Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024, News

Dietrich Leder seziert Crime im TV (21): »Tatort: Reifezeugnis«

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Zum „Tatort: Reifezeugnis“ (1977) und den Nacktszenen mit „Nastassja Kinski“

Mitte Februar 2024 wurde bekannt, dass die Schauspielerin Nastassja Kinski durch einen Rechtsanwalt den Norddeutschen Rundfunk (NDR) aufgefordert habe, Szenen aus dem „Tatort: Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 zu entfernen, in denen ihr Oberkörper nackt zu sehen wäre. In den Artikeln, die sich auf diese Aufforderung bezogen, wurde eben diese Ausgabe der ARD-Krimi-Reihe als einer der besten bezeichnet, die je gezeigt worden wären. Tatsächlich wurde dieser „Tatort“ mit Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) regelmäßig wiederholt, obgleich er im damals gängigen 4:3-Format gedreht worden ist und also bei heutiger Ausstrahlung auf den 16:9-Bildschirmen links und rechts einen schwarzen Balken aufweist.

Doch seine Wiederholungsdichte und seinen Ruhm verdankt „Reifezeugnis“ nicht einer besonderen Qualität seiner kriminalistischen Erzählung. Denn er ist beispielsweise noch nicht der beste der sieben „Tatort“-Folgen, die der NDR mit Schwarzkopf als Finke von 1971 bis 1978 produzierte und für die Herbert Lichtenfeld die Drehbücher schrieb. Sechs dieser Folgen inszenierte Wolfgang Petersen, der von NDR-Fernsehspielchef Dieter Meichsner unmittelbar nach seinem Studienabschluss an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) als Regisseur engagiert worden war. Die siebte und letzte Folge „Himmelfahrt“ übernahm als Regisseur Rainer Wolffhardt.

In diesen sieben Folgen ermittelt Kommissar Finke im Norden von Schleswig-Holstein und stets in der Provinz. Die Verbrechen, die er aufzuklären hat, ereignen sich an den Rändern kleiner Städte und in verstreut liegenden Dörfern, die er in der Start-Folge „Blechschaden“ folgendermaßen beschreibt: „Elf Gehöfte, drei Hunde und ein lahmer Gaul“. Die Filme nehmen sich Zeit, die Landschaft zu erkunden. Mal schwenkt die Kamera den Horizont ab, mal durchfahren Autos kurvige Landstraßen und lang gezogene Alleen, mal geht es durch eine Moor-, dann wieder über eine Weidelandschaft. Diese Darstellung des Naturraums erinnert gelegentlich an amerikanische Western etwa von John Ford, auch wenn es der norddeutschen Landschaft an der Weite oder Höhe etwa des Monument Valley gebricht.

Ebenso viel Zeit nehmen sich die Filme, um die soziale Struktur dieser Dorf- und Kleinstadtgesellschaften zu erfassen. Wolfgang Struck überschrieb seinen Artikel im Buch „Ermittlungen in Sachen TATORT“, das 2000 in Berlin erschien, mit den Worten „Kommissar Finke und die Ethnografie der Provinz“. Tatsächlich wirken Finke und sein jeweiliger Assistent (zunächst Wolf Roth und in den letzten beiden Folgen Rüdiger Kirschstein) wie Ethnografen, die in einem ihnen unbekannten Land die Sitten und Gebräuche zu verstehen lernen. Sie unterscheiden sich schon durch Sprache, Habitus und Kleidung von den Einheimischen, die mitunter ein kaum verständliches Plattdeutsch sprechen. Von ihnen werden sie kritisch beäugt, selbst von denen, die bei den Ermittlungen nichts zu befürchten haben. So kämpfen die Kriminalbeamten zunächst einmal um die notwendige Anerkennung, ohne die man ihnen nichts anvertraute. Erst als sie die Strukturen von Macht und sexuellen Beziehungen zu durchschauen beginnen, teilen sich ihnen manche der Bewohner mit. Und nun dämmert den Ermittlern, dass vieles anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint.

Denn die Verhältnisse sind unübersichtlich: In „Blechschaden“ (1971) beispielsweise betrügt ein Bauunternehmer (Friedrich Schütter) mit einer jungen Geliebten (Eva Astor) seine Frau (Ruth Maria Kubitschek), die ihrerseits ein Verhältnis mit einem Mitarbeiter ihres Mannes (Götz George) unterhält, der seinerseits ein junges Mädchen (Monia Kaufmann) mit Hinweis auf seine Kontakte in die Filmindustrie verführt. Als Finke dieses verwickelte Verhältnis, dem die Kamera immer mal wieder Blicke auf die Frauenkörper abgewinnt, durchschaut hat, ist die Lösung des Falls kein großes Problem mehr. Allgemeiner gesagt: In den Filmen mit Finke geht es oft um jene neue Promiskuität, die in der Bundesrepublik seit Ende der 1960er-Jahre einzog und die kleinbürgerlichen Verhältnisse gewaltig erschütterte.

