Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Anne Kuhlmeyer, Eva Ladipo, Dietrich Leder

Anne Kuhlmeyer: Nix aus Papier

Kein Wort, keine Stimme, nur die Heidelibelle dieses Jahr.
Kein Lied, kein Buch, nur das Pulverholz.

Der Wiesensalbei bläut das Stückchen Erde hier.
Thymian schmiegt sich um Lichtnelke und Natternkopf …
Feldwespen trinken vom Fenchel,
Wollbienen kuscheln am Ziest.

Ich hab sie gepflanzt, die Blumen und die Schmetterlinge,
die Eberesche und die Mehlbeere,
die Schnecken und die Käfer.
Hab einen Teich gegraben den Molchen, Kröten, Fröschen.

Immortellensamen legte ich,
damit sie nicht aussterben,
damit die Fischerwitwen ihren Toten wieder Kränze binden können,
damit ein bisschen Leben auf den Boden fällt.

Boden – bis auf den Fels geplündert.
Da hilft keine Rede, kein Film, kein Buch, kein nix.

Nur Zittergras, Hainbuche und Golddistel,
Rainfarn, Birke und Efeu helfen da.
Sie füttern die Raupen, Schwebfliegen, Streifenwanzen, die Meisen, Spatzen und … uns.

Aus dem geborgten Stückchen Sand mach ich eine Landebahn für Nashornkäfer, einen Trittstein für Klappertopf, eine Höhle der Spitzmaus. Fürs Leben eben.

Auf dass wir nicht kulturlos werden –
statt Tinte Erde an den Händen in diesem Jahr
und im nächsten auch.

Anne Kuhlmeyer

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Eva Ladipo: Schwein gehabt

Demut ist das Gefühl, das mein Highlight des Jahres ausgelöst hat. Demut und Dankbarkeit, beides dieser Tage nicht gerade weit verbreitet. Über etliche Umwege bin ich auf den zweiten Teil der 40er Jahre gestoßen, auf Romane und Sachbücher, Familiengeschichten, Bildbände, Zeitungs- und Stadtarchive, Grundbücher und die Erinnerungen meiner alten Nachbarin. Deutschland nach dem totalen Zusammenbruch, vor dem Wirtschaftswunder. Eine Hölle auf Erden, ähnlich jener Höllen, durch die andere Nationen derzeit gehen. Der Unterschied zwischen heute in Nachkriegsländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan und damals in Deutschland besteht weder in der Verzweiflung und Abgerissenheit der Überlebenden, noch in ihrer Bereitschaft, fast alles zu tun für ein besseres Leben. Der einzige Unterschied besteht in dem einmaligen geopolitischen Glück, das die Westdeutschen damals hatten. Ohne den Beginn des Kalten Kriegs hätte der glückliche Teil der Nation niemals soviel Vergebung seitens der Sieger erfahren, soviel Kompromissbereitschaft, Großzügigkeit und Unterstützung. Ohne den Kalten Krieg wäre das Wirtschaftswunder allen vermeintlich deutschen Tugenden zum Trotz nie passiert. Wir haben verdammt Schwein gehabt, lehrt die Geschichte, und verdammt wenig Grund auf dem hohen Ross zu sitzen gegenüber den Versehrten (und den Versehrern) heutiger Höllen.

Ein paar der Berichterstatter dieser Zeit, die mir das Highlight bereitet haben, sind in ungeordneter Reihenfolge:

  • Hans Habe (der Mann mit der vollsten Biographie, dem ich 2023 begegnet bin) mit seinem großartigen Roman „Off Limits“ über den Ausnahmezustand nach dem Krieg in München
  • William Manchester mit dem über 800 Seiten langen, packend geschriebenen Geschichtsbuch „The Arms of Krupp“, das die Amnestie für einen der schwersten und prominentesten Schuldigen nacherzählt
  • Charles Thayer, ehemaliger Besatzungsoffizier der US-Armee, mit seiner anthropologisch anmutenden Studie über das eigenartige kriegsversehrte Volk „The Unquiet German“
  • Gabriele Strecker mit ihren Erinnerungen „Überleben ist nicht genug“, in denen die zwei gruseligen Sätze stehen: „1933 glaubten wir in die Abgründe menschlichen Verhaltens einen Blick getan zu haben. Ein Irrtum: 1945 war der Abgrund tiefer.“
  • Harald Jähner mit „Wolfszeit“, das diese verdrängte, weil vermeintlich so undeutsche Chaoszeit umfassend und wunderbar unterhaltsam beschreibt.

