Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Dietrich Leder seziert Crime im TV (7): „We Own This City“

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Folge 7: „We Own This City“

Unter den vielen Serien, die von den Fernsehsendern, den Pay-TV-Stationen und den Streamingdiensten monatlich angeboten werden, scheint sie im Sommer fast untergegangen zu sein, obgleich sie doch an berühmte Vorgänger anknüpft. „We Own This City“, für HBO produziert und in Deutschland ab 29. Juni bei Sky zu sehen, spielt wie „Homicide“ und „The Wire“ in Baltimore. Es ist erneut eine Polizeiserie, die das politische Umfeld mit einbezieht. Und es ist wiederum eine fiktionale Serie, die auf einem Sachbuch gründet; was der Bericht „Homicide“ des Polizeireporters David Simon für die gleichnamige Serie war, ist für „We Own This City“ eine große Reportage von Justin Fenton. Und wie bei „The Wire“ waren neben anderen als Autoren der gerade erwähnte David Simon und der Kriminalschriftsteller George P. Pelecanos, der in den 1990er-Jahren mit seinen in Washington spielenden Romanen bekannt wurde, als Headwriter beteiligt.

Die Erzählweise von „We Own This City“ mutet allerdings noch radikaler an als die der anderen genannten Serien. Das liegt daran, dass die erzählte Zeit fast in jeder der sechs Folgen 14 Jahre (2003 bis 2017) umfasst und die Ereignisse zugleich kontinuierlich aus drei Perspektiven erzählt werden.

Zum ersten wird erzählt, wie sich eine Polizeieinheit um Wayne Jenkins (Jon Bernthal) immer tiefer in Verbrechen verstrickt; das beginnt mit falschen Angaben zu Überstunden, geht weiter mit der Aneignung von Geldern, die sie bei mutmaßlichen Gangstern finden, und reicht bis zum Dealen mit Drogen, die sie bei Razzien requirierten. Was als eine indirekte Rebellion gegen den größer werdenden Druck der Politik auf die Polizei beginnt, die zu schnellen und vor allem sichtbaren Ergebnisse gedrängt wird, verselbständigt sich bald. Es wird zu einem eigenständigen Geschäft, dem die Einheit alles andere unterzuordnet. Geschützt wird sie durch einen gewissen Korpsgeist im Polizeiapparat, der Fehler bei Ermittlungen vertuschen hilft und rassistische Übergriffe verheimlicht.

John Bernthal in der Mitte

Zum zweiten wird erzählt, wie interne Ermittler dieser Gruppe auf die Spur kommen, wie sie nach Beweisen und nach Zeugen suchen. Sie überprüfen die Akten, befragen Beteiligte und hoffen, Mitglieder der Gruppe zum Geständnis überreden zu können. Ihre Arbeit wird von Teilen der Polizeiführung behindert, die politische Nachteile aus der Aufklärung befürchten. Deutlich wird, dass das System von Polizei und Justiz durch die Wahl der Spitzenbeamten durch die Bevölkerung zu einem gewissen Opportunismus führt. Der Schein von Statistiken ist wichtiger als das, was wirklich auf den Straßen geschieht. Und die politische Rhetorik, die beispielsweise einen Krieg gegen die Drogenkriminalität ausruft, ändert am Drogenkonsum wenig, führt aber zur Militarisierung der Polizei und forciert den ohnehin vorhandenen Rassismus gegen die afroamerikanische Gemeinschaft in der Stadt. 

Zum dritten wird erzählt, wie eine Bürgerrechtsanwältin (Wunmi Mosaku) mit einem Mitarbeiter Fälle von rassistischer Polizeigewalt aufzuklären versucht, die meist mit der Aufklärung von Drogenverbrechen getarnt wird. Auch ihre Arbeit unterliegt politischen Bedingungen, ist von der Stimmung im Land abhängig und bedarf der Unterstützung durch die Stadtpolitik, die ihrerseits von Wahlzyklen und von den Strategien der Parteien abhängig ist. Und sie ist zugleich vom Zweifel durchzogen, ob ihre Aufklärung nur Symptome kuriert und nicht zu den Ursachen vordringt. 

