3 x 11 Spielworte (48): Hände, Geschmack, Nachricht – von Ingrid Mylo
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum achtundvierzigsten Mal.
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Spielwort: Hände
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Er saß an der Wand, zu nervös, um etwas anderes anzusehen als seine Hände.
– James Salter: Die zerstörung des Goetheaneums
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Ich erwartete irgendwie, daß die Berührung dieser Hände mich verwandeln würde, vielleicht würde etwas von mir aufsteigen wie Musik, vielleicht würde Wärme durch meine Glieder rieseln wie nach einer Calcium-Spritze.
– Keto von Waberer: Der Pfeil der Diana
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Nach einem kurzen Moment des Zögerns dämmerte mir, daß mir die Hände aufhelfen wollten und nicht zur Bewunderung hingehalten wurden.
– Rivka Galchen: Einst ein Weltreich
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Die Hand, die übrigens einem Mann gehört, wird schwarz, weil er sie sich in einem Strumpfgürtel verstaucht hat; mehr wird nicht verraten.
– Margaret Atwood: Blind lesen
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Jetzt reibt seine eine Hand die andere, und er schaut seine Hände an, als seien es Kinder, mit denen er schimpfen müsse.
– Alissa Walser: Millionär
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Als er in den zwanziger Jahren schließlich am Konservatorium studierte, war er bekannt dafür, aus dem Bett zu fallen, während sich seine Hände noch in der Luft bewegten.
– Madeleine Thien: Sag nicht, wir hätten gar nichts
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Sobald diese weibliche „Dazwischenkunft“ ihr Ende gefunden hatte, berichtete Breton, gelangten die Hände „von einigen leichten Korrekturen abgesehen anderntags wieder an ihren wahren Platz“.
– Heidi Julavits: Heute – dem Leben auf der Spur
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Den Verehrer zu meiner Linken, der immer noch versuchte, meine Hand zu halten, hatte ich gekränkt, als ich meine Hnd mitsamt dem Brötchen drin in seine gelegt hatte.
– Alexandra Kleeman: Ein Märchen
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Seine rechte Hand holte aus und sauste wie ein Fabelwesen durch die Luft, bevor sie meine linke Wange traf.
– Yoko Ogawa: Zärtliche Klagen
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Der Rhythmus unserer Hände bringt uns näher zusammen, Hände, die Schlingpflanzen aus Pflaumenbäumen zerren, sie auf einen Haufen werfen und in einem Feuer verbrennen, das meterhohe Flammen schlägt.
– Wytske Versteeg: Boy
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Übrigens hatte sie längst beschlossen, niemals so dumm zu sein wie ihre arme Mutter, die den ganzen Tag kochen, aufräumen, abwaschen und nähen mußte und schon sehr abgearbeitete und häßliche Hände hatte.
– Marlen Haushofer: Die Zeit
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Spielwort: Geschmack
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Als der Verkäufer an einem Eisstand fragte, was für einen Geschmack sie haben wollte, sagte sie: „Schnecke.“
– Don DeLillo: Spieler
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Plötzlich hatte Helene einen staubigen Geschmack im Mund und nahm den Geruch ihres eigenen Körpers wahr, nach Schweiß und Schlaf.
– Tove Ditlevsen: Die kleinen Schuhe
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Gottlob habe ich den Schlafanzug von Papa an, der aber vom Geschmack eines Mannes zeugt, der in drei Jahren achtzig wird.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Weiß man, wann es Liebe ist
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Es war der Triumph der Wissenschaft über die Brutalität, aber er hinterließ einen üblen Geschmack in meinem Mund, Angst vor der Zukunft.
– Hilary Mantel: King Billy ist ein Gentleman
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Der Geschmack der bitteren Getränke und die traurige Erinnerung daran, daß Bitterkeit einmal eine Geschmacksrichtung war und kein Charakterzug und kein Verhältnis zur Welt.
– Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag
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Von dem ganzen Bild und von der Vorstellung des Mädchens im Wind hatte er einen säuerlich-süßen Geschmack im Mund, und das entsprach vollkommen seiner derzeit melancholisch-süßen Gefühlslage, die er bei sich „herb“ nannte.
– Andrej Bitow: Leben bei windigem Wetter
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Den Geschmack ihres Mundes werde ich nie vergessen. Noch immer schmecke ich ihren letzten Atemzug.
– Maria Tumarkin: Die Zeit heilt alle Wunden
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Um den bitteren Geschmack von Erbrochenem loszuwerden, den ich noch im Mund hatte, nahm ich etwas Schnee von einem der zusammengesackten Haufen an der Wand und ließ die Zunge darübergleiten.
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt
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Es gibt das Kriterium des Geschmacks, und es gibt Abweichungen davon, über die man diskutieren kann, die sich aber unter keinen Umständen rechtfertigen lassen.
– Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda
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„Schmeckt wie Kerosin“, sagte Chollo. – „Sí. Aber um den Geschmack geht es nicht“, sagte Santiago.
– Robert B. Parker: Brutale Wahrheit
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Wie hätte er sie da nach dem Geschmack fragen sollen, // den eine Lüge im Mund zurückläßt?
– Wolf Wondratschek: Einige Gedichte
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Spielwort: Nachricht
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Lucien war der Ansicht, daß der Tod eines Freundes keine Nachricht war, die man durch eine Bordelltür rufen sollte.
– Christopher Moore: Sacré Bleu
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(…) sie unterbricht ihr Spiel und blickt zu ihm auf, voll drängender Hoffnung, als könnte er ihr die Nachricht überbringen, daß es ein Irrtum gewesen sei, ihre Mutter am Leben und alles beim Alten.
– Claire Fuller: Jeanie und Julius
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Rose wird dann begreifen, daß der Alltag sie wieder eingeholt hat, daß sie alle beim Essen um den Tisch herum sitzen und die Nachrichten im Radio hören werden.
– Alice Munro: Das Bettlermädchen
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Es handelte sich um Nachrichten von der Art, die immer ärgerlich wortkarg sind, und sie enden fast immer mit: in Polizeigewahrsam oder sogar im Lariboisière.
– Günter Grass: Allein
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Auf die Nachricht achtete er nicht allzu sehr, aber das dumpfe Gemurmel war heimelig.
– Calan Wink: Big Sky Country
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Schickst du mir eine Nachricht aus dem Jenseits, wenn du tot und drüben angekommen bist, Elisabeth? hatte ich zehn Jahre vor ihrem Tod gefragt.
– Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten
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Sie lächeln unentwegt, so daß man den Wunsch hat, sie anzurufen und ihnen eine schreckliche Nachricht zu übermitteln.
– Matthias Altenburg: Landschaft mit Wölfen
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Sie wirkte eher verwundert denn erschrocken, weil alle, wenn sie eine schwarze Nachricht hören, sie verstehen, aber sie schieben es hinaus, ihr einen Platz in ihrem Hirn einzuräumen.
– Tatiana Tibuleac: Der Garten aus Glas
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Nicht, daß ich glaubte, in den Nachrichten würden mir Lügen aufgetischt, ich wußte ja, es war alles real; ich will damit nur sagen, daß ich über viele Tage hinweg – die zu Wochen wurden – oft zu Boden blickte, wenn wir die Abendnachrichten sahen.
– Elizabeth Stout: Am Meer
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Ich sage nur, bevor wir nicht geliebt haben, // erreichen uns alle Nachrichten wie aus der Fremde.
– Mary Oliver: Jenseits des Frostgürtels
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Er drehte an meinem Radio, eine Minute Nachrichten, dann war // die Welt wieder vorbei und gut.
– Michael Köhlmeier: Im Lande Uz
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












