Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Hartmut Andryczuk: Adieu für Timm Ulrichs und Georg Baselitz

Jahrhundertkünstler?

Notiz zum Tod von Timm Ulrichs und Georg Baselitz

Kurioserweise versuchte ich 1980 als junger Künstler, der für zwei Monate als Gärtner bei den Wasserwerken arbeitete, mit beiden Kontakt aufzunehmen. Das war in Hannover und ich wollte bekannte Künstler treffen und ihnen meine Polaroidverfremdungen zeigen. Die SX-70 war eine tolle Kamera, die sich ganz zusammenfalten ließ und mit einem tragbaren Gurt zu einem sehr schönen visuelles Notizbuch wurde. Man machte ein Foto und hatte dann zwei Minuten Zeit, das sich entwickelte Bild mit Feuer, heissem Wasser, einem Stein oder Stift zu bearbeiten. Heraus kamen Miniaturgemälde, mal besser mal schlechter.

Als erstes rief ich Georg Baselitz an, der damals in Derneburg ein Schloss besaß. Zu meiner Überraschung war er sehr freundlich und vielleicht auch interessiert, meinte aber, dass er eine Ausstellung vorbereiten müsse und leider keine Zeit hätte. Der nächste war Timm Ulrichs. Der wohnte ja in Hannover und meinte, ich solle doch gleich vorbeikommen. Das fand ich toll, unvoreingenommen und offen. Also besuchte ich ihn in direkt in seinem Atelier. Großes Treppenhaus, Stahltüren, Fabrikgebäude. Timm Ulrichs in schwarz, unprätentiös, begann aber bald über seine Arbeit zu reden. Augenlidtätowierung, die Zeitungsannonce als Kunst, anderes.

Okay, ganz originell, aber nicht sehr beeindruckend für mich. In der Etage standen überall Büchertürme und er schritt sofort ein, als ich ein Buch von einem Turm nahm. „Nichts berühren! Das hat alles eine spezielle Ordnung“. Ja, das verstand ich. Legt man das Buch auf einem anderen Turm, findet  man es erstmal nicht mehr wieder. Er schaute sich meine Polaroids an und meinte: „Ein paar von denen finde ich richtig gut, aber ist das nicht so als würde man einen Affen eine Kamera geben. Ein paar von seinen Fotos wären vermutlich auch sehr gut.“ Da hatte er sicher recht. Affenkunst muss ja auch nicht schlechter als Menschenkunst sein.

Und er erzählte noch davon, dass er bis 3 Uhr in der Frühe den Fotoband eines französischen Fotografen aus den 1920er Jahren angeschaut hätte. Der schien ihn zu faszinieren. Den Namen habe ich vergessen. In der Zwischenzeit ist mir Timm Ulrichs immer mal wieder in Künstlerbüchern, Künstlerzeitschriften oder Aktionen begegnet, an denen ich teilgenommen habe oder über die ich informiert wurde.

Aktionen waren immer etwas mit Tätowierkunst – im Kunsttempel in Kassel – Anfang des Jahrtausends, wo man eine Tätowierung von ihm gewinnen konnte. Ich fand das eher öde. Seine offene Art schätzte ich. Seine Kunst hat mich bis heute nicht beeindruckt. „Denken Sie daran, mich zu vergessen“. Ja, klar: „Denken Sie nicht an die Farbe Rot.“ Im Grunde heisst es ja: „Bitte vergessen Sie mich nicht.“

Zu Baselitz kann ich eigentlich wenig sagen. Er hatte ein oder zwei Konzepte, die ihn berühmt und reich machten. Ich weiß gar nicht mal, ob ich seine Gemälde gut oder schlecht finde. Wahrscheinlich: Weder/Noch. Als Vermögensverwalter seiner Kunst war er sicher sehr gut.

Hartmut Robert Andryczuk, Künstler und Verleger. Gründer Hybriden Verlag. Nächste Stationen dort: Künstlereditionen mit Michaela Melián; Saber Sadipour – Heutzutage gehört ein Sarg zur Grundausstattung jedes Hauses (herausgegeben von Anna Hoffmann; Michael Lentz – SCHOENBERG, HÖRSTÜCK)

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