
Selbstanzeige – Am 20.11.2026 erscheint:
Alf Mayer & Georg Seeßlen. Provinz. 12 Kapitel über eine Lebensart. Mit Fotografien von Manfred Etten. Ventil Verlag, Mainz 2026. 480 Seiten. Broschur, 25 Euro.
– Verlagsinformationen hier. Kontakt zum Verlag: mail(at)ventil-verlag.de
Anfragen bei den Autoren für Interviews, Kooperation oder mehr: almay1(at)gmx.de
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Projektanzeige: Die Provinz in uns und um uns
Jemand musste sich mal wieder um die Provinz kümmern. Die letzte, weiter gespannte Bestandsaufnahme ist gut 60 Jahre her. »Kritik einer Lebensform« untertitelte Carl Amery damals den von ihm herausgegeben Band »Die Provinz« (Nymphenburger Verlagsanstalt, 1964). Heute sind die Verhältnisse so, dass wir den letzten Satz unseres Buches schon mal an den Anfang setzen:
Die Provinz ist zu vielfältig, zu reich und zu schön um sie den Faschisten zu überlassen.
Wir, Alf & Georg, kennen uns seit mehr als 40 Jahren. Der eine, eigentlich ein Hoferbe, zog in die Stadt, der andere, eigentlich ein Stadtkind, heiratete aufs Land. Das verband uns schon immer, ebenso das Interesse an Populärkultur. Jetzt haben wir die Provinz in uns selbst und um uns herum gründlicher erforscht. Die Idee dahinter – darunter machen wir’s nicht: ein Modell für eine offene und freie Textarbeit. Dialogisch. Nicht Kunst, nicht Wissenschaft, nicht Literatur, nicht Journalismus, nicht »Sachbuch« oder Enzyklopädie, nicht Autobiographie, nicht Thesenstück und nicht Abrechnung – und doch von alledem etwas und einiges drüber hinaus.
Das Thema legt es schließlich nahe: Immer geht es um beides zugleich – um Befreiung und um Bewahrung. Die Provinz ist weder Hölle noch Paradies, weder Gefängnis noch Zufluchtsort; sie kann aber alles und noch viel mehr werden. Es kommt, wie immer, auf Umstände und Bewusstsein an. Das erste kann man nur sehr individuell verändern oder in solidarischen Zusammenhängen, ein Rest von »Schicksal« bleibt da immer; das letzte aber kann man, auf eigene Faust wie im Kollektiv, gewinnen. Wenn unser Buch dazu einen gewissen Beitrag leistete, wären wir verdammt froh. Denn es kommt nicht allein darauf an, wo und wie man lebt. Sondern auch darauf, mit welchem Bewusstsein man es tut.
Illustriert hat unser Buch Manfred Etten – mit Fotografien von Bänken in der Vulkaneifel; seine fast schon kartographische, wunderbare Arbeit nennt er »Bankgeheimnisse«. – Siehe dazu auch nebenan in dieser Ausgabe von ihm: Warum ich mit meiner Kamera Bänke in der Landschaft fotografiere.

Der Inhalt
Kapitel 1: Die Provinz. Ein mehr oder weniger weites Feld
Kapitel 2: Die Heimat, und wie sie sich vereint
Kapitel 3: Bauernkinder (und andere Landeier)
Kapitel 4: Kühe sehen dich an (Eine Mythozoologie der Provinz)
Kapitel 5: Der Amerikanische Traum (Von der Sehnsucht zur Verdammnis)
Kapitel 6: Die Nazis im Dorf
Kapitel 7: Die Ministranten – Versuch über Altardienst und Alltag
Kapitel 8: Tatort Provinz
Kapitel 9: Im Heimatmuseum (und drum herum)
Kapitel 10: Touristen! (Schönheit und Zerstörung)
Kapitel 11: Mountainblues und Dorfdisco
Kapitel 12: Das Wartehaus am Ende der Welt
Schöne Aussichten. Manfred Etten zu seiner Fotoserie Bankgeheimnisse
Literatur und zitierte Quellen
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Textauszug Kapitel 1:
Die Provinz. Ein mehr oder weniger weites Feld
Wisst ihr noch? Nach der Zeit von Faschismus und Krieg, in der sich die Verhältnisse zwischen Stadt und Land noch einmal gründlich neu organisiert hatten, zerfiel hierzulande die ideologisch und militärisch befohlene Einheit. Und es blieb ein Stück wechselseitiger Verachtung, verursacht unter vielem anderem durch Erfahrungen der Nachkriegszeit mit den Versuchen der Stadtbewohner, sich bei den Bauern mit Nahrungsmitteln zu versorgen, zu manchmal recht bizarren Preisen.
