
Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen.
Tatort Nürnberg: Abschied für Dagmar Manzel
Der zehnte „Tatort“ aus Franken, an dem Dagmar Manzel als Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn mitwirkte, sollte – so wollte es die Schauspielerin – ihr letzter sein; ihr Kollege Felix Voss (Fabian Hinrichs) wird weiter ermitteln. So gab es bei dieser Folge mit dem Titel „Trotzdem“, die von der ARD am 6. Oktober ausgestrahlt wurde, zu der üblichen Krimispannung noch eine andere: Wie würde die Figur aus der Serie verabschiedet?
Eine Woche zuvor waren ihre Frankfurter Kollegin Anna Janeke (Margarita Broich) und deren Kollege Paul Brix (Wolfram Koch), die ebenfalls ihre „Tatort“-Karriere an den Nagel hingen, am Ende der Folge „Es grünt so grün, wenn Frankfurts Berge blüh’n“ von einem Zuhälter in die Luft gesprengt worden. Diese Folge erzählte die Geschichte eines durchdrehenden Therapeuten und wies Anklänge an den Kinofilm „Falling Down“ von Joel Schumacher (USA 1993) mit Michael Douglas in der Hauptrolle auf. Sie changierte zwischen einem Drama, dem Matthias Brandt als Hauptfigur eine gewisse Ernsthaftigkeit verlieh, und einer schwarzen Komödie, zu deren Elemente auch die Explosion zählte, der Janeke und Brix zum Opfer fielen. Vor zwei Jahren wiederum war eine ebenfalls ausscheidende Dortmunder „Tatort“-Kommissarin am Ende erschossen worden. (Vgl. https://culturmag.de/crimemag/crime-im-tv-dietrich-leder-seziert-1/141278)
Der Abschied von Dagmar Manzel ging weder mit einem Knalleffekt noch mit einem Todesschuss aus. Das war auch angesichts von Max Färberböck, der mit Stefan Betz das Drehbuch verfasste und mit Danny Rosness die Folge inszenierte, nicht zu erwarten. Färberböck, der die Figuren dieser in Nürnberg angesiedelten „Tatort“-Folgen entwickelt und 2015 den ersten Film „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ inszeniert hatte, steht für eine gewisse Seriosität des filmischen Erzählens, was selbstreflexive Momente und vor allem Verweise auf die Popmusikgeschichte nicht ausschließt. So grundiert zu Beginn der Folge der Protestsong „Eve of destruction“, den Barry McGuire 1965 mit Reibeisenstimme einspielte, nicht nur die Stimmung des Films, sondern kommentierte zugleich die Zeitläufte des Jahres 2024, beginnt er doch mit der Zeile: „The Eastern World, it is explodin‘.“ Kurz vor Ende des Films deutet der Dylan-Song „It’s All Over Now Baby Blue“, hier in der Version von Marianne Faithfull, die ausweglose Lage aller Beteiligten an.
Der Film „Trotzdem“ war als ein antikes Drama angelegt, in der sich die Verbrechen, von denen er handelt, mit einer gewissen Logik aus sich selbst heraus entwickeln wie einst der Niedergang der Atriden. Ein Mann, der nach einem Indizienprozess wegen Totschlags einer jungen Frau im Gefängnis sitzt, bringt sich dort um. Er hatte stets seine Unschuld beteuert. Der Kriminalbeamte, der ihn einst als Täter überführt zu haben meinte, wird durch den Suizid so irritiert, dass er den Fall durch seine Untergebenen Ringelhahn und Voss noch einmal untersuchen lässt. Unterdessen haben die Schwestern des Mannes ihrerseits ermittelt. Sie verdächtigen einen weiteren Freund der einst Getöteten. Als sie ihn in seiner Wohnung befragen, leugnet er die Tat eher unbeholfen und verweist auf sein Alibi. Das schürt die Wut der Schwestern. Und so stößt ihn eine von ihnen so vor die Brust, dass der Mann über die Brüstung seiner Terrasse zu Tode stürzt.
Das löst weitere Verbrechen aus: Der Vater der Getöteten, der diesem einst das erwähnte Alibi erkauft hatte, setzt einen ehemaligen Gangster, der ihm etwas schuldig ist, auf die beiden Schwestern an. Parallel dazu jagen seine Söhne, um es sich und dem Vater zu beweisen, die beiden Frauen, die ihrerseits von einem Freund aus der Nürnberger Halbwelt unterstützt werden. Es kommt zu einem dramatischen Schusswechsel in der Nürnberger Innenstadt, bei dem die beiden Brüder und weitere Beteiligte ihr Leben verlieren. Das heizt die Wut des Vaters, der nun all seine Söhne verlor, auf das Neue an. Am Ende steht er mit der Waffe im Anschlag auf einem Acker vor der Stadt den beiden Schwestern gegenüber, als Ringelhahn und Voss eintreffen. Den Wahnsinn einer sich ständig steigernden Eskalation stoppt die Kommissarin durch eine ungewöhnliche Handlung: Sie legt nicht nur ihre Waffe nieder, sondern entkleidet sich, um so ihre Aufforderung des Gewaltverzichts mit einer dramatischen Geste zu unterstreichen.
Wie in den 90 Minuten des Films sie Gewalt Schritt für Schritt eskaliert, wie immer wieder aufs Neue Versuche, die Lage zu entspannen, tragisch scheitern, wie die Menschen zu Gefangenen ihrer Emotionen werden, wie ein atavistischer Rachewunsch letzte zivilisatorische Bedenken beiseite wischt, das ist erzählerisch von einer ungewöhnlichen Radikalität. Anders als in vielen anderen Fernsehkrimis hat die Gewalt hier nichts Spielerisches an sich, sondern ist blutiger Ernst. Und die Polizisten sind nur hilflose Zeugen eines Dramas, dem sie am Ende nur durch die erwähnte ungewöhnliche Geste der Paula Ringelhahn Einhalt gebieten können.
Doch das sollte nicht der letzte Auftritt von Dagmar Manzel in diesem Film gewesen sein. Am Ende wird sie, wie es sich für eine in den Ruhestand tretende Beamtin gehört, von ihrer Dienststelle ordentlich auf einem Empfang verabschiedet. Da ihr angesichts dessen, was alle zuletzt haben, die Worte fehlen, singt sie a capella ein Lied, das ebenfalls aus den 1960er-Jahren stammt: „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel. Es beginnt mit den Worten: „Hello darkness, my old friend“. Ein eindrücklicher und leiser Abschied mit einem gewissen Pathos, das angesichts der erzählten Geschichte nicht fehl am Platze war.
Ende eines im Wortsinn dramatischen Films, ein wunderbarer Abgang einer bewundernswerten Schauspielerin, ein grandioses Ensemble um die beiden Hauptdarsteller, kurz um: Ein beeindruckender Film, der aus dem alltäglichen Krimiangebot weit herausragt.
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Dietrich Leder – Seine Kolumne bei uns:
Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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