
Dietrich Leder: Crime im TV (49) – Doch mal überrascht
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Ein Titel-Verzeichnis der Kolumnen findet sich am Ende dieses Beitrags.
Mitunter wird man vom durchformatierten Fernsehen doch noch überrascht. An einem Freitagabend (23. Oktober 2026) zunächst ins Erste Programm geschaut, in dem eine Folge von „Kanzlei Liebling Kreuzberg“ lief. Das ist eine Fortsetzung der legendären Serie „Liebling Kreuzberg“, die Jurek Becker Mitte der 1980er-Jahre für seinen Freund Manfred Krug erfand und für die der Schriftsteller die ersten Folgen schrieb. Legendär ist ein Begriff, den ich ungern verwende, weil er mittlerweile für alles und jedes angewandt wird. Hier erscheint er mir allerdings berechtigt, weil die Anwaltsserie bei all der Konventionalität ihrer Fälle und Lösungen etwas vorwegnahm, von dem man zu Produktionsbeginn nicht ahnen konnte: die deutsche Wiedervereinigung, die zugleich die Wiedervereinigung der geteilten Stadt bedeutete.
Becker und Krug waren kurz nacheinander in Folge der Biermann-Ausbürgerung aus der DDR in den Westen gegangen, was ihnen als bekannten Künstlern anders als allen anderen DDR-Bürgern gestattet wurde. In ihrer westdeutschen Serie war die Mauer visuell stets präsent, und Krug als Anwalt namens Liebling berlinerte so, wie sie damals auf beiden Seiten der Grenze sprachen; eine Gemeinsamkeit unter mehreren, von denen damals nur wenige im Osten wie im Westen etwas wissen wollten. Die Serie hatte Witz und Charme und verriet etwas von dem Lebensgefühl in jenem Kreuzberg, das an die Mauer grenzte.
Doch wer noch eine vage Erinnerung an vor allem die Folgen der zweiten bis vierten Staffel hat, die Werner Masten inszenierte, der muss von der 2024 gestarteten Wiederbelebung enttäuscht sein. Das liegt weniger am Personal, denn gerade Gabriela Maria Schmeide, die nun die Chefin der Rechtsanwaltskanzlei in Kreuzberg spielt, hat in der Serie „Tina mobil“ (2021) bewiesen, dass sie ebenso charmant und witzig sein kann wie der 2016 verstorbene Manfred Krug, Doch leider fehlt es den Drehbüchern an Überraschungen und Pointen; die Folgen ähneln so der soliden, aber kreuzbraven Anwaltsserie „Die Kanzlei“, die von der ARD dienstags ausgestrahlt wird.
Das ZDF wiederum bot die Krimi-Serie „Jenseits der Spree“ mit Jürgen Vogel und Aybi Era als leitende Kriminalbeamte auf. Allerdings ließ schon der Einstieg jegliches Interesse erlahmen: In Zeitlupe spielen bei schönstem Wetter Mutter, Vater und Sohn miteinander, ehe der Gatte einen bösen Blick auf die Ehefrau wirft, die sich zu einem Telefonat, bei dem sie versonnen lächelt, separiert hat, ehe sie unvermittelt auf einer Parkbank sitzt, und die Kamera im Zurückfahren zeigt, dass ihr ein Messer in den Bauch gestoßen wurde. Die Folge war mit „Schein und Sein“ überschrieben. Aha.
Also zu Arte weitergeschaltet, wo ein französischer Fernsehfilm nach den ersten Minuten eine gewisse Spannung und eine besondere Stimmung verhieß, dass wir zur Mediathek wechselten und dort von Anfang an schauten. (Ein Vorteil der Mediatheken.) „Ein unmöglicher Zufall“ (im Original „Impossible“) von Emmanuel Finkiel, der auch das Drehbuch nach dem Roman des italienischen Schriftstellers Erri de Luca schrieb, erzählt von einem rätselhaften Todesfall in den französischen Alpen. Der Bergwanderer Armando Fioriano (Enrico Di Giovanni) stürzte, als er eine schmale Passage passierte, ab und fiel in die Tiefe. Kurz darauf gelangt Enzo Tovoli (Fabrizio Bentivoglio) an die Stelle des Absturzes. Er hatte zuvor einen Schrei gehört, sieht nun den Körper in der Tiefe liegen und ruft sofort die Bergrettung. Als er am nächsten Tag aus der Bergregion abreisen will, wird er unvermittelt zum jungen Untersuchungsrichter Dorieu (Swann Arlaud) gerufen. Das irritiert Tovoli, einen sportlicher Mann Anfang siebzig, sichtlich; er hatte der Gendarmerie schon all seine Beobachtungen mitgeteilt. Das, was er berichtete, stimmt mit dem überein, was der Film zu Beginn zeigte.
Den Richter hatte etwas stutzen lassen. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass sich der Tote und der Zeuge kannten. Entscheidender noch, dass Fioriano vor vielen Jahren in einem italienischen Strafprozess gegen Tovoli ausgesagt hatte, so dass dieser verurteilt wurde und mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte. In den sich über mehrere Tage hinziehenden Vernehmungen schält sich heraus, dass beide gleichaltrigen Männer den Roten Brigaden angehörten, die in Italien der 1970er-Jahre erst mit militanten Aktionen, dann mit Entführungen und Ermordungen die politische Ordnung stürzen wollten. Beide lösten sich wohl nach 1978 von der Terrorgruppe, nachdem der ehemalige Ministerpräsident Aldo Moro entführt und dann nach mehreren Wochen erschossen worden war.
