Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (52) – Brot, Zeichen, Gesicht

3 x 11 Spielworte (51) – Brot, Zeichen, Gesicht

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum zweiundfünfzigsten Mal.

Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.

** **

Spielwort: Brot

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Man soll einem Mann kein Brot mitbringen, wenn man nicht will, daß er es aufisst, hat mein Vater immer gesagt und ihm zugezwinkert, wenn er zu Mutti ins Zimmer ging, obwohl die sich mit Migräne hingelegt hatte.
– Heike Kühn: Schlangentöchter

**
Die Hast, mit der er das Brot an sich riß, erschreckte das Kind – er mußte sehr hungrig sein, so hungrig, wie man sich’s gar nicht vorstellen konnte.
– Marlen Haushofer: Das fünfte Jahr

**
John Muir war ein Tramp, der mit trockenem Brot in der Tasche in die Berge ging, um es dort in Gebirgsbächen einzuweichen.
– Jack Keruac: Der amerikanische Tramp verschwindet

**
Nicht wenige Stücke Brot wurden über Feuern geröstet, in denen Fetzen alter Moorleichen brannten.
– Annie Proulx: Moorland

**
Ich schauderte bei dem Gedanken, an welch sonderbaren und schmutzigen Stellen das Brot gesteckt haben mochte.
– Alexandra David-Néel: Mein Weg durch Himmel und Höllen

**
Sie hatte von diesem Ort gelesen: wo Küchen in so schwindelnden Höhen gebaut wurden, daß die Wolken durchs offene Fenster ins Brot hineinzogen und es ohne Hefe aufgehen ließen.
– Delia Falconer: Die Liebe zu den Wolken

**
Wer weiß, ob du es dann wieder magst, // dies Brot, das er dir bringt im Morgengrau
– Philippe Jaccottet: Einer jungen Mutter

**
Man tut seiner Frau ein Tüchel übers Gesicht, wenn einen die Begierde packt, und wenn sie fremdgegangen ist, legt sie sich ein frisches Brot auf den Kopf, auf welches man mit einem Vorschlaghammer haut, und davon stirbt sie dann.
– Harry Rowohlt über den Film ‚Schönheit der Sünde‘ von Zivko Nikolic

**
Als ich das Brot in den Milchkaffee tunkte, geschah das in einem Augenblick der Gier und der Unachtsamkeit.
– Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung

**
Er meinte, wenn das so weitergeht mit den Sitten in Deutschland, dann würden die Leute bald in den Bäckerladen gehen und „Brot her!“ schreien.
– Max Goldt: Elegante Konversation im Philharmonic Dining Room

**
Und das Brot? Erst würde es trocken und hart werden, dann aufweichen und sich grünblau verfärben, bis wir mit einem verfaulten Brei zwischen den Fingern da säßen..
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt

——

Spielwort: Zeichen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Ich wollte ein Zeichen, ich wollte plötzlich Heere von Engeln über die Plätze brausen hören, ich wollte alle Spöttern zu Boden fallen sehen.
– Ilse Aichinger: Engel in der Nacht

**
„Wir sind in Nigeria, Kleine, wenn jemand ein Zeichen setzen will, tut er es nicht mit toten Küken sondern mit der Pistole.“
Ayelet Gundar-Goshen: Ungebete Gäste

**
Vielleicht ist der Kommentar ein Zeichen, dachte ich plötzlich, ein unerwartetes Eingreifen von oben in meinen früheren Gedankengang: Ja, ihr seid gleich, alle.
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt

**
Für mich war es nur ein Zeichen ihrer Verderbtheit, daß sie auf Kommando und aus reiner Niedertracht einen Haufen machen konnte.
– David Sedaris: Ein ungeklärter Fall

**
„Ich glaube, die Tatsache, daß ich lieber Hundescheiße wegputze, ist eine Botschaft oder ein Zeichen.“
– Rónán Hession: Ghost Mountain

**
Mit dem Silberknauf seines Stockes stieß er ihn unter die Nase, ein Zeichen seiner guten Laune.
– Veza Canetti: Der Oger

