Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Dietrich Leder über abgründiges Erzählen

Georges Perec und das Gift des Originals

In dieser Zeit, in der „True-Crime-Formate“ als Podcast, als Buch, als Zeitschrift oder als TV-Serie populär sind, als sei das dort Erzählte wahrer als das, was einem fiktionale Erzählungen als Wirklichkeit vorstellen, geriet der Leser bei einer Suche auf Lesespuren der Recherche von Marcel Proust zufällig auf einen kleinen Text von Georges Perec, der einst – wie das Nachwort von Jürgen Ritte besagt – als Gabe des Verlags Hachette zum Jahreswechsel 1979 an dessen Freunde versandt wurde. Er heißt: „Die Winterreise“. 

Seine Erzählung beginnt im Sommer 1939, als ein Student der Literaturwissenschaften namens Vincent Degraël von Freunden für einige Tage in deren Landhaus, das sich in der Nähe von Le Havre befindet, eingeladen wird. Der Krieg, den die Nazis wenig später mit dem Einmarsch in Polen beginnen werden, liegt in der Luft. 

Am Tag vor seiner Abreise stöbert der junge Mann in der Bibliothek des Hauses, um ein Buch zu finden, das er im Bett noch lesen könne. Der Zufall lässt ihn nach einem Band greifen, der so heißt wie die Geschichte, in der er selbst der Held ist: „Die Winterreise“. Autor ist ein gewisser Henri Vernier. Die Rahmenhandlung des Buches besteht aus einer trivialen Mystery-Geschichte. Spannender ist der Hauptteil, den der Erzähler als „eine lange Beichte von übersteigertem Lyrismus, vermischt mit Gedichten, rätselhaften Maximen, blasphemischen Zaubersprüchen“ bezeichnet. 

Je länger Vincent Degraël darin liest, desto mehr kommt ihm vieles bekannt vor und zwar aus der Geschichte der französischen Literatur, die er für seine Dissertation untersucht, die den Titel tragen sollte: „Die Entwicklung der französischen Dichtung von den Parnassiens bis zu den Symbolisten“. Dass ihm vieles bekannt vorkam, deutet er zunächst als eine „Déja-vu-Illusion“  – „(…), so wie einen allein der Geschmack eines Schluck Tees zurück nach England bringt“. Doch bald wird ihm klar, dass ihm keine unwillkürliche Erinnerung einen Streich spielte.

Es muss so sein, als spielte der Autor Vernier mit seinem Leser, indem er kopiert, zitiert, paraphrasiert, sich als Pasticcio anverwandelt, was er in den Werken anderer gelesen hatte. Denkt der Held, doch muss er maßlos verdutzt nach einem Blick ins Impressum feststellen, dass dieses Buch 1864 erschien und also schon lange existierte, als all die Texte publiziert wurden, die der Autor Vernier – wie er als Leser dachte – kopiert, zitiert, paraphrasiert und sich als Pasticcio angeeignet hätte. Der Held wittert einen „außergewöhnlichen Skandal, den die öffentliche Enthüllung dieser «prämonitorischen Anthologie« bedeuten würde“. Unter den hübschen Dingen, die diese Vorwegnahme bedeuteten, findet sich auch ein Kalauer: „(…) und selbstverständlich hatte Rimbaud an Hugo Vernier und an das gedacht, was er der Winterreise verdankte, als er schrieb: „Ich ist ein anderer“ (…).“

Der Held der Erzählung verbringt die Nacht und den nächsten Tag damit, etwa 350 Stellen im Buch zu identifizieren, die bislang als Texte von etwa 30 Autoren galten, unter ihnen die bekanntesten ihrer Zeit bis zu obskursten Dichtern, die nur wenige Eingeweihte kennen. Seine Untersuchungsergebnisse trägt er in ein Notizbuch ein, das er mit sich führt, als er am nächsten Tag das Landhaus verlässt und nach Paris zurückkehrt. Doch zu weiteren Forschungen kommt er nicht, wird er doch zum Militär eingezogen. Im Krieg verschlägt es ihn nach England.

Vincent Degraël kehrt erst Ende 1945 nach Frankreich zurück. Das Buch Verniers hat ihn die ganze Zeit während des Kriegs nicht losgelassen. Er hatte überall, wo er war, nebenbei nach dem Buch und seinem Autor Ausschau gehalten. Aber er hatte nirgendwo ein zweites Exemplar auftreiben können. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich musste er feststellen, dass das Landhaus, in dem er das Buch einst fand, bei der Bombardierung von Le Havre durch die Deutschen getroffen worden und mitsamt der Bibliothek abgebrannt war. In der Nationalbibliothek von Paris hatte sich, das lehrte seine Suche in dessen Register, als dépôt légal ein Exemplar befunden, doch das war 1926, es restaurieren zu lassen, zu einem Buchbinder gesandt worden, bei dem es aber nie ankam und also auch nicht zurückkommen konnte. 

