Geschrieben am 1. September 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2025

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (43) – Anfang, Birnen, Stimme

3 x 11 Spielworte (43) – Anfang, Birnen, Stimme

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo.

Spielwort: Anfang

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Manchmal dachte er an den Anfang zurück, an den Fliegenschwarm, der sich wie ein schwarzer Schleier hinter dem Tresen erhoben hatte, an den Geruch der frisch geschliffenen Dielen und der Dämpfe, die ihm beim Streichen der Möbel die Sinne vernebelt hatten.
– Robert Seethaler: Das Café ohne Namen

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            Als ich noch in meinem Loft war, am Anfang, brachte ich mindestens dreißig tragbare Radios herein und stellte jedes einzelne auf eine andere Frequenz auf der Skala ein.
– David Markson: Wittgensteins Mätresse

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            Was sich am Anfang wie eine Trainingseinheit anfühlte, kommt ihm mit zunehmender Undurchdringlichkeit des Unterholzes beinahe wie eine Frage von Leben und Tod vor.
– Arne Dahl: Stummer Schrei

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            Bisher hatte keiner von uns etwas gesagt, ich wartete darauf, daß er den Anfang machte, ich wartete so lange, bis ich das Geräusch eines schlafenden Mannes hörte.
– Hilde Rød-Larsen: Diamantnächte

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            Jeder, der jemals jemanden verlassen hat – türenschlagend oder nahezu unbemerkt –, kann einen Moment ausmachen, in dem das Weggehen eigentlich schon seinen Anfang genommen hatte.
– Connie Palmen: Alte Hurenunterröcke

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            Andrerseits, die meisten Anfänge sind Legenden. Fast immer unbezeugt.
– Hilary Leichter: Luftschlösser

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            „Entspann dich“, sagte sie. „Es gibt nichts Falsches an einem langsamen, unbeholfenen Anfang.“
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte

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            Sie (kratzt mit einem Fingernagel über ein neues Teepäckchen): „ich kann den Anfang nicht finden.“
– Margriet de Moor: Die Verabredung

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            Ich weiß nicht mehr, wo es angefangen hat, ich weiß, ich habe nicht beim Anfang angefangen: geschrieben wurde sozusagen überall gleichzeitig.
– Clarice Lispector: Erinnerung an das Abfassen eines Romans, 2. Mai 1970

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            Das, was wir mit dem Anfang verwechseln, ist nur der Moment, in dem wir begreifen, daß die Dinge sich geändert haben.
– Fernanda Trías: Rosa Schleim

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            Finge ich jedoch am Anfang an, hätte ich zum Schluß ein leuchtendes heraldisches Rot.
– Ali Smith: Gefährten

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Spielwort: Birnen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Früher waren Birnen doch diese schlonzigen zuckersüßen Früchte mit wunderbarem Mandelaroma, die man beim besten Willen nicht essen konnte, ohne sich die Bluse einzusauen.
– Elisabeth Raether: Die Birne ist back, Zeitmagazin 46/2016

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            Ich kann den Menschen einen Ratschlag geben, wie man den Verzehr einer Birne in ein delikat-burleskes Spektakel verwandeln kann.
– Max Goldt: zur Herzverpflanzung fährt man nicht mit dem Bus

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            „Weißt du noch, daß wir auf manchen Birnen kleine Zahnabdrücke fanden?“
– Katherine Mansfield: Fliegen, tanzen, wirbeln, beben

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            Niemand ißt Birnen von holländischen Stilleben.
– Lars Gustafsson: Ältere Photographien

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            Meine Birne hatte Vogeleiertüpfeleien von einer Zartheit, wie ich sie nie zuvor auf einer Birne gesehen hatte, und selten auch auf einem Vogelei.
– Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer

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            Die Birne war leuchtend gelb, der Stengel steckte in ihr wie ein Schlüssel in einem Schloß, und wenn er die Frucht zur Nase hob, roch sie wunderbar wie der Nacken eines Fohlens.
– Clemens J. Setz: Die Frau

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            Der Vorsitzende Mao sagt: (…) Willst du den Geschmack einer Birne kennenlernen, mußt du sie verändern, das heißt, sie in deinem Mund zerkauen.
– Madeleine Thien: Sag nicht, wie hätten gar nichts

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            Wir löffelten indessen in der Küche butterweich gekochte Birnen mit vergorener Sahne, die nach
Erbrochenem schmeckte.
– Alain Claude Sulzer: Sommer auf dem Land in Domdidier

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            Die Klinge steckt zur Hälfte in einer dünnen Birnenscheibe: jemand hat das Messer plötzlich dort liegen gelassen, zur Hälfte in der Scheibe einer Birne, und ist seiner Wege gegangen.
– Tor Ulven: Das allgemein Menschliche

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            Du hast mir Birnen mitgebracht, denkt sie, aber jetzt gebe ich dir das Einzige, was ich im Überfluß habe: eine wahre Flut an Gräueln hatten wir hier.
– Jo Baker: Ein Ire in Paris

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            Als eine Birne am Ast eines Baumes erschien, mir vor die Füße fiel und mich stärkte.
– Patti Smith: M Train

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Spielwort: Stimme

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Immer, wenn ich den Mund aufmache, erhebt sich neben mir eine Stimme. Sie sagt laut und vernehmlich: Halt’s Maul.
– Ursula Krechel: Der Übergriff

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            Seitdem er im Zug vergeblich auf die Stimme seines Vaters gewartet und statt dessen Ursula gesehen hatte, war er aus dem Gleichgewicht geraten.
– Rónán Hession: Ghost Mountain

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            Wenn er mit hoher, fröhlicher Stimme hektisch daherplapperte, versprühte er Spucke auf dem Tresen.
– Gwendoline Riley: Cold Water

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            Es braucht bloß einer seine Stimme zu verstellen, schon halten sie’s für Ironie und klatschen in die Hände.
– Matthias Altenburg: Landschaft mit Wölfen

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            Es war, als hätte ich diese Stimme plötzlich aus einem Gully am Gehsteigrand heraussickern hören, einer von denen mit Gitter darüber (eine Gefangenenstimme?), oder aus einem Foto an der Wand, oder als hätte meine Stimme sich für immer im Wald verlaufen und würde nie wieder den Weg nach Hause finden.
– Tor Ulven: Grabbeigaben

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            Ich folgte der Stimme, die ich zufällig vernommen hatte, und sie führte mich zu einem ziemlich schmierigen blonden Knaben.
– Deborah Eisenberg: Rafes Mantel

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            Nach den ersten Cocktails wird bald eine erste Stimme erdröhnen, die ankündigt, der Toilette einen Besuch abzustatten.
– Max Goldt: Die Mitgeschleppten im Badezimmer

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            Einen Kuß, einen Kuß, ruft am lautesten die Mutter des Bräutigams, ihre Stimme wird zerreißen, aber sie wird die Niagarafälle überschreien.
– Georgie Gospodinov: Das Ritual

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            Was haben die Toten davon, daß ihre Stimmen jahrelang weiter auf der Erde kommunizieren, nachdem sie selbst verschwunden sind, wirklich verschwunden, also ausgelöscht?
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt

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            Ihre Stimmen schabten in meinem Innenohr wie Termiten, die Holz zernagten.
– Katie Kitamura: Die Probe

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            Die Stimme von draußen machte ihm die Nutzlosigkeit aller seiner Handlungen so endgültig klar, daß er unfähig war, sich zu rühren.
– Antje Rávic Strubel: Fremd Gehen

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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