Dass mit aber der neuen Libertinage kein Reich der Freiheit anhob, sondern dass in ihr klassische Herrschaftsstrukturen fortexistierten, erzählt die Folge „Jagdrevier“ (1973), in dem sich der reichste Mann des Dorfes (Walter Buschhoff), dem viele Grundstücke des Dorfes gehören, als Vergewaltiger und Gewalttäter entpuppt. Gegen ihn rebelliert allein ein junger Mann (Jürgen Prochnow), der den Tod seiner Freundin rächen will, die Opfer dieses Mannes wurde. Am Ende des Filmes dreht sich die Bedrohungslage: Nun jagt der Immobilienbesitzer mit einem Mitarbeiter den jungen Mann, der aus einem Gefängnis entflohen war und sich in heruntergekommenen Scheunen versteckte. Es kommt zu einem Showdown, zu dem als dritte Partei Finke und sein Kollege hinzustoßen. „Jagdrevier“ war nach dem Kinofilm „Zoff“ von Michael Lentz (Drehbuch) und Eberhard Pieper (Regie) die erste große Rolle von Jürgen Prochnow, der den wortkargen Rächer mit einer für den damaligen „Tatort“ ungewöhnlichen physischen Präsenz spielte.

Auch „Reifezeugnis“ handelt von der neuen Promiskuität. Dass ihr Mann (Christian Quadflieg) ein Verhältnis mit einer 17jährigen Schülerin Sina (Nastassja Kinski) begonnen hat, stört seine Frau (Judy Winter) weniger als die Vorstellung, sie könne ihn deswegen verlieren. Sie, die an derselben Schule wie ihr Mann unterrichtet und auch Lehrerin von Sina ist, stört sich nicht daran, dass hier ein Lehrer ein Verhältnis mit einer noch nicht volljährigen Schülerin unterhält, was nicht nur arbeitsrechtlich problematisch ist. Aber diese Rechtsfrage stellen sich noch nicht einmal Finke und sein Kollege, die den Tod eines Klassenkameraden des Mädchens aufklären sollen. Dieser hatte Sina und den Lehrer beim Sex im Wald beobachtet. Nun versucht er sie mit seinem Wissen zum Beischlaf zu erpressen. In ihrer Not erschlägt Sina den Jungen und schiebt die Tat einem gesuchten Serienvergewaltiger unter.

Doch für die polizeiliche Aufklärung dieses Totschlags interessiert sich der Film weniger als für die sexuellen Verhältnisse. Schon unter den Anfangstiteln, die mit der Hand geschrieben sind, als seien sie von Sina selbst, gesteht diese im Off dem Tagebuch ihre großen Liebe zum Lehrer. Im Bild dazu ist ein Schulhof von oben zu sehen. Dann nähert sich die Kamera allmählich einer kleinen Gruppe von Schülerinnen und Schülern an, zu der Sina hinzutritt; schon hier wirkt sie wie eine Traumwandlerin, die in ihrer eigenen Welt lebt. Später wird sie dem Geliebten ihren Lebenstraum enthüllen, dass sie auch Lehrerin werden und spätestens als „Assessorin“ ein Kind von ihm bekommen wolle. In der Abwesenheit ihrer Eltern will sie ihn zuhause empfangen und deckt auf das lieblichste eine Kaffee-und-Kuchen-Tafel. Ein kleinbürgerliches Idyll, das dem promiskuitiven Lehrer wie ein Schrecken anmutet. Es ist diese den Titel „Reifezeugnis“ kompromittierende Naivität, die Sina jünger wirken lassen, als sie im Film sein soll. Das funktioniert, weil die Darstellerin Nastassja Kinski damals erst 15 Jahre alt und damit um zwei Jahre jünger als die darzustellende Person war.

