3 x 11 Spielworte (55): Bäume, Namen, Bleistift II
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum vierundfünfzigsten Mal.
Eine Idee, die so lange trägt und jedes Mal wieder bezaubert ist ein nicht alltägliches Geschenk. Für uns alle.
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Spielwort: Bäume
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Verwirrte Bäume blühten verfrüht, man konnte die Bilder vom All aus online sehen.
– Ben Lerner: Abschied von Atocha
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Manche dieser Bäume waren so alt, daß die Stämme bis hinunter zu den Wurzeln gespalten waren, und jede Hälfte folgte den Windungen der anderen wie Partner in einem walzertanzenden Wald, und der aufgehende Mond, der oben in den silbernen, lanzenförmigen Blättern hing, hatte all das Wirbeln und Kreisen eingefroren.
– Patrick Leigh Fermor: Die Violinen von Saint-Jacques
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Der Baum, auf den mein Vater geklettert und von dem er gefallen war, mußte schon vor vielen Jahren gefällt worden sein.
– Alexi Zentner: Das Flüstern des Schnees
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Aus irgendeinem Grund wollte er nicht draußen an einem Baum Wasser lassen.
– Ethan Coen: Die Söhne
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Die Eiche war der Baum, den Thor besonders gern traf und in Brand setzte.
Sam Shepard: Donars Tag
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Von dem blattlosen Baum hingen ein paar ausgeblichene Tüten herab. Traurige Früchte. Ausgestopft waren sie vermutlich mit weiteren Tüten.
– Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla
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Ich habe Yoko Ono im Fernsehen gesehen, sie hatte eine Ausstellung mit Bäumen, die aus Särgen wachsen. Es muß doch langweilig sein, ein Baum zu werden, da die Bäume eigentlich aussehen, als würden sie einfach nur aufrecht stehen.
– Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich
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Kurz darauf begann sie dann, von etwas ganz anderem zu reden: davon, daß im Hof ein Apfelbaum wuchs, an einem Platz, an dem das eigentlich überhaupt nicht möglich war.
– Joel Haahtela: Die Liebenden von Helsinki
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Ein vollständiges, hundert Jahre altes Service mit Chinamuster, das wächst ja nicht auf Bäumen.
– Scott Bradfield: Die Leute, die sie vorübergehen sahen
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Sie hat den Baum betrachtet, der so groß und dick ist, daß er an den Wolken befestigt zu sein scheint.
– J. M. G. Le Clézio: Der Yama-Baum
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„Ich weiß nicht“, sagte er und klang plötzlich müde. „Warum wachsen die Bäume nicht in den Himmel?“
– David Sedaris: Zahnärzte ohne Grenzen
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Spielwort: Namen
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Menschen glaubten an Namen, hielten sich an Namen fest. Das Benennen der Welt war ein erster Schutz.
– Angelika Overath: Unschärfen der Liebe
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Auch ihr Name war ein Zeichen. Es war der Name des lichten Staubs, den sein Großvater in seinen Kaffee gelöffelt hatte.
– Lisa Taddeo: American Girl
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Manchmal knotet sie ihr Bündel auf und drückt die Kleidung an sich, aber meistens sagt sie nur ihre Namen auf, immer und immer wieder, wie ein Gebet.
– Anna Hope: Der weiße Fels
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„Lastotschka“, sagten alle zu mir, und es gab kein Messer auf der Welt, das diesen Namen hätte von mir abtrennen können.
– Tatiana Tabuleac: Der Garten aus Glas
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So plötzlich mit Namen angesprochen, versteifte ich unwillkürlich und wollte einen Schluck Kaffee nehmen, der aber so schwarz und heiß aussah, daß ich statt dessen an meinem Wasser nippte.
– Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht
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Einmal habe ich meinen Mann im Schlaf mit dem Namen des Präsidenten angesprochen, und es blieb nicht nur bei diesem einen Mal.
– Gala Uzrjurtowa: Dummerchen
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Haben Italiener nicht alle solche Namen, angefüllt mit der Schönheit kleiner Arien?