Die Beziehung zwischen Stadt und Land, argwöhnisch, missgünstig, hoffnungsfroh, je nachdem, wurde fester Bestandteil der deutschen Bürger-Erinnerung und Nicht-Erinnerung. In England, nebenbei bemerkt, gibt es ein ganzes Fantasy-Genre, das die seltsamen Abenteuer von Kindern aus den Städten behandelt, die zu ihrem Schutz während der deutschen Fliegerangriffe aufs Land geschickt wurden. »Verschickungen« der Kinder gab es freilich auch hierzulande, vor, während und nach dem Krieg, jeweils unter sehr anderen Umständen, aber doch mit einem ähnlichen Effekt: Zwei Kulturen begegneten sich in der Kindheit, nicht konfliktfrei aber abenteuerlich, die sich danach wieder trennen mussten.
Uns schien vielleicht nicht gleich Heimat in die Kindheit, wie Bloch uns hoffen ließ, aber doch etwas wie Toleranz und Solidarität zwischen den »Provinzlern« und den »Großstädtern«. Noch in den buntkitschigen Heimatfilmen der fünfziger Jahre war es zu erfahren: Wenn jemand die Widersprüche zwischen Provinz und Stadt überwinden konnte, dann waren es die Kinder.
Aber warum taten sich die Erwachsenen damit so schwer? Spätestens wenn wir von unseren gemeinsamen Abenteuerausflügen in die engen Schöße der jeweiligen Familien zurückkehrten, waren wir wieder in Welten mit anderen Sprachen, anderen Werten und anderen Codes. Und das ohnehin überall drückende Schweigegebot bekam noch eine Variante. Vielleicht auch, weil es neben den Provinzlern und den Städtern noch eine dritte Gruppe gab. Die »Flüchtlinge«. Sie gehörten weder zu den einen noch zu den anderen. Und gelegentlich schien uns da auch schon kommende Bösartigkeit in die Kindheit.
Zwischendurch aber, von der längeren Zeit vor dem Ersten und bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, war die Provinz für manche auch ein wahrhaft höllischer Ort, so wie ihn Marieluise Fleißer etwa am Beispiel Ingolstadt
beschrieb, eine soziale Maschine der Gnadenlosigkeit, in der jeder jedem zum Teufel werden konnte, und wo es ein Schrecken war, dazu zu gehören, und ein noch größerer Schrecken, nicht dazu zu gehören. Die Provinz war eine
soziale Maschine zur gegenseitigen Zurichtung, die sich beständig auch Opfer suchte. Bis in die achtziger Jahre hinein war »Provinzliteratur« ein deutsches Kultur ärgernis, kritisch wie bei Franz Xaver Kroetz, bei Herbert Achternbusch oder bei Rainer Werner Fassbinder, der zeigte, dass das System Provinz nicht aufhört, bloß weil man in eine Stadt gezogen ist. Dafür machte man sich’s mit Ludwig Thoma gemütlich und ließ Oskar Maria Graf draußen, und Opa hatte noch »seinen« Herman Löns im Regal. Hauptsächlich aber war Provinz der Rahmen für ein Genre der damals noch florierenden Heftchenliteratur, »Heimatglocken« und »Edelweißroman«, und wie sie alle hießen. Wer so etwas liest, vielleicht auf dem Weg in die Fabrik, ist hoffnungslos provinziell.
Seltsam, wie Hass und Liebe in oder zu der Provinz zusammengehören, wie Tag und Nacht, nicht in einem so komplexen Ineinander wie bei den Bürgern in Salon und Ballsaal. Hass und Liebe. Das betrifft auch den Unterschied zwischen der Provinz als allgemeinem Zustand, Himmel oder Hölle, je nachdem, und genau deiner Provinz, von der du doch nie ganz loskommst, eben wegen der Hassliebe. Alle Provinzen sind auf unterschiedliche Art unglücklich, um Tolstoi zu parodieren.
