Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (39) – Taschentuch, Eier, Punkt
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Taschentuch
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Es stank unerträglich, und ich ging schweißüberströmt, ein Taschentuch an die Nase gepreßt, durch die Stadt.
– Ryszard Kapuscinski: Eine Stadt wird zugemacht
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Man sieht den Vater seit der Kindheit, wie er nach dem sich-Schneuzen kontrollierend in sein Stofftaschentuch schaut.
– Michael Maar: Fliegenpapier
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[…] wenn wir uns mit einem Taschentuch abreiben, sehen wir hinterher anders aus oder, besser gesagt, braucht es eine Weile, bis wir wieder wir selber sind […]
– António Lobo Antunes: Die letzte Tür vor der Nacht
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Er hatte sein zusammengerolltes Taschentuch auf die Wunde gelegt und stellte fest, daß sie nicht mehr blutete.
– Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette
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Er soll ihr sein Taschentuch gereicht, das Zimmer verlassen und draußen seiner Sekretärin empfohlen haben, die Feuerwehr zu rufen.
– Wolf Wondratschek: Giotto
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Die Dame neben Jim nahm ein Taschentuch aus ihrer weißen Leinentasche, und als sie sich den Schweiß von der Oberlippe wischte, fing er einen zarten Duft auf, der ihn an die gelbhaarige Dame aus Missouri erinnerte, und er sagte: „Ich möchte einen Brief schreiben, sobald ich da bin.“
– Jean Stafford: Ein Sommertag
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Das Taschentuch hielt er zusammengefaltet an sein Gesicht gepreßt – eher als Schleier, um seine Scham zu bedecken, denn um das Blut zu stillen.
– A. F. Th. van der Heijden: Fallende Eltern
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Er steckte ein Papiertaschentuch in sein Nasenloch und ließ es dort hängen, wobei er eine Miene müder Nachsicht aufsetzte.
– Don DeLillo: Spieler
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Sie zeigte auf die Blutstropfen auf dem Bürgersteig, holte dann ein Taschentuch aus ihrer Tasche und wischte sein Gesicht ab.
– Hugo Hamilton: Echos der Vergangenheit
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Auf dem Tisch fand sie eine Packung Taschentücher, faltete eines auf und spuckte hinein. Sie betrachtete den Fleck eingehend, drehte das Taschentuch hin und her, dann knüllte sie es zusammen und warf es mir in den Schoß.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen
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Er begann zu weinen und sich das Gesicht mit einem Taschentuch abzuwischen, Baran sah, daß es ein dunkelkariertes Taschentuch war, es hatte Bügelfalten. Ein Taschentuch mit Bügelfalten, dachte er, bist du verrückt, daß du das jetzt siehst?
– Angelika Overath: Unschärfen der Liebe
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Spielwort: Eier
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Hier ist es aber gemütlich, sagte er, als hätte das Ei den Ausschlag für ein endgültiges Urteil über das Haus meines Vaters gegeben.
– Caroline Albertine Minor: Villages de France
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Er war auf die Eier einer bedauernswerten Lumme fixiert, die in den Kalksteinfelsen nistete, und er bezahlte jemanden dafür, Jahr für Jahr die Eier aus ihrem Nest zu holen.
– Annie Proulx: Moorland
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Mehrmals hatte er sich fürs Frühstück ein Ei in die Pfanne geschlagen, nur um zu sehen, daß der Dotter eine wäßrige, blutige Masse war.
– Calan Wink: Big Sky Country
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Obgleich frische Eier Aspirin enthalten, // haben die Hähne Kopfschmerzen, // treten aber trotzdem.
– Günter Grass: Allein
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„Seltsam, daß ich in meinem eigenen Haus keine Eier essen kann. Hier aber esse ich sie.“
– Jane Bowles, Brief an Natasha von Hoershelman und Katherine Hamill, Juni 1954
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(Wie er erzählte, hatten sie für das arme Monstrum ein paar Eier gekocht, aber während sie das taten, entfloh die Seejungfrau; und er wußte noch ganz genau: als die Fischer von ihrer erfolglosen Suche zurückkamen, war das ganze Eierwasser im Topf verkocht).
– Malcolm Lowry: Pompeji heute
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Egal, jedenfalls sagte ihre Mutter: „Stell dir dein Herz wie ein Ei vor. Du weißt, was passiert, wenn du ein Ei fallenläßt?“
– Claire Fuller: Jeanie und Julius
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Bald langweilte sie sich, nahm ein Ei und warf es aus dem Fenster.
– Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten
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„Ich habe nach unten gelangt und ihn an den Eiern gepackt und gesagt: Cäsar, du bist auch nur ein Mann…“
– Gwendoline Riley: Cold Water
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Wenn man versucht, sich jemanden, der fünfundvierzig Jahre lang professionell Leute umgebracht hat, beim Hähnchenbraten oder beim Reinigen von Anzügen vorzustellen, ist das so, als würde man sich einen alten Wolf vorstellen, der plötzlich Eier ausbrütet.
– Gu Byeong-Mo: Frau mit Messer
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Es spielt keine Rolle, daß der runde weiße Gegenstand kein Ei, sondern ein Tischtennisball ist.
– Lydia Davis: Ei
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Spielwort: Punkt
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Wenn wir uns dem Punkt nähern, überzeugen wir uns, daß das, was ein menschliches Wesen zu sein schien, nichts weiter als ein Hündchen, ein Photoapparat oder ein Fahrrad ist.
– Vizconde de Lascano Tegui: Von der Anmut im Schlafe
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Er war hingerissen von seiner raffinierten Formulierung und streute, um seinen Punkt zu unterstreichen, etwas Salz auf Stephanies Omelett.
– Hilary Leichter: Luftschlösser
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Sie wünschte sich, daß ihr Leben bereits an dem Punkt wäre, den sie in der Werbung immer zeigten: ein glückliche Paar, das vor Freude in die Luft sprang.
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin
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Ihr Hirn war ein Labyrinth, in dem die unvorhersehbarsten Umwege immer zurückführten an den gleichen Punkt.
– Julien Green: Treibgut
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Ich weiß auch, daß, wenn wir selbst leben wollen, irgendwann der Punkt kommt, an dem wir die Toten auslöschen müssen, sie gehen lassen, sie tot sein lassen müssen.
– Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens
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Sie sagte, sie habe mittlerweile gelernt, daß es den Punkt nicht geben wird, an dem sie darüber hinweg ist.
– Maria Tumarkin: Die Zeit heilt alle Wunden
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Will sie einen Punkt machen hinter die Vergangenheit, muß sie dem Kreis sein Kreissein lassen und die Endpunkte dort setzen, wo sie selbst sie setzen will.
– Marica Bodrozic: Herzflorett
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An diesen Punkt zu kommen, an dem sie dem Tier so über die Stirn streicheln darf, hat wirklich lange gedauert, denkt sie.
– Kim Hye-Jin: Ein menschlicher Fehler
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An einem bestimmten Punkt, so scheint es, muß man aufhören, sich zu bemühen und aufhören zu versuchen, das zu schützen, was ein anderer gewillt ist zu zerstören.
– Amy Hempel: Wolkenland
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„Mir kommt es so vor, als ob Väter einfach irgendwann einen Punkt erreichen, an dem sie an rein gar nichts mehr glauben können, was sie sich nicht selbst ausgedacht haben.“
– Etgar Keret: Julia
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In Wahrheit hatte ihr Mann das letzte Wort, denn er schrieb Wörter auf und machte am Ende einen Punkt dahinter.
– Deborah Levy: Heim Schwimmen
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












