Geschrieben am 1. Juli 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2025

Ingrid Mylo: Gärten und Möglichkeiten – Olivia Laing & G. Gospodinov

Elf Willkürlichkeiten über die neuen Bücher von Gospodinov und Laing

            Auf das eine Buch war ich neugierig, auf das andere habe ich mich gefreut. Neugierig: weil ich in Connie Palmens Essayband ‚Vor allem Frauen’ (über wie auch immer geartete Künstlerinnen) zum ersten Mal dem Namen Olivia Laing begegnet bin: und die Art, wie Palmen die einstige Studentenaktivistin, Heilpraktikerin (mit „Mickey-Mouse-Diplom“) und Literaturredakteurin (Observer) porträtiert, wie sie die „Pilgerin und Sinnsucherin“ einerseits für ihre sehr persönlich gehaltenen, eindringlichen Texte lobt, ihr andererseits naive Rührseligkeit aufs Brot schmiert und ihr vorhält, auf den Scharlatan Wilhelm Reich hereingefallen zu sein: das hat einen Widerhaken in mir versenkt. Ich wollte eins von Laings Büchern lesen: und passenderweise taucht da ihre Paradies-auf-Erden-Suche auf, ‚Der Garten und die Zeit‚.

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            Von Georgi Gospodinov kann ich eh nicht genug kriegen. Er ist einer, der als melancholischer Magier durch die griechische Mythologie wandert, durch physikalische Gesetze, Friedhöfe, Apokalypsen, die Straßen von Lissabon und die Biographien erdachter Geschöpfe und dabei blaue Wunder aus seinem Ärmel zieht, ein Lachen, in dem „Eidechsen, Reptilien, Eckzähne“ liegen und Sätze wie: „Ich wußte nicht, daß unter der Zunge soviel Tod schlummert.“ Einer, dem der Fortschritt so suspekt ist wie er es einst für Ray Bradbury war: daß es den Technologien, schreibt Gospodinov in der Erzählung ‚Und alles wurde Mond‚, nur bis zu einem gewissen Grad gelänge, „die Schäden zu reparieren, die sie selbst anrichten“. Und auch weil mir beim Wiederlesen seiner Werke jedesmal weitere wunderbare Stellen für die Spielworte in die Hände fallen, freue ich mich immer, wenn etwas von ihm erscheint. Daß sein gerade veröffentlichtes Erinnerungsbuch an seinen Vater ausgerechnet ‚Der Gärtner und der Tod‚ heißt…

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            Wenn sich der Untertitel eines Buches über Gärten um das Paradies dreht, ist damit zu rechnen, daß einmal mehr der Ursprung des Wortes erläutert wird, das lange vor seiner Verwendung in der Bibel im Awestischen (einer 2000 Jahre vor Christus in Persien gesprochenen Sprache) als pairi daez einen ummauerten Garten bezeichnete. Bei Olivia Laing ist es auf Seite 42 soweit. Eine Seite später ist sie außer sich vor Begeisterung („völlig von den Socken“, steht da), daß der Schöpfungsmythos dadurch „auf den Kopf“ gestellt wird, das Irdische also die Wurzel des Himlischen ist. Und nicht umgekehrt.

            „Paradieschen“, hatte ich, als meine Tante Annie noch lebte, in einem Telefongespräch mit ihr verstanden, in dem es um ihren hübsch bepflanzten Balkon in Dordrecht ging. Sie hatte aber von „paar Radieschen“ gesprochen, die sie gerade aus der Erde eines Blumenkastens gezogen hat, um sie fürs Abendessen herzurichten (nicht weiter wichtig, ist mir nur gerade durch den Kopf gewirbelt).

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            „Auch die Nachmittage“, schreibt Gospodinov, würden nach dem Tod seines Vaters, „nicht mehr diesselben sein.“ Waren sie das je? Nachmittage sind eine seltsame Sache, schon in den Essays, Erzählungen und Gedichten von Lars Gustafsson haben sie die Sepiafärbung der Erinnerung angenommen, noch während sie sind und dauern und die Kleider in den Schränken welken. Nachmittage vergehen nicht, sie trüben sich zu einem Seelenzustand. Spinnweben, Ginster und aus einem alten, weit entfernten Buch der wehe Ton eines Nebelhorns.

            Eine Freundin hat nach dem Tod ihres Mannes das, was Gospodinov an den Nachmittagen festmacht, viel grundsätzlicher gefaßt: „Jetzt kann ich nie mehr mit ihm zusammen unser Klopapier kaufen gehen.“

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            Einen Garten wollte sie schon immer haben. Als sie ihn, nach mehreren kleineren Varianten, tatsächlich besitzt, noch dazu den des berühmten Gartenarchitekten Mark Rumary in Suffolk, setzt Laing sich ernsthaft damit auseinander, was es heißt, einen zu haben. Von wegen sozialer Aspekt und so. Während sie also umgräbt und pflanzt und ausmistet, Altes zurückschneidet und Neues anlegt, Gärtnereien aufsucht und Gartenbücher studiert, kommen ihr bei aller Freude über ihre Errungenschaft Bedenken. Von wegen Eigentum und so. Die einen haben einen Garten, die anderen das Nachsehen. Die alte Nummer mit der Ungerechtigkeit. Und Gärten in Privatbesitz, zumal die ausgedehnten, zumal die riesigen Parkanlagen, sind, sagt Laing, immer auch eine Machtdemonstration der Reichen. Das Land war ursprünglich nicht ihres, es gehörte den Gemeinden, gehörte allen, dann kamen, in England ab Mitte des 18.  Jahrhunderts, Landreformen und Einhegungsgesetze zur „sinnvolleren Nutzung der Bodenflächen“, was auf einen gigantischen parlamentarisch beschlossenenen Privatisierungsprozess hinauslief. Wem gehört England jetzt (aber diese Frage stellt Laing nicht).

