Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Kunst des Schimpfens – Nachhilfe von Tobias Roth & Wolfgang Hörner

Als das Schimpfen noch geholfen hat

Eine Lobpreisung von Alf Mayer, dazu als Textauszug „Sternstunden der schlechten Kritik für Richard Wagner“

Das nenne ich Kulturgeschichte. „Ihr Gauner, Ihr Schrumpfgermanen! Ihr Nullen, Ihr Geschmeiß, Ihr Schießbudenfiguren!“ Vier namenlose Personen sprechen von der Bühne aus direkt ins Publikum und beschimpfen es. Und so heißt auch das Stück. Viele der Schimpfwörter beziehen sich auf die NS-Zeit, es ist eine Abrechnung der Nachkriegsgeneration mit den alten Nazis. Autor Peter Handke, 24, versichert, nur Worte zu verwenden, die auch das Publikum im Munde führt: „Ihr vaterlandlosen Gesellen!“, „Ihr Asozialen! Ihr Ohrfeigengesichter! Ihr Menschendarsteller!“, „Ihr Rotzlecker! Ihr Antidemokraten!“, „Ihr Schlächter! Ihr Massenmenschen!“ und „Genickschussspezialisten!“

8. Juni 1966, Theater am Turm (TAT), Frankfurt, im Rahmen der Avantgarde-Woche „Experimenta I“. Der Regisseur heißt Claus Peymann und ist 29. Sechs Jahre später will Klaus Kinski bei einer Lesung nur über Jesus reden, als sich ein Mann zu Wort meldet, reagiert er mit: „Du dumme Sau!“ – Nun ja, heute ist „Handke-Leser!“ als Schimpfwort längst etabliert. In den USA gibt es einen niveaulos pöbelnden Präsidenten ohne jede Schamschwelle, die ach so sozialen Medien ertrinken in Häme und Gift und Galle. Eine mehr als zwanzig Jahre alte legendäre Vier-Minuten-Szene in der Crime-Serie „The Wire“ (2002-2008, hier Staffel 1, Folge 4) wirkt da wie eine literarische Glanzleistung: Zwei Polizisten namens Jimmy McNulty and Bunk Moreland betreten darin einen alten Tatort, nehmen ihn auseinander, sagen dabei nichts anders als: „fuck“, „fuck, fuck“, „fuck, fuck, fuck“, „fuckity-fuck“ oder „Motherfucker“, vier Minuten lang … Großartig!

Schimpfen ist eine Kulturtechnik, eine notwendige und sinnvolle dazu. Und überhaupt keine niedrige. Das macht ein jetzt erschienenes kulturell besonders wertvolles Buch klar, das in keinem Haushalt fehlen sollte. „Die hohe Kunst des Schimpfens. Zum verantwortungsvollen Gebrauch eingesammelt und ausgegeben von Tobias Roth und Wolfgang Hörner“ ist ein weiteres Glanzstück des Verlags Das kulturelle Gedächtnis. Angenehm haptisch in der Hand, lesefreundlich und witzig gestaltet (von 2xGoldstein), und das Werk zweier versierter und kreativer Autoren. Wolfgang Hörner war Verlagsleiter bei Eichborn Berlin, bevor er 2009 zusammen mit Ester Kormann den Galiani Verlag gründete. Tobias Roth sind Sie bei uns im CulturMag schon öfter begegnet:

»Das ist schon eine Glorie für sich«. Ein Interview von Alf Mayer zur Renaissance-Reihe »Italienische Kulturstädte« von Tobias Roth
Welt der Renaissance“ – ein Interview und etliche Geschmacksproben: Eine Reise mit 68 Personen und Hunderten von wundersamen Texten
Es röten sich die Sägeblätter. Alf Mayer zum Langgedicht »Kreuzfällen« von Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer

Bücher über Schimpfworte gibt es einige, aber so kulturell wertvoll und kurzweilig hat noch keines seine Schätze aufbereitet. Und noch ein schöner Effekt: Es feiert die Kraft und Schönheit der Worte, die Lust an der Sprache. (Warum werden solche Bücher nicht Pflicht im Deutschunterricht?)

„Die hohe Kunst des Schimpfens“ versammelt ein buntes Sammelsurium der virtuosesten, eigenartigsten, heftigsten und lustigsten Beschimpfungen, Flüche und Stoßgebete. Auf der Suche nach Material haben sich Hörner & Roth vornehmlich unter den begabtesten Beleidigern der deutschsprachigen Literatur umgeschaut, in spezialisierten Wörterbüchern, in vielversprechenden Druckwerken und natürlich in den herrlich reichen Regionen deutscher Dialekte, bisweilen aber auch im Ausland. Sie sind auf ein Schlaraffenland von Sprachlust, Reichtum und Phantasie gestoßen.

