3 x 11 Spielworte (47): Feuer, Gesetz, Worte III – von Ingrid Mylo
Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. – Von Ingrid Mylo. Dieses Mal schon zum siebenundvierzigsten Mal.
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Spielwort: Feuer
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
Ich sitze da und starre ein bißchen ins Feuer, und unweigerlich denke ich dann an ein Bild in einem Jules Verne-Buch: einer der am Kaminfeuer sitzenden Herren redete so aufgeregt, daß sein Holzbein beinah Feuer fing.
– S. Montag: Das Leben der Häuser
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Das Feuer – als ich davon las, was im Heim geschehen war, dachte ich bei mir, daß das Feuer eine Läuterung gewesen war, mindestens ebenso sehr wie eine Zerstörung.
– Amy Hempel: Wolkenland
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Die Flammen fast reglos, fast wie nicht echt, sie sehen aus wie ein einbalsamiertes Feuer.
– Fleur Jaeggy: Ich bin der Bruder von XX
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Sie selbst war nur wieder eine arme Kleinbürgerin; sie fror, denn das Feuer brannte schlecht; nur das war wirklich.
– Julien Green: Treibgut
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Ich sag zu ihm // dem Mann, // der da steht – // ja – kannst Du // denn kein Feuer anzünden?
– Paula Ludwig: Ein Traum
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Er saß eine lange Zeit in dem Sessel und wartete darauf, daß das Feuer wuchs, und währenddessen schaute er zu, wie John Ferguson sich im Schlaf hin und her wälzte.
– Carys Davis: Ein klarer Tag
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So viele Flüche hatte er noch nie aneinandergereiht, und er hoffte, die Katzen horchten auf und zitterten in Angst vor dem Feuer, das er auf ihre räudigen Köpfe würde hinabregnen lassen.
– Calan Wink: Big Sky Country
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Mich braucht keiner: mein Feuer braucht keiner, weil man darauf keine Grütze kochen kann.
– Maria Zwetajewa in ihrem Notizheft am 14. Mai 1932, zitiert in Ilma Rakusa: Wo bleibt das Licht
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„Es gibt keine Widersprüche, nur das Feuer, das inmitten der Netzwerke brennt, die aus ihnen gemacht sind.“
– Pope L., zitiert in Maggie Nelson: Kunst und Grausamkeit
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Diese Feuer brennen in meiner Erinnerung noch immer, mir scheint, gerade in diesem Augenblick, ich gehe gern nahe an ihnen vorüber.
– Philippe Jaccottet: Der Kirschbaum
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Man kommt nie dahinter, was es mit dem Beobachten von Feuer auf sich hat.
– David Markson: Wittgensteins Mätresse
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Spielwort: Gesetz
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
„Deine Geburt an einem Mittwoch hat nichts weiter zu bedeuten“, sagt der junge Mann präzise und emotionslos, als erläutere er ein unumstößliches Gesetz.
– Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
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Ich wendete das Gesetz an und ging damit besonders sorgfältig um, weil ich seit heute morgen eine extrem penible Beziehung zur Wahrheit unterhielt.
– Anna Gavalda: Meine Kraftpunkte
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Verstieß einer von ihnen gegen das Gesetz, wurde ihm links und rechts der Wirbelsäule je ein Streifen Haut abgezogen.
– Rachel Kushner: See der Schöpfung
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Da ich noch grübelte über das grausame Gesetz, dem zwei junge Menschen sich freudig gefügt hatten, erspähte auch mich der Vogelgeist.
– Paula Ludwig: Grüne Sterne
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Ich glaube, der Wahnsinn ist nicht mehr weit, wenn man feststellt, daß es Gesetze gegen die Liebe gibt, gegen die Existenz von Menschen und Tatsachen, nicht um gutes Verhalten zu fördern, sondern um eine tödliche Kälte zu erzeugen.
– Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen
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Als meine Mutter erkannte, daß der Frau nicht beizukommen war, führte sie sie zu meinem Vater, der sofort auf das Gesetz zu sprechen kam.
– Isac Bashevi Singer: Das Opfer
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Zu den ungeschriebenen Gesetzen, an die sich jedermann hält, zählt folgendes: „Wer zugibt, daß es eigentlich ganz schön schwierig ist, einen Kleiderschrank von Ikea zusammenzubauen, macht sich lächerlich.“
– Max Goldt: Stinkvans tötet die Theaterstimmung
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Wo war das Gesetz, das ihr verbot, diesen großen, seiner selbst so unsicheren Burschen an sich zu ziehen?