Außer Harald Jähners sind alle Werke in den 50er und 60er Jahren entstanden, in einer Zeit also, in der die Autoren keine elektronischen Hilfsmittel besaßen, sondern „per Hand“ Quellen suchen, Quellen verzeichnen und aus dem Wust der Informationen ihre eleganten Erzählstränge formen mussten. Ihr Stil ist ausnahmslos leicht und flüssig, man spürt regelrecht, wie die Federn beim Schreiben übers Papier flogen. Auch diese Leichtigkeit des Schreibens löst Demut bei mir aus. Wie fähig und produktiv waren diese Autoren, die sich voll auf ihr Tun konzentrieren konnten, und nicht alle zwei Minuten abgelenkt wurden. Schrieb sie und checkte mit ein paar Klicks ihre Inbox….

Eva Ladipo lebt als freie Autorin in London und hat die Romane „Wende“ (Picus, 2015) und „Räuber“ (Blessing, 2021) geschrieben.

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Dietrich Leder: Eine literarische Entdeckung

Wenn das nicht mal eine Entdeckung ist: Im Verlag von Klaus Bittermann erschien 2023 zum ersten Mal ein Roman des us-amerikanischen Schriftstellers John Sanford in deutscher Übersetzung. Sanford, der als Julian Lawrence Shapiro in New York geboren wurde, wurde 98 Jahre alt. Als er im März 2003 starb, hatte er eine Reihe von Romanen, Kurzgeschichtsbänden, historischen Betrachtungen und eine mehrteilige Autobiografie veröffentlicht. 1943 war sein Roman „The People from Heaven“ erschienen, den Jochen Stremmel ebenso präzise wie literarisch angemessen ins Deutsche übertrug und den Bittermann in seiner Reihe „Critica Diabolis“ herausgab. Ein Roman, der nichts von seiner Dringlichkeit verloren hat, die seine Leserinnen und Leser in den USA der 1940er-Jahre bestürzt haben muss. 

„Die Menschen vom Himmel“ erzählt vom alltäglichen Rassismus in einem Nest namens Warrensburg im Bundesstaat New York. Dieser Rassismus blüht auf, als es eine junge schwarze Frau dorthin verschlägt. Wie die Dorfgemeinschaft auf die Zugereiste reagiert, das reicht vom demonstrativen Ignorieren über die rassistische Beleidigung als „Nigger“ bis zur körperlichen Gewalt und zur Vergewaltigung. So reagieren vor allem die Männer, sprechen aber auch ihre Frauen, die Alten wie die Jungen, selbst die Kinder. Die das ertragen muss, ehe sie sich am Ende erst mit Worten, dann mit einer Waffe gegen die Gewalt zur Wehr setzt, nennt sich „America Smith“. Ihre Erfahrungen in der der rassistischen Gesellschaft der USA fasst sie einmal so zusammen: „Ich habe immer nach einem weißen Gesicht Ausschau gehalten, das sagen würde, wenn auch nur mit den Augen: »Meine Hand ist nicht gegen Dich erhoben.«“ 

Nur wenige Menschen im Dorf erheben im Sinne dieses Sprachbildes nicht ihre Hand gegen die Frau. Dass sich um den Pfarrer, die Prostituierte und den Arzt handelt, deutet wie schon der sprechende Name der jungen Frau an, dass die Figuren des Romans weniger Individuen darstellen denn bestimmte soziale Typen repräsentieren. Dass das aber an keiner Stelle literarisch fade oder gar langweilig wird, liegt an der furiosen Sprache, die Sanford seinen Figuren leiht. Ein großer Teil des 256 Seiten umfassenden Romans besteht aus Gesprächen, wiedergegeben in Wechselrede, ohne erläuternde oder gar psychologisierende Beifügungen. 

