Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Dietrich Leder seziert Crime im TV (19): Seziertisch-Déjà-vu

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Die Pathologie als Element – bei Dominik Graf, Borowski und in Stuttgart

Wer regelmäßig deutsche Fernseh-Kriminalfilme schaut, durchlebt des Öfteren ein Déjà-vu. Damit ist nicht die Unsicherheit gemeint, die einen beschleicht, wenn man nach einiger Zeit überrascht feststellt, dass man den Film oder die Serienfolge doch schon einmal etwa bei der Erstausstrahlung gesehen hatte. Gemeint ist vielmehr das Wiedererkennen von Elementen einer Geschichte, die in etwas veränderter Form gleich mehrfach und in kurzer Zeit hintereinander in Filmen und Serienfolgen auftauchten.  

Um es an Beispielen des Monats November zu illustrieren: Da ging es sowohl im „Tatort: Borowski und das unschuldige Kind von Wacken“ (ARD, 26.11.) ebenso um den Tod eines Säuglings wie im neuen Film von Dominik Graf „Mein Falke“ zwei Tage zuvor (Arte, 24.11.), in dem eine Biologin, die bei Tötungsdelikten von der Kriminalpolizei zu Rate gezogen wird, eine Lebenskrise durchlebt, wie sie im „Tatort: Vergebung“ wenige Tage zuvor (ARD, 19.11.) auch den Pathologen im Team der Stuttgarter Ermittler Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) erwischte, als er an ein verstörendes Ereignis seiner Jugend erinnert wurde. 

Über ein solches Déjà-vu kann man klagen, man kann es aber auch als ein Erkenntnismittel nutzen, indem man die einander ähnelnden Elemente vergleicht, um so die Unterschiede der Geschichten und ihrer jeweiligen filmischen Darstellung heraus zu präparieren. Im Film „Mein Falke“, dessen Drehbuch Beate Langmaack schrieb, gehen die Pathologen im Krankenhaus und die mit ihnen arbeitende Biologin Inga Ehrenberg (Anne Ratte-Polle) mit der Leiche des Säuglings, dessen Tod sie zu untersuchen haben, auf eine verstörende Weise um, nämlich rein sachlich. Bei ihnen ist diese Leiche ein toter Körper wie jeder andere auch. (Im weiteren geht es um den Tod eines mutmaßlich ertrunkenen alten Mannes und um die Knochen von Zwangsarbeitern aus einem Massengrab aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.) Im „Tatort“ um Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sahin (Almila Bagriacik) äußern und zeigen alle, die beruflich mit der Leiche des Säuglings zu tun haben, ihre Emotionen, die von Schrecken bis zur Wut reichen. 

Die Sachlichkeit im Umgang mit dem toten Säugling ist im Film von Dominik Graf als eine berufliche Notwendigkeit geschildert. Mit ihr wappnen sich Inga Ehrenberg und ihre Kollegen – eine Pathologin (Catherine Chikosi), ein Pathologe (Bastian Hagen) und ein Kriminalkommissar (Berhard Conrad) – gegen jene Emotionen, die ihren Blick auf die Tatbestände verstellen könnten. Dass es sich nicht um einen Mangel an Empathie handelt, zeigen sie im Umgang mit den Lebenden, denen sie selbst dann fürsorglich begegnen, wenn es sich um Tatverdächtige handelt. Ja, weiter noch: Die Existenz von Kindern in der Familie der Pathologin wie in der ihres Kollegen wird ebenso erwähnt oder gezeigt, wie sich die Kinderlosigkeit der Biologin Ehrenberg im Umgang mit einem jungen Falken spiegelt, den sie aufzuziehen versucht.

Das Rätsel um den Tod des Säuglings bleibt im Film ungelöst. Anders der Fall des Mannes, der anscheinend in einem See ertrunken war; hier bringt die Untersuchung der Biologin an den Tag, dass er in der häuslichen Badewanne von seiner Frau ertränkt wurde, die damit seinem Sterbewunsch auf Grund einer fortschreitenden Demenz erfüllte. Der Biologin gelingt es auch, die Überreste des holländischen Mannes zu identifizieren, der während der NS-Zeit nach Deutschland verschleppt wurde, um hier Zwangsarbeit zu verrichten. Er war während eines Bombenangriffs gestorben und mit weiteren Opfern in einem Massengrab bestattet worden. Nun möchte die Familie das, was von ihm übrigblieb, in den Niederlanden begraben lassen. Als sie die von ihr identifizierten Überreste an die Familie übergibt, kommt es zu einer bewegenden Szene, die auch die sonst so kühle Wissenschaftlerin kaum aushält. 

Der Film erzählt von dieser kriminalistischen Arbeit gleichsam im Nebenbei. Mal werden in detailreichen Großaufnahmen jene Fliegen gezeigt, die sich bevorzugt in Leichenteilen ansiedeln. Mal wird vom Beginn einer Untersuchung berichtet, wenn die Biologin mit dem Friedhofsgärtner die ersten Schritte der Freilegung der Körperreste spricht. Mal werden Untersuchungsergebnisse in einer klassischen Bürositzung knapp referiert. Deutlich wird, dass dies eine Arbeit wie viele andere auch ist. Sie ist eingebettet in das Leben, das die Beteiligten ansonsten führen. Und so wie dieses restliche Leben von der Arbeit geprägt wird, wird diese von jenem beeinflusst. Der Film zeigt das, ohne daraus dramaturgischen Profit zu schlagen. Und genau darin unterscheidet er sich von vielen Kriminalfilmen. 

