
Lohn des Sohns
Eigentlich hätte das Mode-Studium in Edinburgh sein Ticket hinaus aus der beengten, von Entsagung und Bibeltreue geprägten Gemeinde auf der Insel Harris sein sollen. Doch eine Arbeit hat Cal MacLeod im Anschluss nicht gefunden. Er schlägt sich durch mit Gelegenheitsjobs und übernachtet bei wechselnden Freunden. Als ihm sein Vater vom schlechten Gesundheitszustand seiner Großmutter berichtet, weiß Cal, was von ihm erwartet wird. Er besteigt die Fähren und findet sich schließlich mit zerschlissenen Jeans, langen gefärbten Haaren und einer letzten Ecstasy-Pille in der Hosentasche im Hafen wieder. Eine Mitnahmemöglichkeit schlägt er aus, er hat es nicht eilig.
Douglas Stuart wurde 2020 für „Shuggie Bain“, einen schwulen Coming-of-Age-Roman aus dem Glasgow der 1990er Jahre, mit dem Booker-Preis ausgezeichnet. In „Young Mungo“ widmete er sich 2023 noch einmal dem gleichen Sujet. In „John of John“ nun lässt er das harte Arbeitermilieu Glasgows hinter sich, setzt diesem aber eine mindestens ebenso raue und archaische Inselwelt entgegen. Cals vollständiger Name ist John Calum MacLeod, er ist der Sohn von John McLeod, woraus sich der Titel des Buches ableitet. John McLeod ist Diakon und Vorsänger der streng calvinistischen Gemeinde und so ist ihm das Erscheinungsbild seines Sohnes ein Dorn im Auge. Mit seinen Gefühlen kann John nur schwer umgehen, seine Hilflosigkeit gegen Provokationen des Sohnes schlägt in sehr unchristliche Gewalt um. Dass der 22-jährige diese Behandlung überhaupt erduldet, liegt an seiner engen Beziehung zur Großmutter Ella. Die Mutter hat die Familie verlassen, als Cal sieben Jahre alt war, seitdem ist Ella Cals engste Bezugsperson.

John of John thematisiert weit mehr als nur einen Vater-Sohn-Konflikt. Der Roman ist auch ein Abgesang auf untergegangene Lebens- und Arbeitswelten. Der weltbekannte Harris-Tweed wird hier noch in Handarbeit am familiären Webstuhl produziert, während die zahlungskräftige, vor allem amerikanische, Kundschaft beginnt, in Streetwear ins Büro zu gehen. Die Außenseiter auf den Hebrideninseln sind eine Kuriosität in TV-Sendungen, in denen darüber berichtet wird, wie die Schaukeln auf dem Spielplatz allsonntäglich mit der Sabbat-Kette abgesperrt werden. Was wie ein Relikt aus ferner Vergangenheit scheint, liegt keine 30 Jahre zurück: Cal überlegt, zum Festival „T in the Park“ zu fahren, wo The Prodigy, Pulp und die Beasty Boys auf dem Programm stehen. Anhand dieses Line-Ups lässt sich der Handlungszeitraum sehr genau auf das Jahr 1998 datieren.
Stuart erzählt diesmal sehr unaufgeregt, nimmt sich Zeit, die einzelnen Fäden zum rechten Zeitpunkt in seinen Erzähl-Tweed einzuweben und lässt seine Leser dabei zusehen, wie sich mehrere Tragödien ineinander verstricken. „John of John“ ist kein modischer Schnickschnack, keine grelle Effekthascherei, sondern ein handwerklich äußerst sorgfältiges Erzählgeflecht, dessen Raffinesse sich in kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Details offenbart. So läuft zum Beispiel auch die innigste Kommunikation zwischen Vater und Sohn über Farben ab. Als Kind bekam Cal vom Vater Garnrollen in die Hand gedrückt, mit der Aufgabe, die entsprechenden Farben in der Natur zu finden:
Cal mochte die Schnitzeljagd, er mochte es, mit wachsamen Augen durch die Landschaft zu streifen, er mochte die Belohnung. Am Ende brachte er alles, was er gefunden hatte, im Bauch seines Pullovers mit, den er am Saum hochhielt, und sein Vater begutachtete den Blasentang, das Stück Flechte und die Lummenfeder und hielt sie an das jeweilige Garn. Cals Funde wurden immer exakter. „Nur für das Blaugrün hast du nichts gefunden“, hatte sein Vater festgestellt.