– Wolf Wondratschek: Giotto
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Die Dicke nannte meinen Namen, als wäre er ein schlecht gestopftes Loch in einem Strumpf, und wies eines der Mädchen an, mir die perfekte Kartonfaltung zu zeigen.
– Angelika Klüssendorf: Risse
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Dann reichte er dem Mann ein Pflaster und strich den Namen auf seiner Liste durch.
– Ralf Rothmann: Im Frühling sterben
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Überhaupt wurden alle Namen verworfen, aus denen die Leute ganz selbstverständlich etwas anderes machten.
– Hilary Mantel: Eingeschläfert
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Was ist ein Name? – Ein Name ist ein Oxymoron aus nur einem Wort.
– Michael Köhlmeier: Wir Turmbaumeister
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Spielwort: Bleistift II
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Wahrscheinlich ist das unerheblich, aber ich finde, seine Träume kann man am besten mit einem kurzen Bleistift aufschreiben.
– Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
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Sie sind begabt, manche sogar berühmt, aber sie zeichnen nicht gern, sie mögen auch den Geruch von Bleistiften nicht.
– Tommy Wieringa: Nirwana
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Wann haben wir das letzte Mal das Schnurpseln eines Bleistiftes im Anspitzer gehört?
– Max Goldt: Offener Brief an Theo Waigel
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Im Zimmer auf und ab gehend, kam ihr alles Mögliche in den Sinn; sowie sie den Bleistift ergriff, waren die Gedanken und Einfälle verschwunden.
– Anna Enquist: Die Seilspringerin
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Dann fiel mein Blick auf einen Pfeil, der auf dem Boden lag, und ich hob ihn auf, aber es war nur ein Bleistift.
– Vigdis Hjorth: Wiederholung
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Einmal nahm ich auch einen Bleistift und stach ihn so fest in meine Wange, daß ein grauer Punkt neben meinem Mund zurückblieb, ein kleiner Fleck, der noch heute zu sehen ist.
– Karolina Ramqvist: Brot und Milch
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Danke, sagte ich damals, während sie den Bleistift hinter das Ohr schob, wie sie es früher als Verkäuferin gemacht hat.
– Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten
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Jetzt werde ich den Bleistift wechseln, denn ich fürchte, daß mich das Schreiben ermüden wird, dabei will ich viel schreiben.
Nijinsky: Tagebücher 1919
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Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb „Hier ruht –“.
– Franz Kafka: Ein Traum
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Sie berührte den toten Körper nicht, sondern griff nach einem Bleistift, den sie in der Erde zu ihren Füßen befeuchtete, und zeichnete ihre tote Großmutter auf ein Stück Papier.
– Amanda Sthers: Cafè Sospeso
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Aber der Bleistift des Dichters lädt uns ein, nicht alles zu glauben, was der Tod sagt.
– Claudio Magris über Michael Krüger im Corriere della Sera
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Hinweis: Noch erhältlich sind einige Exemplare von Micromegas 2, ein experimentelles Werkstatt-Projekt von Felix Hofmann und Ingrid Mylo, nicht im Buchhandel zu bekommen. Essays, Erzählungen, Gedichte. Kartoniert mit Schutzumschlag / Feines Papier / Handgebunden / 64 Seiten. Limitierte Auflage. Preis: 17 Euro (inkl. Porto). Mail an: hofmann(at)micromegas.de

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen
ménage à trois (47): Feuer, Gesetz, Worte III
ménage à trois (48): Hände, Geschmack, Nachricht
ménage à trois (49): Kunst, Unterwäsche II, Geräusch
3 x 11 Spielworte (50) – Blumen, Idee, Dinge II
3 x 11 Spielworte (51) – Tisch, Schicksal, Früchte
3 x 11 Spielworte (52) – Brot, Zeichen, Gesicht
3 x 11 Spielworte (53) – Platz, Wetter, Augen II
3 x 11 Spielworte (55) – Telefon II, Geruch, Kondom

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.
Und siehe aus 2025 von ihr bei uns:
Morgen für Morgen. Wie weiterleben, wenn der Allernächste gestorben ist?
Siri Hustvedt, Tove Ditlevsen und das Leben nach dem Wir