Das gilt auch und vor allem für das Leben und die Arbeit der Protagonistin, von der man erst allmählich einiges erfährt. Etwa, dass sich ihr Mann von ihr wegen einer anderen Frau trennte. Dass ihr Vater – wunderbar: Jörg Gudzuhn – sie häufiger sehen möchte, als sie zu leisten bereit ist. Dass sie kaum einen anderen Menschen an sich heranlässt. Und dass sie ihre Freizeit fast ausschließlich der Aufzucht des Falken widmet, der sie dann beim ersten Freiflug prompt verlässt. Um so erstaunlicher die Wandlung, die Inga Ehrenberg dann durchlebt. Als die Biologin das erste Mal auf eine junge Frau trifft, die glaubt, ihre Halbschwester zu sein, reagiert sie noch routiniert abwehrend. Das Scheitern ihrer ersten Gespräche ist so komisch wie tragisch zugleich inszeniert. Doch allmählich durchbricht die jüngere Frau (Olga von Luckwald) mit ihrer Spontaneität den Schirm, mit dem sich die Biologin gegen andere Menschen zu wappnen versuchte, um am Ende mit ihr zu einer spontanen Reise aufzubrechen.

„Mein Falke“ weckt Erinnerungen an Werke der Filmgeschichte: Im Motiv des Falken klingt beispielsweise der Spielfilm „Kes“ an; in diesem ersten großen Film von Ken Loach aus dem Jahr 1969 entflieht der Junge, von dem er erzählt, der tristen Welt des Bergarbeitermilieus, als er einen jungen Falken findet, den er groß zieht. Und in der Darstellung der Stadt Wolfsburg, in der Graf seinen Film angesiedelt hat, scheinen andere Filme durch: In „Wolfsburg“ von Christian Petzold aus dem Jahr 2003 sind die markanten Schornsteine des VW-Werks auf eine ähnliche Weise in den Landschaftstotalen präsent wie nun im Film von Dominik Graf. Und auf die Spuren, mit denen die Zwangsarbeiter, die während der NS-Zeit im VW-Werk unter unmenschlichen Lebensbedingungen schuften mussten, an ihr Leid erinnerten, könnte Graf durch den Dokumentarfilm „VW-Komplex“ aufmerksam geworden sein, den Hartmut Bitomsky 1989 drehte. (Kein zufälliger Zusammenhang: Petzold und Graf arbeiteten einst beim Dreiteiler „Dreileben“ zusammen, bei dem sie und Christoph Hochhäusler je eine Folge inszenierten; Petzold hat wiederum hat Bitomsky bei mehreren Filmen assistiert.)

Doch diese Reminiszenzen erscheinen dezent. Es handelt sich um Beiläufigkeiten, die beispielsweise den Handlungsort Wolfsburg genauer bestimmen als etwa im Borowski-„Tatort“ die dokumentarischen Aufnahmen vom Bühnenaufbau am Festivalstandort Wacken und die kostümierte Statisterie, die im Heavy-Metal-Outfit die Totalen bevölkert. Der Fairness halber sei erwähnt, dass der Film von Dominik Graf nicht als Teil einer Serie entstand, sondern als Einzelstück. Er hat mehr mit den (Melo-)Dramen starker Frauen zu tun, die Graf etwa nach den Drehbüchern von Markus Busch drehte, als mit seinen vielen Kriminalfilmen und Serienfolgen. Mit der Darstellung der Lebenskrise, in der die Biologin steckt, knüpft er deutlich an seinen Film „Hanne“ (2019) an, für den ebenfalls Beate Langmaack das Drehbuch schrieb und in dem Iris Berben im Mittelpunkt stand. 

In „Mein Falke“ beeindruckt Anne Ratte-Polle in der Hauptrolle auf mehrfache Weise. Im Umgang mit dem Falken ist sie von erstaunlicher körperlicher Souveränität. Die Probleme in ihrem Privatleben deutet sie über kleine Gesten und scheue Blicke nur an, legt dabei aber auch manche falsche Fährte, die nicht nur für ihre Kollegen im Film, sondern auch die Zuschauer des Films für einen Augenblick in die Irre führen. Ihr Zusammenspiel mit der vermeintlichen Schwester ist von einer Spontaneität und Frische, wie sie im deutschen Fernsehfilm selten zu beobachten sind. Beeindruckend auch der Moment, als sie sich der Trennung ihres Mannes erinnert, wie da ihre Erzählung dessen, was ihr Mann da verkündete, und die filmische Rekonstruktion dieses Augenblicks ineinander übergehen. Das ist deutlich eindrucksvoller als die konventionell aufgelösten Szenen, in denen sich der Pathologe im Stuttgart-„Tatort“ an den dramatischen Moment seiner Jugendzeit erinnert. 

Bei all den Komplimenten vergisst man fast, dass „Mein Falke“ in manchen Dingen durchaus ebenfalls konventionell konstruiert ist. Die Peripetie beispielsweise findet pünktlich nach 75 Minuten der Erzählzeit statt. Und das ist selbstverständlich ebenfalls ein Déjà-vu – verordnet von den Dramaturginnen und Dramaturgen in den Sendeanstalten.

Dietrich Leders Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 
Crime im TV (15): Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI
Crime im TV (16): Kommissar Maigret: Da schlummert ein Schatz in den Archiven
Crime im TV (17): Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller
Crime im TV (18): Die Figur Sörensen als komplettes Medienpaket

Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und in dieser und der vorletzten Ausgabe sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II).

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