Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Dietrich Leder seziert Crime im TV (9): „Berlin Babylon“

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Folge 9: Zur Serie „Berlin Babylon“ und den Romanen von Volker Kutscher

Das geht ja bestens Hand in Hand. Wenige Wochen, nachdem die vierte Staffel der Krimi-Serie „Babylon Berlin“ im Oktober auf Sky startete, erschien der neunte Roman von Volker Kutscher um Gereon Rath und Charlotte Ritter unter dem Titel „Transatlantik“. Es geht also auch auf dem literarischen Sektor weiter. Das war nicht unbedingt zu erwarten war, da Rath am Ende des achten Bandes „Olympia“ umzukommen schien. Aber er überlebt den historischen Brand des Zeppelins in New York, der sich damit als billiger Cliffhanger erwies. Volker Kutscher hat ohne Zweifel von den Kollegen gelernt, die seine Romane zu einer Fernsehserie verarbeitet und also aus Literatur Fernsehen fabriziert hatten. 

Die ersten beiden Staffeln, die zusammenhängend 2017 (Sky) und 2018 (ARD) ausgestrahlt worden waren, beruhten auf dem Start-Roman „Der nasse Fisch“. Die dritte Staffel, die im Frühjahr (Sky) und Herbst 2020 (ARD) gezeigt wurde, war an dem zweiten Kutscher-Roman „Der stumme Tod“ angelehnt. Die vierte Staffel, die vom 7. Oktober wöchentlich auf Sky One mit je zwei Folgen ausgestrahlt wurde – der Ausstrahlungstermin in der ARD steht noch nicht fest -, basiert auf dem dritten Roman „Goldstein“, der 2010 erschien. Mit ihr ist die Serie inzwischen im Jahr 1931 angekommen. Zeitgeschichte spielt auch diesmal eine wichtige Rolle, da reale Vorkommnisse und historische Personen in die fiktive Handlung integriert wurden. Weiterhin werden die Protagonisten Gereon Rath und Charlotte Ritter von Volker Bruch und Liv Lisa Fries dargestellt. Der Flirt des Schauspielers Bruch mit Verschwörungstheoretikern rund um die Corona-Pandemie zeitigte also für ihn keine dramatischen Folgen. 

Für die Serie änderten die Drehbuchautoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten schon in den ersten drei Staffeln an den Geschichten des Romans jede Menge. So zogen sie neue Spannungsbögen ein, die am Ende einzelner Folgen die Zuschauer bei der Stange halten sollten. Gewichtiger als diese strukturierenden Beifügungen, deren Methode nun Kutscher in seine Romane übernahm, waren aber Änderungen der Handlung und das Verschieben von Akzenten in seiner zeitgeschichtlichen Darstellung. 

Um das an einem Beispiel zu erläutern: In der 4. Staffel taucht die Titelfigur des Romans „Goldstein“ zwar auf, ist hier wie dort ein aus den USA eingereister jüdischer Gangster, doch in der Serie wird mit ihm, den Mark Ivanir spielt, eine eigene Krimihandlung eröffnet, die das  Buch gar nicht kennt. Diese Krimihandlung verknüpft die Familiengeschichte des Gangsters mit jener Industriellen-Dynastie, die von den Drehbuchautoren für die erste Staffel hinzuerfunden worden war. Ihr Name Nyssen erinnert an jene Familie Thyssen, die zu den frühen Finanziers von Adolf Hitler gehörte. In Lars Eidinger als Alfred Nyssen hatte die Serie lange ein inszenatorisches Zentrum, weil die Figur außerordentlich exzentrisch angelegt war und der Schauspieler sie bis an den Rande des Chargierens trieb. 

Kampagne von Sky © wiki

In der vierten Staffeln ist diese Figur eher an den Rand gerückt. Hier eröffnet sie diesmal weniger Perspektiven auf die realen Ereignisse des Jahres 1931, als dass sie etwas Zukünftiges imaginiert. Denn dieser Industrielle finanziert die Forschung der Raketentechnik, weil er von einer Fernlenkwaffe träumt, mit der die deutsche Reichswehr eines Tages die feindlichen Hauptstädte London, Paris und sogar Washington in Schutt und Asche legen lassen kann. Die Serie nimmt hier ein Projekt vorweg, das die Nazis erst Ende der 1930er-Jahre forcierten und das dann als Rakete A4, die von der Propaganda V2 genannt wurde, zum Beschuss von England eingesetzt wurde. In die USA flog diese Rakete nur in der Fantasie des Schriftstellers Thomas Pynchon, in dessen Roman „Die Enden der Parabel“ (1974) eine solche Rakete in New York einschlägt.

