. Wenn ich zurück in mein Hotelzimmer kehre, wo Botticellis Nichte auf mich wartet, würde ich am liebsten in einer dreckigen Gondel durch die Welt segeln. Eines Tages wird alles anders sein.

Wie fängt man am besten an? Wie setzt man den ersten Strich oder legt die erste Farbe auf? Der erste Strich, die erste Farbe, der erste Satz. Sie legen alles weitere, was folgt fest. Oft ist es dann im weiteren Verlauf, wenn man falsch angefangen hat, sehr mühsam, noch irgendetwas zu korrigieren.

Man setzt sich ein Ziel. Man hat eine bestimmte Absicht. Es kommt anders. Der Prozess auf dem Papier oder auf der Leinwand entwickelt sich in eine ganz andere Richtung als ursprünglich geplant. Was ist hier los? Der Widerstand der Farbe, die Autonomie des Pinsels, die agency der Dinge. Der Bleistift ist ein aktives handelndes Objekt. Er ist ein Quasi-Objekt, welches uns zu Quasi-Subjekten macht. (Michel Serres) Wo der Maler letzten Endes herauskommt, ist etwas, was sich nicht planen lässt. Es ist etwas Unbekanntes. Es ist etwas Neues. Genau so entsteht das Neue. Der Maler ist überrascht vom Ergebnis wie der Pinsel, das Papier oder die Farbe.

Eines Tages wird alles anders sein – wenn ich mein Meisterwerk male.

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