Aus Sicht der Herausgeber des Bandes ist es deplorabel, dass laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov für das Jahr 2023 »Idiot« mit 15% die am häufigsten verwendete Beschimpfung im Straßenverkehr gewesen sein soll, gefolgt von »Arschloch« (mit 11%) und »Penner« (mit 6%). Sie finden es bedauerlich, dass bei den immer gleichen Wörtern, Flüchen, Stoßgebeten Zuflucht gesucht wird und kommentieren: „Hier ist noch viel Luft nach oben, hier wollen wir für Auflockerung und Variation sorgen. Denn da bekanntlich die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt bedeuten, so ist ein Zuwachs im groben Lexikon nicht nur eine Erweiterung und Verschönerung der Schimpfwelt, sondern der Welt schlechthin“. Je mehr Schimpfwörter man habe, desto mehr Erkenntnisse. So verstehe man doch bitte, Schiller zitierend, ihr Buch „mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele“.

Wenn schon Schimpfen, dann doch lieber mit Grandezza – schließt das Vorwort. Recht ham’s, die Saubazis. Das Buch profitiert vom breiten Horizont seiner Herausgeber, auch die Herkunft hilft dazu – Tobias Roth aus der der Grantl-Metropole München, Wolfgang Hörner aus der UNESCO-Schimpfregion Hohenlohe. Was sie gemeinsam zusammengetragen, aufgespürt, teil neu übersetzt und kurzweilig arrangiert haben, ist eine Andere Bibliothek der eigenen, ja subversiven Art. Vieles darin gegen den Strich gebürstet und vom Staube befreit, der Verlagsname Das Kulturelle Gedächtnis explizites Programm.

Renaissance-Kenner Tobias Roth hat oben drauf einige besondere Leckerbissen parat: Giovanni Boccaccio  etwa, Leonardo Bruni mit Schimpferei über enttäuschte Liebe in Arezzo, Giovanni Pontano gegen den Käse des Herzogs, Angelo Poliziano gegen Mabilio aus Novate, Michele Marullo gegen Angelo aus Montepulciano oder Niccolò Machiavelli mit „Auch über Tote nur Schlechtes“. Der Humanist Erasmus von Rotterdam kann bei all dem locker mithalten, ebenso George Gordon Byron.

Weiter treffen wir beim Schimpfen: Archilochos, Catull, Ernulphus, Ovid, Geoffrey Chaucer, Shakespeare, Johann Fischart, Johann Beer, François Villon, Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Gottfried Seume, August Wilhelm Schlegel, Friedrich Christian Laukhard, Laurence Sterne, Friedrich der große, Arthur Schopenhauer natürlich, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky, Thomas Bernhard natürlich, H. C. Artmann, Rudolf Borchardt, Robert Walser und Ludwig Thoma bringt uns bei, wie man im Jenseits schimpft. Und ihr Brunzzenseggl, natürlich ist das keine vollständige Aufzählung, soll’s auch gar nicht sein. Gefreut habe ich mich auch über das Haiku von Daniel Bayerstorfer (der hat mit Tobias Roth jüngst die Monumentaltirade, äh, Landgedicht „Kreuzfällen“ vorgelegt, auch eine sakrische Mordsgaudi).

Schön auch, dass an die Schimpfworte ganzer Berufsstände erinnert wird oder die Sprachmacht diverser Dialekte, dazu Balina Jeschimpfe, alles über Karl Kraus, die Brüder Grimm und Luther. Die altrömischen Theatermasken, die das Cover des Buches zieren, stammen aus der Abhandlung „De larvis scenicis etfiguris comicis antiquorum Romanorum“ von Francesco de’ Ficoroni, deren lateinische Fassung 1754 posthum in Rom herauskam. Die D-Initale mit dem nackten Arsch stammt (ausgerechnet) aus einer Ausgabe der „Catonis disticha moralia“, herausgegeben und kommentiert von Erasmus von Rotterdam, gedruckt von Johann Knobloch zu Straßburg 1523.

So gehet hin und bildet euch, ihr Pfeifadeggl (Seite 182).

