3 x 11 Spielworte (54): Telefon II, Geruch, Kondom
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum vierundfünfzigsten Mal.
Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.
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Spielwort: Telefon II
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Als sie am Telefon vorbeiging, legte sie die Hand darauf, vielleicht um zu sehen, ob es warm war, oder um es zu ermutigen.
– Alice Munro: Das Bettlermädchen
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Er schaltete das Telefon aus und bemühte sich, den Abend normal zu verbringen, mit dem festen Entschluß, das Telefon erst morgens nach dem Aufstehen wieder einzuschalten.
– Ayelet Gundar-Goshen: Ungebetene Gäste
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Jedesmal, wenn sein Telefon klingelte, holte er tief Luft wie vor einem Sprung – einem jener Sprünge, für die man ein Leben lang hofft, genug Mut zu haben.
– Evita Greco: Das Geräusch der Dinge, die beginnen
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Ich hasse Telefone (deshalb habe ich mir auch kein Handy zugelegt), ich verabscheue auch ihr häßliches Rasseln im Film, wenn sie schon in der dritten Szene das Problem des Regisseurs mit der schleppenden Handlung lösen müssen.
– Georgi Gospodinov: DasAlphabet der Frauen
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Wenn bei Mutter etwas passierte, klingelte das Telefon im Laufe des Tages, es war Anna, sie wußte, daß etwas vorgefallen war.
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt
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Sie stellten sich vor, wie oben in der blitzsauberen Eigentumswohung das Telefon klingelte, während Joan verletzt und hilflos am Fuß der Treppe lag und die Katze an dem ringsum verstreuten Müll schnupperte.
– Stewart O’Nan: Abendlied
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Als meine Mutter gestorben war, griff ich jeden Tag spätnachmittags zum Telefon, um sie anzurufen.
– Siri Hustvedt: Ghost Stories
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Für sie ist es etwas Ungeheures, wenn das Telefon läutet, für ihn ist das einfach ein Telefonanruf.
– Ingeborg Bachmann im Interview mit Veit Möller am 23. März 1971
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Darum hielt ich mir auch kein Telefon, um jede Verabredung unmöglich zu machen.
– Gottfried Benn: Weinhaus Wolf
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Manchmal läutet das Telefon, und wenn ich abhebe, höre ich nur mein eigenes Echo, als pralle meine Stimme von einem fernen Planeten ab und käme mit diesem hohlen Widerhall zurück.
– Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst
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„Die einzige Freude ist, wenn das Telefon knattert und jemand fragt, was ich so mache, und ich sage: Ich fange Mäuse.“
– Anton Cechov im Frühjahr 1903 zu Iwan Bunin (zitiert in Timofey Neshitov: Ich könnte Gärtner sein)
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Spielwort: Geruch
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
„Also, gab es einen besonderen Geruch in Ihrem Leben, von dem sie mir erzählen können?“
– Hilary Leichter: Luftschlösser
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„Der Geruch?“ fragte der Alte irgendwie hoffnungsvoll. „Der Geruch“, kam die Bestätigung von dem in gerichtsmedizinischen Kreisen verkehrenden Sopran, „der Geruch und alles andere.“
– Marlen Hauhofer: Furcht
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„Wenn ich eine Sache nicht ausstehen kann, ist es der Geruch von Katze. Vor allem, wenn sie schon eine Zeitlang tot ist.“
– Jane Gardam: Gute Ratschläge
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Aber dieser Geruch, der plötzlich aufgetaucht war, kam nicht aus der Jacke. So roch sie nur, wenn sie an etwas Trauriges erinnert wurde.
– Antje Rávic Strubel: Fremd Gehen
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Als sie in der riesigen Sammlung stand und ihr der Geruch der alten mit Gedichten bedruckten Seiten in die Nase stieg, war das wie eine Weihe.
– Jessica Anthony: Es geht mir gut
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Und dann ging er, und vielleicht weil so lange niemand mehr in diesem Haus gesessen war, hinterließ er einen Geruch reinen Unbehagens.
– Colm Tóibín: Marias Testament
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Dieses Bild war von einem Geruch begleitet, oder der Erinnerung an einen Geruch (und was ist der Unterscheid?): die ranzig-süßen Ausdünstungen seiner Achselhöhlen.
– Rachel Kushner: See der Schöpfung
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Auch dort lagen viele Matratzen auf dem Boden, dazu Kissen ud Wolldecken, deren Geruch ihr nicht gefiel.
