Geschrieben am 1. März 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2026

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (49) – Kunst, Unterwäsche II, Geräusch

3 x 11 Spielworte (49) – Kunst, Unterwäsche II, Geräusch

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum neunundvierzigsten Mal.

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Spielwort: Kunst

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Wir haben Kunst geschaffen, weil wir nicht wußten, wie das andere geht.
– Clarice Lispector: Unser Sieg, 26. August 1967

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            So hatte ich beispielsweise aufgegeben, Kunst, vor allem Gemälde, verstehen zu wollen.
– Natso Miyashita: Der Klang der Wälder

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            Einer ihrer Dozenten hatte mal gesagt, er mache sich Sorgen um die Zukunft der Kunst, weil diese Generation nicht mehr riehctig hinsah, ihre Umgebung – Licht, Raum und Formen – nicht beachtete.
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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            Ich sagte: „Die Chinesen konnten früher rückwärts genauso gut gehen und sehen wie vorwärts – heute haben sie diese Kunst verlernt.“
– Paula Ludwig: Monarchie

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            Ich weiß, daß Kunst Leben retten kann, und es macht mich immer wieder glücklich, zu hören oder zu lesen, wie ein Gedicht oder eine Geschichte tatsächlich einer Person die Türen zu einer anderen Existenz öffnen kann ….
– Connie Palmen: Lola – Doppeldeutig

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            Denn auch die Kunst ist etwas für sich, das Worte ebenso wenig enthüllen können. Es ist, als zeige die Kunst nicht nur das Geheimnis, sondern als behüte sie es auch.
– Karl Ove Knausgård: Der Wald und der Fluß

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            In jener Nacht dachte sie nicht über Leben und Tod nach. Statt dessen fragte sie sich: Wo ist meine Kunst?
– Rónán Hession: Ghost Mountain

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            Das ist die ganze Kunst: hingucken und Ohren aufsperren. Alles Weitere ist Abstraktion, und Abstraktionen ist zu mißtrauen.
– Antje Rávic Strubel: Fremd Gehen

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            Aber wenn man die Kunst im Einzelnen mit der Wirklichkeit vergleicht, formal vergleicht, so ist sie schon immer durch und durch fiktional gewesen, niemals ein Abguß der Wirklichkeit. Gar nicht zu reden davon, daß die Kunst selbst eine Wirklichkeit ist ….
– Andrej Bitow: Leben bei windigem Wetter

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            „Neulich hatte ich diese Einsicht, daß ich eigentlich angefangen habe, Kunst zu machen, weil es das einfachste Mittel war, mir die Zeit zu vertreiben.“
– Anthony Veasna So: Wir wären jetzt Prinzen!

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            Im übrigen verbscheute ich das taubenblaue Geflunker über Kunst.
– Wolf Wondratschek: Giotto

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Spielwort: Unterwäsche II

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


            Meist tauscht man ja nach einer Scheidung als Erstes die Unterwäsche aus, alle kaufen sich neue Unterwäsche, die, die gehen, aber auch die, die zurückbleiben.
– Audur Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November

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            Hier oben wissen sie, wie sie sich für das Wetter anziehen müssen – und bestimmt ist auch noch Unterwäsche ohne Schnickschnack am Start.
Richard Ford: Valentinstag

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            ich schwitze und träume daß ich // im seidenen Morgenmantel // in diesem ritzy Hotel in Singapur // einer Hure in lila Unterwäsche // mal zeige wie dreckig // ich sein kann.
– Jörg Fauser: Morgenandacht

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            Seine Unterwäsche hat er dagelassen. Meine Mutter hat sie gewaschen und einem Wohltätigkeitsbasar vermacht.
– Hilary Mantel: King Billy ist ein Gentleman

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            Die andere Person zieht sich vor deiner Nase bis auf die Haut aus und läßt ihre supereklige Unterwäsche mitten im Zimmer liegen.
– Alexander MacLeod: Was im Dunkel liegt

