Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Ingrid Mylo: 3 x 11 Spielworte (53) – Platz, Wetter, Augen II

3 x 11 Spielworte (53) – Platz, Wetter, Augen II

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum dreiundfünfzigsten Mal.

Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.

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Spielwort: Platz

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo


 Meine Großmutter verbringt einen großen Teil ihres Lebens damit, Gegenstände zurechtzurücken, ein paar Zentimeter hierhin oder dorthin, als gäbe es für alles einen perfekten Platz.
– Peter Cameron: Du wirst schon noch sehen, wozu es gut ist

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 Die Leute wissen manchmal nicht, wo ihr Platz ist, dachte er sich, während er die Treppen in seinem Haus hinaufstieg, aber als er im dritten Sock angelangt war, begann ihn etwas anderes zu irritieren.
– Etgar Keret: Zen für Anfänger

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 Er stand wieder am selben Platz, und dieselben Bäume wuchsen auf der rechten Seite und hinter ihm, auch, wie es schien, gleich weit von ihm entfernt.
– Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

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 Es gibt solche Augenblicke, wo etwas im Mechanismus der Zeit knirscht, sich für eine Sekunde verschiebt, bevor es wieder seinen Platz einnimmt.
– Georgi Gospodinov: Für Lora

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 Und das ist dir niemals in den Sinn gekommen, daß der Bus halbvoll sein und es deshalb etwas seltsam erscheinen könnte, dich mit der Frage an sie zu wenden, ob der Platz neben ihr noch frei sei.
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt

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 Die geträumten Menschen sind zahlreicher als wir. // Doch sie nehmen keinen Platz ein…
– Tomas Tranströmer: Traumseminar

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 Am Ende fand alles seinen Platz, und auch wenn man das Ergebnis alles andere als gemütlich nennen konnte, schien Giulia zufrieden und wollte nie etwas daran ändern.
– Evita Greco: Das Geräusch der Dinge, die beginnen

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 Näherte ich mich ihnen, so lösten sie sich vor meinen Augen auf und hinterließen nichts als den leeren Platz, den sie soeben noch eingenommen hatten.
– W. G. Sebald: Die Ausgewanderten

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 Ein anderer Polizist schlug mich bald darauf mit seinem Knüppel, weil ich mich an einen nur für vornehme Leute reservierten Platz gedrängt hatte.
– Alexandra David-Néel: Mein Weg durch Himmel und Höllen

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 Und ich wußte nicht, was draußen geschah, bis Senyora Enriqueta eines Tages kam und mir sagte, daß sie sicher wisse, daß man Mateu erschossen hat, mitten auf einem Platz, und als ich sie fragte, auf welchem Platz, wußte sie nicht, was sie sagen sollte, und sie sagte, mitten auf einem Platz, aber sie wisse nicht, auf welchem Platz, ganz bestimmt, das kannst du mir glauben, denn sie erschießen sie alle mitten auf einem Platz.
– Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant

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 Der Platz war eine Bestätigung für Sonjas Anschauung über die Sinnlosigkeit aller Mühen, den Lauf der Welt zu verändern; er hatte das weise Lotuslächeln der Schicksalsergebenheit.
– Arthur Koestler: Ein Mann springt in die Tiefe

Spielwort: Wetter

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo



 Die Jahre dehnten und verbogen sich, alle Tage waren immer der gleiche Tag, nur das Wetter wechselte.
– Joyce Carol Oates: Marya

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 In der Nacht schien das Wetter umzuschlagen, und wie immer halfen dann auch keine Schlaftabletten.
– Jörg Faueser: Miramare

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 Das schlechte Wetter hing draußen über dem Meer und war noch ein gutes Stück entfernt, erklärte er ihr, und an allen anderen Stellen war der Himmel so hell wie junger Hafer.
– Carys Davies: Ein klarer Tag

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 Ich sah den Regen auf den verlassen daliegenden Garten fallen und hatte das Gefühl, klug und intuitiv und aufnahmebereit zu sein – wenn schon nicht für die Infinitesimalrechnung, dann doch wenigstens für das Wetter.
– Peter Cameron: Angst vor Mathe

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 „Als ich dein Mutter kennengelernt habe und ihr irgendwas vom Wetter erzählen wollte, hat sie mir einfach den Mittelfinger gezeigt, bis ich wieder die Klappe gehalten habe.“
– Calan Wink: Big Sky Country