Der Blick des Beobachters © Tatort Reifezeugnis, 1977

Bei der ersten Sexszene mit dem Lehrer wird aus der Distanz gezeigt, wie sie ihre Bluse auszieht. Es ist eine Art von subjektiver Einstellung, weil mit ihr der Blick des Klassenkameraden dargestellt werden soll. Der Blick der Zuschauer am Fernsehgerät auf den nackten Oberkörper des Mädchens wird also durch den Blick einer Figur des Films legitimiert. Und vielleicht ist es genau das, was diesen Liebes- und Sexkitsch eines jungen naiven Mädchens und eines erfahrenen Lehrers, dem Quadflieg mit mimischem Engagement so etwas wie Sensibilität verleihen möchte, auszeichnet: Dass man ihm unbescholten beiwohnen darf. Mit Nabokovs Romanfigur „Lolita“ oder deren Darstellung in Kubricks gleichnamigen Kinofilm hat die Sina von „Reifezeugnis“ denn auch wenig gemein, so fehlt ihr deren Verführungskraft.

Der Totschlag in der Bedrängnis © Tatort Reifezeugnis, 1977

Der Skandal, der durch die Klage von Nastassja Kinski deutlich wird, besteht denn auch nicht in dieser filmischen Darstellung, sondern in der Art und Weise, wie sie zustande kam. Die Schauspielerin berichtete, dass sie bei den Dreharbeiten von keinem Elternteil oder einem Erziehungsberechtigten begleitet worden sei. Bei einem Protest gegen die Nacktszenen oder manche Teile von ihnen wäre sie also von niemanden unterstützt worden. Da es hier sich um eine Hausproduktion des NDR handelt, kam der Sender, um das mindeste zu sagen, seiner Fürsorgepflicht der jungen Darstellerin gegenüber nicht nach. Er sollte deshalb heute die Nacktszenen herausschneiden, was auch ohne große erzählerische Verluste geht. Bei der Gelegenheit könnte man gleich auch die Szene entfernen, in der eine schlechte Maske behaupten will, dass Sinas Gesicht von Tränen überströmt sei, die aber nur wie Kleister aussehen.

Manches, was im Zuge der Berichterstattung über die Klage veröffentlicht wurde, ist falsch. So verdankt Wolfgang Petersen diesem Film nicht, wie manche schrieben, seine große Karriere, die ihn bis nach Hollywood führte, wo er nach vielen Jahren erfolgreicher Arbeit 2022 im Alter von 81 Jahren starb. Er hatte zur Zeit der Dreharbeiten von „Reifezeugnis“ bereits den Kinofilm „Einer von uns beiden“ (mit Klaus Schwarzkopf und Jürgen Prochnow in den Hauptrollen nach einem Kriminalroman von Horst Bosetzky, der seine Bücher unter dem Kürzel „-ky“ veröffentlichte) und viele Fernsehfilme gedreht. Von denen entstanden einige für den Westdeutschen Rundfunk und dessen Fernsehspielabteilung, die damals Günter Rohrbach leitete, der nach seinem Wechsel zur Bavaria Petersen die Regie des Kriegsfilms „Das Boot“ anbot, mit dem der Regisseur international bekannt wurde. 

Falsche Bewegung, 1975 © Wim Wenders Stiftung

„Reifezeugnis“ war nicht der erste Film von Nastassja Kinski. Sie hatte zuvor 1975 im Kinofilm „Falsche Bewegung“ mitgespielt, den Wim Wenders nach einem Drehbuch von Peter Handke inszenierte. Hier verführt sie als ein Mädchen namens Mignon mit nacktem Oberkörper einen angehenden Schriftsteller (Rüdiger Vogler) und spannt ihn so einer älteren Frau aus, die von Hannah Schygulla gespielt wird. In Handkes Text ist von Nacktheit nicht die Rede. Da steht nur: „Eine Ahnung von Armen, die ihn herunterziehen, von Beinen, die sich sofort um ihn schlingen. (…) Nah: das Gesicht von Mignons. Sie lächelt, als ob sie schon seit langem so lächelt.“ Das Lächeln reichte Wenders nicht.

Bei den Dreharbeiten dieses Films war Nastassja Kinski erst 13 Jahre alt; ihre Eltern sollen zweitweise am Set gewesen sein. Die Schauspielerin, die 2005 sagte, dass sie ihre Tochter in diesem Alter so etwas nicht drehen lassen würde, erwägt nach Pressemeldungen, Wim Wenders zu bitten, diese Einstellung aus dem Film zu nehmen.

Ein Reifezeugnis stellt auch dar, wie man heute mit Filmen umgeht, die unter solch problematischen Umständen entstanden.

Dietrich Leder

Seine Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
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Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
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Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
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Crime im TV (20): „Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte

Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II). Sein Jahresrückblick 2023 hier.

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