Das nur knapp neben der Realität liegende »Kleine Lexikon der Provinzliteratur« des Berner Autors Pedro Lenz hat das einmal für die Schweiz idealtypisch durchdekliniert. 25 fiktive Autorinnen und Autoren und Begriffe wie
»Dorfbohème und Rausch«, »Exilliteratur«, »Lehrerinnen- und Lehrerliteratur« oder »Antholgie-Seuche« lenken den Blick auf ein gern mißachtetes Feld: »Normal ist alles, was wir kennen / der Rest soll meinetwegen brennen« (unbekannter Heimatdichter). Natürlich gilt, gerade in der Provinz: »Mein Leben ist ein Roman«. Das zeigt zum Beispiel der gleichnamige geradezu programmatische Sammelband mit 85 »Alltagsgeschichten aus Oberösterreich«, im schönen Verlag Bibliothek der Provinz erschienen. Das aber nebenbei, wir werden noch öfter abschweifen.
ine Stadt kann man durch eine andere ersetzen, vor allem, wenn diese noch größer und heftiger ist als die erste, die Provinz bringt man indes nicht aus sich heraus, sie holt einen immer wieder ein, auch wenn das nicht immer auf so dramatische Weise passierte wie bei der Fleißer. Damit Deutschland eine Demokratie werde, oder überhaupt einen Platz in der Reihe kultivierter Nationen bekäme, musste auch der Schrecken der Provinz gebändigt werden. Und nicht minder, umgekehrt, der Schrecken der Großstadt. Aber zuförderst mussten neue Widersprüche behandelt werden.
Trümmerstadt und traute Heimat. Die Stadt und die Provinz hatten den Zweiten Weltkrieg auf unterschiedliche Weise verloren, und auf unterschiedliche Weise geschah auch der »Wiederaufbau«. Das Misstrauen schrieb sich auch ein in die dann zunehmende Touristifizierung. Urlaub folgte auf die Sommerfrische, was sowohl eine Frage der Klasse als auch der Generation war. Die Sommerfrische war lang und nachhaltig, der Urlaub aber heftig und kurz. Urlaub bedeutet: Die Provinz wird überrannt, umgedeutet, gefüllt – und dann ist auch wieder alles vorbei. Die ländliche Region, jedenfalls wo sie Attraktionen wie Berge, Flüsse und Seen, Schlösser oder mittelalterliche Bauten zu bieten hat, verdiente an den Städtern, aber man musste stets zugleich mit einer Überhandnahme, gar einer Übernahme rechnen, was die Kultur, wie auch, was den Besitz anbelangt. Die Einheimischen und die Fremden – das blieb eine gespannte Beziehung. Und »Ambivalenz« ist eine gewiss zu milde Formulierung dafür.
Das konnte allenfalls gelingen, indem man über Bande spielte: In einem Dreieck von Stadt, Ferien und Provinz. Eines erklärte stets die beiden anderen, und durch die neue Mobilität im Verkehr und die neuen Kulturmaschinen wie das Fernsehen, konnte keines davon eine so abgeschlossene Welt bleiben, wie das Fegefeuer Ingolstadt zum Beispiel. Ständig tauschten die drei Seinsweisen der Nachkriegsgesellschaften Nachrichten, Bilder und Träume untereinander aus. Aber wurden die Widersprüche dadurch kleiner? Waren die neuen sozialen Maschinen, Auto, Ferien, Fernsehen, Schlagermusik, Filme, Kühlschrank, Werbung etc. etwa Überwindungen der Gegensätze? Oder wurden sie hier nicht vielmehr nur neu formuliert? Kino und Fernsehen, zum Beispiel, negierten nicht etwa die Gegensätze zwischen Stadt und Land, sie erfanden sie vielmehr noch einmal neu. Im Dienste des Wirtschaftswunders sozusagen.
Was nicht sichtbar wurde, das war, dass Traumkulisse und Ödnis sich wie die beiden Seiten einer Medaille verhalten. Und was geschieht in der Provinz, die es nicht einmal zum Urlaubsziel schafft? Wie erzählt sie sich, und wie wird sie sichtbar? Wie geht andererseits die Provinz, die zwischenzeitlich von Urlaubern übernommen wird, mit der Doppelung von Verdienst und Verachtung um? Das »Zurückgebliebene« war ja zugleich das Gut, mit dem man zu handeln hatte, und das eine fast schon rassistische Zuschreibung war. Die Provinz ist ein Ort der frühen Freiheiten und der darauf folgenden Kränkungen. Und es ist der Ort, der es einem schwer macht, das eine wie das andere zu verstehen. Denn die Provinz ist immer ein Ort des Schweigens. Mehr noch, ein Ort des Verschweigens.
