Geschrieben am 1. Juli 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2022

Dietrich Leder seziert Crime im TV (5): Erzählkonvention

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, wird sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vornehmen und so sezieren, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Folge 5: Erzählkonvention oder nicht?

Es gibt, das sei eingestanden, viel zu viele Fernsehkriminalfilme in Deutschland. 

Das liegt daran, dass fast die komplette Produktion von realistischen und in der Gegenwart spielenden Stoffen, die früher das Gros der meist gesellschaftskritischen Fernsehfilme stellten, zwangsweise in Krimis transponiert worden. Ein Grund für diese Transposition liegt in der Genrekonstruktion. Krimis beginnen in der weit überwiegenden Zahl mit einem Verbrechen und also in den meisten Fällen mit etwas, was prima vista als Mord oder Totschlag gedeutet wird, und sie enden mit der Auflösung des Verbrechens und also fast immer mit der Identifizierung derer, die den Mord begingen. Anfang und Ende sind also klar definiert und unterliegen nicht jenem Wirbel des Zeitbewusstseins, der etwa den modernen Roman des 20. Jahrhunderts und die avancierten Kinofilme seit den 1960er-Jahren auszeichnet. 

Dass das eine ideologische Konstruktion ist, die gleichsam das nervöse Bewusstsein der Zuschauerinnen und Zuschauer beruhigen soll, erkennt man daran, dass das, was bei realen Verbrechen ein Problem darstellt, meistens ausgeblendet wird – nämlich das nachfolgende juristische Verfahren, an dessen definitivem Ende erst der mutmaßliche Täter wirklich als Täter bezeichnet darf. Die meisten Kriminalfilme beunruhigen also ihr Publikum, wie man lange annahm, nicht dadurch, dass sie von Verbrechen, die in ihrer Gegenwart geschehen, irritiert werden. Im Gegenteil sie beruhigen es, weil diese Verbrechen meist aufgeklärt, der oder die Täter identifiziert und überführt werden, sich also das gesellschaftliche Problem des Verbrechens auflöst. 

Mitunter mucken die Autorinnen und Autoren, die Regisseurinnen und Regisseure gegen diese Logik des Genres auf, mit dem sie ihr Geld verdienen. Ihre Rebellion zeigt sich beispielsweise darin, dass ausnahmsweise ein Täter zwar überführt, ihm aber aus welchen Gründen juristisch nichts nachgewiesen werden kann. Dagegen erhebt sich meist ein Protest der Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich um das betrogen fühlen, was der Fernsehkrimi ihnen doch verspricht – die klare Identifizierung der Täter und zumindest der Beginn eines Strafverfahrens, an dessen Ende diese Täter aus dem gesellschaftlichen Verkehr gezogen sind. 

Was bleibt dann noch, um aus einem Fall mehr herauszuholen, als die simple Erfüllung des Schemas von Tat- und Aufklärungserzählung? Eine Möglichkeit besteht in der Ausweitung, was ansonsten nur in der Peripherie der kriminalistischen Erzählung steht, also die privaten Probleme der Ermittlerinnen und Ermittler. Nimmt man das gesamte Personal, das dienstlich in Deutschen Fernsehkrimis tätig ist, zusammen, besteht diese Berufsgruppe durchweg aus Menschen, die unter Traumata leiden, deren Beziehungen gestört sind, die an Süchten an aller Art leiden und divers psychische Auffälligkeiten zeigen. Das kann einen so stören, dass man begeistert auf einen Fernsehermittler reagiert, der einfach nur seinen Job verrichtet und ansonsten ein durchschnittliches Beamtenleben führt. 

Eine andere Möglichkeit, das Schema vom Tat- und Aufklärungserzählung zu durchbrechen besteht darin, die Geschichte nicht linear, sondern in mehr oder weniger begründeten Zeitsprüngen – vorwärts wie auch rückwärts – zu erzählen. Das konnte man am 26. Juni beim „Tatort“ mit dem Titel „In seinen Augen“ (SWF) erleben, dessen Drehbuch Thomas Kirchner geschrieben und den Tim Trageser inszeniert hatten. Hier ermittelten Ellen Berlinger (Heike Makatsch) und Martin Rascher (Sebastian Blomberg) im Fall des Todes einer reichen Witwe, der sich zunächst wie ein Suizid darstellt. Wäre dieser Fall nun klassisch und damit linear erzählt und also auch das Personal aller Tatverdächtigen vorgestellt worden, wäre der Verdacht früh auf den männlichen Jugendlichen gefallen, der am Ende nicht nur als Täter überführt wird, sondern gleich noch an weiteren Taten gehindert werden kann. 

Durch die diversen Zeitsprünge, die weder durch die Erzählperspektive einer der beteiligten Personen, noch durch irgendetwas anderes begründet wurden, war man halbwegs verwirrt, so dass man nicht zu früh auf den Täter kam. Damit war also eine Pflichtaufgabe für die Erzählform dessen, was als Whodunit gilt, erfüllt. Die Rätselspannung blieb auf längere Zeit erhalten. Dummerweise mussten aber nun die Zeitsprünge aber auch jeweils visuell markiert werden, damit man beim Betrachten nicht mehr als gewünscht durcheinander geriet. Also mussten sowohl die Kommissarin als auch ihr Kollege während der Ermittlung zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Blessuren davontragen, so dass man schon über ihr Äußeres (vorher ohne, nachher mit Verband oder Wunde) die jeweilige Erzählzeit erkennen konnte. 

Das war alles andere als elegant und blähte die filmische Erzählung unnötig auf. Kurz, die besondere Erzählweise gewann der Geschichte nichts hinzu. Der Bruch mit der Erzählkonvention war nichts als eine Spielerei, an dessen Ende die konventionellste aller Krimikonventionen – die Überführung des Täters am Ende der Suche – obsiegte. Mit dem Wirbel des Zeitbewusstseins hatte das also nichts zu tun. 

Dietrich Leder, in Köln lebender Publizist, wirkte von 1994 bis 2021 als Professor für den Fächerbereich Fernsehen/Film an die Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Schon während seines Studiums wurde er im Bereich Medienkritik und -analyse aktiv, schrieb dann viele Jahre für Tageszeitungen („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Süddeutsche Zeitung“) und Wochenzeitungen („Die Woche“, „Freitag“), für Fachdienste („Funkkorrespondenz“, „Filmdienst“) und Fachzeitschriften („Medium“, „Agenda“, „Sportkritik“), für Hörfunk (WDR, Radio Bremen) und Fernsehen (WDR). 1977 gründete er die medientheoretische Zeitschrift „Zelluloid“, die er Jahre hindurch redaktionell betreute. Er ist Autor mehrerer Dokumentarfilme, so „Blindgänger“ (1984, zusammen mit Fosco Dubini), „Kanalarbeiter“ (1988), „Vom Bekenntnis zum Widerruf“ (1993) und „Jagd nach Sensationen“ (1993). Er war Jurymitglied der Duisburger Filmwoche und gehörte mehrfach der Jurdes Adolf-Grimme-Preises an.

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen