Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (35)
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Mond
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Eines Abends, als ich im Bett lag und aus dem Fenster heraus auf den Mond schaute, traf ich einen Entschluß.
– Kristín Marja Baldursdóttir: Hinter fremden Türen
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Verkünde, daß du zum Mond fliegst, und alle nehmen an, du willst darauf landen, deine Flagge in den Boden rammen, mit nur einem Sechstel deines gewohnten Gewichts wie ein Känguruh darauf herumhüpfen, Steine sammeln und mit nach Hause nehmen.
– Tom Hanks: Alan Bean plus vier
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Die Oberfläche des Mondes war von einer grauen Form verunstaltet, die aussah wie eine abgeknickte Blume.
– Alexandra Kleeman: Vielleicht willst du mich nicht, aber ich bin die richtige für dich
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April prostet dem Mond zu, er trägt die Züge ihres Vaters, kurz darauf die einer vietnamesischen Freiheitskämpferin.
– Angelika Klüssendorf: Jahre später
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„Wenn am Ende des ersten Akts der Mond aufgeht, möchte ich, daß ihr mit Mondlicht in den Stimmen sprecht.“
– Samuel Beckett während einer Probe zu ‚Warten auf Godot‘, Riverside Studios 1984
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Ein dicker gelber Mond zeigte sich in den Zweigen des Feigenbaums, als ob er sich dort bei den Hühnern einen Schlafplatz suchte.
– Flannery O’Connor: Das Leben, das du rettest, könnte dein eigenes sein
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Und sie wußte, daß der Mond nur ein Felsbrocken war – ein Felsbrocken! –, aber so oft sie ihn so rund am Himmel sah, spürte sie die Gewißheit, daß ihre zwei Männer dort oben sein mußten.
– Elizabeth Strout: Windräder
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Aber manchmal bei Nacht, wenn der Mond so richtig bleich geworden ist, könnte ich schwören, ich spür was gegen den Dreitagebart auf meiner Backe flattern.
– Jeffrey Eugenides: Air Mail
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Aber der Mond hätte mir nicht gleichgültiger sein können, wichtiger war mir, daß die Welt sich schneller um ihre Achse drehte, die Zeit des Wartens kürzer würde.
– Line Meruane: Rot vor Augen
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Ich denke darüber nach, daß sich der Mond beständig von der Erde entfernt, und obwohl sich die Distanz im Jahr nur um 3,78 Zentimeter vergrößert – was der Geschwindigkeit entspricht, mit der Fingernägel wachsen –, finde ich es schrecklich traurig.
– Amy Liptrot: Nachtlichter
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Der Kopf jagte das Herz im Kreis um den Mond: es würde eine lange Nacht werden.
– Callan Wink: Exoten.
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Spielwort: Eimer
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Der dicke, saure Saft im Eimer ist immer derselbe, und längst weiß kein Weinkoster mehr, wie Wein tatsächlich schmeckt.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen
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Das ist verdammt eklig, sagt Tove, jetzt stehen sie beim Eimer und schauen hinein, eine graue Schaumschicht voller Fussel bedeckt die Oberfläche.
– Helle Helle: Sie und Bob
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Im Schrank steht ein Eimer, den ich unter das Leck stelle und hoffe, das unregelmäßige Tropfen möge einen eigenen bukolischen Rhythmus finden.
– Patti Smith: Im Jahr des Affen
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Hatte er recht? War es tatsächlich möglich, zu hören, wie ein Ziegelsplitter in einen Eimer mit frischem Mörtel fiel?
– Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag
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Später irgendwann, nachdem ich das Wasser getrunken und in den Eimer gekotzt habe, klopft es an meine Zimmertür.
– Louise Nealon: Snowflake
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Aus dem Eimer, den er ihr hinhielt, zog sie geschickt eine Ratte heraus.
– Heike Kühn: Schlangentöchter
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Die Eimer zu schrubben war eine eklige Angelegenheit, die er am liebsten uns überließ.
– Jaap Robben: Kontur eines Lebens
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War es nicht schön, endlich die etwas weniger dicken Stiefel zu tragen und hinter ihrem Kind herzuspazieren, das neugierig in die Eimer spähte und den Fischen beim letzten Zappeln zusah?
– Terki Kokkonen: Arctic Mirage
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Nika sah Kitty über die Schulter, bemüht, an ihren Brüsten vorbeizuschauen, die jetzt über dem Eimer baumelten, während sie hineinspähte.
– Deborah Levy: Heim schwimmen
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Jede Kuh will anders gemolken werden, und wenn man es falsch macht, tritt sie den Eimer um.
– Ralf Rothmann: Im Frühling sterben
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Das Wesen des Eimers hatte sich zerlegt und aufgelöst, und von dem, was geblieben war, erschloß sich mir nicht mehr, was es einmal war.
– Mieko Kawakami: Brüste und Eier
……….

Spielwort: Zufall
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Angesichts all der Dinge, die sich an ein und demselben Tag ereignet haben, zeigt sich, daß ein Zufall nicht alleine kommt.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November
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Sicherlich ist es purer Zufall, daß ich jemals etwas von Sor Juana Inés de la Cruz gehört habe.
– David Markson: Wittgensteins Mätresse
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Sie ging, als hätte der Zufall, die warmen Miefwolken aus den Schächten der Untergrundbahn sie hierhergeweht.
– Undine Gruenter: Flucht in die Wälder
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Was ich einen Zufall oder eine Gelegenheit nenne, je nachdem, ist für Papa Teil eines komplizierten Systems.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Weiß ich, wann es Liebe ist
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Der Sternenhimmel als Architektur des Zufalls. Und vorne auf der Bühne, was findet dort statt? Doch nichts anderes als der abendliche Versuch, den Zufall in den Griff zu kriegen, indem eine Geschichte erzählt wird.
– Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff
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Aber aus einem jener Zufälle, die es eigentlich gar nicht gibt, beschäftigen sich alle Bücher mit dem, was ich gerade gesehen habe.
– Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt
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„Ist es Zufall, daß ich ausgerechnet diesen Artikel gelesen habe?“ fragt er und schaut auf das grüne Meer.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Hotel Silence
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Der Zufall führte diesem vertierten Menschen ganz plötzlich und unerwartet einen trefflichen Gegenstand für die Rache in den Weg, die vielleicht seit langem der einzige Traum und Inhalt seines elenden Lebens geworden war.
– Joachim Maass: Der Schnee von Nebraska
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Es war schwer zu erklären, aber er hatte ganz deutlich den Eindruck, daß er gerade aus reinem Zufall die letzte lohnenswerte Entdeckung in diesem Land gemacht hatte, daß er nichts halb so Spannendes mehr zu sehen bekommen würde, auch wenn er den Rest seines Lebens blieb.
– Callan Wink: Big Sky Country
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Hat ein schöner Zufall etwas zu bedeuten, abgesehen davon, daß er einem auffällt?
– Mirko Bonné: Alle ungezählten Sterne
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Du verstehst nicht, wie man sich über einen so dummen Zufall aufregen kann; weißt du, über einen Zufall reg’ ich mich auch nicht auf, aber zu viele Zufälle, was zuviel ist, ist einfach zuviel.
– Marlen Haushofer: I’ll be glad when you’re dead
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