Provinz ist für den Städter unterworfene Wildnis; die Übergänge sind fließend, was schon im Alpenland oder an der Nordseeküste beginnen mag. Ein Transit zum Jenseits, schon halb Wildnis oder Kolonie, das ist die eine Provinz.
Und die andere ist mitten im Land, ein »Heartland«, wie es in den USA heißt, ein vielleicht finsteres Herz, das schlagen muss, damit drum herum der Körper, die Fassade, das Gesicht funktionieren kann. Provinz gibt es nur, wenn es Nicht-Provinz gibt, und wenn es Nicht-Provinz gibt, so gibt es auch einen Austausch, eine Beziehung, eine Sprache zwischen beiden Zuständen. Zum Beispiel als Biographie. Zwischen Bleiben, Weggehen, Wegbleiben oder Wiederkehren.
Das nun eben wird zum mythischen Kern von vielen Erzählungen, den künstlerischen ebenso wie denen, die in der Familie und unter Freunden bleiben. Dieses System der Dinge, über die man nicht spricht. Aus dem eine besondere Art des Sprechens wird. In der Stadt geht es vielleicht darum, was man tut oder nicht; in der Provinz geht es darum, was man bei uns tut oder nicht.
Wir verstehen uns auf eine Weise, die zugleich das Nichtverstehen von außen bedeutet. Die Provinz hat immer Angst um sich. Sie wird von den Fremden bedroht, aber auch von einer städtischen Zentralmacht. Letztlich aber immer auch, das ist das Schlimmste, von innen heraus.
Möglicherweise funktionierte die Bundesrepublik Deutschland eine Zeit lang so gut, weil die Regierung in einer echten Provinzstadt namens Bonn angesiedelt war, während die wahre Hauptstadt, zweigeteilt und dramatisch,
als permanenter Ausnahmezustand auch kulturell agierte. Die Republik war provinziell und hielt sich eine Metropole als äußere »Insel«. Deutschland hatte eine ausgelagerte Hauptstadt, die international attraktiv war, weil sie auf das
Anderssein pochte; mit der Wiedervereinigung wurde diese Stadt auf erschreckende Weise normal. Mehr noch als in den anderen Städten ist hier der Sog der Provinzialisierung zu spüren. Der Pakt des Liberalismus mit der Großstadt wurde offenkundig aufgekündigt. Und für die Provinz gibt es keine Alternative mehr. Alternativloser Provinzialismus. Schrecklicher Gedanke, und wohl doch treffende Beschreibung für das, was von der zweiten Republik kulturell übrig blieb.
Wie sehr das Wort »Provinz« zu einem Begriff wurde, dessen man sich in den letzten fünfzig Jahren offiziell weithin entwöhnt hat, zeigt seine Verwendung bzw. Nicht-mehr-Verwendung im populärsten aller Medien: im Fernsehen. Die Notizen aus der Provinz (66 Folgen im ZDF , 26. August 1973 bis zum 22. November 1979) entsetzten den allgemein als freundlich und gebildet geltenden ZDF-Intendanten Prof. Dr. h. c. Dieter Stolte so sehr, dass es während seiner Intendanz (und noch danach) insgesamt 26 Jahre lang keine politische
Kabarettsendung mehr im Zweiten Deutschen Fernsehen gab. Echt. Die legendäre Satiresendung von und mit Dieter Hildebrandt stand unter Dauerfeuer vor allem konservativer Politiker und wurde 1979 nach einer Intervention des damaligen ZDF -Programmdirektors und späteren Intendanten Stolte abgesetzt.
Man sagt, damit habe er seine Wahl erkauft.
