3 x 11 Spielworte (40) – Zunge, Schweigen, Tür
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Zunge
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Ich fragte, ob ich etwas für ihn tun könne, worauf er mir grinsend die Zunge herausstreckte, bemalt mit dem scheußlichsten Gelb, das ich je gesehen hatte.
– Roger Van der Velde: Knisternde Schädel
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Dasselbe Gefühl von Notwendigkeit, der Wunsch, ein zartes Gleichgewicht zu erhalten, brachte mich jetzt dazu, meine Zunge in ein fettiges Ohr zu stecken.
– Caroline Albertine Minor: Flügel des Lebens
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Leider verspritzte er daraufhin ein beißendes Sekret, das mir die Zunge verbrannte; ich mußte ihn wieder ausspucken, dieser Käfer ging mir also verloren, und der dritte auch noch.
– Charles Darwin in seiner Autobiographie, zitiert in: Annie Proulx, Moorland
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Die Alten sagen: // Die Zunge // ist das süßeste Fleisch.
– Mary Oliver: Gespenster
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„Und wer ist das?“ fragte Sam und zeigte auf den Kerl, dessen Zunge sie gerade noch im Hals gehabt hatte.
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin
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Ein Brei aus Spucke und Eierflip glänzte auf seiner Zunge. Ich kämpfte mit dem Impuls, ihm „Schluck es runter“ ins Ohr zu flüstern.
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte
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Auch wenn er diese Worte vermutlich niemals aussprechen würde, tat es gut, sie sich in seiner Einsamkeit auf der Zunge zergehen zu lassen.
– Håkan Nesser: Schach unter dem Vulkan
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Als ihre Zunge wieder etwas mehr Bewegungsfreiheit hatte, erklärte sie Mir, daß sie jetzt schlafen gehen müsse, da ihr Unterricht um neun Uhr morgens anfing.
– A. F. Th. van der Heijden: Engelsdreck
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Auf dem Papier behält sie in jedem Buch den ungestümen Übermut eines jungen Hundes, eines intelligenten, gemeinen Quälgeistes, der mit einer scharfen Zunge geistreich und gnadenlos jedes Thema filetiert, auf das er sich stürzt.
– Connie Palmen: Janet Malcolm – Erbarmungslos
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In einer so außergewöhnlichen Situation löste sich ihre Zunge bestimmt, aber konnte sie ihn zum Besispiel einfach beim Zeitungslesen unterbrechen und ihm ihre Liebe gestehen?
– Julian Green: Treibgut
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Mein Interesse am Manipulieren der Zunge war bald erschöpft, und ich wandte mich anderen Fragen zu.
– Margaret Atwood: Metempsychose oder: Seelenwanderung
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Spielwort: Schweigen
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
„Wenn es ein Schweigen gibt“, sagte Susan, „ist das oft das Ergebnis einer unausgesprochenen Vereinbarung, vielleicht sogar einer unbewußten Vereinbarung, etwas im Dunkeln zu lassen.“
– Robert B. Parker: Brutale Wahrheit
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Schon beim Abendessen, voller Wut über ein Schweigen, das sie nicht zu brechen wagte, hatte sie, so gut es ging, einen jener Zornesausbrüche erstickt, welche die Seele verwüsten.
– Julian Green: Treibgut
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Vielleicht benutzte sie aber auch das Schweigen selbst als Waffe, um jedem Gespräch aus dem Weg zu gehen.
– Kim Hye-Jin: Ein menschlicher Fehler
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Das Schweigen breitete sich im Zimmer aus wie Leichengeruch. Ein aufgestautes, verfaulendes Mammut des Schweigens.
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte
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In der Tat spürte er, was sein Schweigen auf diesem Gebiet betraf, ein wachsendes Gefühl der Verantwortungslosigkeit, außerdem störte es ihn, nicht zu wissen, welcher Wochentag gerade war.
– Carys Davies: Ein klarer Tag
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In dem kurzen Moment des Schweigens, das sich nach Clares Betrachtung ergeben hatte, sah er sich gezwungen, das Papier vor aller Augen in eine Papierserviette zu spucken.
– Rónán Hession: Ghost Mountain
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Dankbar nehme ich wahr, daß sein Körper in mir nicht das übliche Bedürfnis weckt, das Schweigen auszufüllen wie leere Felder in einem Kreuzworträtsel.
– Caroline Alberine Minor: Am wärmsten
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Den ganzen Tag lang habe ich schon mit diesem Schweigen gerechnet, und den ganzen Tag habe ich darüber nachgedacht, was ich sagen könnte, um es zu brechen.
– Peter Cameron: Gut geerdet
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Mein Schweigen war zugegebenermaßen oft eine Antwort auf ihr Schweigen: ich sah nicht ein, weshalb die Last zu sprechen stets auf meinen Schultern liegen sollte.
– Peter Cameron: Du wirst schon noch sehen, wozu es gut ist
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Denn die Welt ist ein Ort des Schweigens, der Himmel ist nachts, wenn die Vögel verschwunden sind, ein einziger schweigender Ort.
– Colm Tóbín: Marias Testament
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Vielleicht war dies das Wort, das am Anfang war. Das Schweigen.
– Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick
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Spielwort: Tür
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Zahlreiche rätselhafte Türen reihten sich vor mir auf, aber ich fand keine Schlüssel für ihre Schlösser.
– Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
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Hat man viele Namen, ist es leicht, die falsche Tür zu erwischen.
– Heike Kühn: Schlangentöchter
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[…] und in dem Zaun war eine schmale Tür, gerade so schmal, daß man einen Mann hindurch drücken konnte, bei eher dicken Männern oder dicken Frauen hat man nachgeholfen mit Stiefelabsätzen, aber es gab ja kaum Dicke.
– Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff
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Ich ließ die Türen schließen und suchte auf jede Weise in den lustvollen Besitz dieser unzugänglichen Brüste zu kommen.
– Vizconte De Lascano Tegui: Von der Anmut im Schlafe
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[…] und ich frage mich, ob das erschöpfte Seufzen, das diese Tür ausstößt, bevor sie sich schließt, von den störrischen Scharnieren kommt oder von mir selbst.
– Jhumpa Lahiri: Dante Alighieri
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Obwohl sie jetzt stets darauf bedacht war, die Tür abzuschließen, schien es ihr beim Eintreten immer, als sei jemand dagewesen … als sei irgendetwas nicht mehr am alten Platz.
– Joyce Carol Oates: Marya
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Es gibt keine Türen mehr, die man hinter sich zuziehen kann.
– Clara Törnvall: Die Autistinnen
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In den Sekunden, bevor ich die Tür aufschließe, erwarte ich immer etwas anderes.
– Caroline Albertine Minor: Am wärmsten
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In besagter Oprah-Folge erklärte ein Professor mit Wuschelhaar, daß das Durchschreiten einer Tür einen kurzen Gedächtnisaussetzer entstehen lasse.
– Louise Nealon: Snowflake
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Was zählte, war die Tür, die in mir zuknallte, die Tür, die immer dann zuknallt, wenn ich mir absolut sicher bin, daß weder ich noch die Welt ein besserer Ort sein werden, wenn ich mich einer bestimmten Grausamkeit aussetze.
– Maggie Nelson: Kunst und Grausamkeit
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Kann denn ein Mensch nicht einfach eine Tür aufmachen und schauen?
– Claire Lispector: Helden, 4. Oktober 1969
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.