Es ist eine Alltagssprache voller Flüche, Spruchweisheiten und manchem missverstandenen Fremdwort. Roh, obszön und voller Gewaltphantasien. So zeichnet der Roman auf eine beeindruckende Weise die Radikalisierung in der Sprache von Gruppen nach, die mal der Zufall, mal die Verwandtschaft oder Freundschaft zusammenführt. Bei ihnen ergibt ein böses Wort das nächste und das mündet in einen Hassfuror, der auf Taten drängt, so dass das gewaltsame Ende des Romans nicht überrascht. 

Die Figuren des Romans werden durch einen schönen Trick des Erzählers vorgestellt, denn im zweiten Kapitel erinnert sich der Arzt während eines Gottesdienstes an Gespräche mit seinen Patienten, die mit ihm die Kirche besuchen. Er berichtet von Krankheiten, die nicht zu heilen sind, und von alten Menschen, die einfach nicht sterben. Er registriert die Folgen jener Gewalt, mit der die Männer ihre Frauen drangsalieren oder ihre Töchter bis zur Vergewaltigung traktieren. Er erkennt, wie gepredigter Puritanismus und gelebte Bigotterie im Alltag nebeneinander gelebt werden. Er liest von der Armut und der Ausbeutung, wenn er die geschwächten und überarbeiteten Körper untersucht. Und er hilft gelegentlich denen, denen noch zu helfen ist, ohne diese Hilfe moralisch oder gar politisch zu überhöhen.  

Die so mal als naiv, mal als habgierig, mal als betrügerisch, mal als ausgebeutet vorgestellten Menschen begegnen sich in der Folge an den öffentlichen Orten – in der Kirche, in den wenigen Läden des Nestes, auf den Straßen, am fischreichen Fluss. Mitunter kommt es zu idyllischen Momenten, in denen die gesellschaftliche Gewalt hinter der Naturerfahrung zu verschwinden scheint. Um so größer das Entsetzen, dass auch in diesen Idyllen der Hass gedeiht, der im Rassismus gipfelt. 

Dafür sei ein Beispiel genannt: Einmal kommt es zu einem freundschaftlichen Dialog zwischen dem Ladenbesitzer und einem kleinen Jungen, der von den Süßigkeiten träumt, die dort zu erwerben sind. Großzügig lädt der gut gelaunte Ladenbesitzer den Jungen ein, er dürfe sich heute etwas umsonst mitnehmen: „Heute verschenke ich Süßigkeiten!“ Doch als man sich als Leser über diese Geste der Zuwendung freut, endet die Vorstellung der Süßigkeiten mit einem Hinweis auf in einem Glas aufgehäufte braune Bonbons: „Warum nimmst du nicht ein paar von den Niggerbabys da?“

Der Traum der Rassisten besteht darin, dass Warrensburg – wie es einer am Ende offen ausspricht –„wieder ganz und gar weiß ist“. Dazu müssen aus dem Ort nicht nur die junge schwarze Frau verjagt werden, sondern auch der „Mischlingsjunge des Indianers“, der Indianer selbst und „der Hurensohn von einem Juden“.  Bei Sanford sprechen die Rassisten rassistischen Klartext. Das ist mitunter bei der Lektüre schwer zu ertragen, aber selbstverständlich doch ungleich leichter als der Rassismus in der Wirklichkeit selbst. 