**
Die Zeit, in der der Kuß zweier, die sich versöhnten, nur das Zeichen für die Mörder war, die herumstanden.
– Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

**
(…) daß ich zu dem wurde, was ich heute bin, ist ein Zeichen dafür, daß alles möglich ist (…)
– António Lobo Antunes: Wörterbuch der Sprache der Blumen

**
Er beschloß, nicht zuviel in die Zeichen hineinzuinterpretieren, die auf seinem Weg verstreut auftauchten.
– Håkan Nesser: Schach unter dem Vulkan

**
Denn ein Zeichen ist ein Zeichen ist ein Zeichen. Wir werden es erkennen, wenn wir es sehen, und wir werden es sehen, wenn wir es erkennen.
– Benjamin Myers: Cuddy

**
„Und Zeichen tauchen erst dann auf, wie mir scheint“, sagte ich in den Raum, „wenn man sie gar nicht mehr nötig hat.“
– Jane Gardam: Gute Ratschläge

———

Spielwort: Gesicht

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Der Mann bittet mich, ein Gesicht zu machen, das ihm gefällt.
–  Ursula Krechel: Der Übergriff

**
Ich hätte beinahe laut gelacht, aber da die Heiterkeit sich schlecht mit meiner Verkleidung vertrug, schnitt ich ein recht betrübtes Gesicht.
– Alexandra David-Néal: Mein Weg durch Himmel und Hölle

**
Das Gesicht des späten Debord ähnelte dem eines toten, verschorften Goldfisches, und angesichts der Fotos in meinem Dossier ist das keine fantasievolle sondern eine forensische und präzise Beschreibung von mir.
– Rachel Kushner: See der Schöpfung

**
Jetzt, da Simon tot war, war sie zu dem hier geworden, einem Gesicht auf dem Kissen, das sich nach Hühnern erkundigte.
– Michael Cunningham: Helle Tage

**
Sie kuckt ungeheuer grausam, aber weil ihr Gesicht nicht für sowas eingerichtet ist, müssen wir sehr lachen.
– Harry Rowohlt: Indianert spielen

**
Mit acht glaubte ich noch, sie würden in meinem Gesicht nach dem Grund suchen, aus dem meine Mutter verschwunden war.
– Sian Hughes: Perlen

**
Immer, wenn sie auf dieses Ereignis zu sprechen kam, hellte sich ihr Gesicht unnatürlich auf, um sofort danach einem ebenso unnatürlichen Ausdruck von Besorgung Platz zu machen.
– Michael Krüger: Die Cellospielerin

**
Er sei, sagte er, vom Bahnhof geradewegs zu uns gekommen, um sich mithilfe unserer Gesichter zurechtzufinden.
– Delia Falconer: Die Liebe zu den Wolken

**
Das Gesicht ist dazu da, die anderen zu empfangen; alles, was empfängt, befindet sich im Gesicht: Auge, Ohr, Mund, sogar die Wangen, die die Schläge empfangen.
– Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen

**
Sie haben es gut, sie halten sich dunkel, und auf ihn allein fällt, mit dem Licht, alle Schande, ein Gesicht zu haben.
– Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

**
Abermals konnte er nicht begreifen, warum er das Gesicht dieses Menschen nicht hatte erkennen können, warum anstelle des Gesichts geradezu ein Tintenfleck war.
– Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

** **

Hinweis: Noch erhältlich sind einige Exemplare von Micromegas 2, ein experimentelles Werkstatt-Projekt von Felix Hofmann und Ingrid Mylo, nicht im Buchhandel zu bekommen. Essays, Erzählungen, Gedichte. Kartoniert mit Schutzumschlag / Feines Papier / Handgebunden / 64 Seiten. Limitierte Auflage. Preis: 17 Euro (inkl. Porto). Mail an: hofmann(at)micromegas.de

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch
3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II
3 x 11 Spielworte (51) – Tisch, Schicksal, Früchte

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

Tags :