– Julian Green: Treibgut
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Die Erkenntnis, notwendig einem Gestz unterworfen zu sein, das keine Ausnahmen kennt, schenkt mir in kostbaren Augenblicken ein Gefühl des Glücks.
– Urs Widmer: Reisen an den Rand des Universums
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„Das ist sowas wie – wie dieses physikalische Gesetz – weißt du? – daß die Stärke der Reaktion entsprechend der … der … was auch immer. Gibt es nicht irgend so ein Gestz?“
– Deborah Eisenberg: Rafes Mantel
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Dies ist das Gesetz: nichts ist, wenn je etwas war, nichts wird sein.
– Gottfried Benn: Weinhaus Wolf
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Spielwort: Worte III
Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo
(…) die Worte finden wieder ihre Anmut, und plötzlich münden Alltag, Regen und Durchschnittstemperatur in Poesie.
– Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick
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Wir lächelten verlegen, während unsere Worte wie Barbecuesauce in einer Waschmittelwerbung auf ein blütenweißes Tischtuch tropften, ein unfreiwilliges Mischgeschick in Zeitlupe.
– Jonathan Letham: Als sie über den Tisch kletterte
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Wie hätte ich wissen können, daß Worte, an die ich mich noch nicht einmal erinnerte, mich an den Fußgelenken packen und zu Fall bringen würden?
– Kim Hye-Jin: Ein menschlicher Fehler
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Ich wußte, daß ich einem verqueren Impuls nachgab, wenn ich die Worte ihrem wahren Ausgangspunkt davongaloppieren ließ, doch ich konnte nicht anders.
– Marian Jarre: Weit entfernte Väter
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Sie wünscht sich, daß die Worte, die aus ihrem Mund kommen, eine Konsistenz und eine Form wie kleine, feine Kekse hätten.
– Gu Byeong-Mo: Frau mit Messer
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Kein Wort findet sich häufiger unter Napoleons Aussprüchen über politische und strategische Lagen als das etwas vulgäre „die Birne ist noch nicht reif.“
– Gottfried Benn: Zum Thema Geschichte
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Dies fast vergessene Wort muß von jenen Höhen zu mir gekommen sein, als das ganz schwache Echo eines mächtigen, glücklichen Gewitters.
– Philippe Jaccottet: Das Wort Freude
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Er sprach aufgeregt, seine Hände zitterten, und in den Augen spiegelte sich die Angst vor den bloßen Worten.
– Ivo Andric: Das Fräulein
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(…) denn schließlich konnte man nie wissen, wann einem das richtige Wort einfallen würde; immer bestand die Möglichkeit, daß man es, wenn man es nicht sofort aufschrieb, wieder vergaß.
– Carys Davies: Ein klarer Tag
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Uns widerstrebt die Vorstellung, zu einer Handvoll Staub zu werden, also wünschen wir uns statt dessen, zu Worten zu werden. Atem im Mund anderer.
– Margaret Atwood: Zwei verbrannte Männer
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Bringe Worte in die richtige Reihenfolge und du kannst Folgendes damit erreichen: den Bann brechen.
– Roisín O’Donnell: Nest
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Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft
ménage à trois (27): Bier, Eulen, Wünsche
ménage à trois (28): Arme, Moment, Bleistift
ménage à trois (29): Fliegen II, Brunnen, Gedächtnis
ménage à trois (30): Messer, Leben II, Engel
ménage à trois (31): Sachen, Licht, Knochen
ménage à trois (32): Krähen, Muster, Katastrophe
ménage à trois (33): Hände II, Lachen, Spuren
ménage à trois (34): Handtuch, Blau, Treppe
ménage à trois (35): Mond, Eimer, Zufall
ménage à trois (36): Fotos, Gefühle, Zahnbürste
ménage à trois (37): Zwiebeln II, Fragen, Strümpfe
ménage à trois (38): Haare, Seele, Sand
ménage à trois (39): Taschentuch, Eier, Punkt
ménage à trois (40): Zunge, Schweigen, Tür
ménage à trois (41): Lippen, Fehler, Huhn
ménage à trois (42): Problem, Sommer, Gedicht
ménage à trois (43): Anfang, Birnen, Stimme
ménage à trois (44): Fragen II, Kuh, Entscheidung
ménage à trois (45): Spiegel, Wolken, Antwort
ménage à trois (46): Mund, Leiche, Rosen

Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.
In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.












