Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Dietrich Leder seziert Crime im TV (3): Streaming-Dschungel

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, wird sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vornehmen und so sezieren, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel

Als Mitte April gemeldet wurde, dass Netflix im ersten Quartal des Jahres mehr Abonnenten verloren als hinzugewonnen hatte, stürzte die Aktie des Unternehmens innerhalb eines Tages von 325,50 € auf 206,00 € ab, verlor also um mehr als ein Drittel des Börsenwertes. So überraschend, wie der Aktiensturz andeutet, war die Nachricht vom Verlust der Abonnenten nicht. Denn in den letzten drei Jahren sind eine Reihe von Konkurrenten hinzugekommen, die mit einem ähnlichen Geschäftsmodell wie Netflix operieren, indem sie Serien und Einzelfilme produzieren lassen, die erst einmal exklusiv von Abonnenten via Streaming angeschaut werden können. Die Zuschauerinnen und Zuschauer, die nicht beliebig ihr Geld in das Vergnügen des Fernsehens stecken können oder wollen, beginnen nun zu überlegen, welches der Streamingportale ihnen den meisten Gewinn bietet und welches den geringsten. Das musste angesichts der Konkurrenz zwangsläufig zu einem Rückgang der Abonnements bei Netflix vor allem in den Ländern führen, in denen die Konkurrenten schon länger tätig sind. 

In Deutschland sind beispielsweise Unternehmen wie Peacock, hinter dem NBC steckt, Paramount+, das zu Viacom gehört, und HBO Max, das Warner Media betreibt, noch gar nicht vertreten. Deshalb sollten die Abonnementzahlen von Netflix hierzulande noch stabil geblieben sein. Dennoch ist auch in Deutschland der Markt bereits jetzt so unübersichtlich, dass bei jedem annoncierten Start einer neuen Serie das Raten beginnt, wo man diese denn sehen könne. Die vielen neuen Anbieter auch hierzulande haben dazu geführt, dass die Zahl der Produktion gerade von Serien weiter enorm angestiegen ist. Serien gelten neben dem Live-Sport, der allerdings von spezialisierten Pay-TV-Sendern wie SKY und Streaming-Diensten wie DAZN angeboten wird, als das ideale Lockmittel zum Abschluss von Abonnementverträgen, da sie ja nicht mit einem einzelnen Ereignis oder Produkt werben, sondern gleich mit einer Reihe von ihnen. 

Sich in der Menge der neuen Produktionen zurecht zu finden, ist nicht leicht. Es dürfte derzeit kaum eine oder einen geben, die oder der derzeit alle in Deutschland präsenten Streamingdienste abonniert hat, und so über einen Gesamtüberblick verfügt. Die besprochenen Serien verdanken sich also nicht einem Überblick über den Gesamtzusammenhang, sondern dem Zufall, der durch cleveres Marketing, durch bekannte Namen im Cast, durch bestimmte modische Themen oder schlicht durch das jeweilige Abonnement bestimmt wird. Hinzukommt eine Geschichtsblindheit, die schon die (mittlerweile fast verschwundene) Fernsehkritik ausgezeichnet hat und die sich nun im Umgang mit den Serien tagtäglich erweist. Um nur ein schon länger zurückliegendes Ereignis zu nennen. In den wenigsten hymnischen Kritiken der ersten Staffel der US-Serie „House of Cards“, mit der Netflix 2013 seinen Höheflug startete, verlor sich ein Hinweis darauf, dass es sich hier um eine Cover-Version des britischen Originals desselben Namens handele, das in Deutschland unter dem Titel „Ein Kartenhaus“ 1992 im Ersten Programm ausgestrahlt worden war. (Vermutlich erinnerte sich selbst in der ARD niemand an diese grandiose Mini-Serie, die man damals als Zweiteiler ausgestrahlt wurde; jedenfalls kam es nicht zu einer Wiederholung.) 

