Geschrieben am 1. Februar 2023 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2023

Dietrich Leder seziert Crime im TV (10): Retro im „Tatort“

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Folge 10: Wenn der „Tatort“ Agatha Christie Konkurrenz machen will

Als die ARD-Programmdirektion plante, was im Ersten Programm am zweiten Weihnachtsabend laufen sollte, war sie sicher von der Idee, um 20.15 Uhr den „Tatort: Mord unter Misteln“ vom Bayerischen Rundfunk und also mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl als Polizisten-Duo Batic und Leitmayr zu zeigen, begeistert. Ein neuer „Tatort“ geht immer, und die Folgen mit den beiden Münchner Kommissaren erfreuen sich seit vielen Jahren einer gewissen Beliebtheit, so dass man quotentechnisch auf der sicheren Seite sein sollte. Und dieser „Tatort“ würde zudem allen die eines Besseren belehren, die sich seit vielen Jahren darüber mokieren, dass an einem solchen Feiertag wie an jedem Sonntag ein Kriminalfilm im Mittelpunkt stünde; denn diese Ausgabe der Krimi-Reihe war etwas Besonderes, nicht nur weil sie selbst an Weihnachten spielte, sondern weil sie geradezu festlich verkleidet worden war. 

Die Verkleidung bestand darin, dass zwar die Rahmenhandlung in der Münchner Gegenwart spielte, aber das Verbrechen, dessen Urheber wie Hintergründe hier aufzudecken waren, im England des Jahres 1922, wie ein Zwischentitel verkündete, angesiedelt war. Begründet wurde das Spiel auf zwei Zeit- und Bedeutungsebenen damit, dass Batic und Leitmayr an diesem Weihnachtsabend bei ihrem Kollegen Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) eingeladen waren, und der will mit ihnen und weiteren Freunden sich bei Speisen und vor allem Getränken einem Krimi-Ratespiel widmen. Spiel- und damit Handlungsort war ein Herrenhaus, in dem es neben dem Personal an reichlich obskuren Gästen nur so wimmelt, so dass viele für den Mord an einem Butler in Frage kommen. Diese Tatverdächtige werden von Kallis Freunden gemimt, während Batic und Leitmayr nun als Partrige und Lightmyer den Fall lösen sollen. 

Fotos: ARD/ Bayerischer Rundfunk, 2022

Der sonst so gegenwärtige „Tatort“ war hier also zu einem historischen Krimi mutiert, der alle erzählerischen Ingredienzien enthielt, wie sie Agatha Christie und Dorothy L. Sayers in ihren Romanen verwandten und deren Muster heute noch durch Fernsehserien wie „Midsomer Murders“ (auf Deutsch: „Inspector Barnaby“) schimmern. Dazu gehören ein möglichst abgeschlossener Raum, in dem sich Opfer, Täter, Tatverdächtige und Ermittler zusammenfinden, eine möglichst komplizierte Hintergrundgeschichte, die erst allmählich enthüllt wird, viele Verhöre, in denen niemand die Wahrheit sagt, und eine abschließende Szene, zu der sich alle versammeln und in der die Ermittler das Tatgeschehen rekonstruieren und nach mindestens einer plötzlichen Peripetie den Täter (und sehr viel seltener: die Täterin) der Tat überführen.

Robert Löhr, der das Drehbuch schrieb, und Jobst Christian Oetzmann, der die Regie führte, bewiesen Sinn für das obskure Detail – vom Dekor bis zur Maske – und Lust am selbstironischen Spiel, wenn beispielsweise die Rivalität der beiden Kommissare hier auf einer anderen Zeitebene fortgesponnen wurde. Gleichzeitig kosteten sie aus, was diese Krimisorte in sich bergen kann: Überraschende Auftritte, dramatische Abgänge, theatralische Lügen und ekstatische Bekenntnisse. 

Hinzukam die Brechung durch die in der Gegenwart spielenden Rahmenhandlung: Nemec und Wachtveitl spielten Kommissare, die ihrerseits Kommissare im historischen Krimi zu spielen hatten und Zeit für viele beiseite gesprochene Kommentare hatten: So sagt Nemec als Batic, der Partrige spielt, als er in das englische Herrenhaus tritt, hier sehe es aus wie Rosamonde Pilcher, als sei er aus Versehen in einer jenen Herz-Schmerz-Filme geraten, die das ZDF normalerweise in Konkurrenz zum „Tatort“ zeigt. Selbstverständlich spielte der Film aber nicht auf die Pilcher-Soaps an, sondern auf jene Kinofilme an, die in den 1970er-Jahren nach Romanen von Agatha Christie gedreht wurden. Dass die Schriftstellerin das Vorhaben zunächst skeptisch betrachtete, erfährt man aus ihrer erhellenden Biografie, die Barbara Sichtermann 2020 veröffentlichte. 