Die muffige Moderne. Der verordnete Modernismus in der Stadt und die konservative Provinzialität erschienen als zwei Produktivkräfte einer irgendwie funktionierenden liberal-konservativ kapitalistischen Gesellschaft. Gemein-
sam bildeten sie den Stoff, aus dem die bundesdeutsche Politik entstand. Politik war die Kunst, in Sprache, Auftreten und Programm irgendwie beides zu bedienen. Das moderne Westdeutschland konnte in der Welt des Westens nur angenommen werden, wenn es ein liberal-progressistisches Bild zeigte, und es konnte im Inneren nur funktionieren, wenn das konservativ-provinzielle Rumoren auf verschiedene Weisen integriert wurde. Die ästhetisch-mythische Botschaft dazu war das Doppelgesicht von moderner Großstadt und ländlicher Idylle, im Widerspruch fest vereint. Die DDR dagegen legte einen ideologischen Mantel um, wahrhaft nicht weniger dünn als der westdeutsche Progressismus, und wurde im Inneren von einem noch fundamentaleren Provinzialismus zusammen gehalten. Eine radikale Begrenzung des Lebens, von dem später gerade das Heimelige und Abgeschlossene vermisst werden sollte.
Provinzialismus als Lebensweise braucht immer eine übergeordnete Idee, hinter der man sich verstecken kann, im Positiven wie im Negativen. Die daraus entstehende Bipolarität wurde hier wie dort zum wahren Kitt der Gesellschaft. Welterklärung und Heimatwärme. Folgte da das ideologische Bild der sozialen Wirklichkeit, oder war es genau umgekehrt?
Das eine war immer nur verständlich in Bezug auf das andere. Der modernistische Großstädter, der Jazz hörte und abstrakte Kunst liebte, neues Design und alles, was große Welt versprach, empfand sich selbst nur als Gegenpol
gegen die »muffige« und »reaktionäre« Provinz, und dort wiederum war Tradition, Heimat und »Sitte« nicht denkbar, ohne den Hinweis auf die »sündige« und gefährliche Stadt, in der Einsamkeit und Niedergang drohten und von der auch sonst allerlei Übles kommt.
Der Stadt/Land-Gegensatz war zuvor in eine faschistische Mythologie eingearbeitet, und die Provinz war das Territorium, in dem es nicht einfach eine nationalsozialistische Wirklichkeit gab, sondern wo es Onkel Ernst war, der
Nazi, der plötzlich eine ganz andere Rolle in der Familie spielte. Als Retter hier, und gleich darauf als Denunziant, schließlich als Objekt des Verschweigens. In der Provinz war der Faschismus weniger Masse, viel mehr Verwandtschaft. Nicht nur in der Erklärung, »judenfrei« zu sein, versuchte der Provinz-Faschismus das Zentrum zu übertrumpfen. Später redete sich die Provinz gerne auf ihre Provinzialität heraus. Die Schuld lag schon wieder in der Stadt, und das Land erfand sich neu als Refugium natürlicher Unschuld; hier gab es keine Trümmer, und also hat es hier auch keinen Faschismus gegeben, oder? Das Misstrauen des Landbewohners gegenüber dem Städter war auch darin begründet, dass er neben dem verhassten Modernismus die Erinnerung an das mit sich brachte, was es hier ja eigentlich gar nicht gegeben hat. Wer in den fünfziger und frühen sechziger Jahren in der Provinz aufwuchs, erfuhr allenfalls in Andeutungen von jenem, der es unter Hitler weit gebracht hat, und mit dem man sich auch heute besser nicht anlegt. Und was wussten wir Kinder, Piraten und Cowboys, die wir waren? Man glaubte, die Städter seien arrogant und protzig, und die Provinzler hinterfotzig und banausisch. So etwas gibt es bei Piraten und Cowboys nicht. Aber vielleicht steckte noch etwas anderes dahinter.
