Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Dietrich Leder seziert Crime im TV (1)

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, wird sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vornehmen und so sezieren, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Die Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)steht in einem nur gering beleuchteten Kellerraum. Es soll sich – das besagt die bislang erzählte Geschichte – um einen Raum handeln, in dem bis zur Geschäftsverlagerung eine Bestatterfirma die Leichen für ihre Beerdigung drapierte. Gerade ist die Kommissarin von einem Kollegen angerufen worden, der ihr nun mitteilt, dass die Schwester des vermeintlichen Täters dessen Komplizin war. Anja Schudt, die diese Kommissarin zehn Jahre lang in den „Tatort“-Folgen des WDR aus Dortmund spielte, ist in einer Nahaufnahme zu sehen. Sie blickt nach rechts aus dem Bild, während sie das Telefon am rechten Ohr hält. Ihre Mimik deutet an, dass sie das gerade Gehörte langsam begreift und dass das für sie Gefahr bedeutet. 

Denn eben diese Frau befindet sich ebenfalls in diesem Keller. Sie hatte vor wenigen Sekunden miterlebt, wie die Kommissarin ihren Bruder erschossen hatte, als dieser ihren Kollegen Faber (Jörg Hartmann) mit einer Eisenstange niederschlug und zu töten drohte. Im Hintergrund des Bildes, das Bönisch im Vordergrund zeigt, ist die Schwester (Marlina Mitterhofer) in der Bildunschärfe zu erahnen, wie sie sich bückt, eine am Boden liegende Pistole ergreift und auf die Kommissarin anlegt. Die Kommissarin dreht sich um und in genau dem Moment, als sie der Schwester gegenüber steht und anschaut, drückt diese ab. 

Anja Schudt, das wurde aber erst nach der Ausstrahlung dieser „Tatort“-Folge mit dem Titel „Liebe mich“ (ARD, 20. Februar 2022) bekannt, hatte mit dem WDR vereinbart, dass sie aus der Serie ausscheiden wolle. Ihr Tod ist also gleichsam eine produktionstechnische Lösung für das Problem, wie man das Ausscheiden der Schauspielerin erzählerisch begründen könne. Gleichzeitig sollte der Tod eine Überraschung sein. In keiner Vorabkritik war davon die Rede. Alle, die den Film kannten, hatten ihn nicht erwähnt. Und so war das Sterben der Kommissarin für viele, die an diesem Abend zuschauten, ein kleiner Schock. Der fiktive Tod ist für Produzenten immer noch die einfachste Lösung, und Schauspielerinnen und Schauspieler lieben es im Film zu sterben. Es verlangt ihnen alles und zwar das Letzte also den Tod ab. Sie „betonen ihre Kunst des Schauspiels und nicht die Kunst des Sterbens“. Das sagte Hartmut Bitomsky in seinem Filmessay „Das Kino und der Tod“ 1988. 

Der „Tatort“ aus Dortmund war einer der ersten, der Geschichten über die einzelne Folgen hinaus erzählte. Das horizontale Erzählen galt damals als der große neue Clou im Seriengeschäft, als hätte es das nicht immer schon gegeben. Aber nun war das Serienfieber ausgebrochen und jeder, der was auf sich hielt, wollte mehr erzählen, als in eine Folge passte. Jürgen Werner, der die Drehbücher der Startfolge und auch viele der weiteren verfasste, stattete das Ermittler-Personal mit allerlei Problemen aus, von denen sich langdauernd erzählen ließ. So starben vor Serienbeginn Fabers Frau und Tochter bei einem Autounfall, der sich später als Mord eines gewieften Killers herausstellte und der deshalb für mehrere Folgen gut war. Böhnisch lebte ihre Sexualität in häufig wechselnden Beziehungen aus, zu denen zuletzt auch der Forensiker des Teams zählte, der sich als übergriffige Nervensäge erwies.

Das hatte anfangs einen gewissen Reiz, weil es die Spannung über den konkreten Fall, der ordentlich zu einem Aufklärungsende gebracht worden war, aufrecht erhielt. Doch als dann die Ermittler neben Böhnisch und Faber wechselten, wurde es langsam unübersichtlich. Der neu hinzugekommene Kommissar Jan Pawlak (Rick Odon) ist mit einer drogenabhängigen Frau aus dem Milieu verheiratet und hat mit ihr ein Kind, das immer dann ins Spiel kommt, wenn die Erzählung eines retardierenden Effekts bedarf. Und die neu hinzugekommene Kollegin Rosa Herzog (Stephanie Reinsberger), die übrigens in der Sterbeszene ihrer Kollegin in einem Sarg im erwähnten Keller zu ersticken droht, hat eine Mutter, die einst bei der RAF war und immer noch von der Polizei gesucht wird, was für mehrere Folgen reichen sollte. 

Angesichts all dieser Probleme der Polizeibeamte lohnt es sich jene Passage aus der Reihe „Fantomas“ nachzulesen, die Uwe Nettelbeck in seiner Zeitschrift „Die Republik“ Ende der 1970er-Jahre veröffentlicht hat. In dieser Passage, erschienen in der Nummer 28-33 vom November 1978, sind Verfehlungen und Verbrechen von Polizisten aufgelistet, die von 1973 bis 1978 dergestalt öffentlich wurden, dass sie in den Zeitungen erwähnt wurden. Angesichts dessen ist all das, womit die „Tatort“-Figuren nicht nur in Dortmund beladen werden, übertrieben und zugleich banal. Zu denken, einer der netten ARD-Kommissare sympathisierte insgeheim und also auch vor den Zuschauerinnen und Zuschauern mit Rechtsextremisten und verriete Daten aus dem Polizeicomputer an Nazi-Hacker? Das wäre ein Schock, der den überträfe, der vom Tod der Martina Böhnisch ausgelöst wurde. 

Dietrich Leder, in Köln lebender Publizist, wirkte von 1994 bis 2021 als Professor für den Fächerbereich Fernsehen/Film an die Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Schon während seines Studiums wurde er im Bereich Medienkritik und -analyse aktiv, schrieb dann viele Jahre für Tageszeitungen („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Süddeutsche Zeitung“) und Wochenzeitungen („Die Woche“, „Freitag“), für Fachdienste („Funkkorrespondenz“, „Filmdienst“) und Fachzeitschriften („Medium“, „Agenda“, „Sportkritik“), für Hörfunk (WDR, Radio Bremen) und Fernsehen (WDR). 1977 gründete er die medientheoretische Zeitschrift „Zelluloid“, die er Jahre hindurch redaktionell betreute. Er ist Autor mehrerer Dokumentarfilme, so „Blindgänger“ (1984, zusammen mit Fosco Dubini), „Kanalarbeiter“ (1988), „Vom Bekenntnis zum Widerruf“ (1993) und „Jagd nach Sensationen“ (1993). Er war Jurymitglied der Duisburger Filmwoche und gehörte mehrfach der Jury des Adolf-Grimme-Preises an.

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