– Ayelet Gundar-Goshen: Ungebetene Gäste
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Es ist ein Geruch, der sich eingefressen hat, zersprungen ist und sich anschließend als kleine, spröde Körner überall verbreitet hat.
– Karl Ove Knausgård: Aus der Welt
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Während ich die Vase reinigte und das Wasser wechselte, zitterte ich, weil der Geruch der fauligen Blumen mich an jene denken ließ, die ringsum unter der Erde lagen, und außerdem fürchtete ich, auf dem Komposthaufen hinter der Mauer irgendwann auf ein Skelett zu stoßen.
– Marina Jarre: Weit entfernte Väter
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Und den Geruch des bourgeoisen Eau-de-Cologne faßte die junge Frau vielleicht noch als Schwäche oder, was sogar schlimmer wäre, als Protest gegen die Gerüche des neuen Lebens auf.
– Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda
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Spielwort: Kondom
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Ich brauchte etwas, das leicht und einzeln verpackt war, und zuletzt entschied ich mich für eine Ladung Kondome in einem Karton so groß wie ein Ziegelstein. Jede Menge Schutz und nicht viel Gewicht, das gefiel mir.
– David Sedaris: Autor, Autor
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Im Bett fragte ich sie, ob sie die Pille nehme, worauf sie erwiderte, sie würde doch stark hoffen, daß sie von allen möglichen Parallelwelten nicht ausgerechnet in einer ohne Kondome gelandet sei.
– Etgar Keret: Eine Welt ohne Selfie
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Kondome in allen Farben und Formen, mit Gesichtern, Hörnern und gezackten Kronen waren, aufgeblasen wie Luftballons, im Schaufenster ausgestellt.
– Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt
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Sie erzählte ihm von ihrem Plan, einen Gedächtnisschwund zu simulieren, und von ihrem Vorschlag, es wäre gut, das Kondom wegzuwerfen.
– Alice Munro: Das Bettlermädchen
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Die jungen Leute wissen natürlich nicht mehr, was ein Kondom ist (sie nehmen ja die Pille), und so wurde auch todernst der ganze Text aufgenommen.
– Horst Bienek: Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts. Tagebuch, 11.3.85
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Sie hat geglaubt, daß die heutigen jungen Leute alle mit einem Kondom in der Tasche herumliefen, es wäre ganz normaler Alltag für sie, aber Ruslan hatte offenbar keinen einzigen Gedanken an eine Vorsichtsmaßnahme verschwendet.
– Natascha Wodin: Alter, fremdes Land
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„Hast du alles fürs Mittagessen? Plastikbesteck? Salz und Pfeffer? Kondome?“
– J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin
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Ob es zischt, knallt oder stinkt, wenn man eine Zigarette in einem vollen Kondom ausdrückt, ist eine Frage, die ich einer noch in den Windeln liegenden Kolumnengeneration überlassen möchte.
– Max Goldt: Hamburger können keine Schleife
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Er füllte das Kondom mit Wasser und hielt es gegen das Licht der Deckenlampe, um zu sehen, ob es einen Riß oder ein Loch hätte, aber es sah unversehrt aus.
– Vigdis Hjorth: Wiederholung
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Ich habe mir nie so richtig ein Kondom angesehen und halte sie noch immer für geheime, garstige Dinger.
– Jane Gardam: Gute Ratschläge
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Ich bin fünfzehn, und die beste Verwendung, die ich bis jetzt für Kondome gefunden habe, ist, sie aufzublasen und fliegen zu lassen.
– Tamar Halpern: California Girl
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Hinweis: Noch erhältlich sind einige Exemplare von Micromegas 2, ein experimentelles Werkstatt-Projekt von Felix Hofmann und Ingrid Mylo, nicht im Buchhandel zu bekommen. Essays, Erzählungen, Gedichte. Kartoniert mit Schutzumschlag / Feines Papier / Handgebunden / 64 Seiten. Limitierte Auflage. Preis: 17 Euro (inkl. Porto). Mail an: hofmann(at)micromegas.de

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch
3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II
3 x 11 Spielworte (51) – Tisch, Schicksal, Früchte
3 x 11 Spielworte (52) – Brot, Zeichen, Gesicht
3 x 11 Spielworte (53) – Platz, Wetter, Augen II

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.
Und siehe aus 2025 von ihr bei uns:
Morgen für Morgen. Wie weiterleben, wenn der Allernächste gestorben ist?
Siri Hustvedt, Tove Ditlevsen und das Leben nach dem Wir











