Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (31) – Sachen, Licht, Knochen

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Sachen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            „Einhorn klingt häßlich, aber es ist die schönste Sache der Welt“, sage ich. „So was nennt man Juxtaposition!“.
– Tamar Halpern: California Girl

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            Ein Hintern war eine runde Sache, wenigstens so lange, bis er die Form einer abfallenden Fieberkurve annahm.
– Wolf Wondratschek: Auf dem Graben

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            Warum sollte man süße Sachen verderben, indem man sie auf einen unempfänglichen Mund verschwendet?
– Tatiana Tibuleac: Der Garten aus Glas

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            „Du weißt doch, wie ich immer ein bißchen wußte, daß Sachen passieren würden, bevor sie passiert sind?“
– Emma Cline: Die Einladung

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            Wo ist mein 47jähriger Sohn, der nicht gut gehen kann und nur die falschen Sachen lustig findet?
– Richard Ford: Valentinstag


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            Nur weil er am Leben war, enthielt er seiner Familie all die schicken Sachen vor, die sie haben könnten, wäre er nur tot.
– Susan Glaspell: Regierungsziege

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            Da sagte ich: ich liebe es, Sachen zu hören, die das Maß meiner Unwissenheit erkennen lassen. Und nahm noch einen Schluck Coca-Cola.
– Clarice Lispector: Plaudereien, 14. Sept. 1968

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            Sie und Mellie hatten sich früher so Sachen gefragt, warum manche Sterne abfielen und andere nicht, wo sie hinfielen, wenn sie sich losmachten, ob sie irgendwann alle abfallen würden und der Mond auch.
– Marilynne Robinson: Lila

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            „Genau das brauchen wir, ganz normale Sachen“, erwidert Risto und setzt sich seufzend an den Tisch.
– Terhi Kokkonen: Arctic Mirage

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            Wieso landen die Sachen, die wichtiger waren als alles andere und die uns zu der Zeit so viel bedeutet haben, zuletzt in einem Plastiksack, den man hinter Farbdosenin einen nicht ausgebauten Teil eines Lofts stopft?
– Ali Smith: Gefährten

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            „Es sind doch bloß Sachen.“
– Jaap Robben: Kontur eines Lebens

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Spielwort: Licht

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Was war Licht noch mal? – Licht ist was ganz Komisches, sagte Florian.
– Louise Erdrich: Schattenfangen

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            Seit wann fühlte sich Licht so an, als würde mir Sand in die Augen geworfen?
– Donald Antrim: An einem Freitag im April

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            Aber das Licht im Flur würde mich vollends wecken – ich lasse es immer an, damit Paul nicht stürzt, wenn er aufs Klo geht.
– Richard Ford: Valentinstag

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            Ich begann, einen hohen poetischen Mehrwert zu verkörpern, als ich betonte, daß ich zum Hören Licht bräuchte.
– Adèle Rosenfeld: Quallen haben keine Ohren

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            Gäbe es die Möglichkeit, dieses Licht ohne Hitze zu genießen, dann wäre ich sofort dabei, aber sie hat sich nie ergeben, man muß stets Kompromisse eingehen.
– Alexander MacLeod: Darf ich fragen, was Sie da anstarren?

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            Es ist morgen, das Licht ist grell. In diesem Licht treibt die Furcht wie Öl auf dem Wasser.
–  Naja Marie Aidt: Carls Buch

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            Aber ohne elektrisches Licht kam man auch hier nicht aus, und so würde sie gleich ins vordere Zimmer gehen müssen, um zu prüfen, ob sie bei Tageslicht nicht wie ein Clown aussah.
– Undine Gruenter: „Wie war der Himmel blau“

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            „Hoffentlich machst du bald das Licht aus!“ zischte sie und rückte zur Seite. „Sonst bin ich gleich wieder weg.“
– Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

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            Und das nordische Licht, schädlich und verrückt, verharrt auf der Mauer.
– Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung

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            „Und das Licht … wie soll ich sagen … Das Licht, über das Sie nachdenken, ist dasselbe Licht wie das, von dem ich rede?“ – „Daran habe ich keinen Zweifel“ sagte Herr Mitsutsuka und lachte. „Wir reden beide vom selben Licht.“
– Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht

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            Nur wenn sich ein Kindermädchen zu ihm legte, als er klein war, konnte er ohne Licht schlafen.
– Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff

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Spielwort: Knochen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Sobald ich nach Hause kam und mich auszig, hatte ich das Gefühl, meine Knochen würden jeden Tag durch die Haut brechen und davonfliegen.
–  Haruki Murakami: Pinball 1973

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            Er fand, ich hätte interessante Knochen, das schmeichelte mir natürlich.
– Milena Moser: Alles gelogen

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            Ich wollte, daß er meine Habseligkeiten durchwühlte, als seien es ausgebleichte Knochen, Überreste eines Lebens, das er nie zu schätzen gewußt hatte.
– Ottessa Moshfegh: Eileen

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            Die Knochen befanden sich nämlich über der Erde und waren zusammengesetzt, so als wollten sie immer noch lebendig sein.
– Jesse Eisenberg: Naturkundemuseum

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            Den ganzen Nachmittag hatte sie dann den Knochen mit Schnauze und Zähnen bearbeitet und rumgeschoben, was immer dieses Geräusch gemacht hatte, dieses tock-tock, das nur ein Hund mit einem Knochen machen kann.
– Katherine Heiny: Single, glücklich, entspannt

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            Was unterscheidet einen abgenagten Knochen von der Darstellung eines abgenagten Knochens?
– Angelika Overath: Krautwelten

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            Muß sich von den Menschen verstecken, sonst reißen sie dir die Eingeweide aus dem Leib und machen aus deinen Knochen Möbel.
– Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre

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            Seine Knochen schienen darüber erstaunt zu sein, daß sie da waren, sie stachen unter der Haut hervor, als würden sie nach einem Ausgang suchen.
– Brooke Davis: Noch so eine Tatsache über die Welt

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            Und er war beinahe überzeugt, daß die Knochen, die sein Denken schützten, die es in warmer und feuchter Sicherheit hielten, von genau diesem Denken allmählich abgetragen wurden.
– A. L. Kennedy: Nach Hause

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            Man kann nicht so lange leben, bis die Knochen aufgezehrt sind.
– Fleur Jaeggy: Die eitle Greisin

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            Dennoch dachte ich mir, daß es nicht schlecht sei, Knochen zu sammeln, und daß die Menschen, wenn sie stürben, ihren Kindern eigentlich auch einfach ihre Knochen hinterlassen könnten, was doch durchaus ein ehrwürdiges Vermächtnis wäre.
– Jung Young Moon: Vaseline-Buddha

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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