Der Roman besteht nicht aber nur aus solchen sprachrealistischen Szenen, die nicht näher datiert sind, aber vermutlich in den 1930er-Jahren spielen. Er ist an neun Stellen von gebundener Rede durchsetzt, in denen an die Geschichte dessen, was der Rassismus der Erzählgegenwart darstellt, erinnert wird: Von der Eroberung durch die Holländer im 17. Jahrhundert bis zum Bürgerkrieg mehr als 200 Jahre später. Es sprechen die, die erobert und versklavt wurden: Die Ureinwohner ebenso wie die in die USA verschleppten Menschen aus Afrika. Es sprechen aber auch die Eroberer, die sich als Entdecker wähnten, aber doch nur entdeckten, was nur für sie selbst neu war. (Jack Means zitiert in seinem Nachwort zum Roman in der Bittermann-Ausgabe den Aphorismus von Georg Lichtenberg: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung“.) 

Festgehalten werden die Gewalterfahrungen, die sich in das Gedächtnis der Nachfahren der Ureinwohner wie der Sklavinnen und Sklaven eingebrannt haben. Festgehalten in einer historisierenden Sprache, die auf Mythologien wie auf biblische Versatzstücke des Christentums zurückgreift und wortgewaltig die erste Natur beschreibt, die von den Eroberern ebenfalls erobert wird. Das Gotteslästerliche eines Glaubens wird ausgesprochen, der sich auf Gott und die von ihm gegebenen Regeln beruft, um gegen diese Regeln fortwährend aus Eigennutz zu verstoßen. Zusammen ergeben diese neun Einschübe einen großen Klagegesang über die Gewaltgeschichte der USA. 

Der letzte Einschub, in der ein schwarzer Unionssoldat spricht, der sich anschickt, als Kundschafter hinter die feindliche Linie zu gehen, endet im übrigen mit einer Geste, in der sich die Ausgebeuteten und Entrechteten dieser Gewaltgeschichte imaginär spiegeln: Er werde, sagt der schwarze Soldat, sich in das feindliche Gebiet der Südstaaten hineinschleichen, „ich werde wie ein Indianer sein“.

Als politischer Text des Jahres 1943 ist dieser Roman auch heute deshalb noch bedeutsam, weil sich sein Autor der Moderne seiner Zeit verpflichtet fühlte. Sanford hatte seine ersten Texte, die er unter seinem neuen Namen geschrieben hatte, in Zeitschriften der literarischen Avantgarde veröffentlicht. Vielstimmiges Sprechen und multiperspektivische Erzählen boten ihm die Möglichkeit, das realistische Erzählen des 19. Jahrhunderts gleichsam aufzuheben, ohne dem eigenen politischen Anspruch zu entschlagen. Brecht und Döblin sind ihm näher als Gorki oder Sinclair. 

Diese literarische Modernität führte denn auch dazu, dass sein Roman in der kommunistischen Partei der USA, der Sanford seit 1939 angehörte, nichts galt. Er hatte ein Jahr zuvor die Drehbuchautorin Marguerite Roberts geheiratet, die zu den bestbezahlten ihrer Branche gehörte. Gemeinsam wurden sie 1951 auf die schwarze Liste gesetzt, als sie sich weigerten, vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ Namen von Gesinnungsgenossen zu nennen. Ihr trug das ein mehrjähriges Berufsverbot, erst 1962 wurde sie wieder beschäftigt. 1969 erhielt ausgerechnet John Wayne seinen einzigen Oscar als Hauptdarsteller für den Western „True Grit“, dessen Drehbuch Marguerite Roberts nach einem Roman von Charles Portis verfasst hatte. (Ethan und Joel Coen verfilmten den Roman erneut 2010 mit Jeff Bridges in der Hauptrolle.) 

„Die Menschen vom Himmel“ – eine, nein: die literarische Neuentdeckung des Jahres in Deutschland!

John Sanford: Die Menschen vom Himmel (1943). Mit einem Nachwort von Jack Mearns. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel. Edition Tiamat (=Critica Diabolis 321), Berlin 2023.  279 Seiten, 30 Euro. 

Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich für uns jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. – Seine Texte bei uns hier. – In letzten Jahresrückblick gab es von ihm auch den ersten Teil einer größeren Studie zum Thema „Proust übersetzen“; Teil 2 hier.

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