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            Daß er aus allem eine Geschichte machen konnte, „selbst aus dem Aufhängen der Wäsche“, sagt Gospodinov von seinem Vater. Und bedauert, daß mit ihm auch die Geschichten gestorben sind, die über die Hefepfannkuchen, die über den Schwarzmarkthändler, die über den Betrunkenen am falschen Grab. Wieso gestorben, die Geschichten haben lediglich den Erzähler gewechselt. Und das Publikum: es ist nicht mehr nur die Familie, die jetzt, durch den Sohn, von ihnen weiß.

            Und sehr zurückhaltend, fast verstohlen zwischen die Geschichten gestreut, anfangs so winzig, daß es fast wie ein Versehen anmutet: die zarten Zeichnungen von Lyuba Haleva, Pflanzenteile wie aus einem botanischen Lehrbuch, und dann eine und noch eine Fliege. Paar feine Krumen Natur: setzen sie, nachdem man das Buch zugeschlagen hat, wenn es ruht, setzen sie über die Nächte einen organischen Prozess in Gang: und beim nächsten Lesen sind den Seiten neue Sätze gewachsen und neue Worte aufgeblüht.

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            Gärten, die keine sind, sondern ihr Gegenteil: Wildnis, unantastbare Natur. Die ‚Gobugsgo‚ genannte Aktion des Künstlers Edgar Honetschläger, eine Organisation, die mithilfe von Freiwilligen und Spenden Land kauft, wo immer sie kann, kleine Stücke, große Flächen, Land, das danach sich selbst überlassen bleibt, für Menschen verbotene Zonen. Aber die Käfer, die Gräser, die Ameisen, Nager, Silberdisteln, das ganze Gestrüpp: und keiner, der kommt und Wege anlegt oder Beete, keiner, der reglementierend eingreift, Unkraut sagt oder Ungeziefer. Bei der letzten erwähnenswerten Documenta, der 2012 von Carlolyn Christov-Bakargiev kuratierten d(13), gab es so etwas, es hieß ‚Doing Nothing Garden‘ und war von Song Dong: ein aus Bauschutt, anderen Abfällen und Erde aufgeschütteter Hügel, „der unkultivierten Eigendynamik überlassen. Das sieht prächtig aus inmitten all der hyperfürsorglichen Großkultur-Vergangenheitspflege der Stadt. […] Da es seit Wochen warm und feucht ist, wächst alles wie toll auf diesem kleinen anarchistischen Berg“, schreibt Felix Hofmann in ‚Das 100-Tagebuch‚. (Siehe auch ‚Kunst, ohne Museum‚ in CulturMag Juni 2015 – d. Red.)

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            Fackellilien, Anemonen, Blauregen, Hamamelis, Nieswurz, Primeln, Atlasmohn, Rosmarin, Magnolien, Geranien, Bärenklau, Nelken, Clematis, Maulbeerebäume, Levkojen, Zitronenmelisse, Goldlack, Jasmin, Eselslattich, Zypressen, Dahlien, Frauenmantel, Hibiskus, Artemisia, Weißdorn, Chrysanthemen, Moose, Tulpen, Ginster, Löwenmäulchen, Rittersporn. Und Rosen, immer wieder Rosen, alle möglichen Sorten, in allen möglichen Schattierung: an Blumen, Kräutern, Sträuchern und Bäumen hat Olivia Laing in ihrem Buch nicht gespart. Auch die Herbstzeitlose findet bei ihr Erwähnung, eine Pflanze, die bei manch einem mulmige Gefühle auslöst. Vielleicht wegen ihrer kurzen milchweißen Stiele, die eher geeignet scheinen, die Pilzhüte des honiggelben Hallimasch zu tragen. Vielleicht, weil die lilafleischigen Blütenkelche wirken, als hätte sich der Garten an diesen Stellen paar blaue Flecken geholt, die allmählich am Blasserwerden sind, am Verheilen. Laut Laing werden Herbstzeitlose auch als Nackerte Huren, Kalberschissen oder Nackte Jungfern bezeichnet.

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            „Der Garten war stets untrennbar mit dem Tod verbunden“, schreibt Laing.