„Das Blaugrün ist das Meer. Aber als ich die Hände eingetaucht habe, um welches zu schöpfen, war das Meer ein durchsichtiges Nichts“. Er zupfte an den grünen Sprengseln in der blaugrünen Wolle. „Ich habe die Sache gefunden, aber wir müssen zusammen zu der Stelle gehen, wo das Wasser auf das Kelp trifft und über den Sand strömt.“
John drückte die Nase an Cals Scheitel und inhalierte die frische Luft. Es waren solche Tage, die Cals Liebe zu den Farben entfachten.
Cal ist sich sicher, dass sein Vater auf keinen Fall von seiner Homosexualität erfahren dürfe. John dagegen pflegt eine heimliche Beziehung zu seinem Nachbarn Innes. Er kann seinem Sohn nicht beichten, dass dies damals der Grund für den Weggang der Mutter war. Zudem zerreißt ihn der innere Konflikt, den seine Rolle in der Kirche mit sich bringt. Innes hingegen wünscht sich nichts sehnlicher, als nach all den Jahren der Heimlichtuerei eine Junggesellen-Wohngemeinschaft zu bilden, die in den Augen der Kirche zwar möglicherweise für suspekt gehalten, aber in Hinblick auf praktische Überlegungen toleriert würde. Weil aber die knorrigen Insel-Bewohner nicht oder nur sehr andeutungsweise über ihre wahren Gefühle reden, spitzt sich die Situation immer weiter zu. Ein Suizid und die ungewollte Schwangerschaft einer jungen Frau drohen die ohnehin nur vordergründig heile Welt endgültig zu zerstören. Stuart beschreibt eindringlich die von Unterdrückung und Freudlosigkeit geprägte Stimmung in der Kirchengemeinde, die strenge Hierarchie unter den Männern und die untergeordnete Rolle, die Frauen in dieser Gemeinschaft einnehmen (wohl gemerkt: kurz vor der Jahrtausendwende). Ausgrenzung erfolgt nicht nur durch festgefahrene Hierarchien und Rituale, sondern auch durch Sprache. Da sind zum Beispiel zwei zerstrittene Brüder, die, unter einem Dach wohnend, nur über Dritte miteinander reden – eine ebenso skurril-amüsante wie zutiefst deprimierende Vorstellung. Ein ande4res Beispiel: John wechselt regelmäßig ins Gälische, wenn er die einst aus Glasgow zugezogene Ella vom Gespräch mit Cal ausschließen will.
Doch auch wenn die Männer in ihrer Sprach- und Hilflosigkeit im Vordergrund stehen, wartet der Roman mit einigen Frauenfiguren auf, die selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen und sich bereits weiter emanzipiert haben, als es auf den ersten Blick scheint. So offenbart sich erst zum Schluss, dass keinesfalls John MacLeod, sondern stets Cals Großmutter Ella die wahre Strippenzieherin am Webstuhl der Familienchronik ist und ebenfalls sehr gut um die Wirkung von Farben weiß.
Frank Schorneck
Douglas Stuart: John of John (London, 2026). Deutsch von Sophie Zeitz, Hanser Verlag, München 2026. 560 Seiten, 26 Euro.
Anm. d. Red.: siehe auch noch von 2021 bei uns: Novelist Robert Wilson reviews the 2020’s Booker Prize Winner