Große Äpfel, tiefe Wälder. Der urbane Modernismus und der provinzielle Konservatismus schienen sich gegenseitig auszuschließen; in Wahrheit aber waren und sind sie aufeinander angewiesen. Auch in anderen Ländern ist dieser dialektische Gegensatz ein ebenso spannungsreiches wie stabilisierendes Element der Nachkriegsgesellschaft. Allerdings vollzieht sich diese Einheit in der Spaltung überall ein wenig anders, und hat dementsprechend überall auch andere kulturelle und popkulturelle Folgen. Auch in den USA etwa erschei-
nen in den fünfziger und sechziger Jahren die politischen und sozialen Unterschiede zwischen einer Kleinstadt im Westen und dem »Big Apple« New York zugleich wechselseitig Sehnsucht und Abscheu zu entfalten. Die Geschichte vom Provinzler, der nach New York kommt, und der New Yorkerin, die in der Provinz strandet, dient im Kino etwa zugleich als Komödien- wie als Horror- Stoff. Der Blues war einst vom Land in die Stadt gekommen und formte die neue amerikanische Musik; die weißen Verlierer waren zurück geblieben und klammerten sich an Country & Western. Stadt und Land haben nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Beziehung zueinander. Und früher als anderswo, trotz der scheinbar unablässigen Produktion des semantisch und alltäglich Verbindenden, von McDonald’s-Filialen bis zum Fernsehprogramm, war hier von einem Land mit zwei Geschwindigkeiten in der Gesellschaft die Rede. Im direkten Erleben konnte man »zwei Welten« erzählen, vom religiösen Fundamentalismus und der entzivilisierten Gewalt in den Backwoods hier und vom grenzenlosen Liberalismus und dem Gangster-Chic dort. Wer aus der Stadt in die »tiefe« Provinz kam, der musste einem Norman Bates oder den Kannibalen des Texas Chainsaw Massacre begegnen.
Fernab die Harmonie zwischen einer Stadt, die in die Zukunft reicht, und von einem Land, das fest in der Vergangenheit verwurzelt ist. Familie Duck konnte im hochmodernen Entenhausen in ihr Auto steigen*, um von einem Comic-Panel zum anderen auf einer Reise in den Westen in eine Welt zu gelangen, in der sich seit den Tagen von Wild Bill Hickock nur wenig geändert hat. (Kunststück, hatte doch Carl Barks das direkte Vorbild seiner Heimatstadt Burbank benutzt.) Hier gibt es Gemeinschaft; die Gesellschaft bleibt willkürlich. In der Stadt geschieht Gesellschaft, und Gemeinschaften sind festgefahren. Gemeinschaften aber sind natürlich, und Gesellschaft ist ein kompliziertes Räderwerk. Wenn eine soziale Konfliktsituation gesellschaftlich nicht mehr lösbar ist, schauen Sie sich die Filme von Frank Capra an, dann hilft nur die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft. Und auch die Hippies waren vor allem Menschen, die darauf hofften, der Gesellschaft zu entkommen, indem sie zur Gemeinschaft wurden. (Dass sie daher von San Francisco über Lahore auch wieder aufs Land wollten, war ebenso wenig Zufall, wie dass sie genau dort endgültig den Verstand verloren.) Auch mitten in New York kann schließlich das Echo des Provinziellen zur Heilung werden. Stadt und Provinz (Gesellschaft und Gemeinschaft), das ist nicht nur ein Konflikt-Zusammenhang, sondern auch ein Erlösungs-Zusammenhang. Die Provinz ist eine Erlösung für das Städtische; die Stadt ist eine Erlösung für das Provinzielle. Zumindest für einzelne. Für andere ist es auch der große Irrweg, für den Verlorenen Sohn des Luis Trenker (1934) auf dramatische, für die Out of Towners (Jack Lemmon und Sandy Dennis, 1970, deutscher Titel Nie wieder New York) auf komische Weise. Jedenfalls sind der eine wie die anderen heilfroh, wenn sie wieder »daheim« sind, so kalt und gefährlich (so
viel Gesellschaft und so wenig Gemeinschaft) ist die Metropole.
Übrigens verstehen wir unter »Stadt« hier die Großstadt, die sich zugleich als Zentrum und als Ausnahme versteht (in Paris wird nicht nur regiert und debattiert; hier ist auch erlaubt, was anderswo verboten ist: Sogar in der Sexualität und ihrem Bild gibt es einen massiven Unterschied zwischen Metropole und Provinz), und unter Provinz verstehen wir die ländlich und kleinstädtisch organisierte Lebensweise, die unter dem Dach einer nationalen Regierung und nationaler Kultur-Pflichten auf einem eigenen Lebensstil und »gewachsenen« und »verwurzelten« Strukturen besteht. Das Städtische und das Provinzielle sind also historische, soziale, kulturelle, ideologische und politische Konstruktionen, stets zugleich Mythos und Praxis, die dem einzelnen Menschen jeweils Zwänge
und Möglichkeiten bieten – nebst einer Reihe von Leidensmöglichkeiten und Machtgewinnen. Das, was zwischen den Mythen und den Praxen vermittelt, die Riten, die Semantiken, die Bilder und Erzählungen, die Objekte, die Inszenierungen, die Träume – das ist Gegenstand dieses Buches.