            „Mir scheint, wir können davon ausgehen daß die Gartenarbeit ursprünglich gegen den Tod gerichtet ist“, schreibt Gospodinov. Und weiter: „In der Botanik ist die Wiedergeburt eine konkrete Allegorie, hier hat die Idee ihren Ursprung“, da die Pflanzen wüßten, „wie sie sterben müssen, damit sie erneut ins Leben zurückkehren.“

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            Natürlich schreibt Laing auch über andere, die über Gärten geschrieben, die Gärten gemalt, bedichtet, photographiert, angelegt haben. John Milton kommt vor und sein ‚Verlorenes Paradies’, der berühmte Gartengestalter Capability Brown, der „utopische Träumer“ William Morris mit seinen floralen Mustern, der Landschaftsmaler Claude Lorrain, Derek Jarman, dessen Asche nach seinem Tod in seinem Garten verstreuen verstreut wurde.

            Und dann ist da John Clare (13. Juli 1793 – 19. Mai 1864), ein von den meisten Quellen ganz altmodisch Barde genannter Dichter aus einer ungebildeten Tagelöhnerfamilie. Daß Laing diesem eigenwilligen, unbändigen, leidenschaftlichen Sonderling ein paar Seiten gewidmet und mich dadurch auf seine Spur gesetzt hat: dafür bin ich ihr wirklich dankbar. Clare, der sich bedingungslos dem Lobpreis der Natur verschrieben hat, dessen poetisches Herz dem Land gehört und allen Wesen, die darin und davon leben, der sich in seinen Gedichten, Tagebüchern, Briefen und Traktaten erklärtermaßen weder um Interpunktion noch um korrekte Grammatik schert und der nach frühem Ruhm (1821 verkauft er von seinem ersten Gedichtband innerhalb eines Jahres mehr Exemplare als sein Zeitgenosse John Keats), von „blauen Teufeln“ verfolgt, ganz und gar außer sich gerät, vor allem weil ihn die durch die Landreform zerstörte Natur innerlich zerfetzt. Geistig und körperlich zerrüttet landet er 1836 in der Nervenheilanstalt High Beech Asylum, aus der er im Juli 1841 davonläuft. Am 29. Dezember 1841 wird Clare amtlich für geisteskrank erklärt und ins Northampton Lunatic Asylum eingewiesen, die Natur zu besingen, zu dichten hört er nicht auf: „schöne Schotterwege überwachsen // mit Moos und Gras kleine Stellen wo // der Dichter sich ans Schreiben setzt“. Es gibt allerdings auch Schriftstücke von anderem Kaliber, wie das 1860 verfaßte, das sich an jeden und niemanden richtet: „Werter Herr, ich bin in einem Irrenhaus & hab Ihren Namen fast vergessen oder wer Sie sind Sie müssen verzeihen weil ich nichts mitzuteilen oder zu erzählen habe & warum ich weggeschlossen wurde weiß ich nicht ich habe nichts zu sagen also schließe ich respektvoll Ihr John Clare.“ In einem seiner letzten Briefe an seinen Sohn Charles steht der Satz: „Ich habe Blumen immer noch sehr gern.“

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            Schon in seinem Roman ‚Physik der Schwermut‚ (2012) hat Gospodinov vom passenden Zeitpunkt erzählt, davon, daß sein Vater, sein Großvater, Menschen, denen es um das Land zu tun ist, wissen „daß es richtig ist, im Winter zu gehen, im Sommer gibt es zu viel Arbeit, um zu sterben“. Daran hat sich, nach seinem Großvater, jetzt auch sein Vater gehalten: ein paar Tage vor Weihnachten, in der Nacht, gegen Morgen, „begann er, seltener zu atmen“. Um 5 Uhr 17, notiert Gospodinov in ‚Der Gärtner und der Tod‚ (2024), „hauchte er, wie treffend der Ausdruck doch ist, sein Leben aus.“ Der Tod in diesen Zahlen: die letzte Quersumme der Uhrzeit ergibt 4. Und die Vier ist im ostasiatischen Raum eng mit dem Tod verküpft, Chinesen, wird gesagt, benutzen für die Vier und den Tod dasselbe Zeichen.

            „Wenn jemand tot ist“, schreibt der Schriftsteller Julian Barnes nach dem Verlust seiner Frau, „dann heißt das zwar, daß er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, daß es ihn nicht mehr gibt.“ Für Gospodinov gibt es den Vater vor allem in seinem Garten, der ihm heilig war, um den er sich sorgte, in dem er arbeitete, bis kaum noch Kraft war in seinem sterbenden Körper. Und Gospodinov weiß, „wenn die Schneeglöckchen hervorlugen oder die erste Tulpe sich öffnet, wird mein Vater, der Gärtner – oder mein Vater, der Garten –, da sein.“

            „Wir bleiben“, endet ein Gedicht über gegangene Freunde, „über den Tod hinaus. Anders, als wir je waren.“

© 2025  ingrid mylo

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Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod. Roman aus dem Bulgarischen von Aexander Sitzmann / aufbau 2025 / 239 S. / € 24,-

Olivia Laing: Der Garten und die Zeit / Auf der Suche nach einem Paradies auf Erden (Olivia Laing: Der Garten und die Zeit, 2024). Aus dem Englischen von Thomas Mohr / S. Fischer 2025 / 379 S. / € 26,-

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