Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum sechsundvierzigsten Mal.
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Spielwort: Mund
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Schriftsteller stecken gern Stücke von weißmehligen Wecken in den Mund.
– Robert Walser an Frieda Mermel am 12. 4. 1919
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Doras Mund klappte auf, allerdings kamen keine Wörter heraus.
Juli Zeh: Über Menschen
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Der Mund wird bitter und schmal, ein Gedankenstrich zwischen zwei schlimmen Ereignissen, die ohne Grund eng beieinander liegen.
– Clemens J. Setz: Die Frequenzen
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Doch das Mädchen sieht ihn von der Seite an, und die Tränen steigen ihr in die Augen, weil der Mund, den sie liebte, für sie zerstört ist.
– Tove Ditlevsen: Seine Mutter
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Ich beobachtete erstaunt, wie sie aufstand, um eine Schachten Zigaretten zu holen, und mit der Kippe im Mund eine ganz andere Person wurde.
– Maylis de Kerangel: Kanus
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Ich holte einmal tief Luft und wollte gerade aufstehen, als er den Mund aufmachte und fragte: „Was nehmen Sie?“
– Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht
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Sein Mund war plötzlich voller Sprachen, die er wie ein verrückter General mit einem einzigen Wort zu beherrschen versuchte.
– Tatiana Tibuleac: Der Garten aus Glas
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Pollak vergaß für einen Moment, was er mit dem Traubenkern, der noch immer vorn an seinem kleinen Finger klebte, nun eigentlich hatte tun wollen, und steckte ihn der Einfachheit halber zurück in den Mund.
– Wolf Wondratschek: Auf dem Graben
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Zwischendurch überprüften wir heimlich, ob unsere Küsse noch auf dem Mund des anderen zu sehen waren.
– Yaap Robben: Kontur eines Lebens
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Mike zupfte ein helloranges Seidentaschentuch aus der Hosentasche und wischte sich den Mund ab, was die Speichelperle verschwinden ließ, er mußte sie gespürt haben.
– Richard Ford: Valentinstag
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[…] der MUND läßt Mich allein wenn ER MEIN Leben erzählt.
– Herta Müller: Der Beamte sagte
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Spielwort: Leiche
Elf Zitate zusamengelesen von Ingrid Mylo
Am Nebentisch textete ein Typ seinen Partner zu, es ging um irgendein Land, das riesige fleischfressende Schnappschildkröten importierte, um die Leichen loszuwerden, die in einem heiligen Fluß trieben.
– Patti Smith: Im Jahr des Affen
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Wie leicht hätte sie, wenn sie weitergeschwommen wäre, die durch die Strömung auf sie zutreibende Leiche mit den Füßen berühren können.
– Daphne Du Maurier: Der kleine Fotograf
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Leichen sind nicht beleidigt, demnach ist es besser, jemanden mit Schlamm zu bewerfen, der nicht lebt, als den, der noch eine Chance auf eine Verbesserung hat.
– Filip Zawada: Mein Großvater hatte einen Vogel (Ostragehege 109)
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Sollte der dahinrasende Autofahrer dich im fatalen Moment erwischen – sagen wir, mitten zwischen den monatlichen Beichten –, konnte deine vertrocknete Seele einem toten Ast gleich aus deiner Leiche brechen.
– Hilary Mantel: Rund ist die Schönheit
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Denn die Alten sind immer sauber, wollte sie, in ihrem Traum, der Öffentlichkeit erklären, die ihre Leichen finden würde.
– Fleur Jaeggy: Die eitle Greisin
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Die Leiche auf dem Waldboden, die gebrochenen Knochen in ihr wie Scherben eines Tellers, den ein achtloser Ellbogen vom Tisch gefegt hat.
– Benjamin Percy: Geflüster
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Die obduzierten Leichen hingegen sind trocken, wie ausgedörrt, sie haben eine Art Reißverschluß längs des Bauches und sind mit Sägemehl gefüllt.
– Antonio Tabucchi: der Rand des Horizonts
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Wie konnte es sein, daß bei so vielen Zikaden, die ein derart kurzes Leben hatten, der Boden nicht mit ihren Leichen bedeckt war?
– Hiroko Oyamada: Das Loch
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Da ich an die zwanzig Leichen in den Gittern der Mühle entdeckt hatte, erkannte die ganze Bevölkerung von Bougival in mir einen ihrer auserwählten Helden.
– Vizconde de Lascano Tegui: Von der Anmut im Schlafe
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„Es ist eine Lerche“, sagt Basia, und Anja, die nicht gut Deutsch konnte, verstand „Leiche“. Im ersten Moment erschien es ihr plausibel.
– Fleur Jaeggy: Namen
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Am Ende war eine Leiche, die am Fensterkreuz an einem Seil in der Luft hing, lächerlich, nicht wahr?
– Wolf Wondratschek: Auf dem Graben
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Spielwort: Rosen
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Es kommt nicht oft vor, daß die Sonne scheint und zugleich alle Rosen blühen.
– Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel
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Allerdings habe ich selbst einmal, als ich irgendwo eine Rose abpflückte, die unangenehme Erfahrung gemacht, vom Gartenbesitzer dabei erwischt worden zu sein. Der Gartenbesitzer war ein auch in der Öffentlichkeit bekannter Philosoph, doch darüber, daß eine seiner Rosen gestohlen worden war, regte er sich schrecklich auf.
– Jung Young Moon: Vaseline-Buddha
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Lenin wirkte frisch wie eine Rose, was, wie sie betonten, „eine wissenschaftliche Leistung von weltweiter Bedeutung ist, die in der Geschichte nicht ihresgleichen hat“.
– Olivier Rolin: Der Meteorologe
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Ich sehe die Rose fallen, und da bemerke ich, daß meine Hand an der Rose festhängt …
– Kjersti A. Skomsvold: 33
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Wir werden von Rosen geführt, dem Duft einer Seite.
– Patti Smith: M Train
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Gelbe Rosen, die eher Freundschaft als Eros versinnbildlichen, waren angesichts der komplexen Potenziale des Abends in seinen Augen das Richtige.
– Donald Antrim: Noch ein Manhattan
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Ich wußte, daß er vor allem deshalb gekommen war, um zu sehen, wie ihr die Rosen gefielen.
– Lucia Berlin: Eine Liebesaffäre
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Sie wollte, daß er sofort verschwand, doch er würde bleiben, lächelnd, zufrieden, daß er ein Dutzend Rosen mitgebracht hatte, deren geneigte Köpfe das blasse, müde Gesicht seiner Tochter noch zu betonen schienen.
– Richard Yates: Cold Spring Harbor
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Sie biß sich auf die Lippen und unterdrückte das Verlangen, den Rosen den Kopf abzubeißen.
– Viet Thanh Nguyen: I’d love you to want me
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Mir taten auch die Rosen leid, als wären es keine Blumen sondern Menschen mit vor Kummer oder Scham hängenden Köpfen.
– Siri Hustvedt: Damals
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Falls Rosen zur Sprache kommen sollten – und welcher Gärtner bringt sie nicht gern aufs Tapet –, behaupten Sie einfach, Sie seien seit jeher nach dem Grundsatz verfahren: je weniger man darüber weiß, desto besser.
– Martha Grimes: Karneval der Toten
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