In den fünfziger und sechziger Jahren kamen Provinz und Großstadt in der Bundesrepublik Deutschland auf weniger extreme Arten zusammen. Natürlich hat das schon mit den Entfernungen zu tun, aber auch damit, dass Deutschland nie ein so zentralistisches Konstrukt war wie etwa Frankreich (wo für die Bewohner von Paris das Provinzielle an der Stadtgrenze beginnt). Das Provinzielle und das Städtische sind hier komplizierter miteinander verbunden und gegeneinander abgetrennt. Städtisches (Selbst-)Bewusstsein und ländliche Idylle (nebst Abgründen) sind hier jeweils schneller erreichbar, die Übergänge fließender. David Lynch hat mit Twin Peaks eine radikale Anti-Mythologie der Provinz geschaffen; seitdem ist nichts mehr ganz so einfach wie es einmal war.
Aber wahrer.
Imagine. Dass die Provinz politisch gesehen konservativ bis reaktionär geprägt ist und die Stadt liberal bis anarchisch, ist eine sich beständig selbst verstärkende und radikalisierende Projektion. Sie existiert vor allem, indem sie Bild, Literatur, Film wird. Und darin rumort, neben dem negativen Klischee, immer auch die bange Hoffnung. Denn das eine ist nicht nur, was das andere bedroht, sondern immer auch das, was ihm fehlt. Endlich in die Stadt, um die Freiheit des Subjekts zu genießen, so mag es der Provinzler genießen; »Zurück aufs Land«, so ersehnt es der Städter, wenn ihm wieder einmal alles Soziale zu viel und alles Natürliche zu wenig geworden ist. Besser als Reinhard Mey konnte man die Kleinbürger-Sehnsucht nicht ausdrücken als den Besuch bei »Ilse und Willi auf ’m Land« in seinem Song aus dem Jahr 1980. Eine wahrhaft herrschende Klasse (samt ihrer kulturbildenden Entourage) besetzt, wie der König, wie der Papst, immer beides; man besitzt das Stadthaus und das Landgut; man zeigt hier wie dort, wer das Sagen hat. Der Wechsel von Stadt und Land, nach eigenem Gutdünken (und vielleicht noch nach Jahreszeit) ist ein Privileg der Macht, noch in ihrem Zustand des Verschwindens. Vor zwei Jahrhunderten war dies der Stoff, aus dem große Literatur entstand. Herrschaft bedeutet, Macht in beidem zu haben; ein Gewaltzusammenhang. Eine Provinz, die sich sozusagen selbst regiert, gibt es nicht. Die Provinz beharrt auf ihrer kulturellen Eigenheit, weil sie damit ihre politische Ohnmacht überdecken kann. (Ein Kerl wie Jesus Christus musste natürlich scheitern, weil er gleich beide gegen sich aufbrachte, die Provinzler, die um ihre kulturelle Hegemonie fürchteten, und die Vertreter der imperialen Zentralmacht, weil sie den Aufstand des Provinziellen fürchteten. Es ist ein ewiges Kreuz zwischen dem Reich und der Provinz. Der
Zwischenmensch hängt daran.)
Prinzipiell ist natürlich alles wieder einmal eine Frage der Dialektik. Aber hat, sozusagen in einem linearen historischen Prozess, tatsächlich das Land die Stadt hervorgebracht, damit die Stadt das Land hervorbringen kann? Jedenfalls gibt es keine Nation ohne Hauptstadt, und es gibt kein Imperium ohne eine »ewige Stadt«. Stadt und Land spielen füreinander, bis zum Exzess der Karnevalisierung, so wie Provinz und Zentrum einander Austausch-Verträge ohne Garantien anbieten. Das Land ist Ressource, und die Stadt ist Maschine. Einst entstand der Industriekapitalismus (unter anderem) durch eine mehr oder weniger explosive Freisetzung von ländlicher Arbeitskraft, und es sollte das »Proletariat« entstehen, das dieser Kapitalismus genauso brauchte wie Dampf-
maschinen und Förderbänder. Ist das Proletariat tatsächlich städtisch geworden, oder bewahrte es in sich, neben dem berechtigten Zorn, auch immer noch die Erinnerung an den ländlichen Ursprung? Dort wo die Stadt in ihre Mega-Form wächst, in den Ghettos, Slums und Borgates, wird sie wieder Provinz, Land, Natur, Gemeinschaft und Barbarei. In den Vorstädten Roms, die zumindest in Pasolinis Blick zurück ins Archaische reichen. Proletarier sind Menschen, die die Stadt, in die es sie verschlagen hat, aus ökonomischen wie aus politischen Gründen nicht genießen können. Die Stadtluft macht sie mitnichten frei. Subproletarier – und dann das neue Prekariat – sind Opfer und »Abfall«. Großstadt ist das, wo unentwegt Lieferdienste unterwegs sind und Krankenhäuser vorwiegend von zugewanderten Ärztinnen und Pflegepersonal leben. Die Stadt ist »hart«, sagt man. Die Ausbeutung zeigt sich hier ohne jede Tünche. Daher auch sind Hammett und Spade der Wahrheit näher als Poirot und Wexford.
