Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Dietrich Leder seziert Crime im TV (20): Landkrimi Vorarlberg

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

„Landkrimi“ von und mit Karl Markowitz – alles andere als Postkarte

Auf den ersten Blick fing es harmlos an. Als der Film „Das letzte Problem“ 2020 auf Arte ausgestrahlt wurde, firmierte er als Teil der Reihe „Landkrimi“, die der Österreichische Rundfunk (ORF) seit vielen Jahren ausstrahlt. „Landkrimi“ – der Reihentitel erinnert an die vielen Postkartenkrimis, die von ARD und ZDF sowohl im In- wie im Ausland in meist schönen, aber stets irgendwie besonderen Landschaften gedreht werden, die also eine Verbrechensgeschichte mit einem Urlaubsprospekt kurzschließt. 

„Das letzte Problem“ enttäuschte aber nun die Erwartung, dass in ihm das schöne Vorarlberg in malerischen Bildern hinter den obligatorischen Leichen aufschiene. Denn in diesem Film ist alles unter Schnee begraben und von tiefhängenden Wolken verdeckt. Selbst das wegen des Schneefalls von der Umwelt abgeschnittene Luxushotel, in dem die Geschichte spielt, erweist sich als heruntergewirtschafteter Betrieb, dem zudem langsam die Nahrungsmittel ausgehen, so dass Tag ein, Tag aus nur Suppe als Hauptmahlzeit serviert wird. Urlaubsidylle sieht anders aus. 

Der Film wurde vom Schriftsteller Daniel Kehlmann geschrieben, der im letzten Jahr seinen Roman „Lichtspiel“ über den Filmregisseur Pabst veröffentlichte, und von David Schalko produziert, der mit Romanen wie „Schwere Knochen“ (2018) über das Gangstermilieu in Wien hervorgetreten ist und die bösesten Serien über die österreichische Gesellschaft wie „Braunschlag“ und „Altes Geld“ geschrieben hat. Inszeniert wurde der Film vom Schauspieler Karl Markowitz, der in vielen Krimis mitgespielt hat; viele werden sich an ihn in der Rolle des Journalisten Katelbach in „Babylon Berlin“ erinnern. In „Das letzte Problem“, seiner vierten Regiearbeit, übernahm er gleichzeitig eine der beiden Hauptrollen. 

Markowitz spielt einen Kommissar aus Wien namens Jonas Horak, der im erwähnten Hotel seinen Urlaub verbringt und dort mit zwei Mordfällen konfrontiert wird. Begleitet wird er von einem jüngeren Kollegen, den er Freitag (Stefan Pohl) nennt und den er in die Aufklärungsarbeit eines Kriminalbeamten einführt. Später kämpft sich die junge Dorfpolizistin Sophie Landner (Julia Koch) durch die Schneeverwehungen zum Hotel durch, wo sie die Verbrechen, an denen ein immer hektischer und wütender werdender Horak sich abmüht, zügig aufklärt. Denn die Morde beging – was man spätestens nach der Hälfte des Films ahnt – Horak höchstpersönlich. 

Der Film kreuzt also zwei Sonderformen der kriminalistischen Erzählung, wie sie Agatha Christie als erste ausprägte. Da ist zum einen der Topos des verschlossenen Raumes, in dem Opfer, Täter, Verdächtige und die Personen eingesperrt sind, die das Verbrechen aufzuklären haben; das hatte Christie in ihrem mehrfach verfilmten Roman „Mord im Orientexpress“ paradigmatisch entwickelt. Da ist zum anderen die überraschende Wendung, dass sich einer der Aufklärer selbst als Täter entpuppt; das hatte Christie in ihrem Roman „The Murder of Roger Akroyd“ (deutscher Titel „Alibi“) auf die Spitze getrieben, da hier der Aufklärer und Mörder in Personalunion zugleich Ich-Erzähler des Romans ist. 

Damit der Anspielungen nicht genug. Dass der junge Polizist von Horak „Freitag“ genannt wird, also denselben Namen trägt wie jener „Wilde“, der in Stevensons Roman „Robinson Crusoe“ vom Titelhelden „zivilisiert“ und damit zum Knecht und Diener erzogen wird, war ja ein deutliches Signal, dass hier etwas nicht stimmt. Irgendwann dämmert es denen, die den Film sahen, dass nur sie und eben Horak Freitag wahrnahmen, während er für alle anderen im Hotel unsichtbar blieb. Er war Horaks Fantasieprodukt. 

