Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (42) – Problem, Sommer, Gedicht

3 x 11 Spielworte (42) – Problem, Sommer, Gedicht

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Problem

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Mein ganzes Leben hatte ich Menschen erlebt, die es für eine Charakterfrage hielten, ein Problem allein zu entwirren.
– Amy Hempel: Wolkenland

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            Das Problem war, daß sie ihr Problem zugab und daß dieses Problem Alkohol war, die eine Sache, die jeder hier liebt.
– Louise Nealon: Snowflake

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            Man hat Vertrauenspersonen angestellt, um dem Problem Herr zu werden, das man früher „unerwünschte Intimitäten“ nannte.
– Anna Enquist: Die Seilspringerin

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            Das Problem war, daß die Säcke nicht durch die Klappe paßten, und so mußten sie die Sachen herausholen und zusehen, wie sie Stück für Stück hineinfielen.
– Caroline Albertine Minor: Vergiß Archie Pey

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            Ich lasse Ihnen ein paar Minuten, sagte die Schwester, beim geringsten Problem drücken sie da auf den Knopf, dann kommt sofort jemand.
– Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick

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            Dann sagte sie, sie habe in bestimmten Situationen Probleme mit den Speicheldrüsen und kann manchmal nicht anders, als den Mund zu öffnen und ihn wieder zu schließen.
– Lydia Davis: Vor der Duldung

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            Später hatte sie dann Probleme mit den Zähnen bekommen, und sie hatte John kennengelernt.
– Carys Davies: Ein klarer Tag

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            Sie hält sehr viel davon, alle Probleme zu lösen, bevor man sich an den Eßtisch setzt oder schlafen geht.
– Peter Cameron: Du wirst schon noch sehen, wozu es gut ist

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            Sie und Rafe waren mit den technischen Problemen beschäftigt, die man hat, wenn man einander mit Tacos füttert.
– Deborah Eisenberg: Rafes Mantel

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            Ich war das Problem des Beobachters zwar losgeworden, hatte dafür aber das viel schwierigere Problem des Bewußtseins aufgeworfen.
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte

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            Dann wollte er über eines der philosophischen Probleme nachdenken, die er in den Ruhestand mitgenommen hatte, und ihm fiel nicht nur nichts zu einem Problem, ihm fiel nicht einmal ein Problem ein.
– Bernhard Schlink: Der letzte Sommer

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Spielwort: Sommer

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Das Schwimmbad hatte offen weil es Sommer war. Es war Sommer weil es heiß war. Es war heiß weil es Sommer war. Eswar Sommer weil diese Kurzgeschichte im Sommer spielt.
– Gunter Falk: Der Pfau ist ein stolzes Tier

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            Es muß Sommer sein: man sieht, daß das Licht gleißend hell ist, und die Fotografierten tragen leichte Kleider.
– Antonio Tabucchi: Der Rand des Horizonts

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            Macario nutzte den Sommer, um seine Braut kennenzulernen.
– Amy Hempel: Die Schikane

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            Als er ihr vorschlug, den Sommer bei ihm zu verbringen, wußte sie schon, während sie „Das geht nicht“ sagte, daß sie es doch tun würde.
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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            Die Sommer in Sankt Petersburg und rundherum, die waren unvergleichlich, in Sankt Petersburg ist der Sommer erfunden worden, der Duft, die Düfte … weil der Sommer kurz ist, muß er sich sehr anstrengen.
– Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff

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            Niemand im Auto sang den Refrain mit, der versprach, daß der Sommer über eine Million Jahre andauern sollte.
– Grégoire Delacourt: Die wärmste aller Farben

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            Der Sommer erwartete mich, lang, unendlich; in Großmamas Garten küßte ich manchmal heimlich die Rosen in ihren weichen, duftenden Schoß.
– Marina Jarre: Weit entfernte Väter

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            Gern werden im Sommer zu den kurzen Schlabberhosen, aus denen Stachliges zum Vorschein kommt, auch Sandalen und weiße Socken getragen, ein hartnäckiger ästhetischer Fehlgriff, den man sich offensichtlich mit voller Absicht leistet, um die Umwelt zu belästigen.
– Klaus Bittermann: Der Taxifahrer. Eine empirische Studie

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            Den restlichen Sommer über erzählte sie den Nachbarn und allen anderen Bekannten, die zum Kaffee vorbeikamen, daß ich ein Mittagessen für meinen Opa gekocht hatte, als sie in der Stadt gewesen war.
– Karolina Ramqvist: Brot und Milch

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            Sommer war für sie eine lange Zeit nur eine Szenerie, etwas, um es aus dem Fenster zu betrachten.
– Kim Hye-Su: Ein menschlicher Fehler

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            „Mein Sommer war schön“, sagte sie. – „Meiner läuft auch okay“, sagte er.
– Calan Wink: Big Sky Country

……..

Spielwort: Gedicht

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            gedichte schreiben ist einfach wenn // du schlaglöcher setzt an die stelle von // wörtern
– Augusta Laar: probier mal das

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            Es sei eine Sache, sagte er, wenn ein großer Märtyrer in einem Nazi-Gefängnis Gedichte schrieb, aber er, Tyler Caskey, der einfach ein ganz normaler Durchschnittsmensch aus Shirley Falls, Maine, war, schreibe keine Gedichte.
– Elizabeth Stout: Bleib bei mir

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            Über die Lokalradios zählen Wetteransager // Unglücksfälle wie finstere Gedichte auf, // die immerzu ablaufen im Schädel des Winters.
– Mary Oliver: Jenseits des Frostgürtels

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            Nicht eines seiner Gedichte war auffindbar, auch nicht nach Obduktion des Schädels.
– Wolf Wondratschek: Auf dem Graben

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            Ungefähr zu jener für sie so schmerzlichen Stunde der Demütigung und Verlassenheit, muß ich mich an den Tisch gesetzt haben, um ein Gedicht zu schreiben.
– Connie Palmen: Du sagst es

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            Dreitausendsechshundertsiebenundachtzig Gedichte zählten die beiden für die persönlichen Statistiken des Kaisers zuständigen Chronisten in diesen Tagen.
– Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

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            Ich murmelte Gedichte // voller Pathos vor mich hin, // um einen Reim zu finden // auf die Welt, die unterm Schnee // die Haltung zu verlieren drohte.
– Michael Krüger: Bei Chur

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            Eins der Gedichte, sagte er, erzählt von einem jungen Mann, der noch mindestens ein halbes Jahrhundert zu leben hat, und er schreibt: Er lächelte angesichts der banalen Hoffnung.
Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick

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Aber daß wir über Gedichte gesprochen hatten, das bewirkte, daß mein Vater weiß im Gesicht wurde.
– Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff

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            „Vor allem fühle ich mich, wenn ich einen Rock trage, wie die Zeilen eines schönen Gedichts.“
– Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

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            Und Clemens darauf: Manchmal, wenn ich mich durchgestrichen habe, bleibt ein Gedicht übrig.
–  Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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