Der Grund, dass die Raketengeschichte in die Serie Eingang fand, ist offensichtlich. Sie bietet die Chance für besondere visuelle Effekte, und für diese hat die Serie immer schon gerne historische Tatbestände wie die Kontinuität mancher Romanfiguren geopfert. Viele dieser visuellen Effekte erlaubten es Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, die nicht nur die Drehbücher schrieben, sondern sich auch die Regie teilten, kräftig aus der Filmgeschichte zu zitieren. So finden sich viele Verweise auf die Spielfilme, die Fritz Lang in der Weimarer Republik drehte – von „Frau im Mond“ bis zu „M“. Es finden sich aber auch Verweise auf die Sozialdramen eines Sydney Pollack („Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“, USA 1969) oder auf das Genre des Boxer- und des Gangsterfilms. Der überraschendste Verweis gilt den Scherenschnittfilmen, die Lotte Reiniger in den 1920er-Jahre realisierte. Mit den Mitteln dieser Tricktechnik findet in der Serie die Geschichte um die Beziehung zwischen dem amerikanischen Gangster und den deutschen Industriellen ein überraschendes Ende.

Im Mittelpunkt der politischen Handlungsebene stehen diesmal Auseinandersetzungen innerhalb der NSDAP. Ein Flügel ihrer Sturmabteilung (SA) putscht 1931 gegen die Parteispitze um Hitler und Goebbels. Ihr Grund scheint, so die Darstellung der Serie, eher persönlicher Art zu sein, während sie in der Wirklichkeit dadurch ausgelöst wurde, dass Hitler für eine gewisse Zeit der Idee eines Putsches öffentlich abgeschworen hatte, für den wiederum Teile der SA plädierten. Einen Blick auf diese interne Auseinandersetzung eröffnet sich die Serie dadurch, dass sich Gereon Rath im Auftrag des Berliner Polizeipräsidenten der SA anschloss und nun phasenweise in der Naziuniform agiert. Das verleiht den ersten Folgen eine gewisse Binnenspannung, weil der Geheimauftrag erst später enthüllt wird. So sind die Zuschauer über den Helden als Nazi ebenso erstaunt wie einiger der Serienfiguren; vor allem Charlotte Ritter ist schier entsetzt. Erst als Rath ihr sein Geheimnis anvertraut, fasst sie wieder Vertrauen zu ihm und die beiden werden zu jenem Paar, das man schon seit den Folgen der ersten Staffel in ihnen vermutete.

Liv Lisa Fries bildet als Charlotte Ritter stärker noch als in den ersten drei Staffeln das emotionale Zentrum der Serie, auch wenn ihre (in den Büchern inexistenten) familiären Probleme aufgesetzt erscheinen. Ihr gelingt es immer wieder, durch besondere Blicke, pfiffig vorgetragene Pointen und durch ein wunderbares Lachen die hektisch vorwärts drängende Handlung für einen Moment zu beruhigen und zu verdichten. Ihr Partner Volker Bruch kämpft hingegen mit den diversen Aufgaben, mit der seine Figur behängt werden, under cover als SA-Mann zuzuschlagen, als Mordermittler zu recherchieren, bei den Gangsterbossen als Vermittler aufzutreten und dann noch den liebevollen Partner bei Charlotte Ritter zugeben. All das überfordert Bruch sichtlich. Dass er am Ende dann noch behaupten muss, seine Figur sei aller Ängste ledig, nimmt man ihr ebenso wenig ab, wie man zuvor auch manchen Alptraum nicht nachvollziehen konnte. 