Über den Autor Hugo Vernier erfuhr er zwar ein Geburtsdatum, aber sämtliche Unterlagen zu dessen weiterem Leben waren bei einem Brand während des 1. Weltkriegs zerstört worden. Zudem: „Eine Sterbeurkunde war offenbar nie ausgestellt worden.“ Dreißig Jahre mühte sich Vincent Degraël, der nach Abschluss des Studiums als Lehrer arbeitete, mehr über das Buch und seinen Autor Vernier herauszubekommen. Er starb, teilt der Erzähler lakonisch in der Erzählung von Perec mit, „in der Psychiatrie von Verrières“. Unter seinen Unterlagen fanden seine Freunde ein „Register, auf dessen Etikett, sorgfältig in Schönschrift geschrieben stand: Die Winterreise“. Die ersten acht Seiten schilderten das, was hier rekapituliert wurde, und „(…) die dreihundertzweiundneunzig anderen waren weiß“.

Die zufällige Lektüre der 27 kleinformatige Seiten umfassenden Erzählung von Perec musste im Oktober 2022 eine gewisse Verblüffung auslösen. Denn in den Tageszeitungen (FAZ, SZ) konnte man just zu dieser Zeit eine Geschichte verfolgen, die dem Leser des Perec-Textes bekannt vorkommen musste. Und die geht so: Wenige Monate zuvor war einem bekannten Rechtsmediziner, der in vielen Mordprozessen als Gutachter tätig war, von zwei professionellen Plagiatsjägern vorgeworfen worden, er hätte für seine Dissertation plump aus Arbeiten anderer abgeschrieben und hätte Untersuchungsergebnisse als die seinen ausgegeben, die bereits anderen Ortes publiziert worden waren. Soweit so normal und auch bekannt, nur dass die Plagiatsjäger diesmal keinen eitlen Politiker erwischten, sondern einen eher in Fachkreisen bekannten Rechtsmediziner. 

Nicht normal war auch das, was drei Monate und also im Oktober später bekannt wurde. Es kam heraus, dass die Vorwürfe darauf gründeten, dass der Rechtsmediziner sich Texte und Untersuchungsdaten allein aus einem einzigen englischsprachigen Buch angeeignet hätte. Es handelt sich um einem 1987 erschienenen Sammelband, der auf 367 Seiten die Ergebnisse eines internationalen Kongresses zusammenfasste, der in der rumänischen Hauptstadt Bukarest stattgefunden hatte. Thema des Kongresses und des Sammelbandes: Das Pflanzengift Colchicin. Das Vorwort zum Sammelband hatte die Gattin des rumänischen Staatschefs, Elena Ceausescu, verfasst. 

Das  erstaunte diejenigen, die sich auf die Spur der Plagiatsjägers gesetzt hatten, zunächst nicht, wussten sie doch, dass Frau Ceausescu einst Chemie studiert hatte, darin auch promoviert worden war und sich darob in der staatsgelenkten Öffentlichkeit der rumänischen Diktatur ihres Mannes hatte feiern lassen; vielleicht kannten sie sogar den rumänischen Chemiker, der als Autor der Doktorarbeit von Frau Ceausescu gilt. Irritiert waren sie hingegen, dass sich europaweit kein zweites Exemplar dieses Tagungsbandes auftreiben ließ. Er ließ sich in keiner wissenschaftlichen Bibliothek finden, noch war er antiquarisch zu besorgen. Zudem hatte der Mann, der das Buch an einen der beiden Plagiatsjäger via Ebay verkauft hatte, sein Konto bei dieser Verkaufsplattform erst kurz vor der Transaktion angelegt und sofort nach dieser aufgelöst und war seitdem verschwunden. 

Ihr Staunen wuchs, als sie die einzelnen Beiträge des Tagungsbandes genauer studierten, denn sie entdeckten, dass dort Erkenntnisse genannt wurden, die erst deutlich nach 1987 veröffentlicht worden waren. Desweiteren wurden Texte zitiert, die ebenfalls erst Jahre nach dem Datum verfasst worden waren, an dem die Tagung stattgefunden hatte. Zudem wurden Schrifttypen verwendet, die erst wesentlich später entwickelt und danach in Anwendung gekommen seien. Eine Abbildung stamme aus einer Wikipedia-Datei, die erst 2004 hochgeladen worden sei. Und der im Impressum genannte volkseigene Betrieb der DDR mit dem Namen „Offizin Alexander Nexø Berlin“, der den Band gesetzt und gedruckt haben soll, gab es nicht. Es existierte in der DDR zwar ein traditionsreicher Buchhersteller, der seit 1954 den Namen „Offizin Andersen Nexø“ trug. Dieser Betrieb war aber bis zu seiner Insolvenz im Jahr 2015 in Leipzig angesiedelt. In seinen archivierten Unterlagen fand sich kein Hinweis auf die Herstellung des Tagungsbandes. 