Nicht anders als einst durch das zugewanderte Proletariat funktioniert heute eine Stadt nur durch den Einsatz von Prekariat, das von den Provinzen dieser Welt stammt und das erst in der Stadt als neue Klasse in der Ausbeutungslogik sichtbar wird. Aber auch das Wachstum einer Stadt zerbricht die ursprüngliche
städtische Gesellschaft. Eine Favela ist ein Teil der Stadt, der funktioniert wie ein derangiertes Land. Die Stadt, die ihre Mauern sprengt, wird zum archaischen Land, zur Vor-Provinz. Der wirkliche Provinzler fürchtet sich in der
Stadt nicht nur vor dem unverstandenen Modernismus, sondern auch vor dem barbarischen Rückfall. Die Provinz, so sagt es der Mythos (jedenfalls vor Twin Peaks), ist ein sicherer Ort. Nun wissen wir, dass die vermeintliche Sicherheit nur eine Frage der Öffentlichkeit ist. Dem Verbrechen in der Provinz (dem wir einen Essay in diesem Buch widmen) ist eine besondere Form der Verschwie- genheit zu eigen. Auch Polizisten und Detektive verhalten sich ganz anders, je nachdem, ob sie in der Stadt oder in der Provinz unterwegs sind. (In der Provinz gibt es so gut wie keine geraden Wege.) Inspector Jury bekommt es immer wieder mit Menschen zu tun, die mit einer Mischung aus Trotz, Stolz und Trauer bekennen: »Ich war noch nie in London.« Und vom großen Ausbruch aus einer Welt, in der es »nach Bohnerwachs und Spießigkeit« riecht, lässt Udo Jürgens sein lyrisches Ich seufzen: »Ich war noch niemals in New York«.
Die Stadt muss sich, wie man so sagt, beständig neu erfinden. Eine der wichtigsten dieser Metamorphosen begann wohl in den siebziger Jahren. In die alten, nicht mehr benötigten Industrie-Anlagen zogen nach und nach Kunst-Ateliers; inmitten der alten Städte wie New York entstand die Kultur der Lofts: Die Leute aus der »Kreativwirtschaft« übernahmen die Räume vom alten Industrieproletariat. An der Peripherie entstanden aus den entsprechenden Anlagen Museen und Event-Räume. Der Vorgang ist noch immer nicht ganz abgeschlossen und
zeigt mittlerweile eine öde Seite: Der Verelendung der Innenstädte wird so lange mit Kunst begegnet, bis auch diese verelendet ist. Aber der eigentliche große Umschwung ist die Ersetzung von Produktivität durch Kreativität. Im Kern ist die Stadt nur noch ein ästhetisches Ereignis. Und damit verändert sich zwangs-
läufig auch das Verhältnis zur Provinz. Dort findet der genau entgegengesetzte
Prozess statt: Zwar verlagert sich immer mehr (teils auch politisch forciert) rest-industrielle und andere Produktivität aufs Land oder in kleinere Städte, aber das geschieht entschieden auf Kosten der Ästhetik. Was, wenn beides mit schlechten Schauspielern und unter noch schlechterer Regie nicht mehr recht
überzeugt? Und was ist einfacher: Eine Provinz zu erfinden, die es nicht mehr gibt, oder eine Stadt zu erfinden, die es nicht mehr gibt?














