Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Ingrid Mylo: »Zeitpfade« von Anne Michaels

Das Licht erloschener Sterne

Lose Gereihtes zu dem neuen Roman ‚Zeitpfade‘ von Anne Michaels – von Ingrid Mylo


            Nach dem Entwicklerbad taucht auf der Fotografie neben einem jungen Mann eine Gestalt auf, durchscheinend und klar, die während des Fotografierens nicht anwesend war. Zumindest nicht sichtbar. „Meine tote Mutter“, sagt der junge Mann, als er das Bild in seinen Händen hält. „Seligkeit“, schreibt Anne Michael über den Ausdruck, der auf seinem Gesicht liegt.

            Was ist Evolution anderes als das Wissen der Welt um die Notwendigkeit von Veränderungen.

            Einer der Sätze, um die es geht, steht gleich auf Seite 11, gedacht von einem angeschossenen Soldaten im Schützengraben, ein Aufflackern seines Bewußtseins zwischen Phasen der Dunkelheit: „Vielleicht ist das Wesentliche unseres Wissens nicht zu beweisen.“ Der Soldat überlebt. Er wird der Fotograf, auf dessen Aufnahmen Tote in Erscheinung treten.

            Anne Michaels stellt Fragen, persönliche, allgemeine, philosophische. Fragen über das Verhältnis von Ordnung und Glauben, über Muster und Wahrscheinlichkeiten, über das Nichtsichtbare, die Technik, das Sterben, über Täuschungen, Endlichkeit und Ewigkeit, die Voraussetzung von Vergebung, abstrakte Empfindungen, künftige Erinnerungen, das Glück. Fragen, die zu Feenhaaren in Bergkristallen heranwachsen, zu feinen Gespinsten im Quarz: und je nach Lichteinfall leuchtet darin mal dieser, mal jener Aspekt des Universums auf.

            Muß man über den Lagrange-Formalismus Bescheid wissen, um dieses Buch zu genießen, muß man wissen, was skalenfreie Korrelationen sind oder Flexagone oder was als Polynia bezeichnet wird. Man kann es in Erfahrung bringen. Bücher sind immer auch dazu da, Verbindungen herzustellen zwischen uns und dem, was wir nicht kennen.

            Wann geht, was man wahrnimmt, über das, was man sieht, hinaus, wann wird es zu einem Zeichen. Was ist belanglos, was von Bedeutung. Und läßt sich, was man als Zeichen erkannt hat, schließlich auch deuten. In einem Erzählband von Gaito Gasdanow gibt es eine Stelle über die schwarzen Schwäne, die zu einer bestimmten Jahreszeit zu Zehntausenden über den Binnenseen Australiens kreisen, und dieser Anblick, diese Vielzahl mächtiger schwarzer Flügel am Himmel, „ist eine andere Geschichte der Welt, das ist eine Möglichkeit, alles, was existiert, anders zu verstehen“.

            Die Zeit: auch in diesem Buch ist sie ein Zaubertrank, ein natürliches Elixier, das uns die Orte im Flug wechseln läßt, die Zusammenhänge, die Jahre. Und alles ist jetzt. 
Wer war Eglantyne Jebb, wer Madame Palladino. Und wer, außer jene, die sich damit beschäftigen, werden Astat jemals zu Gesicht bekommen: das Element verflüchtigt sich rasend schnell. Knapp eine Sekunde, nachdem es entstanden ist, ist es verschwunden, es existiert „gerade lang genug“, schreibt Anne Michaels, „damit wir seine Existenz feststellen können.“

            Und währenddessen fressen sich ohne Unterlaß Kriege durch Länder und Körper und Seelen.

            Ja, sie sagt Seele, immer mal wieder, aber sie sagt es, wie man Fensterscheibe sagt, wenn man hindurchschaut: sagen würde, denn man sagt es ja nicht, man sieht einfach hinaus, sieht auf die Straße, in den Garten, auf den Parkplatz, sieht, wie einer Frau beim Aussteigen aus dem Auto eine Orange aus einem übervollen Einkaufskorb rollt, sieht unten vorm Haus Kindern beim Seilspringen zu und nimmt das Fenster dazwischen kaum wahr.

            Soviel, was wir nicht sehen, Schallwellen, Röntgenstrahlen, Resonanzschwingungen, kosmische Strahlen, elektromagnetische Wellen: als wäre all das, weil es nicht sichtbar ist, nicht vorhanden, als hätte es keine Auswirkungen auf unser Leben.

            Die, die tot sind, und uns dennoch erreichen, so sicher wie das Licht jener Sterne, die auch nicht mehr existieren: wir sehen es aber, nachts, bei klarem Himmel, so lange es uns gibt.

            Sie schreibt von der Sehnsucht der Toten. Und wieder einmal ruft, was sie schreibt, einen Satz aus der neuseeländisch-australischen Fernsehserie ‚Top of the Lake‘ ins Gedächtnis, den Holly Hunter sagt: „In der Natur gibt es keinen Tod, nur eine Neuordnung der Atome.“

            Es gibt Menschen, die über ein Wissen verfügen, das zu beweisen die Wissenschaft möglicherweise erst viele Zeiten später imstande sein wird. Manchmal, schreibt Anne Michaels, finden wir für das, was wir wissen, keine Erklärung. Wir wissen es trotzdem. Und sie schreibt von zwingenden  Zufällen, die etwas ganz anderes sind und jemandem als Beweis gelten können für höhere Bestimmung. Und daß die Wissenschaft, schreibt sie, „niemals ausschließen darf, was sie nicht begreift.“

            Ein Schmerz steckt in diesem Buch, der noch nach dem Tod dessen, der ihn aushalten mußte, in der Welt weiterlebt. Vielleicht für immer. In einem Gedicht, nie zu Ende geschrieben, heißt es über die Traurigkeit, sie gehe so tief, daß nicht einmal der Tod ausreiche, sie zu entwurzeln.

            Das Lesen der ‚Zeitpfade‘ kommt einer Art Meditation gleich, aber dann verwendet sie, später im Buch, das Wort selbst einmal: und damit ist dem Ausdruck Genüge getan. Viele, sehr viele ihrer Sätze sind wie Tektiten, wie die vor Jahrmillionen durch Meteoriteneinschläge entstandenen Glaspartikel, denen nachgesagt wird, sie förderten unser Urvertrauen und die Erkenntnis, ein geistiges Wesen zu sein.

            1996 ist ‚Fluchtstücke’ erschienen, Anne Michaels erster Roman, 2009 ‚Wintergewölbe‘. Fünfzehn Jahre habe ich auf diesen gewartet. Ich werde auch auf den nächsten Roman von ihr warten, ganz gleich, wie lange es dauert, bis sie ihn geschrieben haben wird. Und es gibt, allerdings nicht auf Deutsch, ihren Gedichtband ‚The Weight of Oranges‘. „…how kind the distance seemed..“

© 2024  ingrid mylo


Anne Michaels: Zeitpfade (Held, 2023) / Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Berlin Verlag, Berlin 2024. 207 Seiten, 24 Euro.

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Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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