Filme wie „Mord im Orientexpress“ (1974), bei dem Sidney Lumet Regie führte und in dem Albert Finney den Detektiv Hercule Poirot spielte, der Versuch, europäischer Produzenten den Zuschauerverlust, den europäische Filme auf den heimischen Märkten erlitten hatten, mit einer neuen Art von nostalgischem Star-Kino zu bekämpfen. Diese Produktionen schwelgten in der Ausstattung und in den Kostümen von einem europäischen Luxusleben zwischen den beiden Weltkriegen und sie lebten von der Besetzung aller Figuren: Im erwähnten Film spielten neben Finney Lauren Bacall, Jacqueline Bisset, Ingrid Bergmann, Martin Balsam, John Gielgud und Sean Connery – alle samt Darstellerinnen und Darsteller, die in ihren besten Jahren marktechnisch einen Film allein getragen hatten oder damals noch trugen. Diese Starbesetzung lud die Ensembledarstellung eines Kollektivs an Verdächtigen zusätzlich mit Bedeutung auf. 

Die Spekulation ging auf, und der Erfolg des Films sorgte dafür, dass zwei weitere dieser Art entstanden, in denen nun Peter Ustinov die Rolle des aus Belgien stammenden Poirot übernahm: „Tod auf dem Nil“ (1978) und „Das Böse unter der Sonne“ (1982). Bis heute gehören diese drei Produktionen zum eher kleinen Repertoire von Kinofilmen, die Fernsehsender zur besten Programmzeit wiederholen. Neue Aktualität erfuhr diese Art von Ausstattungs- und Ensemblefilm durch den Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh, der in den Neuverfilmungen von „Mord im Orientexpress“ (2018) und „Tod auf dem Nil“ (2022) selbst die Rolle des Poirot übernahm. Vergleicht man diese Coverversionen mit den Vorläufern aus den späten 1970er-Jahren, fällt auf, dass Branagh ihnen vor allem Actionelemente und Trickaufnahmen hinzufügte, die den doch allein vom Dialog lebenden Szenen etwas Spektakuläres beifügte. 

Auf all diese Kinofilme verwies die „Tatort“-Folge, ohne deren Dimensionen zu erreichen, was angesichts der Produktionskosten auch nicht zu erwarten war. Um nur ein Beispiel zu nennen: Aus der Besetzung stach neben Batic und Wachtveitl allein Sunnyi Melles heraus. Aber es war vermutlich nicht die Enttäuschung über den Mangel an Stars allein, die dazu führte, dass nur 4 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer dem Film am zweiten Weihnachtsabend folgten. Nach den Statistiken der Quotenfetischisten waren das die schlechtesten Werte seit 16 Jahren. Für den Verlust war vermutlich ein Konkurrenzprodukt verantwortlich, das keiner der ARD-Programmplaner im Kopf hatte. Denn drei Tage zuvor hatte Netflix seine Filmproduktion „Glass Onion“ online gestellt. Dessen Untertitel „A Knives Out Mystery“ verweist darauf, dass es sich um eine Variante dessen handelt, was bereits der Film „Knives Out – Mord ist Familiensache“ (2019) unternommen hatte. 

Bei beiden Filmen handelt sich um Varianten dessen, was die englischen Produzenten seinerzeit mit „Mord im Orientexpress“ begonnen hatten. Eine Gruppe von Personen wird an einem weitgehend geschlossenen Raum versammelt, so dass nur einer von ihnen den Mord, der sich nach etwa einem Fünftel der Erzählzeit ereignet, begangen haben kann. Die meisten dieser Personen werden von bekannten Schauspielern oder Stars verkörpert. So wie in „Mord im Orientexpress“ von 1978 ein ehemaliger Darsteller von James Bond (Connery) mitspielte, hat in „Glass Onion“ und „Knives Out“ mit Daniel Craig jemand die Hauptrolle, der bis zuletzt auch als James Bond aktiv war. Diese beiden Filme haben den Nostalgie-Effekt der Produktionen der 1979er-Jahre aber durch absolute Gegenwärtigkeit ersetzt – der Gesellschaft des Adels und der Bourgeoisie entspricht nun die der Medienmogule und der Startup-Milliardäre. Gleichzeitig haben sie den Grad und die Intensität der Effekte, mit denen schon Branagh seine Filme aufmöbelte, enorm erhöhte. Alle fünf Minuten geschieht hier etwas Dramatisches, während die Poirot-Darsteller in dieser Zeit vielleicht gerade einmal ihre Stirn gerunzelt hätten. 

Gegen diese Konkurrenz konnte dieser „Tatort“, der sich doch alle Mühe machte, mit populären Filmen zu konkurrieren, mit seinen deutlich bescheideneren Mitteln nicht ankommen. Wenn es denn ein Plädoyer für einen eigenständigen Weg des Fernsehkrimis gibt, war er zu Weihnachten geliefert. Ein Geschenk, über das sich die ARD-Programmplanung nicht freut. 

Dietrich Leders Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher

Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und in dieser und der vorletzten Ausgabe sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II).

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