Am Ende wird die Polizeieinheit aufgelöst wird, ihre Verbrechen auch dank der Geständnisse einiger Beamter aufgeklärt, Jenkins und andere zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Aber dieses Serienende ist weniger wichtig als der nicht immer geradlinige Weg, den jede der drei Gruppen in der erzählten Zeit durchschreitet. In jeder Folge wechseln die Zeitebenen wie die Erzählperspektiven. Um die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht allzu sehr zu verwirren, werden als Strukturierungsmerkmale regelmäßig die Daten der Berichte eingeblendet, in der die Polizeieinheit ihre Arbeit dokumentiert. Das geschieht aber nicht aufdringlich, sondern eher wie nebenbei. 

Anklänge an die realen Vorgänge in Baltimore, die das Buch von Fenton festhält, werden durch dokumentarisches Material geschaffen, ohne dass die Serie dabei in jene triviale Form der True-Crime-Formate abzugleiten droht, die derzeit modisch sind. Für die Qualität der Serie sorgen ein sehr gutes Ensemble, zu dem neben vielen anderen auch Jamie Hector gehört, der in der Serie „Bosch“ den Kollegen und Freund der Hauptfigur spielt, und der starke Regisseur Reinaldo Marcus Green, der sich für die Ambivalenzen der Figuren Zeit lässt, ohne dass die einzelnen Episoden an Tempo verlören. 

Sicher, die Serie löst über ihre sechs Folgen beim Betrachten nicht jenes suchtartige Gefühl aus, das etwa die ersten beiden Staffeln von „Homicide“ oder über alle fünf Staffeln „The Wire“ vermittelten. Die eher epische und also nicht auf eine Endspannung angelegte Erzählweise führt zu einer Betrachtung, die stärker Details wahrnimmt und so die Reflexion jener gesellschaftlichen Verhältnisse befördert, denen die Verbrechen wie ihre Aufklärung unterliegen. 

Gleichzeitig erzählt „We Own This City“ die Stadtgeschichte von Baltimore fort, von der schon „Homicide“ und „The Wire“ berichteten. Zusammen genommen ergeben sie ein großes Epos einer US-Metropole, wie es hierzulande nur entstünde, montierte man beispielweise all die Kriminalfilme zusammen, die Dominik Graf in München inszeniert hat. Dass der „Tatort“ seine ursprüngliche Idee einer präzisen Verortung nicht nur der einzelnen Geschichten, sondern auch der Viertel, Straßen und Häuser, in denen diese spielen, verloren hat, fällt einem in diesem Zusammenhang ein. 

Dietrich Leder, in Köln lebender Publizist, wirkte von 1994 bis 2021 als Professor für den Fächerbereich Fernsehen/Film an die Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Schon während seines Studiums wurde er im Bereich Medienkritik und -analyse aktiv, schrieb dann viele Jahre für Tageszeitungen („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Süddeutsche Zeitung“) und Wochenzeitungen („Die Woche“, „Freitag“), für Fachdienste („Funkkorrespondenz“, „Filmdienst“) und Fachzeitschriften („Medium“, „Agenda“, „Sportkritik“), für Hörfunk (WDR, Radio Bremen) und Fernsehen (WDR). 1977 gründete er die medientheoretische Zeitschrift „Zelluloid“, die er Jahre hindurch redaktionell betreute. Er ist Autor mehrerer Dokumentarfilme, so „Blindgänger“ (1984, zusammen mit Fosco Dubini), „Kanalarbeiter“ (1988), „Vom Bekenntnis zum Widerruf“ (1993) und „Jagd nach Sensationen“ (1993). Er war Jurymitglied der Duisburger Filmwoche und gehörte mehrfach der Jurdes Adolf-Grimme-Preises an.

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly

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