Die hohe Kunst des Schimpfens. Zum verantwortungsvollen Gebrauch eingesammelt und ausgegeben von Tobias Roth und Wolfgang Hörner. Graphisch in Szene gesetzt von 2xGoldstein. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2026. Format 14×21,5 cm, gebunden, zweifarbiger Druck, mit Kopffarbschnitt und Prägung. 224 Seiten, 28 Euro.

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Und nun als Textauszug mit freundlicher Genehmigung von Herausgebern und Verlag:

Karikatur der Musik von Wagner – von Honoré Daumier

Sternstunden der schlechten Kritik für Richard Wagner

Seit Beethovens Zeit eignet der Musikkritik eine ganz besondere Brutalität. Es ist, als ob die besondere Magie und Gewalt der Musik, in der sich, wie Schopenhauer in der Welt als Wille und Vorstellung ausführt, das »besonnene Leben und Streben des Menschen« erkennen lässt, nicht nur zu Verzückung und Genuss führt, sondern auch zu einem intensiven Aufwallen von Galle und Gehässigkeit. Der russisch-amerikanische Musikwissenschaftler Nicolas Slonimsky (1894–1995) hat ein ganzes Lexicon of Musical Invective zusammengestellt, das nicht nur durch seinen Umfang beeindruckt. Dergleichen Sammelimpulse gab es bereits zuvor. So suchte Wilhelm Tappert (1830–1907) eine große Menge von frappierend schlechten Kritiken zu musikalischen, aber auch literarischen Werken Richard Wagners zusammen. Erklärtes Ziel war es dabei, die Ehre des Meisters zu retten; mit etwas historischer Distanz wird man sagen können, dass das nach hinten losgegangen ist. Zuerst 1876, dann erweitert 1903 erschien Tapperts Wörterbuch der Unhöflichkeit, enthaltend grobe, höhnende, gehässige und verleumderische Ausdrücke gegen Richard Wagner, das er wie folgt einleitete:

Großgünstiger Leser! Wenn die Gemüter erhitzt sind, da spinnen die Zungen keine Seide; Du mußt also manch groben Faden, manch unflätig Zeug ruhig hinnehmen, sintemal ich ja nicht ein Sterbenswörtchen erfunden, sondern Vorhandenes nur getreulich gesammelt und stets einer unverfälschten Wiedergabe mit befleißigt habe. (…) Ja, die Zeit wird schuld sein, in der Luft wird es liegen, gleich einem Miasma der Grobheit, wie käme es sonst, daß wir überall die Unsitte als Hauptwaffe verwendet finden im Kampf gegen den erhabenen Meister Richard Wagner? Der blinde Haß, mit welchem der grünschnäblige Miesnick-Quartaner wie der ehrengraue Professor ins Feld rücken, will kaum eines der Gesetze anerkennen, welche sonst unter gebildeten Leuten zu Recht bestehen. Die rückständigsten Formen der Pöbelhaftigkeit, die impertinentesten Bêtisen der Unwissenheit werden mit Behagen gepflegt und verwendet. Wäre begeifern so viel wie widerlegen, und schimpfen gleichbedeutend mit beweisen: dann allerdings hätte Wagner seine künstlerische Existenz schon seit langer Zeit verwirkt. Soviel als Vorwort, und nun zur Sache!

So haben denn die olympischen Festkrämpfe endlich stattgefunden. Alles war wahnsinnig: der Text, die Musik, die Wagnerianer und die Eintrittspreise. (D. Spitzer, Über die Aufführung der Walküre in Wien, März 1877)

Solche Naturlaute läßt man sich wohl von einem der Vivisektion unterzogenen Hunde gefallen, als Äußerungen künstlerischen Wollens sind sie einfach lächerlich. (J. Schrattenholz, 1882)

Die zwei ersten Szenen des zweiten Aktes (Walküre) gehören zu den härtesten Zumutungen, die je einem Theaterpublikum gestellt wurden. Wie ein Bandwurm hängen sie an den Nerven unseres Gehirns, mit jedem Takt uns neuer Not preisgebend. (H. M. Schletterer, Richard Wagners Bühnenfestspiel, 1876)

Gährende und zischen Quallenmusik. (H. Truhn, Theaterdiener, 1870)

Ein Meer von ohrenzerfleischender Quallenmusik. (H. Truhn, Sporn, 1870)

Wenn Musik stinken könnte, so würde man sich bei dieser Ecorcherie in Noten die Nase zuhalten müssen. (H. Truhn, Berliner Montagszeitung, 1870)