Der nachfolgende Hinweis auf die Serie „Slow Horses“ verdankt sich zum einen der Tatsache, dass Apple TV, bei dem man sie seit Anfang April sehen kann, zwar über ein schmales, dafür aber qualitativ hochstehendes Angebot verfügt; hier kann man also noch Entdeckungen machen. Zum anderen aber vor allem dem Fakt, dass der gleichnamige Roman von Mick Herron, der dieser Serie zugrunde liegt, hier besprochen wurde. 

Die Fernsehserie folgt dem Roman, dessen englische Erstausgabe 2010 erschien, weitgehend. So wird man am Bildschirm Zeuge einer verwickelten Intrige, mit der die stellvertretende Chefin des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 Diana Taverner (Kristin Scott Thomas) ihre Macht und ihre Befugnisse ausbauen will. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive einer Gruppe von Inlandsagenten, die um ihren Chef Jackson Lamb (Garry Oldham) in eine vollkommen randständige Londoner Filiale abgeschoben wurden, weil sie entweder individuell versagt haben oder wegen Problemen als dienstuntauglich gelten. Doch diese nominellen Verlierer und Versager erweisen sich unter Leitung ihres ebenso schmierigen wie ausgebufften Chefs als die einzigen, die nicht nur die Intrige durchschauen, sondern auch noch die sich anbahnende politische Katastrophe verhindern. 

Die Serie ist – wie oft bei britischen Produktionen – bis in die letzte Nebenrolle glänzend besetzt. Die eingesetzte Musik – hier der Titelsong eines Vornamens-Vetters des Vorlagen-Autors – kommentiert das Geschehen auf eine wunderbare Weise. Und Regisseur James Hawes kostet die Actionszenen, denen erzählerisch oft genug ein ironischer Unterton eigen ist, genüsslich aus. Gleichzeitig ist aber das Ränkespiel des Geheimdienstes mit seinen absurden Wendungen und den abstrusen Dialogen einer wuchernden Geheimdienstbürokratie pointiert inszeniert. Gerade die Szenen, in denen Lamb auf „Lady Di“ Taverner trifft, sind ein Vergnügen. Bleibt zu hoffen, dass auch die weiteren Romane um Jackson Lamb und seine Loser-Truppe, die hier, hierhier und hier besprochen wurden, verfilmt werden. Die zweite Staffel, das konnte man am Ende der letzten Folge der ersten erkennen, ist jedenfalls schon in Arbeit.

Gary Oldham hatte 2011 in der Kino-Verfilmung des Romans „Tinker Tailor Soldier Spy“ die Hauptfigur George Smiley gespielt. Die erste und deutlich bessere Verfilmung dieses Romans von John le Carré war die unvergessene BBC-Serie gleichen Namens, die beim ZDF unter dem Titel „Dame, König, As, Spion“ 1980 ausgestrahlt wurde und in der Alec Guiness unvergesslich den Agenten Smiley spielte. Wer will, kann sie auf einem der Amazon-Plattformen finden und darüber ansehen. 

Dietrich Leder, in Köln lebender Publizist, wirkte von 1994 bis 2021 als Professor für den Fächerbereich Fernsehen/Film an die Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Schon während seines Studiums wurde er im Bereich Medienkritik und -analyse aktiv, schrieb dann viele Jahre für Tageszeitungen („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Süddeutsche Zeitung“) und Wochenzeitungen („Die Woche“, „Freitag“), für Fachdienste („Funkkorrespondenz“, „Filmdienst“) und Fachzeitschriften („Medium“, „Agenda“, „Sportkritik“), für Hörfunk (WDR, Radio Bremen) und Fernsehen (WDR). 1977 gründete er die medientheoretische Zeitschrift „Zelluloid“, die er Jahre hindurch redaktionell betreute. Er ist Autor mehrerer Dokumentarfilme, so „Blindgänger“ (1984, zusammen mit Fosco Dubini), „Kanalarbeiter“ (1988), „Vom Bekenntnis zum Widerruf“ (1993) und „Jagd nach Sensationen“ (1993). Er war Jurymitglied der Duisburger Filmwoche und gehörte mehrfach der Jurdes Adolf-Grimme-Preises an.

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar

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