Parallel zu dieser politische Handlungsebene wird von Kämpfen unter den Berliner Ringvereinen, hinter denen sich die Verbrecherorganisationen Berlins verbergen, erzählt. Ihre Revierstreitigkeiten arten zu seiner Art Krieg aus, den Gereon Rath mit einer cleveren Idee befrieden will. Wie er diese Idee entwickelt und durchsetzt, ist ebenso spannend erzählt wie ihr Ausgang dann martialisch. Tatsächlich gelingt es auch in der vierten Staffel dem Regieteam immer wieder, eine besondere Spannung zu erzeugen oder sogar durchaus komische Momente zu schaffen. Hier gelingt es der Serie mit ihrer Erzählung selbst zu punkten, statt allein mit den geschilderten visuellen Effekten, zu denen auch eine Vielzahl bizarrer Morde gehören. Effekthascherisch könnte man auch die exzentrische Darstellungsweise bezeichnen, die neben Eidinger als Industrieller auch Benno Führmann als politischer Ränkeschmied pflegt; sie geben gleichsam dem Nazi-Affen kräftig Zucker. 

Beider Gesichter sind im Film von Narben entstellt. Hier wie bei einigen anderen Figuren musste die Maske enorme Arbeit verrichten. Es ist, als wollte die Serie das Drama der Zeitgeschichte schon auf den Gesichtern ansichtig werden lassen. Das deutet auf das größte Problem der Serie an, dass sie alles das, was sie vom Jahr 1931 an Verbrechen und politischen Intrigen erzählt, auf das Jahr 1933 und die Bestallung Hitlers als Reichskanzler hinauszulaufen scheint. Die Intervention in die SA hinein, die der Polizeipräsident mit Hilfe von Gereon Rath unternimmt, erscheint hilflos und scheitert desaströs. 

Spätestens hier rächt sich, dass die Drehbuchautoren eine zeitgeschichtliche Figur früh aus der Serie herausgeschrieben haben. Denn Bernhard Weiß, bis 1932 stellvertretender Polizeichef in Berlin, versuchte tatsächlich, den Nazis Einhalt zu gebieten, so dass er zum Lieblingsfeind von Joseph Goebbels avancierte. In der ersten Staffel war er von Matthias Brandt gespielt worden, ehe er einem effekthascherischen, aber eben fiktiven Attentat zum Opfer fiel. Die Figur Weiß fehlt in der historischen Darstellung wie der Darsteller Brandt mit seiner zurückgenommen Spielweise im Serien-Ensemble. 

Was für die Nazis gilt, gilt auch für das bereits von Kutscher ausgedachte Sühnegericht der „Weißen Hand“, einer Verschwörergruppe, die in der Serie das Strafrecht gleichsam privat ausübt. Hier bleiben die Beteiligten weitgehend anonym. Woher ihre Gewalt- und Rachephantasien kommen, verschwindet hinter ihrer Maskerade, so wie man in ihrem obersten Richter weniger eine historische Figur sieht als eine Kopie des Schauspielers Gustav Gründgens, der in „M“ von Fritz Lang einen Ganoven spielte, der das Recht in die eigenen Hand nahm. Angesichts dieser Maskeraden wirkt selbst der in dieser vierten Staffel immer mal wieder gezeigte Hass auf die Juden merkwürdig abstrakt. Woher er kommt und wer ihn teilt, wird noch nicht einmal angedeutet. Daran ändert auch die liebevolle Zeichnung einer jüdischen Gesellschaft rundum das Scheunenviertel nichts.

Was bleibt nun von der vierten Staffel? Vor allem ein praller Bilderbogen, der von der rastlosen Musik nach vorne getrieben werden. Weitere Staffeln, so ist zu vermuten, werden folgen. Ob der Elan der Koproduzenten, zu denen ja die seltene Allianz aus privatem Pay-TV-Veranstalter (Sky) und öffentlich-rechtlichem Sender gehört, ausreichen wird, die Serie bis zur Verfilmung des neunten Bandes zu treiben, steht in den Sternen. So ist selbst die Zukunft von Sky nicht unbedingt gesichert; der Besitzer Comcast überlege den Verkauf, hieß es, während die 4. Staffel von „Babylon Berlin“ gezeigt wurde.

Dass die Geschichten, die Volker Kutscher in „Transatlantik“ erzählt, noch weiter ausfransen, dass der Handlungsort New York bei weitem nicht so gut erfasst ist wie Berlin, sei angedeutet. 

Dietrich Leder
Eine erste Fassung des Textes erschien im KNA-Mediendienst und anschließend auf der Internetseite vom Filmdienst, dessen Texte allgemein sehr zu empfehlen sind.

Dietrich Leders Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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In dieser Ausgabe bei uns auch von ihm über abgründiges Erzählen: „George Perec und das Gift das Originals

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