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            Seine Frau war innerlich nicht ganz damit einverstanden, und so erklärt sich vielleicht auch, daß sich sein gesuchter Paß unter einem Stapel Unterwäsche fand.
– Jane Bowles, Fußnote zu einem Brief an Paul Bowles, August 1947

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            Ich traf sie zu Hause an, wie sie Unterwäsche in eine Reisetasche stopfte, Evan und Garth standen regungslos daneben, die Blindenstöcke gezückt.
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte

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            Wir tranken noch ein bißchen Eierlikör und dann kam Inge die Kellertreppe herunter, die Arme voller Unterwäsche.
– Doris Dörrie: Neunzehnhundertachtundsechzig

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            Auch ihre Unterwäsche war deutsch.
– Fleur Jaggy: Die seligen Jahre der Züchtigung

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            „Wenn sie nachts doch nur Unterwäsche getragen hätte“, sagt Julius. „Man muß da auch mal Luft dran lassen“, ahmt Jeanie ihre Mutter nach.
– Claire Fuller: Jeanie und Julius

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            Er hebt ihre Unterwäsche auf, und als er die Stücke vor sein Gesicht hält, dämmert ihm, daß er einem Zuhause niemals näherkommen wird, als in diesem Augenblick.
– Hugo Hamilton: Echos der Vergangenheit

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Spielwort: Geräusch

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

            Eines Abends schlief sie auf seinem Sofa ein, und als sie aufwachte, hielt Eddie sie im Arm und gab kleine Geräusche von sich.

– Hilary Leichter: Luftschlösser

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            Sie hörte die schrecklichen Geräusche, von denen sie wußte, daß sie Schmerz bedeuteten, doch sie spürte nichts.

– Caroline Albertine Minor: Vergiß Archie Pey

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            Sie hatte mal gelesen, daß in antiken Gefäßen Tonspuren gefunden wurden, als wären beim Drehen der Lehmklumpen Geräusche mit hinein gearbeitet worden.

– Aybil Schreiber: Diese verdammte Ähnlichkeit

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            Superking Son starrte wieder auf sein Klemmbrett, als würde er in dessen Seele blicken, und sein unablässiges Kauen auf dem Kuli war das einzige Geräusch im Raum.

– Anthony Veasna: Superking Son schlägt wieder zu

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            Welches Geräusch ist momentan im Gerichtssaal 8 am lautesten? Mein Fineliner, während ich mir Notizen über die Stille im Raum mache.

– Maria Tumarkin: Die Geschichte wiederholt sich

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            Zum Sonnenaufgang erwache ich von dem Geräusch des aufziehbaren Spielzeuggebisses, das ich so oft den Kindern in meiner Praxis vorgeführt habe.

– Kristina Schilke: Ich bin es

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            Das Geräusch erfüllte sie mit Freude und verdrängte ihre entsetzlichen Gedanken an leblos in Badewannen treibende Kinderkörper.

– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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            Dann klatschte ich mir unter gleichzeitigem Ausstoßen nicht zu beschreibender Geräusche kaltes Wasser ins Gesicht, Häufigkeit abhängig von der Temperatur.

– A. F. Th. van der Heijden: Engelsdreck

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            Hätte sein Nachdenken ein Geräusch gemacht, wäre jetzt das Rappeln leerer Flaschen im Kasten zu hören gewesen.

– Ralf Rothmann: Milch und Kohle

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            Wenn dann ein Geräusch zu hören war, stieß sie einen hellen, fast mädchenhaften kleinen Schrei aus, als wollte sie es übertönen, und manchmal legte sie sich sogar die Hand auf den Po, als könne sie die Fürze so aufhalten.

– Karolina Ramqvist: Brot und Milch

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            Du willst laut aufheulen wegen deiner // Fehler. Aber ehrlich gesagt, die Welt braucht // von diesem Geräusch nicht noch mehr.

– Mary Oliver: Der Dichter mit dem Gesicht in den Händen

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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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