Firoiano nahm das Kronzeugen-Angebot der italienischen Justiz an und gestand. Tovoli verweigerte die Aussage und ging ins Gefängnis. Beide siedelten später nach Frankreich über, wo einige ihrer alten Gesinnungsgenossen so etwas wie politisches Asyl unter dem Staatspräsidenten Mitterand erlangt hatten. Dass das der französischen Justiz nicht gefiel, merkt man dem Untersuchungsrichter an, der Tovoli mit immer neuen Dokumenten zusetzt. Doch der verweigert sich lange den Fragen, erklärt die Begegnung der alten Bekannten im Gebirge als reinen Zufall und akzeptiert selbst den Pflichtverteidiger nicht, der ihm zugeteilt wurde.
So entwickelt sich ein rhetorisches Duell, in dem der eine den anderen mit immer neuen Erkenntnissen überraschen will, während der andere daraufsetzt, dass man ihm nichts beweisen könne. Kurze Rückblenden klären knapp über die historischen Ereignisse auf. Hinzukommen Erinnerungen von Tovoli an seine Frau, an die er, während er in Untersuchungshaft sitzt, fast jeden Tag einen Brief schreibt. Die beiden Männer nähern sich in ihren langen Gesprächen unmerklich an. Der Jüngere beginnt zu respektieren, wie der Ältere über seine politische Geschichte spricht. Der Ältere rückt von seinem Bild einer unerbittlichen Justiz ab, das sich in der Zeit der Prozesse und der Haft herausgebildet hatte. Allmählich stellt sich heraus, Tovoli und Fioriano seit der Kindheit befreundet waren, dass sie schon damals auf Berge stiegen und auch die Stelle des Absturzes schon seit vielen Jahren kannten.
Der Richter lässt Tovoli, dem er nichts nachweisen kann, auf einmal überraschenderweise gehen. Der Film folgt dem Mann in seine Wohnung, in der aber nicht wie erwartet seine Frau lebt; es stellt sich heraus, dass sie vor Jahren gestorben ist. Die Briefe, die er schrieb, waren Zwiesprache mit einer Toten.
Der Film hat seine Schwächen. Er verkürzt den komplexen historischen Hintergrund, idyllisiert vielleicht auch die Geschichte der linken Militanz und heroisiert das Schweigen über eine Zeit, über die mehr zu erfahren doch wichtig wäre. Aber ihm gelingt es immer wieder, die Zuschauer in den Zweikampf zwischen den beiden Männern hineinzuziehen. Das liegt auch an den beiden Darstellern, die ihre antagonistischen Rollen mit Individualität ausstatten. In den besten Momenten erinnerte er hier an den grandiosen Film „Das Verhör“ (Garde à vue) von Claude Miller aus dem Jahr 1981, in dem Lino Ventura als Kommissar Michel Serrault als Verdächtigten befragt, während draußen als dessen Ehefrau Romy Schneider auf den Ausgang der Vernehmung wartet
Die langen Dialogszenen im kleinen Raum der Justizbehörde werden kontrastiert mit den Landschaftstotalen der Bergwelt, die so ihre eigene Faszination entwickelt. Visueller Höhepunkt ist die Szene, in der sich der sichtlich unsportliche Richter traut, den Kletterweg der beiden Männer mit einer erfahrenen Bergsteigerin nachzugehen. Der Film endet offen. So wie der Richter wissen auch, die den Film sahen, nicht, was an jenem Tag am Berg geschah. Dieses offene Ende brüskiert die aus vielen, zu vielen Fernsehkrimis entstandene Erwartung, dass sich stets alles aufklärt. Und auch das zeichnet diesen Film aus.
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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:
Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket
Crime im TV (19): Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart
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Crime im TV (21): Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“
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Crime im TV (32): Tatort: Die große Angst
Crime im TV (33): Beispiel „Tatort“ Hannover: Wie die Inszenierung KI-basierter Fahndungstechnik die eigene Technikgeschichte verdrängt
Crime im TV (34): Warum sind Fernseh-Krimis so beliebt?
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Crime im TV (36): Selbstreflexion in Buch & Film – Ein kleiner Ausflug, z.B. Andrea Camilleri
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– Dietrich Leders Texte bei uns hier.
– Im Jahresrückblick 2023 gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier. 2024 gab es als Extra einen Vortrag, den er in Duisburg gehalten hat: »Europa, der deutschsprachige Dokumentarfilm der letzten 40 Jahre und ein blinder Fleck«.
Bei „Gespenster der Freiheit“ hat er Ende letzten Jahres unser Magazin porträtiert: Kulturelle Bewusstseinserweiterung. Das Online-Magazin CulturMag/CrimeMag
Anm. März 2026: Sein sehr informativer Nachruf auf Alexander Kluge im Filmdienst: Je näher, desto ferner




