Vier Jahre später legte Markowitz nun eine Fortsetzung vor, die Arte am 12. Januar 2024 ausstrahlte. Das Drehbuch zum Film „Das Schweigen der Esel“, den erneut David Schalko produzierte, schrieb diesmal Markowitz selbst, der auch wieder die Rolle des Horak übernahm, während Julia Koch erneut die immer noch in der Provinz festhängende Polizistin Sophie Landner spielte. Und auch diesmal wimmelt es von Anspielungen filmischer wie literarischer Art, von denen die des Titels, der ja an den Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) von Jonathan Demme nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Harris gemahnt, vielleicht noch die plumpeste ist. 

Horak ist nach seinen Morden in eine „Sonderanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“ eingesperrt worden. Juristisch ist damit die Unterbringung im Maßregelvollzug gemeint, der hier aber wie eine Mischung aus einem Adelsschloss und jener psychiatrischen Anstalt aussieht, aus dem heraus seit dem Film „Das Testament Dr. Mabuse“ von Fritz Lang (1933) die zu Dämonen überhöhten Verbrecher weiter ihre Taten begehen. Landner wiederum muss sich von den angereisten Kriminalbeamten, die in der Provinz einen, bald weitere Morde aufzuklären haben, dumme Sprüche anhören, weil es sie zur Kriminalpolizei, also in den gehobenen Dienst und in die Stadt zieht. 

Vorarlberg wird diesmal so idyllisch gezeigt wie im ersten Film finster. Die Sonne scheint ohne Unterlass über grüne Wiesen, und selbst das Gefängnis wirkt wie eine Zauberburg, die sich perfekt in die Landschaft schmiegt. Um so finsterer sind die Morde, um deren Aufklärung geht. Sie beziehen sich, das erläutert Horak irgendwann Landner, auf ein Märchen, das die Brüder Grimm einst hörten und in die zweite Auflage ihrer Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ aufnahmen: „Die Bremer Stadtmusikanten“.  Seine Begründung, dass beim ersten Mord eine Katze, beim zweiten ein Hahn, beim dritten ein Hund vorgekommen seien, die ja zusammen mit einem Esel Hauptpersonen des Märchens sind. Horak, darauf ist er stolz, hatte einst eine Abhandlung über die von den Grimms gesammelten Märchen verfasst.

Solche Abhandlungen gibt es tatsächlich; sie stammen zumeist von Juristen, die in ihrer Freizeit mit ihrem Berufsgegenstand endlich mal ironisch umgehen wollen und also ihr Wissen auf die ja allseits bekannten Geschichten anwenden. Doch ob dieses Buch von Horak wirklich und, wenn ja, in welcher Auflage existiert, ist eines der Rätsel, die der Film stellt, aber nicht auflöst. Denn hier wie auch im ersten Film geht es drunter und drüber, was nun als real oder als Einbildung gilt, denn wenn Menschen – um nur ein Beispiel zu nennen – sich besonders irre wie etwa die Polizei-Kollegen von Landner verhalten, dann gilt das im Film als real. Und kurz vor Ende glaubt man fast, was der Film als real ausgibt, dass Sophie Landner die Morde begangen hat, was sich erst am Ende als falsch herausstellt. Die filmische Darstellung selbst liefert zur Unterscheidung von wahr oder falsch, von Wirklichkeit oder Einbildung keine Handreichung. 

Das gemahnt auf eine wunderbar leichte Weise daran, dass auch Träume und Fantasien zu unserer Wirklichkeit gehören, dass sie über diese mitunter mehr verraten als deren platte Abbildung, dass die mitunter phantastischen Märchen oft schon lange verschüttete Realerfahrungen verarbeiteten. Und es erinnert daran, dass der filmische Realismus sich einer ästhetischen Konstruktion verdankt, und dass viele sich realistisch gebenden Krimiserien phantastisch sind, was die Darstellung von Verbrechen und ihre Aufklärung angeht, und – vor allem – dass diese Aufklärung so etwas wie das Ende der jeweiligen Geschichten darstellt.

Selbstverständlich ist ein solches Spiel mit den Ebenen von Realität und (Alp-)Traum, mit literarischen und filmischen Bezügen eitel und selbstverliebtes. Der Film entkommt dieser Gefahr, der ja viele literarische Meta-Krimis durchaus erliegen, durch eine gewisse Selbst-Ironie, die sich beispielsweise darin zeigt, wie Markowitz seine Figur Horak anlegt und sie stets ein wenig überdreht, wenn er etwa seine Pflanzen tätschelt oder mit seinen Mitgefangenen kommuniziert. Und so entsteht eine Spannung eigener Art: Man ist weniger darauf neugierig, wie es mit Horak und Landner weitergeht, als vielmehr darauf, welche absurde Wendung sich Markowitz und Schalko für den nächsten Film ausdenken. Harmlos wird das nicht werden und besser als all die Postkartenkrimis, die in der Zwischenzeit die Programme von ARD und ZDF füllen, ohnehin. 

Dietrich Leders Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
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Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II). Sein Jahresrückblick 2023 hier.

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