Wagners Unglück ist, daß er sich nicht nur für den Dalei Lama selbst hält, sondern auch für Dalei Lamas Oberpriester in einer Person, und daher jedes seiner Exkremente für den Ausfluß seiner göttlichen Eingebung. (H. Dorn, 1865)

Die sogenannte Zukunftsmusik mit ihren Effekten, wie sie Kasserollengerassel und zusammenstürzendes Porzellan hervorbringt. (Le Figaro, 1869)

Charlatans von Kunstlehre und barocken Theorien, eitle und vernebelte Deklamatoren, aufgeblasene, ruhmredige, unverschämte, lächerliche Gecken, eingebildete Pathosmache, Verkäufer von unverstandenen und unverständlichen Noten, Wolken- und Dunstsammler, langweilig wie Nebel- und Regenwetter, hohle Träumer, ästhetische Dummmacher, impotente Utopisten, exzentrische Ungeheuer, Lästerer, Ohrenschinder! (Le Constitutionnel, 27. Februar 1860)

Wer bayreuthet so spät durch Nacht und Wind? – Nein! von einer Opernreblaus (phylloxera vagnatrix) ist uns nichts bekannt geworden und ebensowenig, daß dieselbe bereits seit einigen Tagen hierorts unter den Linden starke Verwüstungen anrichtet. (Berliner Montagszeitung, 14. Februar 1874)

Richard Wagners »Götterdämmerung« wurde gestern in Wien zum erstenmal gegeben. Obgleich die Oper stark und also angenehm gekürzt war, dauerte die Aufführung doch gegen fünf Stunden. Nach dieser musikalischen Räderung wird man heute keinen eingehenden Bericht von uns erwarten. (L. Speidel, Wiener Fremdenblatt, 15. Februar 1879)

In diesem »Siegfried« wird das akademische und militärische Rülpentum gewisser Junker verherrlicht, welche die Köche und Hausknechte totstechen und den Wirten Braten und Biergläser an den Kopf werfen. (Würzburger Stechäpfel, 1876)

Nichts von alledem in der Teufelslärmmusik dieses eisenstirnigen, mit Blech und Holz ausgefütterten, von Mephistopheles mit den mephitisch giftigsten Höllendünsten einer zerstörerisch tollen Selbstsucht zum Faust, als Beelzebubs Hofkomponisten und Generaldirektor der Höllenmusik, aufgeblasenen Wagner. Nur ein solcher Höllendampf pustender, pedantisch-hölzerner Wagner konnte »Die Meistersinger von Nürnberg« komponiert haben. (J. L. Klein, Geschichte des Dramas, 1876)

Heiliger Paffnuzius, dazu gehören aber Nerven von Schiffstauendicke! Welch ein Zischen, Krachen, Blöken, Klatschen und Heulen brodelt uns hier entgegen, ein Hagel von Spitzkugeln usw. Wir werden gespießt, skalpiert und in Petroleum gebraten. (Echo, 1877)

Wagners kunstphilosophische und politische Aufsätze verweise ich in das Gebiet, wo Schwabbelhänschen König ist. (H. Dorn, Aus meinem Leben, 1865)

Nach dem Erscheinen der vorliegenden Schrift erwarten wir mit Bestimmtheit, binnen kurzem zu vernehmen, daß der berüchtigte Autor derselben in ein Irrenhaus gesperrt sei, eine Vermutung, die dem christlichen, aber vielleicht stark »verjüdeten« Unterzeichneten bereits beim Durchlesen von Wagner letzten »Operndichtungen« aufgestoßen ist. (H. Dorn, Berliner Fremdenblatt, 1869)

Doch es wäre abgeschmackt, solchen Quark mit irgendeinem bekannten literarischen Muster zu vergleichen. (Allgemeine Musikalische Zeitung, 1877)

Seine Majestät Wagner I. haben soeben einen renitenten Bühnenminister zu 6 Monaten schwerem Rheingold verurteilt. Der Unglückliche soll sich aus Furcht vor der schrecklichen Strafe das Leben genommen haben. (Berliner Montagszeitung, 6. September 1869)

Die Generalintendanz der königlichen Schauspieler erläßt folgende Bekanntmachung: Niemand ist verpflichtet, die Meistersinger zweimal zu hören, da die Todesstrafe abgeschafft ist. (Berliner Montagszeitung, 4. April 1870)

Ein Verbrecher, dem mildernde Umstände nicht zur Seite standen, wurde zu dreimal Meistersinger verurteilt. (Berliner Montagszeitung, 11. April 1869)

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