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 Dann aßen sie zu Abend und bemühten sich, nur über das Wetter zu reden.
– Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

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 Grandioses Wetter kann je nach der Gesellschaft, in der man sich befindet, noch wesentlich grandioser werden.
– Margriet de Moor: Die Verabredung

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 Die Marmelade lasse in ihm das Wetter umschlagen, sagte er, aber sie hatte keine Ahnung, wie das Wetter überhaupt gewesen war.
– Deborah Levy: Heim schwimmen

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 Cissy hatte seit langem ein Stickbild in der Küche hängen: MIT DEM WETTER ZEIGT UNS GOTT, WER DAS KOMMANDO HAT.
– Anne Quindlen: Unsere Tage im Haus am Fluß

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 Am Ende des Lebens // hofft einer nur noch // auf ein bisschen Wetter.
– Michael Köhlmeier: Aussichten

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 Aber in meinem Leben ist nie etwas Bedeutsames während, geschweige denn wegen des Wetters passiert.
– Julian Barnes: Die einzige Geschichte

Spielwort: Augen II

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo



 Die Heizer der Dampfschiffe auf der Seine haben dieselben Augen aus billigem Glas wie die einbalsamierten Tiere in den Provinzmuseen.
– Vizconde De Lascano Tegui: Von der Anmut im Schlafe

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 „Schmutzige Augen“, hatte Verena gedacht, als sie ihren Mann beobachtete. „Schmutzige Augen“, dachte Verena immer noch und bewegte ganz leicht die Lippen.
– Fleur Jaeggy: Die eitle Greisin

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 Wer solche Augen aufschlagen konnte, der konnte damit erschaffen oder zum Verschwinden bringen, was er sah.
– Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit

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 Ihre großen Augen eigneten sich gut für die Betrachtung des Gekreuzigten.
– Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung

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 Da hing der Mensch, den wir so lange gesucht hatten, in einer Schlinge vom Dachboden herab und glotzte uns mit seinen herausgequollenen Augen viehisch und unheimlich an, denn er war uns zugewandt, als hätte er uns erwartet.
– Joachim Maass: Der Schnee von Nebraska

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 Er schaut mich mit seinen riesigen Augen an, die Augen von einer Kuh, eine Sekunde bevor sie geschlachtet wird.
– Etgar Keret: Mitzwa

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 Und ich allein mit diesen Augen da vor mir, die mich nicht losließen, als ob sich die ganze Welt in diese Augen verwandelt hätte, und als ob es keinen Ausweg mehr gäbe.
– Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant

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 Ich erklärte ihm, daß man Augen nach Maß anfertigt, und zwar nachdem die Augenhöhle wieder zugewachsen ist.
– Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

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 „Wer sagt denn, daß man Augen braucht, um zu sehen?“ Worauf ich keine Antwort hatte.
– Margaret Atwood: Meine böse Mutter

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 „Meine Augen funktionieren einwandfrei. Ich kann sehen. Ich weiß bloß nicht, daß ich sehen kann.“
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte

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 Jetzt auf dem marmorgefliesten Balkon kniff Naomi fest die Augen zusammen und hatte es nicht eilig, sie wieder aufzumachen. Solange sie geschlossen waren, war alles möglich.
– Ayelet Gundar-Goshen: Ungebetene Gäste

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Hinweis: Noch erhältlich sind einige Exemplare von Micromegas 2, ein experimentelles Werkstatt-Projekt von Felix Hofmann und Ingrid Mylo, nicht im Buchhandel zu bekommen. Essays, Erzählungen, Gedichte. Kartoniert mit Schutzumschlag / Feines Papier / Handgebunden / 64 Seiten. Limitierte Auflage. Preis: 17 Euro (inkl. Porto). Mail an: hofmann(at)micromegas.de

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch
3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II
3 x 11 Spielworte (51) – Tisch, Schicksal, Früchte
3 x 11 Spielworte (52) – Brot, Zeichen, Gesicht

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

Und siehe aus 2025 von ihr bei uns:
Morgen für Morgen. Wie weiterleben, wenn der Allernächste gestorben ist?
Siri Hustvedt, Tove Ditlevsen und das Leben nach dem Wir

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