Das alles ließ nur einen Schluss zu: Der Plagiatsvorwurf gründet selbst auf einem Plagiat, für das die Untersuchungsergebnisse aus der Dissertation dessen, dem das Plagiat vorgeworfen worden war, entnommen worden waren. Jemand hatte also einen großen Aufwand betrieben, um diesen Tagungsband zu konzipieren, für ihn die Texte zusammenzustellen, ein Vorwort im Ceausescu-Style zu schreiben, das Buch im Geschmack der Zeit zu layouten und dann ein Exemplar herzustellen und dieses schließlich so in Umlauf zu bringen, dass es einem der beiden in die Hände fiel, die im Auftrag eines bis heute anonymen Mandanten die Dissertation des Rechtsmediziners auf Plagiate untersuchte und all das aufdeckte, was für ihn extra verdeckt fabriziert worden war.

Bleiben drei Fragen. Die erste lautet: Wer steckt hinter einer solchen Aktion, die enormen Aufwand verlangt? Die Antwort ist einfach und besteht in einer Gegenfrage: Cui bono? Tatsächlich stellten Strafverteidiger in einem Mordprozess, in dem der Rechtsmediziner als Gutachter tätig war, im August bereits die Frage, inwieweit das Gutachten eines des Plagiats bezichtigten Wissenschaftlers noch verwendet werden dürfe?

Die zweite heißt: Wie kann jemand, der George Perecs kleine, zudem abseitig publizierte Erzählung gelesen hat und dann konsequent als Blaupause für seinen Plagiatsbetrug nahm, wie kann also ein dergestalt ausgewiesener Leser nicht wissen, dass Martin Andersen, der sich später Nexø nannte, niemals den Vornamen Alexander trug? 

Das führt zwangsläufig zur dritten Frage: Wer vermittelte denn dann als Leser des Perec-Textes dessen Pointe als Blaupause einer Handlung an jene, die mit hohem Aufwand etwas in die Wirklichkeit setzten, also in dieser fingierten, was dort unmittelbar wirkte und den Ruf eines Rechtsmediziners zu schädigen drohte, der beruflich mit wahren Verbrechen zu tun hat? 

(Archiv Dietrich Leder)

Eine Antwort auf diese dritte Frage findet man nicht in der True-Crime-Literatur, sondern unter den klassischen, also fiktionalen Kriminalromanen. In einem dieser Texte ist Mitte der 1970er-Jahre ein gewisser Ronald Malcolm tätig. Er arbeitet zu Beginn der Handlung für eine untergeordnete und randständige Stelle der CIA. Die Aufgabe seiner Einheit besteht darin, die Weltliteratur und vor allem Kriminal- und Spionageromane nach möglichen Handlungsmöglichkeiten jener Interventionen zu durchmustern, für die sich die CIA zuständig fühlt. Es ist ein Literaturwissenschaftler wie Vincent Degraël, arbeitet also als professioneller Leser und das stürzt ihn dann in die großen Probleme, von denen der Roman lebt. Ronald Malcolm ist weniger bekannt als sein Alias-Name in der CIA-Welt. Der lautet Condor.

Es handelt sich also um den Helden des Romans „Die 6 Tage des Condor“ von James Grady, der 1974 in den USA erschien und ein Jahr später bereits auf Deutsch als Taschenbuch im Fischer-Verlag herauskam. In der Vorbemerkung des Romans schreibt Grady, dass die im Roman erwähnte CIA-Abteilung, in der Malcolm arbeitete, wirklich existiere, „obwohl vielleicht nicht mehr mit der gleichen Aufgabenstellung, wie sie hier geschildert wird“.   

Dietrich Leder

Literaturhinweise:
Hanno Charisius, Plagiatsverdacht gegen LMU-Professor nimmt erstaunliche Wende. Süddeutsche Zeitung, 13. 10. 2022. Hier online.

James Grady, Die 6 Tage des Condor. Roman (1974). Aus dem Amerikanischen von Boris und Anna Savinelli. Frankfurt am Main [Fischer] 1975. 
[Das Cover der vorliegenden deutschen Ausgabe der zweiten Auflage von 1975 ziert ein Foto des Schauspielers Robert Redford, der in der Verfilmung des Romans von Sydney Pollack, die unter dem Titel „Die drei Tage des Condor“ in eben diesem Jahr herauskam, eine seiner besten Leistungen erbrachte.]

Georges Perec, Die Winterreise (1978). Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. Mit einer Notiz von Jürgen Ritte. (=Oulipo & Co) Zürich [Diaphanes] 2018. 

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